Von ewigen Astronauten und brennender Einsamkeit—City and Colour’s “A Pill for Loneliness”

von Mer­cy Ferrars

Pills don’t seem to work
We’re lost at the bottom of the sea
Our bones are searchin’ for something else
Tired of the flesh that they see
CITY AND COLOUR—SONGS OF UNREST

Dal­las Michael John Albert Green—aka City and Colour—begleit­et mein Leben seit beina­he ein­er ganzen Dekade. Der ehe­ma­lige Clean-Vokalist der kanadis­chen Post-Hard­core-Band Alex­ison­fire veröf­fentlicht bere­its 2005 sein erstes Soloal­bum, Some­times. Erst fünf Jahre später bren­nt sich schließlich seine kos­mis­che Stimme in eine der for­ma­tivsten Zeit­en meines Lebens, meine späte Jugend, in mein erstes gebroch­enes Herz. Von da an, so ist mir schnell klar, würde City and Colour auf vielfache Weise zu einem Teil mein­er Welt wer­den, zu dem ich immer wieder zurück­kehren würde. Bald löst sich Dal­las’ Stimme von meinem melan­cholis­chen, der ersten großen Liebe nach­trauern­den Herzen ab und wird zu ein­er uni­versellen Kon­stante, nicht nur in mein­er Spo­ti­fy-Bib­lio­thek, son­dern auch in mein­er Stim­mung, in meinen Tex­ten, in meinem Begriff der Welt.

Als Dal­las Green begin­nt, sich neben Alex­ison­fire eigen­ständig einen Namen zu machen, sind seine Werke geprägt von Akustik-Gitarre und Mundharmonika—und Dal­las ein Kerl, dessen wun­der­same Kopf­s­timme sich auch in die Herzen der härtesten Post-Hard­core-Anhänger stiehlt, sich dort ein­fach irgend­wie fest­set­zt. Und während in Some­times (2005), Bring Me Your Love (2007) oder Lit­tle Hell (2011) noch stark die Akustikgi­tarre und der Folk­sound dominieren, die Songstruk­tur klar vorgegeben scheint und die Lyrics durch­zo­gen sind von Depres­sion und kom­plizierten Gefühlen, erscheint 2015 schließlich If I Should Go Before You—ein Album, welch­es in Dal­las’ kreativem Schaf­fen einen neuen Akzent set­zt und seinem Werk eine neue, exper­i­mentelle Dimen­sion ver­lei­ht. Zweifel­sohne bere­it­et es damit für A Pill for Lone­li­ness (2019) den Weg in neue musikalis­che Dimen­sio­nen. Das Album agiert als eine Art beson­dere Mitte sein­er Arbeit als Singer-Song­writer, eine Mitte, welche alte Gefüh­le und ver­gan­gene Sounds mit Neuem ablöst, ohne je das Gefühl, welch­es City and Colour definiert, zu ver­lieren. Auf If I Should Go Before You löst sich Dal­las erst­mals von seinem wun­der­schö­nen, rauen Akustik-Sound. Jet­zt geht es ihm um neue Arrange­ments, um elek­tro­n­is­che Gitar­ren, um das Zusam­men­spiel der Band. Sein Sound wird weitre­ichen­der, atmo­sphärisch­er, kom­plex­er. Es entste­hen Stücke wie Woman, die gar 9 Minuten dauern und sich zu großen Stück­en durch Instru­men­tal­ität ausze­ich­nen. Drei Jahre später fol­gt er dieser Ten­denz auch auf der von Jacquire King pro­duzierten Plat­te A Pill for Lone­li­ness mit mehreren Stück­en, die eine Länge von bis zu 6 Minuten aufweisen. Der Fokus auf dem Song­text in diesen neuen Songs ist kurz, aber scharf, seine Worte schweifen nicht aus, aber sie treffen—hart und ziel­gerichtet. Und doch zieht sich eine Sän­fte durch die elf sorgfältig kuratierten Stücke, die diese tief emo­tion­al miteinan­der verbindet. Und was unser Herz auch auf der neuen Plat­te hoff­nungs­los vere­in­nahmt, bleibt Dal­las’ Stimme.

Wenn Musik heilt, dann heilt keine so gut wie die von City and Colour. Die Ander­sar­tigkeit der neusten Schöp­fung von Dal­las Green liegt bere­its in ihrem Namen. A Pill For Lone­li­ness ver­spricht Wärme und Liebe für jenes Pub­likum, welch­es sich Dal­las über seine dun­klen, tief­greifend­en und mächti­gen Emo­tio­nen verpflichtet; wie es gle­icher­maßen auch seine eigene Reflek­tion über das Leben und die Welt artikuliert. Augen­blick­lich fühlen wir uns ihm nahe und als sich seine innere Welt auf unsere überträgt, wird er für uns greif­bar, fühlbar. In einem Inter­view mit der Toron­to Sun wird deut­lich, woher die Inspi­ra­tion für diesen Titel kam:

„Vor ein paar Monaten schaute ich die News und sah einen Beitrag darüber, dass Wissenschaftlicher versuchen, ein Medikament gegen Einsamkeit herzustellen, weil Einsamkeit zur Epidemie geworden ist. Und ich erinnere mich daran, gedacht zu haben: ‘Ist das nicht perfekt? Wir leben in einer Welt, in der jeder darüber spricht, wie verbunden wir alle sind, und doch, hier sind wir, in 2019. Die Menschen sind einsamer denn je.’ Ist das nicht das perfekte Beispiel, wie einen das Internet zu überzeugen versucht, dass alles perfekt ist, wenn es tatsächlich das komplette Gegenteil ist? Ich dachte viel darüber nach, worum es in den Songs geht und es machte einfach Sinn.“

Im zen­tralen Sound der neuen Plat­te bleibt Dal­las’ engels­gle­iche Kopf­s­timme glasklar und doch traumhaft, sie schnei­det durch die Musik wie eine Klinge und ver­flüchtigt sich im Sound­bett der fol­gen­den Minuten, welche sich als eine Mis­chung aus großen und weit­en Ambi­ent-Klän­gen und ein­er des Post-Rock entlehn­ten Stim­mung zeigen. Der Sound ist sphärisch und nimmt müh­e­los den ganzen Raum ein, ob auf der Anlage in meinem Wohnz­im­mer oder in der kleinen Welt in meinem Kopf. Wie Nebel bre­it­et sich eine Wärme und Gebor­gen­heit aus, welche jedoch auch stel­len­weise von ein­er rauen Nack­theit unter­brochen wird, die wir bere­its von vorherge­gan­genen City-and-Colour-Alben bestens ken­nen und lieben.

The­ma­tisch wid­met sich Dal­las in sein­er Lyrik vor allen Din­gen der Beziehung: zwis­chen dem Einzel­nen und der Welt, zwis­chen Lieben­den, zwis­chen der Ein­samkeit und der Zuver­sicht, zwis­chen Dunkel und Hell. Seine Worte bluten Meta­phern des Krieges und der Hölle, sie zeich­nen dun­kle, apoka­lyp­tis­che Bilder. „My imag­i­na­tion will lead me straight down into hell“, singt er in Imag­i­na­tion, „the sky, it burns hell­fire red”, fährt er fort in Lay Me Down. Er spricht von Dunkel­heit, von bösen Köni­gen und teu­flis­chen Alb­träu­men, und er macht klar: „We could give it all away / this machin­ery of vio­lence / still, we gath­er for a feast of praise / to the devour­ing mouth of war” (Young Lovers). Geladen voll epis­ch­er Bilder ein­er weitläu­fi­gen Natur, voller Berge und Falken, zer­störter Städte und bren­nen­der Wel­ten, voll Schmutz und Don­ner, hält er an der Frage fest, wo die Hoff­nung liegt, die Heilung für diese Ein­samkeit, die sich epi­demisch durch die Welt zieht. Und tat­säch­lich, es liegt viel Dunkel­heit und Ein­samkeit in diesem Album. Doch zwis­chen den Kriegen und der Zer­störung liegt stets die Liebe in A Pill For Lone­li­ness, das Fes­thal­ten am Glauben, dass es bloß einen Schritt braucht, um sich einan­der anzunäh­ern, um einan­der wieder zu sehen: „No mat­ter how far I’m going / I’ll find my way back / through this dif­fi­cult love“, stellt er im gle­ich­nami­gen Song fest und „if we get back to lov­ing each oth­er / can we get back to learn­ing how to live?“, fragt er in Strangers. Und so wird sein Leben in Moun­tain of Mad­ness zum unerträglichen Berg inmit­ten ein­er toten Welt, von dem es kein Entkom­men zu geben scheint. Doch immer­hin zeich­net er sich dieses Leben selb­st, wählt seine eige­nen Wege und Pfade, abseits des Anspruchs der Welt, die ihn so schmerzt: „This life was mine to choose / yearn­ing to wan­der through and through / at times I’ve been bat­tered and bruised / but I’m still breath­ing in my youth“ (Liv­ing in Light­ning).

Astro­naut erzählt von Green als Wan­der­er, der über die Krüm­mung der Welt und mit dem Lauf des Mon­des geht, fernab von sein­er Fam­i­lie, von denen, die er liebt.

Die erste Sin­gle-Auskop­plung des Albums, Astro­naut, welche im Juni 2019 veröf­fentlicht wurde, ver­schmilzt die Ein­samkeit, welche sich the­ma­tisch als rot­er Faden durch das Album zieht, mit dem epis­chen Reich der Natur, welch­es Green als Schau­platz sein­er raum­greifend­en Gedanken­land­schaft set­zt. Astro­naut erzählt von Green als Wan­der­er, der über die Krüm­mung der Welt und mit dem Lauf des Mon­des geht, fernab von sein­er Fam­i­lie, von denen, die er liebt—ein Leben, welch­es in ihm gle­ich­sam die Ein­samkeit weckt und ihn doch von genau jen­er heilt. Ein Astro­naut eben, ein­er, der alles sieht und doch nir­gends ankommt. Ein­er, der von der Schön­heit der Welt weiß und doch nie­man­dem von ihr erzählen kann. Und so wie die Musik in Greens frag­men­tierten Leben, so hält uns auch A Pill For Lone­li­ness den Spiegel der eige­nen Ein­samkeit vor—und heilt diese im sel­ben Atemzug.

A Pill For Lone­li­ness erzählt also von uns allen. Vom zen­tral­sten The­ma unser­er Gesellschaft, der Ent­frem­dung, der Iso­la­tion, aber auch der Annäherung; von Chaos und Schmerz, von gefal­l­enen Städten und zer­störten Straßen, aber auch von epis­ch­er Naturge­walt und der Schön­heit des Mondlicht­es, und das ohne völ­lig im Kitsch aufzuge­hen. Und vielle­icht sind wir alle Astro­naut­en, die ent­fremdet auf der Suche nach Hoff­nung und auf der Suche nach ein­er Pille gegen die Ein­samkeit sind. Unter­wegs find­en wir zwar keine Wun­der, aber wir find­en uns. Im Chaos. Und in der Musik.

Mercys Favoriten: Astronaut, Imagination, Songs of Unrest, Young Lovers, Lay Me Down


City and Colour, A Pill For Lone­li­ness. Released am 4. Okto­ber 2019 unter Still Records und pro­duziert von Jacquire King.


Bildquellen: wiki commons


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