Ralph mag: #1 John Finnemore

von Ralph Mönius

In dieser Kolumne findet unser Autor Dinge gut. In der ersten Ausgabe: den britischen Comedy-Autor und Schauspieler John Finnemore.

Beginnen wir mit einer Szene, in der sich zwei Männer ein Hotelzimmer teilen müssen, das nur ein Bett hat. Der eine ruft Bagsy, I get the floor!, der andere fragt Why would you want the floor?und der Erste sagt wieder: Are you kidding? I sleep in a bed every night.Dieser kurze Dialog zwischen Arthur Shappey, dem Bodenschläfer, und Captain Martin Crieff, dem Fragensteller, stammt aus der großartigen Radio-Sitcom Cabin Pressure von John Finnemore und ist der perfekte Einstieg für Ralph mag, meine neue Kolumne im Ferrars & Fields Magazine. Hallo, schön dass ihr da seid!

Wie der Titel schon sagt, will ich euch hier in meiner kleinen Ecke Menschen, Werke und Ereignisse vorstellen, die ich mag. Ich will versuchen zu erklären, warum ich sie mag, warum ich glaube, dass sie gut für die Welt sind und wieso es sich lohnt, sich mit ihnen zu beschäftigen. Vielleicht mögt ihr nicht alles, was ich in dieser Kolumne vorstelle. Vielleicht stelle ich auch mal Blödsinn vor. Wenn dem so ist, schreibt mir einfach und lasst mich wissen, warum ihr anderer Meinung seid.

Aber seid gewarnt: Es geht hier nicht um Aufreger oder Provokation, sondern um Empathie und darum, das Gute zu sehen – was schwieriger ist, als man denkt. Ich merke an mir selbst, wie leicht es ist, einen kleinen Fehler an einem Werk oder einer Person zu finden und dann darauf zu zeigen und anzuklagen. Deshalb will ich hier, um es gleich mit John Finnemore zu sagen, meinen eigenen inneren Arthur finden.

Der freundlichste Comedian unserer Zeit

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Dabei ist es nicht nur die Figur des Arthur Shappey, die den britischen Comedy-Autor und Schauspieler zum perfekten Einstieg für diese Kolumne macht. Nein, John Finnemore ist meiner Meinung nach der freundlichste Comedian unserer Zeit. Das mag langweilig klingen, doch wo sonst in der Comedy oft die Kontroversen gesucht oder die Grenzen des guten Geschmacks ausgetestet werden, schafft es Mr. Finnemore, unterhaltsamer und witziger zu sein als die meisten seiner Zeitgenossen, ohne auch nur ein einziges “fuck” in den Mund zu nehmen oder sich in billigen Klischees zu verlieren.

Wo sonst in der Comedy oft die Kontroversen gesucht oder die Grenzen des guten Geschmacks ausgetestet werden, schafft es Mr. Finnemore, unterhaltsamer und witziger zu sein als die meisten seiner Zeitgenossen, ohne auch nur ein einziges “fuck” in den Mund zu nehmen oder sich in billigen Klischees zu verlieren.

Seine Comedy kommt aus der Liebe zu seinen Charakteren und aus einer tiefen Sympathie für die Menschheit an sich.

Besonders auffällig ist dies in Finnemores Radio-Sitcom Cabin Pressure, die auch sein größter Erfolg ist. Darin geht es um die Abenteuer der Mini-Airline MJN Air, die so klein ist, dass sie den Titel “Airline” gar nicht verdient. Wie die Besitzerin bereits in der ersten Folge feststellt, handelt es sich um einen “Airdot”, denn: You cannot put one jet in a line. Diese Besitzerin ist Carolyn Knapp-Shappey, die Mutter von Arthur, die von der großartigen Stephanie Cole gesprochen wird. Die alte Dame, die den Jet mit der Kennung GERTI in der Scheidung von ihrem dritten Ehemann errungen hat, führt ihr kleines Unternehmen mit einer Mischung aus der eisernen Hand einer Monarchin, leidenschaftlicher Verachtung für ihre Passagiere und einem wunderbar trockenen, typisch britischen Humor. Scheint sie zu Anfang noch die klassische “herzlose Chefin” zu sein, lässt Finnemore schon bald durchscheinen, dass ihr das Unternehmen und ihre Angestellten eben doch viel mehr bedeuten, als sie zugeben will. Diese Angestellten sind First Officer Douglas Richardson, wunderbar süffisant gespielt von Roger Allam, und Captain Martin Crieff, dessen unzählige Neurosen, Unzulänglichkeiten und Unsicherheiten brillant von Benedict Cumberbatch vertont werden (Und ja, die Serie war bereits vor Mr. Cumberbatchs Sherlock-Durchbruch erfolgreich, wenn sie danach auch noch ein bisschen erfolgreicher wurde). Und natürlich steckt auch hinter Douglas’ großspuriger Art ein verletzlicher Kern, genauso wie der oft so ungeschickte Martin hin und wieder auch einmal zu einer Glanztat fähig ist. Die große Stärke von John Finnemores Charakteren ist, dass sie keine eindimensionalen Abziehbilder sind, sondern sich wie echte, lebendige Menschen anfühlen. Und das gilt nicht nur für Cabin Pressure und die Haupt- und Nebencharaktere dieser Serie, sondern auch für Mr. Finnemores andere Shows: In John Finnemore’s Souvenir Programme, seiner Radio-Sketch-Show, die gerade in ihrer neunten Staffel läuft, schafft er es, Menschlichkeit in allen Themen, von Politik über die Welt der Sagen bis hin zu reinen Wortspiel-Sketchen zu finden. Und in den halbstündigen Radio-Hörspielen von John Finnemore’s Double Acts, in denen es immer nur zwei Sprechrollen gibt, werden ein paar der schönsten und einfühlsamsten Charakterzeichnungen vorgenommen, die mir je begegnet sind. Mit leiserem Humor, jedoch umso tieferer Wirkung.

Empathie und Vielschichtigkeit machen Comedy nicht etwa langweiliger, sondern so viel besser

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Doch egal, ob ein Charakter nun eine halbe Stunde bekommt, um sich zu entfalten, oder nur ein paar wenige Sekunden: Es werden immer mehrere Ebenen angelegt, mal durch Mr. Finnemores Skripts, mal durch die großartigen Schauspieler, mit denen er sich umgibt, meistens jedoch durch die Kombination von beidem. Ob nun Held oder Gegenspieler, John Finnemore hat alle seine Charaktere in sein Herz geschlossen und das verleiht seinen Werken diesen besonderen Flair, der ihm schon unzählige Preise und ein treues Publikum eingebracht hat. Natürlich kann man auch hier Unzulänglichkeiten finden. Trotz des inklusiven Weltbildes, das Mr. Finnemore in seinen Werken zeichnet, in denen Feminismus, die Akzeptanz für verschiedenste Sexualitäten und das Zusammenkommen der Menschen verschiedenster Kulturkreise mal mehr oder weniger subtil, jedoch immer sehr präzise befürwortet werden, thematisiert er auch mal selbst, dass der Cast seines Souvenir Programme nicht divers genug ist, spricht dies jedoch auf so kluge und ehrlich besorgte Art und Weise an, dass es mir als Zuhörer schwer fällt, dies gegen ihn zu halten. Und darum soll es hier ja auch nicht gehen.

Vielmehr möchte ich noch einmal zurück zu Arthur kommen, der meiner Meinung nach den (bisherigen) Höhepunkt von John Finnemores Schaffen darstellt. Arthur, das vierte Mitglied der Cabin Pressure Stammbesetzung, wird von Mr. Finnemore selbst gesprochen und hätte mit seiner einfältigen Art und ungestümen Begeisterung für alles und jeden sehr schnell sehr langweilig werden können, ein “One Trick Pony”, wie es im Englischen so schön heißt. Doch Arthur hat durchaus mehr als einen Trick auf Lager und überrascht immer wieder, mit dem Ausmaß seiner Einfalt genauso wie mit plötzlichen Einsichten von purer Weisheit. Er kann mit einer einzigen Aktion den Tag retten und gleichzeitig zerstören, sich in einem Atemzug mit Menschen anfreunden und sie irritieren, und seine ehrliche Freude am Leben ist so ansteckend, dass sie auch den größten Misanthropen irgendwann erweicht. Arthur ist alles in allem ein brillanter Charakter, mit dem es sich lohnt sich zu beschäftigen – genauso wie mit seinem Schöpfer, der immer wieder aufs Neue zeigt, dass Empathie Comedy nicht langweiliger macht, sondern besser.

Arthur ist alles in allem ein brillanter Charakter, mit dem es sich lohnt sich zu beschäftigen – genauso wie mit seinem Schöpfer, der immer wieder aufs Neue zeigt, dass Empathie Comedy nicht langweiliger macht, sondern besser.

Und wem dieses ganze Empathie-Gerede jetzt zu viel ist, weil Comedy einfach nur lustig sein soll, kann einfach mal auf YouTube gehen und sich den Finnemore-Sketch She sells seashells by the seashore anhören. Danach werdet ihr mehr wollen.

Wer dagegen nach mehr Empathie lechzt, kann einfach im Juli wieder herein schauen, wenn ich wieder etwas mag. Bis dahin hört John Finnemore, entdeckt euren inneren Arthur und denkt daran: Selbst wenn das Glas ganz leer ist, ist da noch ein Glas…

Arthur: Here you are skip, nice hot cup of coffee.

Martin: Oh, it’s cold.

Arthur: Nice cup of coffee.

Martin: It’s horrible!

Arthur: Cup of coffee.

Martin: I’m not even sure it is coffee.

Arthur: Cup.


Bildquelle: https://johnfinnemore.blogspot.com/


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