Weshalb du nicht erst dich selbst lieben können musst, um andere zu lieben

von Mercy Ferrars 

Es ist fraglich, ob es in der Welt des Datings im 21. Jahrhundert möglich ist, sich über all die Zwischenbeziehungen, die einem widerfahren, zu beschweren, ohne dass sich irgendjemand, den wir zu dem Thema gar nicht nach Rat gefragt haben, altklug an den Kopf tippt und meint: „Du musst dich erst selbst lieben, bevor du andere lieben kannst.“ Ob es derartig viele undefinierbare Beziehungsformen auch schon in der Generation unserer Eltern gab, ist die eine Frage; ob ihnen überhaupt liebevoll suggeriert wurde, sich doch erstmal um sich selbst zu kümmern, ist die andere—denn wir wissen: In den 50er und 60er Jahren war es nicht gerade in Mode, die eigenen Gefühle auf dem Familientisch auszubreiten.

Fakt ist jedoch, wir verrennen uns in so vielen Menschen, die etwas mit uns anstellen; uns den Kopf verdrehen und uns ein ganz kleines bisschen das Herz verderben. Wir wissen, dass wir mit ihnen niemals die 4-Monats-Marke knacken werden, und falls doch, dann werden sie für die Jahre danach als Kryptonit-Menschen immer genau dann in unserem Leben auftauchen, wenn wir sie am wenigsten gebrauchen können; und uns daran erinnern, dass wir, trotz unserer Fähigkeit zu tiefen Gefühlen und rauschender emotionaler Anhänglichkeit, beziehungsunfähig zu sein scheinen. Und diese Beziehungsunfähigkeit, erklären uns dann sowohl psychologisch versierte Experten wie auch jede verdammte TV-Serie seit den 2000ern, gründet darin, dass wir nicht wissen, wie wir uns selbst lieben sollen—ebenso wenig wie unsere Kryptonit-Menschen. Was uns zunächst einleuchtet—schließlich freuen wir uns ja auch, wenn uns flüchtige Dates Komplimente machen, und leiden prinzipiell alle unter geringem Selbstwert—, frustriert uns im nächsten Augenblick. Wie zur Hölle, fragen wir uns, sollen wir uns derartig fantastisch selbst lieben, bis wir intakt genug sind, um andere zu lieben? Und was, fragen wir uns beim fünften Glas Wein, wenn wir uns bis zum Ende unserer Leben nicht genug sind; sind wir dann nicht der Liebe eines anderen Menschen würdig?

Unsere Beziehungsunfähigkeit, erklären uns dann sowohl psychologisch versierte Experten wie auch jede verdammte TV-Serie seit den 2000ern, gründet darin, dass wir nicht wissen, wie wir uns selbst lieben sollen.

Ah, die große Angst der Vereinsamung, ein weiteres Symptom unserer Generation. Der Druck wächst, schließlich wollen wir die Leben anderer nicht genauso traumatisieren wie unsere Kryptonit-Menschen das bei uns getan haben, und recht schnell sind wir der Überzeugung, unsere soziale Verantwortung läge darin, erstmal alleine zu sein, sich maßlos dem Prinzip der Selbstliebe hinzugeben—und uns in fünf, in zehn, spätestens aber in fünfzehn Jahren endlich so doll selbst zu lieben, dass wir endlich wieder auf erste Dates gehen und uns Fremden öffnen dürfen. Schließlich haben wir dann ja die Dämonen exorziert, die uns gerade so umtreiben, und wir haben uns noch den letzten Rest Toxizität aus dem Kopf und dem Herzen geliebt. Ja, denken wir dann, sicherlich sind wir dann so etwas wie die Menschen in Werbespots oder seichten Vorabendserien, und das Schlimmste, was wir unseren Partnern dann noch antun könnten, ist, nicht aus Versehen die klammheimlich geplante Überraschungs-Geburtstagsparty auszuplaudern.

Je älter wir werden, desto offenkundiger nimmt die Selbstliebe an Wichtigkeit zu, nicht nur, weil sie uns von der Gesellschaft von jeder Seite eingehämmert wird, sondern auch, weil wir selbst unsere einzige Beziehung sind, die bis zum Schluss bleibt. Und dazu eine, der wir nie entweichen können. Wir können uns dazu entscheiden, bis zum Ende unserer Zeit zuzuhören, wie wir uns selbst beleidigen, uns anekeln und uns konsequent negativ bewerten; oder wir können uns dazu entscheiden, uns schön zu finden, uns zu lieben und uns gegenüber offen, gütig und geduldig zu sein.

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Nie erwähnt jedoch jemand, wie schwer Selbstliebe ist. Selbst wenn wir uns dazu entscheiden, dass sie unser Lebensweg sein soll, scheinen wir immer wieder zu scheitern. Manche, mich eingeschlossen, werden ihren Körpern nie die Liebe zukommen lassen können, die sie verdienen. Andere glauben nicht an ihre eigene Macht, an die Validität ihrer eigenen Entscheidungen oder an ihr Recht, glücklich zu sein. Oft bestrafen wir uns innerlich dafür, noch immer Angst zu haben, noch immer depressiv zu sein, noch immer borderline. Selbstliebe ist ein Kampf, einer, der so schwermütig ist, dass es fast scheint, als solle er gar nicht sein. Und einer, von dem wir wissen: Wir werden uns nicht eines Tages magisch selbstlieben und anschließend nicht mehr jeden Tag erneut für diese Liebe kämpfen müssen. Diejenigen von uns, die unglücklicherweise mit etwas weniger Selbstwertgefühl ausgestattet sind, sehen sich schnell in einem Tunnel ohne Licht am Ende. Dann zu glauben, dass wir niemanden lieben dürfen, bis wir diesen magischen Zustand der wholesomeness erreichen, frustriert und vereinsamt.

Auf der anderen Seite ist sicherlich niemandem geholfen, wenn wir unser eigenes Glück in die Hände anderer Menschen legen. Wir wissen bereits, dass es unseren Kryptonit-Menschen nicht egaler sein könnte, wie es uns an den anderen 360 Tagen im Jahr geht, an welchen wir uns von ihrem Ruin erholen; aber es ist auch nicht fair gegenüber unseren Partnern, denen wirklich etwas an uns liegt, die in uns investieren und die sich Tag für Tag anhören dürfen, wie wir uns selbst ablehnen. Uns selbst ist damit am wenigsten geholfen, wenn wir uns in eine solch süchtig machende Abhängigkeit begeben, dass wir im Angesicht des Verlustes bloß umso tiefer fallen. Also doch für immer alleine bleiben? Die Einsamkeit der Zukunft akzeptieren? Aber wie können wir uns selbst lieben, wenn wir uns der Liebe anderer verweigern—ist es nicht ein Akt der Selbstliebe, sich Verletzlichkeit und Nähe zu erlauben? Es scheint ein grausamer Teufelskreis zu sein, wie sind wir hier bloß hergekommen?

Als jemand, der die Welt gerne in schwarz oder weiß wahrnimmt und ganz manchmal die Vielfalt der graduellen Grautöne übersieht, wurde mir an die Hand gegeben, die Aufmerksamkeit bewusst auf das Grau zu lenken. Ich denke, es ist weder gesund, sich der Liebe zu verweigern, noch sie, salopp gesagt, konsequent in unsere Tinder-Dates zu outsourcen. Es gibt Menschen, die erst durch die Liebe und die Geduld anderer ihren eigenen Wert erkennen; und es gibt gleichermaßen den Narzissten, welcher sich selbst so sehr liebt, dass er keinen Platz mehr für andere hat.

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Also, predige ich, während ich mein fünftes Glas Wein leere und in mein sechstes übergehe, liegt der Kompromiss darin, anderen Menschen bewusst zu erlauben, uns zu lieben, uns gutzutun und uns mit Geduld zu begegnen; während wir gleichermaßen dafür verantwortlich sind, einen entscheidenden Teil unseres Selbstwertes selbst zu bauen, uns Zeit zu nehmen, uns nicht zu bewerten. Einen Teil unseres Selbst vermögen wir nie herzugeben oder in Abhängigkeit anderer zu stellen. Einen anderen Teil aber müssen wir hergeben dürfen—und andere Menschen bewusst in unser Leben lassen, indem wir uns öffnen und uns verletzlich zeigen. Erst dann können wir uns in undefinierbaren Zwischenbeziehungen aufgeben, ohne uns zu verlieren. Erst dann können wir erfüllte Beziehungen führen, die uns guttun. Und dieses „erst dann“, das liegt nicht in fünf, nicht in zehn, in fünfzehn Jahren. Das liegt im Jetzt. Im Jetzt, in welchem wir uns für die Liebe entscheiden, anstatt vor ihr davonzulaufen—vor der Liebe anderer und vor der Selbstliebe.



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