Circe: Tochter der Sonne, Geliebte des Odysseus und Hexe aus Homers „Odyssee“ als feministische Ikone

TRIGGER WARNUNG: IN DIESER REZENSION GIBT ES ERWÄHNUNGEN SEXUELLER GEWALT.
SPOILER WARNUNG: DIESE REZENSION ENTHÄLT SPOILER ZU MADELINE MILLERS „CIRCE“.

von Mer­cy Ferrars

‚Ich denke, du bist Odysseus‘, sagte ich. ‚Vom gleichen Blut wie [Hermes].‘
Er zuckte nicht hinsichtlich dieses unheimlichen Wissens. Er war ein Mensch, der an die Götter gewöhnt war. ‚Und du bist die Göttin Circe, Tochter der Sonne.‘
Mein Name in seinem Mund. Es löste ein Gefühl in mir aus, stechend und erwartungsvoll. Er war tatsächlich wie die Gezeiten des Meeres, dachte ich. Man sähe auf, und das Ufer wäre verschwunden.
[Madeline Miller—Circe, meine Übersetzung]

Hun­dert­fach bin ich zu Zeit­en meines Bach­e­lors in meinen end­losen Freis­tun­den zwis­chen den Stat­uen am Neuen Palais und dem Park Sanssouci in Pots­dam ent­lang flaniert, ganz ohne zu begreifen, welch faszinierende Leg­en­den mich eigentlich umgaben. Erst als ich ver­gan­genen August mit ein­er Fre­undin ein­mal einen näheren Blick auf die Skulp­turen warf, begriff ich, dass sie die vielfälti­gen Per­sön­lichkeit­en der griechis­chen Mytholo­gie darstell­ten. Ganz beson­ders nahe fühlte ich mich ein­er Stat­ue, welche einen Halb­mond auf der Stirn trug— Selene, Göt­tin des Mon­des. In diesem Moment war eine kleine Flamme in mir ent­facht wor­den. Ich wusste bish­er nichts über die griechis­che Mythologie—manche Namen, wie Odysseus oder Medea taucht­en stel­len­weise in mein­er Erin­nerung auf, doch zum Großteil war mir die Welt der antiken Heldenepen und Göt­ter­sagen bis zu diesem Tage ver­schlossen geblieben. Ändern sollte sich dies, als ich während mein­er let­zten Reise nach Glas­gow plöt­zlich über Made­line Millers Circe stolperte. Ich nehme unglaublich gerne Büch­er als Sou­venirs aus den Städten mit, die ich besuche (beispiel­sweise Warm Bod­ies aus Lon­don oder Die unendliche Leichtigkeit des Seins aus Bukarest). Millers Circe bestach mich in der britis­chen Aus­gabe mit seinem wun­der­schön leuch­t­en­den bronze-far­be­nen Cover—und sollte for­t­an den ersten Schritt auf mein­er offen­baren­den Reise durch die griechis­che Mytholo­gie bezeichnen.

Die Geschichte der Göt­tin Circe, Tochter der Sonne, Erschaf­ferin des See­unge­heuers Scyl­la und Geliebte des Odysseus, eine mächtige Zauberin—eine Phar­makis—wurde bere­its in viel­er­lei anderen Werken erzählt, beispiel­sweise in Homers Odyssee. Doch Made­line Miller erzählt ihre Geschichte auf eine erfrischend neue Art und Weise. Bei Miller ist Circe eine Pro­tag­o­nistin mit ein­er reichen und tief­gründi­gen Innen­welt und, vor allen Din­gen, ein­er beina­he schon men­schlich nachvol­lziehbaren Ver­gan­gen­heit. Ihre eigene Geschichte, ihr com­ing into exis­tence, wird nicht nur fan­tastisch mit anderen großen Ereignis­sen der mythis­chen Sagen verknüpft und einge­bet­tet, nein, bei Miller wird Circe zur fem­i­nis­tis­chen Ikone, zur Hexe, welche viel ihrer selb­st gibt und die das Leben let­ztlich lehrt, sich einzig auf ihre eige­nen Kräfte zu ver­lassen. Meinem Sinn für Ästhetik und Dra­maturgie wird Miller mit ihrer großen, mächti­gen Sprache sehr gerecht—eine Sprache wie geschaf­fen, um von Göt­tlichkeit zu erzählen.

„ES WAR MEINE ERSTE LEKTION. UNTER DEM GESCHMEIDIGEN, VERTRAUTEN ANTLITZ DER DINGE VERBIRGT SICH EIN WEITERES, WELCHES DIE WELT ENTZWEI ZU REISSEN SUCHT“

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© Mer­cy Ferrars

Millers Konzep­tion der Circe lässt sich in drei große Kon­flik­te einord­nen: Zu Beginn ist Circes Geschichte eine der Ablehnung, des Schmerzes und let­ztlich der Isolation.

Als ich geboren wurde, gab es keinen Namen für das, was ich war. Sie nan­nten mich Nymphe, und nah­men an, ich sei wie meine Mut­ter und Tan­ten und tausend Cousinen…

begin­nt Circes Geschichte, wenn man das Buch auf­schlägt. Nymphe zu sein, so macht Circe klar, beze­ich­net nicht nur eine niedrigere Got­theit, son­dern auch ihre Funk­tion in ein­er patri­ar­chal geprägten Gesellschaft der großen Got­theit­en: Ihr Schick­sal als Braut. Aus hohem Hause des Son­nenkönigs Helios stam­mend, erfüllt Circe keine der Ansprüche, welche an Nymphen gestellt wer­den. Ihre Stimme ist zu men­schlich, ihre Erschei­n­ung niemals schön genug, ihre Fähigkeit­en nicht nüt­zlich und ihr Wille so ungestüm und unberechen­bar, dass eine Zukun­ft als fol­gsame Braut unvorstell­bar wird. Nach­dem Circe die Nymphe Scyl­la aus Eifer­sucht in ihre wahre Gestalt—ein furchte­in­flößen­des See­unge­heuer, welch­es der Leg­ende nach die Meere zwis­chen Sizilien und Ital­ien heimsucht—verwandelt, zieht sie die Wut der Göt­ter auf sich und wird auf die Insel Aia­ia ver­ban­nt. Neb­st ihrer Löwin und ihrer magis­chen Pflanzen führt Circe dort ein ein­sames, doch erfülltes Leben. Sie schult eigens ihre Hex­enkun­st und führt eine affek­t­lose Affäre mit dem Göt­ter­boten Her­mes, der neben­bei den Tratsch der Göt­ter­häuser zu ihr trägt. Zuweilen find­en auch einige namhafte Fig­uren der griechis­chen Mytholo­gie ihren Weg in Circes Leben, beispiel­sweise ihre Nichte Medea und der Kün­stler und Erfind­er Daidalos.

„DIE WAHRHEIT IST, MÄNNER MACHEN FÜRCHTERLICHE SCHWEINE“

Kurz nach­dem einige junge Nymphen ins Exil nach Aia­ia geschickt wer­den, find­et auch ein kri­tis­ches Moment in Circes Leben den Weg dor­thin. Ein Schiff geht nahe der Insel vor Anker und die Besatzung, erschöpft von ihrer Reise, bit­tet um Rast und Pro­viant. Circe heißt die Gäste willkom­men, doch sie ahnt um die Unwis­senheit der Reisenden hin­sichtlich ihrer Göt­tlichkeit. Als die Seemän­ner sich nach ihrem Ehe­mann erkundi­gen, um ihm zu danken, erwäh­nt Circe gegenüber einem der Män­ner, dass sie mit den Nymphen allein auf Aia­ia lebe—was er als Ein­ladung ver­ste­ht, um sich an ihr zu verge­hen. Miller schildert mit mitreißen­der und berauschen­der Fein­füh­ligkeit die graphis­che Szene von Circes Verge­wal­ti­gung, durch welche die Göt­tin sich erst in Hil­flosigkeit, und schließlich von ihrer steigen­den Panik in die Wogen tosender Wut getriebe­nen sieht. Ihr Wille bleibt unberührt von den geifer­n­den Hän­den der Seemän­ner, und sie spricht eine Formel, welche ihnen den Rück­en bricht und sie in Schweine verwandelt—ein Schick­sal, welch­es anschließend jede Schiffs­be­satzung ereilen sollte, die ihren Weg zu Circes Palast fände.
Dieses Schlüs­sel­ereig­nis ent­facht ein neues Feuer in Circe, welch­es sie an die Spitze ihres Kön­nens treibt und sie zu ein­er mächti­gen Hexe macht, welche fol­glich ihr Leben und ihre Heimat mit allem vertei­digt, was sie hat. Nicht ver­wun­der­lich also, dass sie auch Odysseus‘ Seemän­ner kurz­er­hand in Schweine ver­wan­delt, als deren Schiff ihre Insel find­et. Und doch fasst sie let­ztlich Ver­trauen zu Odysseus, dem „Besten der Griechen“ (Miller), auf sein­er Rück­reise aus Tro­ja; einem Mann, der anders ist als die anderen—weiser, reifer, san­fter. Der besun­gene Held wird als­bald in Circes Bett zu einem ver­wund­baren Mann, ver­fol­gt von Jahren auf dem Schlachtfeld.

Er zeigte mir seine Nar­ben, und im Gegen­zug ließ er mich vortäuschen, ich habe keine,

berichtet sie. Es entwick­elt sich eine eigen­tüm­lich san­fte und tief­greifende Fre­und­schaft zwis­chen Circe und Odysseus, welche erst durch seine Heimkehr nach Itha­ka, zu Frau und Kindern, ein Ende findet.

„ER WAR EIN WEITERES MESSER, ICH KONNTE ES FÜHLEN. ICH KÜMMERTE MICH NICHT. ICH DACHTE: GIB MIR DIE KLINGE. MANCHE DINGE SIND ES WERT, DASS MAN FÜR SIE BLUT VERGIESST.“

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© Mer­cy Ferrars

Millers Circe endet auf ein­er epis­chen Note, denn nach­dem Circe Odysseus‘ Sohn gebärt, muss sie sich nicht nur den unweiger­lichen Her­aus­forderun­gen ein­er Mut­ter stellen—wobei ihr ihre Göt­tlichkeit mehr in Weg ste­ht, als zuvor angenommen—sondern muss sich vor allem mit all­ge­gen­wär­tiger Sterblichkeit auseinan­der­set­zen. Sterblichkeit, nicht nur ihres Sohnes Telegonus, son­dern genau­so die ihres Lieb­habers Odysseus und der vie­len anderen Men­schen, deren Leben sie berührt hat. In einem Rausch von Prophezeiun­gen und fatal­en Ver­strick­un­gen mit Athena, der Göt­tin des Krieges, zieht Telegonus unter dem Schutz sein­er Mut­ter schließlich los, um seinen Vater zu suchen-–nur um dessen Leben durch sein eigenes Erscheinen zu been­den. Als Odysseus‘ Ehe­frau Pene­lope und sein Sohn Telemachus schließlich gemein­sam mit Telegonus nach Aia­ia zurück­kehren, sieht sich Circe mit der drin­gend­sten Frage ihres Lebens kon­fron­tiert: Der Wahl zwis­chen Göt­tlichkeit und Menschlichkeit:

Ich dachte einst, Göt­ter seien das Gegen­teil vom Tod, aber ich sehe jet­zt, dass sie tot­er als irgen­det­was anderes sind, da sie sich nie verän­dern und nichts in ihren Hän­den hal­ten können.

„HEXEN SIND NICHT SO ZARTSINNIG“

Millers Erzäh­lung erlaubt es Circe, aus dem Schat­ten ihrer leg­endären Zeitgenossen zu treten: Als Pro­tag­o­nistin, nun selb­st die strahlende Sonne im Mit­telpunkt der Welt, weist sie eine solche Kom­plex­ität auf, dass es einem förm­lich den Atem ver­schlägt. Circe besitzt einen unbeugsamen Willen, reinen Herzens liebt sie wieder und wieder, um anschließend mit den Kon­se­quen­zen der tief­schür­fend­en Emo­tio­nen zu kämpfen. Circes Geschichte ist vom ersten Moment an fes­sel­nd und ihr Charak­ter ein­nehmend; sei es, wenn sie von ihrer Fam­i­lie wegen ihrer ver­meintlichen Plumpheit ver­höh­nt wird, oder wenn sie einen Sterblichen in einen Meeres­gott und eine Nymphe in ein reißerisches Unge­heuer ver­wan­delt; Circe besticht mit ihrer Magie, ihrer Weisheit, ihrer Inten­sität und ihrer Rig­orosität. Ob sie während der abscheulichen Geburt des Mino­tau­rus einige Fin­ger im bluti­gen Unter­bauch ihrer Schwest­er Pasiphaë ver­liert oder sich lange Zeit später selb­st bei vollem Bewusst­sein den Unter­leib auf­schlitzt, um ihren Sohn auf die Welt zu brin­gen, Circe lässt keinen Raum für Halb­herzigkeit­en; auch nicht, wenn sie dutzende über­grif­fige Män­ner in Schweine ver­wan­delt. Und doch regiert sie Aia­ia nie in Kälte oder Ablehnung. Bis zum Ende glaubt Circe an das Gute in den Men­schen, wen­ngle­ich auch nicht in den Göt­tern. Am Ende der Reise fühlt man sich ihr tief ver­bun­den und es scheint fast, als wäre ein klein wenig ihrer Magie auf einen selb­st übergesprungen.

Frauen zu demüti­gen, scheint ein haupt­säch­lich­er Zeitvertreib der Poet­en zu sein. Als kön­nte es keine Geschichte geben, solange wir nicht kriechen und weinen,

bemerkt Circe kalt, und genau diese Ander­sar­tigkeit, dieses Feuer und diese Wut und dieser Schmerz, welche Millers Erzäh­lung von den unzäh­li­gen anderen Ver­sio­nen von Circe abheben, sind es, die Circe zu einem absoluten Must-Read machen.


Miller, Made­line. Circe. Blooms­bury Pub­lish­ing, 2018.


ÜBER-MERCY

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