Apokalyptische Faulheit und Perfektionismus—aus dem Tagebuch einer Aufschieberin

von Ina Raterink

„Dieses Orange steht wirklich keiner der Insassinnen“, denke ich. Normalerweise mache ich mir niemals Gedanken um die Kleidung anderer Leute—vor allem nicht in Gefängnisserien. Unfassbar, worüber ich plötzlich nachdenke, um die herannahenden Deadlines zu übertönen. Nebenbei erinnert mich meine innere Stimme der Überheblichkeit daran, dass ich für mein Abitur ja kaum gelernt und die Abschlussarbeit meiner Ausbildung an einem Tag geschrieben habe. Die drei Hausarbeiten und die Klausur werden schon kein Problem sein! Dass eine Ausbildung und ein Berliner Zentralabitur zusammen ungefähr das Pensum einer einzigen Klausur im Studium ergeben, vergisst die arrogante Stimme der Bequemlichkeit in meinem Kopf. Sie lächelt mit dem gemütlichen Lächeln eines Faultiers und bringt mich schnell dazu, keinen Finger mehr zu rühren.

Meine Zweifel sind geweckt: Warum heute Dinge erledigen, die ich auch noch kurz vor Abgabe machen kann? Hat doch immer geklappt. Warum also nicht erst das Vergnügen und dann die Arbeit? Warum sollte ich mir nicht erstmal Orange is the new Black anschauen? Im Zweifel für den Zweifel! Alles anzuzweifeln ist schließlich die Basis jeder Wissenschaft. Bestehende Gesellschaftsnormen abzulehnen sollte endlich wieder zum Trend Studierender werden und außerdem… Es sind Semesterferien. Da kann ich mir durchaus einen faulen Urlaubstag gönnen.

Ich treate mich also lieber schon jetzt und mach es mir bei schönstem Sommerwetter und zugezogenen Vorhängen für einen Tag auf dem Sofa bequem. Ein Tag ist kein Tag.

Eigentlich habe ich diese Auszeit nicht verdient. Mein Semester sah im Prinzip ähnlich aus und ich belüge mich permanent selbst, indem ich unglaublich plakative möchtegern-systemkritische Ausreden erfinde: „Faultiermentalität ist mein Schutzmechanismus gegen standardisierte Studiengänge, die wohl erzogene 22-jährige Akademiker*innen auf den Markt spucken, um dann ausgebrannte Mittvierziger zu kreieren, die sich unendlich viele Yoga-Retreats kaufen müssen, um weiter zu funktionieren. Sich so für den Kapitalismus aufopfern? Nicht mit mir!“ Ich treate mich also lieber schon jetzt und mach es mir bei schönstem Sommerwetter und zugezogenen Vorhängen für einen Tag auf dem Sofa bequem. Ein Tag ist kein Tag. Nach Orange is the new Black kommt die nächste Serie kommt die nächste Serie kommt die nächste Serie. Ich geh in Serie mit meinen Serien und ignoriere Sirenen, die irgendwo tief in den allerletzten verlassenen Fluren meines eingestaubten Gehirns Alarm schlagen. Aus dem entfernten Tatütata-Mantra wird ein immer lauter werdender ZuSpät!ZuSpät!-Schrei bis schließlich nur noch ein panisches Kreischen übrig bleibt, das im Nachklang langsam in einem dumpfen Vakuum verhallt. Die Alarmglocken sind schließlich zu einem in sich selbst versunkenen schwarzen Loch mutiert. Das gemütliche Faultier vom Anfang ist längst im Raum-Zeit-Kontinuum verschwunden. Aus einem Tag sind plötzlich zwei (oder drei?) Wochen geworden. Mein Kopf ist jetzt nur noch luftleerer Raum. Mein Hirn ist ein dumpfer Netflix-Zombie.

Ich bin nicht mal mehr in der Lage, dem Geseier in den Serien zu folgen. Kaum versuche ich einen Gedanken zu fassen, ist er auch schon wieder weg. Rufe ich in meinen Kopf hinein, kommen entweder leere Echos oder tausende Antworten gleichzeitig. Es entsteht ein unendlich unübersichtliches Chaos, das jegliche Aufmerksamkeit und Kraft nur noch auf innersynaptische Prozesse lenkt. In Firmen nennt sich sowas Betriebsblindheit. Ich bin blind für mich selbst und die wichtigen Dinge. Ich konzentriere mich auf Sinnlosigkeiten, die sich abwärts in einer Spirale bewegen, die Erinnerungen verblassen lässt, bevor sie überhaupt entstehen können. Aus krankhaftem Aufschieben wird eine Art vakuumisierte Demenz. Ich vergesse plötzlich Dinge, die zum Alltag gehören—Habe ich den Hund schon gefüttert? Welcher Tag ist heute?—und in diesem Zustand verbringe ich Stunden damit, mich stumpf durch soziale Netzwerke zu scrollen. Das fühlt sich an wie eine Art moderne Selbstgeißelung, um meinen Verstand noch weiter ins Verderben zu ziehen, damit ich aufgrund meines stark eingeschränkten IQs niemals mit meinen Aufgaben anfangen kann. Im Facebook-Sumpf rege ich mich über rechtsradikale Klimawandel-Leugner auf und stürze mich in die Hasskommentare von Steingarten-Liebhabern. Jetzt bin ich mir sicher: Menschen sind grässlich und die Welt ist nicht mehr zu retten. Nachdem ich die siebzigste Überschrift über die Klimakrise gelesen und meinen Hund durch eine 40 Grad heiße Wüste gezerrt habe, glaube ich an die bevorstehende Apokalypse und sehe keinen Sinn mehr in jeglicher Existenz. Im Kontext dieser Katastrophe erscheinen mir meine Aufgaben jetzt zu banal, um sie zu erledigen.

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Prokrastination ist mein Begriff der Stunde: Ich leide an extremer Aufschieberitis.
Fast jede*r kennt das: Die unangenehme Aufgabe für die Uni wird nach hinten verschoben, stattdessen das Badezimmer geputzt. Übertreibt man es mit dem Aufschieben, steht man dann irgendwo da, wo ich jetzt stehe: Am Abgrund der Karriere, die mir niemals widerfahren wird.
Bevor ich mich in der bodenlosen Werbehölle von Instagram verliere, versuche ich etwas Sinnvolles zu tun und gebe bei Ecosia „Prokrastination“ ein. (Aufgrund der apokalyptischen digitalen Nahtoderfahrung in meiner Klimakrisen-Facebook-Bubble habe ich beschlossen auf Google zu verzichten und stattdessen mit Ecosia bei jeder Suche Bäume zu pflanzen.)
Ein schöner und aufschiebefreundlicher Einstieg in jede Thematik ist immer ein Selbsttest.
Die Prokrastinationsambulanz der Uni Münster, welche sich auf Diagnostik, Beratung und Therapie der Problematik spezialisiert hat, bietet diesen Test an. Ich beantworte alle Fragen wahrheitsgetreu und schaffe den sogenannten „Prozent-Rangplatz“ 95 %. Das bedeutet, dass 95 % aller Befragten weniger aufschieben als ich und nur 5 % schlimmere Prokrastinierer*innen sind. Das überrascht mich nicht. Aufschieben war schon immer eine Art ungewollte Passion von mir. Im Gegensatz zu denen, die früher in der Schule cool sein wollten und damit prahlten, nicht gelernt zu haben und auf wundersame Weise trotzdem durchweg sehr gute Klausuren schrieben, habe ich tatsächlich nie gelernt. Ich schob so lange auf, bis die Klausur da war. Selbst das Schreiben von Spickzetteln verschob ich. Letzte Lösung war dann immer auf großes Glück zu hoffen oder in Lethargie zu verharren. So oder so konnte ich mein Versagen immer damit begründen nichts getan zu haben. Hier und da trat in der ein oder anderen Klausur ein glücklicher Zufall ein und ich schaffte dann doch mal eine gute Note. Mit dem allseits beliebten Fleiß hatte das nie was zu tun. Meine Lehrer*innen unterstellten mir großes Potential, das allerdings stark unter meiner Faulheit leiden würde. Sie wollten mich wahrscheinlich nur motivieren. Für mich war das letztendlich nur eine Bestätigung meiner Annahme, dass ich ein unfähiger (weil fauler) Mensch war. Seitdem ist die Aufschieberei eine treue Gefährtin von mir und klebt mit ihrem furchtbar verführerischen Faultiergrinsen an mir. Schiebe ich also tatsächlich nur auf, weil ich elendig faul bin?
So einfach ist das leider nicht.

Mit dem allseits beliebten Fleiß hatte das nie was zu tun. Meine Lehrer*innen unterstellten mir großes Potential, das allerdings stark unter meiner Faulheit leiden würde. Sie wollten mich wahrscheinlich nur motivieren. Für mich war das letztendlich nur eine Bestätigung meiner Annahme, dass ich ein unfähiger (weil fauler) Mensch war.

Die Prokrastinationsambulanz bezeichnet pathologisches Aufschiebeverhalten als eine ernstzunehmende Arbeitsstörung, die im Prinzip alle Lebensbereiche betreffen kann. Meine achtjährige Zahnarztabstinenz könnte also genauso damit zusammenhängen wie das Aufschieben eines Gesprächs mit dem Chef. Durch die Vermeidung unangenehmer Dinge oder Tätigkeiten erreicht man kurzzeitig einen positiven Effekt. Natürlich ist es erstmal schöner eine Serie zu gucken, statt komplizierte Fachliteratur zu wälzen. Meine apokalyptische Faulheit ist also gar keine echte Faulheit, sondern eine Störung. Wie schön.
Laut Professor Manfred Beutel von der Universität Mainz ist Aufschieben nicht immer unbedingt negativ. Er schiebe beispielsweise das Beantworten ärgerlicher E-Mails auf.
Allerdings müssten die Prioritäten stimmen. Langfristig und mit falscher Prioritätensetzung hat die Prokrastination verheerende Konsequenzen. Manfred Beutel leitete 2016 eine Studie zum Thema und kam zu dem Schluss, dass ein ausgeprägtes Aufschiebeverhalten der Probanden mit Stress, Depression, Angst, Einsamkeit und Erschöpfung einherging und die Lebenszufriedenheit insgesamt geringer war. Hauptsächlich junge Männer, Schüler und Studierende waren davon betroffen. Die Mainzer Wissenschaftler schlussfolgern, dass Betroffene die negativen Gefühle hinter den vermiedenen Tätigkeiten zu wenig hinterfragten. So seien Leistungsanforderungen häufig mit Versagensängsten verbunden oder eigene Ansprüche an die Leistung zu hoch bzw. die Zielsetzung unrealistisch. Zudem führe Medienkonsum zu unmittelbaren positiven Konsequenzen und rückte die negativen Konsequenzen zunächst in den Hintergrund.

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Es geht also ganz und gar nicht um Faulheit.
Vielmehr geht es vordergründig um die richtige Prioritätensetzung. Orange is the new Black hätte in meinem Falle nicht an erster, sondern an letzter Stelle stehen müssen. Als Belohnung vielleicht. Menschen neigen im Allgemeinen dazu, vor unangenehmen Situationen zu flüchten. Die Prokrastination ist das Wegrennen vor der Hausarbeit, die mich überfordert oder einfach auch die Flucht vor dem riesigen Berg an Aufgaben, der unüberwindbar scheint. Verstärkt wird dieses Vermeidungsverhalten dadurch, dass die unangenehmen Gefühle mit der Ablenkung durch die Serie sofort verschwinden. So entwickelt sich auf Dauer ein Verhalten, das nicht von den negativen Konsequenzen gesteuert wird, da diese zu weit in der Zukunft liegen. Die angenehmen Seiten des Lebens werden sofort erlebt und das fühlt sich erstmal gut an. Hintergründig geht es um den Anspruch an sich selbst und die Angst vor dem Versagen. Ich versage lieber direkt von Anfang an und bastle mir mit dem Aufschieben eine Art selbsterfüllende Prophezeiung für meine Prüfungssituationen: „Das hätte ja auch gar nicht anders laufen können, ich hab ja schließlich nichts dafür getan.“ Außerdem sinken meine Ansprüche an mich selbst, je länger ich aufschiebe: „Ist ja auch unrealistisch jetzt noch so viel in den Kopf zu kriegen, dass ich gute Leistung bringen kann.“
So nehme ich mir den Druck, den ein verschrobener Perfektionismus in mir auslöst, wenn ich tatsächlich anfange etwas gut machen zu wollen.

Vor sich selbst hat man trotz einer 1 also niemals bestanden.  Es ist ein paradox destruktiver Perfektionismus, der nicht mal ansatzweise für Perfektion sorgt, sondern in seiner Kleinkariertheit kein Stück Toleranz zeigt für das eigentlich Perfekte, das in der Natur des Unperfekten liegt.

Im Endeffekt ist Prokrastination auch ein Weglaufen vor der eigenen Courage, dem eigenen Können. Es ist eine Flucht vor sich selbst als größte Kritikerin. Ein Versteck vor dem eigenen Perfektionismus, der irgendwo schlummert, um in traditioneller Kleingärtnermentalität kleinste Fehler zu riesigen Vergehen zu erklären: „Ein Kommafehler in einer 1,0–Klausur? Setzen, 6.“
Vor sich selbst hat man trotz einer 1 also niemals bestanden.  Es ist ein paradox destruktiver Perfektionismus, der nicht mal ansatzweise für Perfektion sorgt, sondern in seiner Kleinkariertheit kein Stück Toleranz zeigt für das eigentlich Perfekte, das in der Natur des Unperfekten liegt. Dabei ist das Erstrebenswerte doch eigentlich die Perfektion in Unvollkommenheit sehen zu können und das nicht nur im Drumherum, sondern vor allem auch in sich selbst. Wenn es auch wenig gibt, was ich von mir selbst mit Sicherheit sagen kann, so weiß ich doch, dass ich eines in vollendeter Perfektion beherrsche: Prokrastinieren.
Immerhin.


Bildquelle: pexels.com


 

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