Fiktion vs. Realität: Leben wir in unseren Träumen?

von Martin Bäckert

Menschen brauchen Fiktionen und Träume. Jeder von uns macht sich seine eigene Vorstellung davon, was zukünftig alles geschehen kann und wird. Dabei sind Zukunft und Gegenwart, Fiktion und Realität klar voreinander trennbar—oder? In dieser dreiteiligen Reihe „Fiktion vs. Realität“ schauen wir uns das Verhältnis von unserer Vorstellungskraft und der uns umgebenden Realität etwas genauer an.

Teil 1: Fiktionale Realität—Chinas Black Mirror

Eine Frau sucht verzweifelt nach einer neuen Wohnung. Doch sobald sie eine ansprechende für sich gefunden hat, wird sie abgewiesen. Der Grund: Zu wenig Likes auf ihrem Social Media Account. Die Wohnung ist für die Mitglieder der Gesellschaft reserviert, die einen Score von 4,5 (von 5) haben, sie hat “nur“ einen von 4,2. Was wie eine neue, dystopische Entwicklung auf dem gegenwärtigen Wohnungsmarkt klingt, ist in eine kurze Szene aus der Folge Nosedive (auf dt. „Abgestürzt“) der US-amerikanischen Serie Black Mirror. Die im Oktober 2016 ausgestrahlte Episode führt uns durch eine Welt, in der fast alle Bereiche des alltäglichen Lebens durch ein Social Credit System bestimmt werden. Das System ist dabei eine konsequente Verknüpfung von Social Media Accounts, wie wir sie aus unserem Leben kennen, mit öffentlichen und staatlichen Institutionen. In Nosedive bewerten also zunächst User andere User in einer Skala von 1 bis 5 Sternen, was einen durchschnittlichen Wert generiert. Pikanterweise werden neben Bilder und Videos auch menschliche Interaktionen bewertet, was in Black Mirror zu überwiegend routinierten und oberflächlichen Lebensstilen führt. Kaum einer will angesichts eines möglichen Scoresverlustes auffallen, anecken oder gar rebellieren, denn der generierte Durchschnittswert ist direkt mit gesellschaftlichen Privilegien verknüpft. Fällt der Score unter 4,0, fallen neben gesellschaftlicher Anerkennung beispielsweise auch der Platz im Premium-Flieger und die Reservierung eines schnelleren Mietwagens weg. Doch das eigentlich Beängstigende an dem Social Credit System aus Nosedive ist, dass sein Zustandekommen und seine Abläufe nicht transparent sind. Keiner kann und will wissen, wer die Verantwortung für die Regeln hat, an die sich alle halten müssen.

Doch das eigentlich Beängstigende an dem Social Credit System aus Nosedive ist, dass sein Zustandekommen und seine Abläufe nicht transparent sind. Keiner kann und will wissen, wer die Verantwortung für die Regeln hat, an die sich alle halten müssen.

Eine dystopische Fiktion zeichnen uns da die Macher von Black Mirror. Doch irgendwie lässt einen das Gefühl nicht los, dass diese Fiktion gar nicht so weit weg von unserem Alltag ist. Sie Realität werden könnte. Zu sehr spielen die Serienmacher mit uns vertrauten Alltagsphänomenen, überspitzen sie, zeigen uns ihre Absurdität auf—es ist ein Markenzeichen der Serie. Und tatsächlich: Geht man diesem Gefühl nach, fällt der Blick schnell auf die gegenwärtige politische Lage in China.

Chinas “soziale“ Systeme brauchen vor allem eines: Daten von Menschen

BM3_KevinHong.jpgKevin Hong

Dort wurden in manchen Regionen bereits seit 2014 einige Sozial Credit Systeme etabliert. Ab 2020—also bereits nächstes Jahr!—soll dann eine gesamtstaatliche Lösung folgen. Aktuellen Schätzungen zufolge gibt es in China bereits ca. 70 unterschiedliche Social Credit Systeme. Das wohl bekannteste unter ihnen ist „Sesame Credit“ und gehört zum chinesischen Onlinekonzern Alibaba, der dort eine ähnliche Monopolstellung innehat, wie bei uns Amazon. Die wichtigste Ressource bei allen Systemen: Daten von Menschen. Egal ob chinesische Regierung oder Onlinekonzern Alibaba, jeder möchte so viele Daten wie möglich über jede einzelne Person erheben, um so den jeweils dahinterstehenden Algorithmus zu perfektionieren. Dabei greifen die Akteure sowohl auf privatwirtschaftliche als auch staatliche Datenbanken zurück.

Die wichtigste Ressource bei allen Systemen: Daten von Menschen. Egal ob chinesische Regierung oder Onlinekonzern Alibaba, jeder möchte so viele Daten wie möglich über jede einzelne Person erheben, um so den jeweils dahinterstehenden Algorithmus zu perfektionieren. Dabei greifen die Akteure sowohl auf privatwirtschaftliche als auch staatliche Datenbanken zurück.

Die konkreten Auswirkungen für die Betroffenen können dabei ganz unterschiedlich ausfallen, je nachdem ob das System einen treuen Staatsbürger oder einen treuen Konsumenten hervorbringen will. Dabei werden diejenigen, die sich unhinterfragt an die Vorgaben halten, in sämtlichen Bereichen des Lebens (Job, Familie, Kreditwürdigkeit) bevorzugt und belohnt. Tut man dies nicht, drohen ungleicher Behandlung und Bestrafungen, die bis hin zum Verbot von Eheschließungen reichen können. Dennoch zeigt sich in China bisher kein nennenswerter Widerstand gegen solche Social Credit Systeme. Ein Grund dafür ist das bewusste Einsetzen von Gamification, also spielerischer Elemente, die positive Emotionen und Aufmerksamkeit fördern. Scheinbar spielend leicht errechnet sich der persönliche Score, der sich durch aktive und vor allem korrekte Teilhabe am System verbessern lässt. An ähnliche Belohnungssysteme von Payback und Co. sind auch wir bereits gewöhnt. Ist der chinesische Weg also unumgänglich und wird er früher oder später auch uns erreichen?

In Zeiten, in denen Algorithmen und Künstliche Intelligenzen immer effizienter und technische Fiktionen immer schneller Realität werden, müssen wir uns fragen, welche Zukunft wir wollen

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Aktuell ist noch nicht abzusehen, was für ein Social Credit System kommendes Jahr in China eingeführt werden soll. Black Mirrors Nosedive zeigt uns jedoch in bemerkenswerter Art und Weise auf, wie nah Fiktion und Realität beieinander liegen können. In Zeiten, in denen Algorithmen und Künstliche Intelligenzen immer effizienter und technische Fiktionen immer schneller Realität werden, müssen wir uns fragen, welche Zukunft wir wollen. Es liegt uns zu hinterfragen, wer welche Daten zu welchem Zweck erhebt und auswertet. Es liegt an uns, kritisch mit “sozialen Medien“, ihren Mechanismen und Wirkungsweisen umzugehen. Black Mirror liefert dazu den ersten Schritt für eine hoffentlich langfristige Auseinandersetzung und Sensibilisierung.


Bildquellen: Netflix | Kevin Hong


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