Ungleiche Städte—Urbane Probleme auf diesem Planeten

von Martin Bäckert

Die uns täglich umgebende Welt des 21. Jahrhunderts ist eine Welt voller Gegensätze und Widersprüche. Während es einem Teil der Menschheit wohl noch nie so gut ging, leben andere Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen. Die Gründe und Zusammenhänge dieser ungleichen Strukturen, Prozesse und schlussendlich Lebensweisen sind komplex und auf den ersten Blick unsichtbar. In unserem Alltag spielen die globalen Ungleichheiten—abgesehen von kurz wahrgenommenen Schlagzeilen—keine Rolle. Zahlen und Statistiken können in Kombination mit sozialwissenschaftlichen Theorien zwar Erklärungen liefern, doch sie erzählen uns wenig über die tatsächlichen Lebensweisen der Menschen vor Ort. Durch die Betrachtung von Stadtbildern und den Geschichten, die sie uns erzählen, haben wir die Möglichkeit, soziale Unterschiede zu erkennen und zu hinterfragen. Denn Städte sind Orte, an denen unterschiedlichste Lebensrealitäten mit und vor allem nebeneinander existieren. Wie unterschiedlich dies sein kann, zeigen uns Einblicke in die Städte Nairobi, Mexico City und Augusta (USA).

Forscht man innerhalb der Sozialwissenschaften zu sozialer Ungleichheit, wird zunächst oft mit qualitativen Auswertungen gearbeitet. So auch im Falle der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Laut einer Oxfam Studie aus dem Jahr 2009 besaßen die reichsten 10 % der Einwohner Nairobis rund 45 % des Vermögens, während die ärmsten 10 % nur 1,6 % besaßen. Es zeigt sich also eine Stadtgesellschaft, in der das Vermögen größtenteils ungleich verteilt ist. Sichtbar und erlebbar werden diese Erkenntnisse dann, wenn man sich im Falle Nairobis das Aufeinandertreffen der Viertel Riara und Imara Daima anschaut. Hier eine Impression:

Was sofort in den Blick fällt: Gegensätze. Einfamilienreihenhäuser treffen auf Wellblechhütten. Freier Zugriff auf Wasser, Strom und Internet trifft auf den täglichen Kampf um diese Ressourcen. Auf dem Bild prallen die Wohngegend Imara Daima und die Mukuru Kwa Njema Slums (wovon Riara ein Teil ist) direkt aufeinander. In der schnell wachsenden 4-Millionen-Einwohner-Metropole Nairobi leben allein rund 120.000 Menschen in den Mukuru Kwa Njema Slums. An ihren Außengrenzen sind die Slums durch Mauern und Straßenkorridore von der restlichen Stadt abgetrennt—so auch in Riara. Der Alltag der Hausbesitzer soll durch die Mauern von dem Alltag der Slums getrennt werden. Doch in Anbetracht zahlreicher illegaler Strom- und Wasseranzapfungen seitens Riara-BewohnerInnen gelingt diese Trennung jedoch kaum. Die Einordnung der Anzapfungen als illegal zeigt, wie aus sozialen Ungleichheiten rechtliche Widersprüche werden: Das Recht der Hausbesitzer auf Eigentum steht dem Recht der Riara-Bewohner auf Zugang zu Wasser und Strom gegenüber. Eine Auflösung dieser Gegensätze erfordert ein langfristiges Suchen nach Kompromissen und ein stetiges Verbessern der Lebenssituationen in den Slums. Wie dies gehen kann, zeigt das sogenannte Slum Upgrading Project der Nairober Universität. Das hauptverantwortliche CURI (Center for Urban Research and Innovations) versucht in dem 2012 begonnen Projekt die sozialen und ökonomischen Bedingungen in den Mukuru Kwa Njema Slums zu verbessern. Zu den Hauptzielen zählen hierbei das Errichten dauerhaften Wohnraums, die Bereitstellung sanitärer Anlagen sowie ein einfacher und vor allem legaler Zugang zu Wasser und Strom. In Kombination mit der Erhebung unterschiedlichster Statistiken vor Ort können ungleiche Strukturen abgebildet und im Zuge dessen verbessert werden. Ein Beispiel hierfür ist eine Karte über die Wasserversorgungspunkte in den Slums:

Das Slum Upgrading Project ist also ein Beleg dafür, wie Wissenschaft mit Hilfe zunächst theoretischer Konzepte in konkreten Programmen praktisch helfen kann. Wir behalten uns die Probleme und Lösungsansätze aus Nairobi im Kopf, wenn wir uns nun dem Fall Mexico City zuwenden.

Mexiko und Kenia sind zwar in vielerlei Hinsicht unterschiedliche Länder, doch auch auf diesem Bild aus Mexico City prallen soziale Ungleichheiten direkt aufeinander. Wir sprechen hier bei aktuell knapp 8,9 Millionen Einwohnern über eine der weltweit größten Städte. Mexico City ist darüber hinaus die Hauptstadt eines Landes, in dem die reichsten vier Menschen rund 9 % des nationalen Vermögens besitzen. Diese Zahl steht im Kontrast zum Lebensalltag der Menschen in Tepito, einem der ärmsten Viertel der Stadt. Tepito ist berühmt für seinen großen Markt, bei dem über viele Straßen hinweg so gut wie alles gekauft werden kann. Das Angebot reicht von Lebensmitteln über gefälschte Klamotten bis hin zu Schusswaffen. Mangelnde Bildung und mangelhafte Berufsperspektiven lassen die illegalen Geschäfte florieren. In den letzten Jahrzehnten wurden diese Missstände um Probleme mit organisiertem Drogenhandel erweitert, die das Viertel zu einem Auseinandersetzungsort zwischen Polizei und Kartellen machte und den Lebensalltag in Tepito im Vergleich zu anderen Vierteln der Stadt deutlich gefährlicher machen. Nicht umsonst heißt die Gegend im mexikanischen Sprachgebrach Barrista Bravo—das wilde Viertel. Dennoch gilt es auch hier, das Bestreben die Lebensverhältnisse zu verbessern. So verfügt Tepito über eigenständig organisierte Institutionen, die über den Alltag im Viertel bestimmen und mit den offiziellen Behörden in stetigen Verhandlungen stehen. Ein Beispiel ist ein eigener Sicherheitsdienst der Marktverkäufer, die gegen anderweitige Taschendiebe vorgehen. Den spezifischen Organisationsformen im Bezirk hat der mexikanische Theoretiker Gustavo Esteva mit „Tepito: No Thanks, First World“ einen eigenen Aufsatz gewidmet.

Werfen wir als Drittes und Letztes ein Blick auf die US-amerikanische Kleinstadt Augusta. Sie zeigt uns, dass die Suche nach sozialen Ungleichheiten in Städten nicht nur eine Frage von Zugang zu Ressourcen oder Berufsperspektiven ist, sondern auch von Umweltschutz.

Die Geschichte von Augusta—eine Stadt im Bundesstaat Georgia—begegnete mir im Laufe meines Ethnologie-Studiums. Die Grundlage dieser Auseinandersetzung war dabei das Buch „Polluted Promises“ der amerikanischen Ethnografin Melissa Checker. Checker beschreibt dabei den Alltag der afroamerikanischen Nachbarschaft des nahe der Stadt Augusta gelegenen Hyde and Aragon Park. In den 1950er dort mit großen Hoffnungen angesiedelt, kämpfen die Einwohner heute gegen den Zerfall ihrer Siedlung an. Das Hauptproblem des Wohngebietes sind massive Umweltverschmutzungen, die durch ehemalige Industrieunternehmen im Umkreis der Siedlung bereits in den 1960ern ausgelöst wurden. Heute, rund 60 Jahre später, hat sich an der Situation nicht viel geändert. Weiterhin besteht ein hohes Gesundheitsrisiko für die Anwohner—ob alt oder jung. Wer es sich leisten konnte, ist weggezogen. Doch wer diese Mittel nicht aufbringen kann, ist der Situation vor Ort ausgeliefert. Entschädigungszahlungen ehemaliger Industrieunternehmen sowie eine konsequente Unterstützung der Lokalpolitik sind bisher ausgeblieben. Ein Weg, diese Unterstützung einzufordern, geht darüber, Aufmerksamkeit auf die Probleme des Hyde Parks zu legen. Wie dies funktionieren kann, zeigt die 2005 veröffentlichte Ethnografie von Melissa Checker, die mittlerweile ein oft gelesenes Buch ist. Die Ethnologin unterstütze in ihrer Feldforschung vor Ort die Anwohner in ihrem Bestreben darin, die Lebensbedingungen in ihrem Viertel zu verbessern. Dazu wurden vor allem Webseiten eingerichtet und öffentliche Ämter angeschrieben, um eine Öffentlichkeit für dieses Thema zu kreieren. Aktuell ist in diesem Zusammenhang eine selbstfinanzierte Dokumentation geplant—der Kampf um ein besseres Leben ist im Hyde Park also noch lange nicht abgeschlossen.

Was kann aus diesen drei Beispielen mitgenommen werden? In allen drei Fällen haben wir es mit Stadtgesellschaften zu tun, die von sozialer Ungleichheit betroffen sind. Die in den jeweiligen Zusammenhängen erhobenen Zahlen und Statistiken untermauern dies mit Fakten. Die Geschichten hinter den Bildern erzählen uns davon, wie sich diese Strukturen in konkreten Lebensrealitäten manifestieren können. Tür an Tür, Haus an Haus, Bezirk an Bezirk zeigen sich soziale Ungleichheiten. Diese Gegensätze führen uns zu Fragen nach gerechter Ressourcenverteilung, Sicherheit, Berufsperspektiven, Umweltschutz und vielen weiteren Aspekten. Forderungen wie „Wohlstand für alle“ oder ein selbstbestimmtes Leben wirken dort weit entfernt von einer Realisierung. Die Strukturen sozialer Ungleichheiten aufzubrechen, um damit Lebensverhältnisse nachhaltig zu verbessern, ist ein langer und schwieriger Prozess. Ein Prozess, der bestenfalls durch konsequente Zusammenarbeit zahlreicher Akteure wie Politiker, NGOs, Anwohner sowie unserer Aufmerksamkeit begleitet wird. Denn die genannten Fallbeispiele zeigen eben auch: Ungleichheit ist ein globales Problem. Nicht nur weit weg, sondern eben auch vor unserer Haustür gibt es Strukturen sozialer Ungleichheit. Wenn wir unseren Blick dafür schärfen, mit welchen Problemen Menschen in strukturell benachteiligten Gegenden und Bezirken in unserer Nähe konfrontiert werden, werden aus scheinbar unsichtbaren Zahlen und Statistiken sichtbare und erlebbare Probleme, die es zu lösen gilt.


Weiterführende Links und Literatur:

  • Gustavo Esteva, Tepito: No Thanks, First World, in: In Context, Nr. 30, Herbst/Winter 1991.
  • Checker, M., Polluted Promises, New York 2005.

Bildquellen: https://unequalscenes.com/, CURI


 

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