Surreal, Mystisch, Viktorianisch: BBCs Dracula auf Netflix [Rezension]

von Adrien Fields

Alteingesessene Horrorfans wissen, dass ein Januar-Release normalerweise nichts Gutes für einen Film bedeutet. Während die vielversprechenden, heiß begehrten Horrorfilme im Spätsommer und Herbst in die Öffentlichkeit gehen, gilt der Januar als Entsorgungsstätte für eher trashige Produktionen, die höchstens noch als “so bad it’s funny” Unterhaltungswert haben. BBCs Dracula stellt hierbei eine herausragende Ausnahme dar. Das dreiteilige Epos (drei Episoden von jeweils 90 Minuten) lief in den ersten drei Januartagen auf BBC One und ist seit dem 4. Januar international auf Netflix verfügbar. Produziert wurde der Dreiteiler vom BBC-Starproduzenten Steven Moffat, der vor allem für seine Arbeit an BBCs Sherlock und Doctor Who bekannt ist.

Der erste Teil der Serie spielt zunächst sehr nah an der Handlung von Bram Stokers gleichnamigen Roman und setzt die Stimmung der Serie mit klaustrophobischen Settings und reichlich klassischem Körperhorror. Doch gruseliger wird es von hier an nicht. Die zweite Folge, welche Draculas Reise auf dem Passagierschiff Demeter von Rumänien nach England zeigt, scheint ein klassischer Mystery-Film à la Christie zu sein. Die Serie findet ihren Höhepunkt im dritten Teil, circa 100 Jahre später im modernen London.

Claes Bang (links) und John Hefferman in BBC’s Dracula

Man könnte meinen, Moffat wolle zur Essenz des viktorianischen Horrors zurückkehren. Anders als im kontemporären Horror überlebt dort die ProtagonistIn ihre Tortur selten. Der Grusel liegt in der Unausweichlichkeit des Endes durch die Hände des Monsters – des Sandmannes, des Vampirs, der zusammengeflickten Kreatur. Und wie im viktorianischen Horror steckt auch in Moffats Dracula so etwas Ähnliches wie Sozialkritik: Gegen die Wirklichkeit des Todes könnt ihr euch nicht wehren. Irgendwann werdet ihr die Konsequenzen eurer Selbstzerstörung fühlen, proklamiert er. Wie effektiv diese Kritik des 59-jährigen Regisseurs beim Publikum ankommt, ist jedoch fraglich. Wer mit Moffats Arbeit bei der britischen Kultserie Doctor Who vertraut ist, wird vor allem am Ende deutlich spüren, wer hier das Script geschrieben hat.

Und dennoch hat Moffat sich ganz klar weiterentwickelt und selbst übertroffen: Die neueste BBC-Verfilmung von Bram Stokers Dracula überzeugt durch ihre atmosphärischen Settings, eine komplexe, geheimnisvolle Handlung und die herausragenden schauspielerischen Leistungen von Claes Bang und Dolly Wells in den Hauptrollen. Dracula ist gleichzeitig Period Piece, Krimi und surrealer Horror. Dank Steven Moffats einzigartiger Vision werden sich auch Kenner und Liebhaber des Quellenmaterials nicht langweilen.


Bildquelle: film-rezensionen.de


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