Draculas Töchter—Die queeren Wurzeln des Vampires

von Adrien Fields

Schein­bar geht es dem Vam­pir in der Pop­kul­tur wie im Leben. Seit Anbe­ginn der Filmkun­st taucht er alle paar Jahre wieder auf, nur um dann als Kitsch betitelt in der Dunkel­heit zu ver­schwinden. Von Bram Stok­ers Drac­u­la allein existieren über 100 Ver­fil­mungen. Untote Blut­sauger find­en sich in zahlre­ichen mythol­o­gis­chen Über­liefer­un­gen, fast unab­hängig von Epoche und Geografie. Ver­ständlich, wenn man bedenkt, dass sie eine Antwort auf eine uni­verselle men­schliche Frage bieten: Was passiert nach unserem Tod? Ist das wirk­lich das Ende? Kön­nte uns noch mehr erwarten—beispielsweise ewige Jugend und Blutdurst?

Vam­pir-Nar­ra­tive kön­nen auf unter­schiedliche Arten aus­gelegt wer­den. Eine queere Inter­pre­ta­tion stellt nur eine dieser facetten­re­ichen Ausle­gun­gen dar. Iden­tität­spoli­tis­che Sprache, die den heuti­gen Diskurs stark prägt und struk­turi­ert, ent­stand größ­ten­teils im Zuge der schwul-les­bis­chen und fem­i­nis­tis­chen Emanzi­pa­tions­be­we­gun­gen der 1970er bis 1990er Jahre und existierte nicht zur Zeit der Veröf­fentlichung der hier disku­tierten Medi­en. Den­noch kann uns die Betra­ch­tung aus queeren Per­spek­tiv­en die gesellschaftlichen Kon­ven­tio­nen der Vergangenheit—sowie ihren Ein­fluss auf die Moderne—näherbringen.

Wenn man länger darüber nach­denkt, ist es ver­ständlich, weshalb queere Indi­viduen sich mit Vam­piren (und anderen Mon­stern) iden­ti­fizieren oder als solche iden­ti­fiziert wer­den: Über Tag ver­steckt, in der Nacht aktiv, lebt der Vam­pir in (vielle­icht selb­st aufer­legter) Ein­samkeit und Iso­la­tion. Wer sich mit ihm abgibt, läuft Gefahr, selb­st ein Mit­glied der Rand­gruppe zu werden.

In der prä-Twi­light Ära bevorzugten Vam­pire oft Opfer des eige­nen Geschlecht­es. In der Nov­el­le Carmil­la des irischen Autors Sheri­dan Le Fanu, die 1872 erst­mals veröf­fentlicht wurde, wird eine junge Frau von einem weib­lichen Vam­pir namens Carmil­la heimge­sucht. Auch die sex­uelle Iden­tität des Graf Drac­u­la aus Bram Stok­ers gle­ich­nami­gen Roman von 1897 wird von Fans des Gen­res heiß debat­tiert. Der Graf verkör­pert vik­to­ri­an­is­che Tabus wie keine andere Fig­ur sein­er Zeit. Er ist von androg­y­n­er Schön­heit, hat mehrere Lieb­haber (drei weib­liche Vam­pire, die mehr schlecht als recht in sein­er Burg leben) und zeigt vere­in­nah­mendes Inter­esse am Erzäh­ler und Pro­tag­o­nis­ten des Romans, Jonathan Hark­er. “How dare you touch him, any of you?”, schre­it er seine drei untoten Ehe­frauen an. “How dare you cast eyes on him when I had for­bid­den it? Back, I tell you all! This man belongs to me!”

Bram Stok­er selb­st schrieb Briefe voller Bewun­derung an seinen Zeitgenossen Wal­ter Whit­man und war eng mit Oscar Wilde befre­un­det. Seine Ehe zu Flo­rence Bal­combe wird in vie­len Quellen als lieb­los beschrieben. Daher disku­tieren Fans, ob es sich bei Drac­u­la nicht um die Man­i­fes­ta­tion von Stok­ers eige­nen queeren Ten­den­zen han­deln könnte.

Die wohl bekan­nteste Ver­fil­mung von Drac­u­la ent­stand 1931 mit Bela Lugosi in der Haup­trol­le. Viel aus­sagekräftiger hin­sichtlich des queeren Sub­textes in Vam­pir­fil­men ist jedoch der Nach­folge-Film Dracula’s Daugh­ter (1936), mit Glo­ria Hold­en in der Haup­trol­le. Die Hand­lung fol­gt Gräfin Marya Zeles­ka, der Tochter Graf Drac­u­las, die sich nach dem Tod ihres Vaters durch Vam­pir­jäger Dr. van Hels­ing in Ther­a­pie beg­ibt, um von ihrem Vam­piris­mus geheilt zu wer­den. Zum Ende ergibt sie sich den­noch ihrer Blut­lust und ent­führt die Sekretärin ihres Ther­a­peuten. Der les­bis­che Sub­text des Filmes war für das Pro­duk­tion­steam klar sicht­bar und wurde teil­weise sog­ar zur Ver­mark­tung des Filmes benutzt. So lautete der Unter­ti­tel in der Wer­bung des Filmes: „Save the women of Lon­don from Dracula’s daughter!”

Als Dracula’s Daugh­ter erschien, war die Kon­ver­sion­s­ther­a­pie eine als valide ange­se­hene psy­cho­an­a­lytis­che Meth­ode. Auch wenn diese erst in den 1950er Jahren den Höhep­unkt ihrer Beliebtheit erreichte—in Folge der Assozi­a­tion von Schwulen und Les­ben mit dem Kom­mu­nis­mus, auch als Laven­der Scare bekannt—bekamen viele psy­cho­an­a­lytis­che Stu­di­en über die ange­bliche Heilung der Homo­sex­u­al­ität öffentliche Aufmerk­samkeit. Dracula’s Daugh­ter ist dementsprechend nicht nur ein Zeug­nis des aufk­om­menden Inter­ess­es an Psy­chother­a­pie, son­dern auch der gesellschaftlichen Auf­fas­sung der queeren Frau als Mon­ster. Nach dem feuri­gen Begräb­nis ihres Vaters—wie freud-isch!—glaubt die Gräfin, von ihrem Fluch geheilt zu sein und ver­sucht sich am  ‚nor­malen Leben‘. Doch ihr Bedi­en­steter San­dor kon­fron­tiert sie mit der Wahrheit: Sie kann sich nicht vor ihrem Vam­piris­mus verstecken.

Dracula’s Daugh­ter unter­lag dem Hays Code, dessen Absicht es war, das Anse­hen des Hol­ly­wood-Films durch moralis­che Richtlin­ien für Pro­duzen­ten und Regis­seure anzuheben.

Dracula’s Daugh­ter unter­lag dem Motion Pic­ture Pro­duc­tion Code, auch als Hays Code bekan­nt, dessen Absicht es war, das Anse­hen des Hol­ly­wood-Films durch moralis­che Richtlin­ien für Pro­duzen­ten und Regis­seure anzuheben. Der Code markierte pos­i­tive Darstel­lun­gen von Homo­sex­u­al­ität als ’sex­uelle Per­ver­sion’ und erk­lärte sie damit für unziem­lich. Der Hays Code blieb bis Ende der 1960er Jahre Richtlin­ie für die amerikanis­che Film­pro­duk­tion, wurde dann aber wegen man­gel­nder Durch­set­zungs­fähigkeit aufgegeben und durch ein Alters­freiga­ben-Sys­tem ersetzt.

Die fol­gen­den zwei Jahrzehnte gel­ten als gold­enes Zeital­ter von Exploita­tions­fil­men— Fil­men mit reißerisch­er Prämisse, oft voller Sex, Gewalt­darstel­lun­gen und Blas­phemie. Inter­es­san­ter­weise erweist sich diese Zeit auch als Renais­sance der mehr oder weniger sub­til homo­ero­tis­chen Vam­pir­filme. Viele der Werke sind entsprechend über­trieben sex­uell und/oder iro­nisch; Par­o­di­en der Tropen und Stereo­typen der Hays-Era. Das Fan-Archiv queerhorror.com lis­tet unter anderem Filme wie Vampyres (1974)—ein Film über ein les­bis­ches Vam­pir­pärchen, die ihre Opfer beim Tram­p­en erlegen; Blood Splat­tered Bride (1972)—über eine neu ver­heiratete Frau, die eine Affäre mit ein­er Vam­pirin hat—und Drag­u­la (1973), in dem ein junger New York­er in einen Vam­pir ver­wan­delt wird, dessen Biss unwis­sende Het­ero­sex­uelle in Drag Queens ver­wan­delt. Dass es sich bei diesen Werken um ein Zeichen der fortschre­i­t­en­den Emanzi­pa­tion von queeren Men­schen han­delt, ist lei­der weniger wahrschein­lich, als dass die Darstel­lun­gen von homosexueller—oft betont körperlicher—Liebe als affek­tive Sub­ver­sion christlich-west­lich­er Werte das Pub­likum schock­ieren oder vielle­icht auch amüsieren sollte.

Die Bilanz des queeren Vam­pires ist vor allem neg­a­tiv: Entwed­er ist er (oder his­torisch öfter sie) ein Mon­ster, an dem selb­st die Psy­chother­a­pie ver­loren ist und welch­es die Regeln der Zivil­i­sa­tion zu Gun­sten hedo­nis­tis­ch­er Morde ablehnt, oder aber ein schock­ieren­des Mit­tel zum Zweck, nicht mehr als Sub­ver­sion um der Sub­ver­sion Willen.  Den­noch erfreut sich das Genre an ein­er sehr queeren Fange­meinde. Das Onlinepor­tal queerhorror.com präsen­tiert eine umfan­gre­iche Sub­kat­e­gorie “Vam­pire”, inklu­sive Inter­views, Fil­marchiv und geschichtlich­er Info-Seit­en. Die Seite wird von ein­er Per­son mit dem Pseu­do­nym QVamp ver­wal­tet. Der Umfang der Seite spricht für QVamps immense Aktivität.

Im Weit­eren wird die Vam­pirgeschichte, alt wie neu, weit­er durch die queere Linse neuaufge­set­zt. Carmil­la wurde 2014 in ein­er Web­serie mit über­wiegend queerem Cast neu insze­niert. Die Vam­pirin Carmil­la Karn­stein ist cool, mys­ter­iös und auf sehr men­schliche Weise ver­liebt. Berühmter sind Anne Rices Vam­pire Chron­i­cles, eine elfteilige Buchrei­he, die weltweit über 80 Mil­lio­nen Exem­plare verkaufte. 1994 wurde ein Teil der Geschichte unter dem Titel Inter­view With The Vam­pire ver­filmt. Tom Cruise spielt den 200 Jahre alten Untoten Louis de Pointes Du Lac, der 1791 vom weit älteren Vam­pir Lestat, ver­wan­delt wird. Bei­de Män­ner haben unter­schiedliche Auf­fas­sun­gen über ihre Unsterblichkeit und leben den­noch for­t­an zusam­men. Später ver­wan­delt Lestat ein im Ster­ben liegen­des Mäd­chen namens Clau­dia, welch­es bei­de wie eine gemein­same Tochter großziehen.  Anders als Lestat, lei­den Louis und Clau­dia immer noch unter ihrer abgeschot­teten Exis­tenz, doch zusam­men lässt sich die Ewigkeit ein­fach­er ertra­gen. Das The­ma der cho­sen fam­i­ly scheint sowohl im queeren Rah­men als auch außer­halb prä­va­lent zu sein. Weit­ere Beispiele dafür sind What We Do In The Shad­ows (2014) und natür­lich Twi­light (2008).

Wieder ein­mal scheinen die Par­al­le­len zur Real­ität fast sur­re­al: Die Vam­pire müssen keine ein­same Exis­tenz am Rande der Gesellschaft führen. Sie sind nicht mehr allein. Sie find­en ihre Fam­i­lie und treten metapho­risch ins Licht der Gesellschaft.


Bildquellen: pex­els


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[…] Adrien Fields schrieb diesen Text über die queere Ver­co­dung von Vam­pirgeschicht­en im Okto­ber 2019. weiterlesen […]

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