6 Kindheitserlebnisse, die unserer Redaktion das Fürchten lehrten

Der Ursprung meiner Angst vor großen Hallen

von Ina Raterink

Plötzlich stehe ich im Dunkeln. Gerade befand ich mich noch im kreischenden Hell der Flutlichtstrahler. Jetzt hat die Dunkelheit alles verschluckt. Zitternd klammere ich mich an meinen Ball. In nackter Panik schaue ich in den Abgrund eines allumfassenden düsteren Nichts. Ich bin klein. Ich bin alleine. Nicht nur hier in dieser riesigen Halle. Auch im Universum. Ich bin nur ein Sekundenbruchteil eines Wimpernschlages der Galaxie. Bedeutungslosigkeit. Die Dunkelheit ergreift von mir Besitz. Sie kriecht in meine Glieder. Ich erstarre – höre auf zu atmen. Ein kalter Luftzug lässt mich erschauern. Ich höre Schritte, verharre in absoluter Regungslosigkeit. „Ina?“ Wispert es hinter mir aus dem dunklen Nichts. „Ina!“ Eine Hand berührt meine Schulter. Ich schreie und lasse meinen Ball fallen. „Was machst du denn hier? Ich dachte, du wärst schon längst draußen beim Auto.“, sagt mein Vater, während er ein riesiges Netz mit Bällen hält. Wir gehen durch die dunkle Turnhalle in Richtung Ausgang. Das Fußballtraining ist längst vorbei.  

Die Angst, die Heute keine mehr ist

von Bianca Ierullo

Ich weiß nicht mehr warum, aber plötzlich stand ich im Wohnzimmer meiner Nachbarn und starrte auf den laufenden Fernsehbildschirm. Es wurde eine Szene gezeigt, in der Menschen verfolgt und mit irgendetwas beschossen wurden, was diese weiß werden und dann in sich zusammenfallen ließ. In Kombination mit dem klassischen Todesschrei, schlug es in meine kleine, rosa Welt ein wie ein Meteorit. Seit diesem Moment konnte ich keine Nacht mehr ruhig schlafen. Wachte immer wieder auf und sah diese beschossenen Menschen vor mir in meinem Zimmer stehen. Jedesmal, wenn ich mein Stofftier fester an mich gedrückt habe, sind diese Menschen in meinem Zimmer in sich zusammengefallen. Bis Heute weiß ich nicht welche Filmszene ich im zarten Alter von 6 Jahren gesehen habe, aber verfolgen tut es mich seit Jahren nicht mehr. 

Die Stimme aus dem Spielzeugtelefon

von Dani (Lektorin)

Als ich Kind war, gab es nur ein Telefon bei uns im Haus: uralt, schwarz, mit Wählscheibe, nicht ans Netz angeschlossen. Es stand in meinem Kinderzimmer. An einem dunklen November-Nachmittag, ich muss 7 gewesen sein, klingelte dieses Telefon. Mir war klar, dass das nicht sein konnte. Wollte mich jemand reinlegen? Das Kabel hing lose herum, dennoch entsprang das Klingeln tatsächlich diesem Apparat. Ich riss die Tür auf, aber da stand niemand. Kindliche Neugierde trieb mich dazu, den Hörer abzunehmen. Eine tiefe, keineswegs bedrohliche, eher liebevolle Stimme sprach: “Hallo, hier ist der Weihnachtsmann. Was wünschst du dir?” Schweigen. Für eine Weile hörte ich nur meinen eigenen Atem und mein aufgeregtes Herz. Ich glaubte der Stimme am anderen Ende nicht, aber die Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen: “Eine Puppe, die sprechen kann.” “Gut. Sei schön brav, dann bekommst du sie.” Klack.
Ich erzählte niemandem davon, auch nicht von dem Wunsch. Zu Weihnachten lag eine wunderschöne Puppe mit goldenen Haaren unter dem Baum. Sie konnte sprechen.

Der kaputte Lichtschalter

von Mercy Ferrars

Mehrmals pro Monat quälte mich als Kind derselbe Alptraum: Ich rannte durch mein Elternhaus, wollte Schritt für Schritt die Lichtschalter betätigen, um unser Treppenhaus zu erleuchten. Doch egal wie verzweifelt ich den Lichtschalter betätigte, es blieb Dunkelheit um mich. Der Weg zu meinem Zimmer schien plötzlich ganz schön lang und in meinem Kopf passierte so viel.
Noch heute habe ich Angst vor der Dunkelheit. Zuletzt habe ich mich vor weißen Müllsäcken in einer dunklen Gasse erschreckt, als ich um 1 Uhr nachts in der spooky season nach Hause lief. Also habe ich meine ganzen 27 Jahre und all meine Weisheit in die Hände genommen und bin atemlos nach Hause gerannt.
Des Nachts quälen mich außerdem polternde Hausgeister, freche kleine Spinnen, die sich über meinem Kopf abseilen und im Kindesalter die Harry-Potter-Reihe… 

Die Nachtwanderung

von Adrien Fields

Mit 8 Jahren bat ich meine Eltern, mich doch bitte in den Ferien ins Sommerlager fahren zu lassen. Auf der Fahrt selbst hatte ich dann nur bedingt Spaß; Viele Kinder hatte ihre Freunde mitgebracht und ich fühlte mich sehr allein. Eines nachts hatten die Campleiter eine gruselige Nachtwanderung geplant. Meine Zimmergenossinnen und ich wurden um 3 Uhr nachts aufgeweckt und angewiesen uns anzuziehen. Die eigentliche Nachtwanderung bestand in einem Spaziergang durch den dunklen Wald, wo mit Knicklichtern ein Pfad markiert wurde. Gelegentlich würde eines von den älteren Kindern aus den Büschen springen und uns erschrecken. Ich glaube nicht, dass ich mich sehr gegruselt habe – wahrscheinlich hab ich mich mehr geärgert, dass ich aufgeweckt wurde. Der Pfad wurde nur von den Taschenlampen der zwei Teamleiter erleuchtet. Zum Ende der Wanderung fiel mir im vorderen Teil der Gruppe eine Silhouette auf, die ich nicht zuordnen könnte: Wer auch immer vor uns lief war dünner als meine Mitstreiter. Die Arme hatte die Figur von sich gestreckt als würde sie mit den Achseln zucken. Die Beine bewegten sich tollpatschig, wie ein neugeborenes Reh. An diesem Punkt hatte ich Angst, aber ich blieb still. Vor der ersten Straßenlaterne war die Figur wieder verschwunden. 

Das Gesicht auf dem Bildschirm

von Annika Koschwitz

Als ich ungefähr 7 oder 8 Jahre alt war, erfüllten mir meine Eltern einen großen Wunsch. Ich bekam unseren alten Röhrenfernseher zu meinem Geburtstag in mein Zimmer gestellt. Ab jetzt musste ich mir keine erbitterten Kämpfe mehr mit meiner Schwester um die Fernbedienung liefern. Dass man allerdings lieber vorsichtig mit seinen Wünschen sein sollte, musste ich kurz darauf lernen. Nachts kam es nämlich sehr oft vor, dass ich vor Angst nicht einschlafen konnte. Wenn ich mit offenen Augen im Bett lag, um mich herum nichts als Stille und Dunkelheit, hörte ich immer ein stetiges Knacken aus dem TV-Gerät. Nicht selten lag ich starr vor Angst stundenlang allein im Bett und hörte diesen Geräuschen zu bis ich allen Mut zusammen kratzte und in das Bett meiner Eltern flüchtete. Für mich war klar, dass das nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Während ich älter wurde, gewöhnte ich mich langsam an die Geräusche und meine nächtliche Bettflucht hörte irgendwann auf. Eines Nachts lag ich noch sehr spät im Bett und sah fern. Die Lampen im Zimmer hatte ich bereits ausgeschalten und nur der helle Bildschirm spendete noch Licht. Ich war schon dabei langsam weg zu dösen, also griff ich nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. In diesem Moment packte mich die Angst, denn auf dem schwarzen Bildschirm blieb ein Gebilde aus hellen Pixeln zurück, die in meinen Augen aussahen wie eine dämonische Fratze. Dieses Gesicht leuchtete noch wenige Sekunden bis es langsam verblasste und mich panisch in völliger Dunkelheit zurückließ. Den Rest der Nacht verbrachte ich dann im Bett meiner nur mäßig darüber begeisterten Eltern.


Bildquelle: pixabay


Ein Beitrag unserer Redaktion.

Kommentar verfassen