„In der Kunst müssen Frauen härter kämpfen, um ernst genommen zu werden“ #5

von Mercy Ferrars

Schon seit vielen Jahren folge ich der Stuttgarter Fotografin Venera Red auf ihren sozialen Netzwerken. Vor rund acht Jahren explodierte mein Facebook regelrecht vor Fotografinnen und Fotografen. Wenige davon sind geblieben, viele haben ihre Kamera niedergelegt oder sind aus der virtuellen Welt verschwunden. Veneras Handschrift hat sich in dieser Zeit maßgeblich definiert und übersteigt die Grenzen der bloßen Fotografie. In ihren Werken verschmilzt die Realität mit der Zufälligkeit der Malerei und man taucht in eine Parallelwelt ein, die einen gefangen nimmt—in Form, in Farbe, im Detail und im Blick.

Das FFMag hat sich mit Venera zu einem wunderbaren Chat-Interview verabredet und hat mit ihr über die Kunst, die Verletzlichkeit und die Weiblichkeit gesprochen.


FFMag: Liebe Venera, bevor wir beginnen, stell dich bitte kurz vor.

Venera: Vielen Dank für die Einladung zum Gespräch! Mein Name ist Venera—das ist kein Schreibfehler (lacht). „Venera“ kommt aus dem Albanischen und bedeutet „Venus“. Ich bin 30 Jahre alt, lebe in Stuttgart und arbeite freiberuflich als Fotografin. Mein Schwerpunkt ist die Portraitfotografie. Momentan bereite ich meine dritte Ausstellung vor, die vom 04.04.2020-09.05.2020 in der Galerie Nieser in Stuttgart zu sehen sein wird.

 FFMag: Deine Kunst zeichnet sich durch eine faszinierende und transzendentale Vermischung von digitaler Fotografie und handwerklichen Aspekten der Malerei aus. Wann kam es zum ersten Mal zu solch einer Symbiose und wie verändert es die Fotografie für dich?  

Venera: Vor drei Jahren, als ich meine letzte Ausstellung vorbereitet habe, hatte ich einige Testdrucke meiner Bilder zu Hause. Und so geschah es, in einer schlaflosen Nacht, dass ich meine Acrylfarben ausgepackt habe und mit bloßen Händen die Farbe auf den Bildern verteilt habe. Während sich in Photoshop jeder Bearbeitungsschritt kontrollieren und rückgängig machen lässt, verwehre ich mir beim direkten Arbeiten auf dem Bild diese Möglichkeit. Dadurch entstehen zufällige Bilder, die sich nicht durch Perfektionismus kontrollieren lassen.

FFMag: Ist es befreiend für dich, den Perfektionismus mal beiseitelassen zu müssen?

Venera: Absolut! Durch diesen Arbeitsprozess gelang es mir, mich meinem Perfektionismus zu stellen. Wenn die Farbe einmal das Papier berührt, ist das nicht mehr rückgängig zu machen, auch wenn es einem nicht zu 100 % gefällt. Ich habe dadurch gelernt, auch ‚Fehler‘ zu akzeptieren und als Teil des Bildes anzunehmen. Das kann man auch aufs echte Leben übertragen (lacht). Ich war früher sehr perfektionistisch, das habe ich jetzt weitestgehend abgelegt.

FFMag: In manchen deinen Bildern scheint die Farbe ein solch bezeichnender Bestandteil des Werkes zu sein, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie willkürlich geflossen ist!

© Venera Red. Photography

Venera: Bei dem Coverbild für das Album ASPIRE der Stuttgarter Post-Hardcore Band Venues entwarfen wir das Konzept, dass die Goldfarbe über das Gesicht laufen sollte. Aber ob die Farbe dann nur über die Augen oder auch über den Mund fließen würde, ergab sich erst in der Arbeit mit der Farbe. Ich habe mehrere Varianten von diesem Bild erstellt, indem die Farbe sich unterschiedlich bewegt hat, und für diese Variante haben wir uns dann entschieden. Das Bild mit der Frau und der roten Farbe auf grünstichigem Hintergrund entstand so, dass ich einfach die rote Farbe über ein Schwarz-Weiß-Bild geschüttet habe (ich hatte überhaupt keine Idee, was ich noch mit der restlichen Farbe machen sollte, und schüttete sie einfach aufs Bild), dann nahm ich ein Tuch und tupfte einmal damit auf Gesichtshöhe in die Farbe. Die Farbe, die dadurch abgetragen wurde, legte das finale Bild frei. Beim Digitalisieren passierte dann noch eine zweite Sache, auf welche ich keinen Einfluss nahm. Durch die rote Farbe ergab es sich beim automatischen Weißabgleich, dass alle Flächen, die ich in Schwarzweiß geplant hatte, in Grün dargestellt wurden. Im letzten Bild ist die Staubschicht übrigens nicht im Photoshop entstanden. Das Bild lag, bevor ich es digitalisiert habe, sehr lange in meiner Wohnung und nahm diese Staubschicht an, die ich dann als Teil des Bildes akzeptierte.

FFMag: In deinen Aktfotografien fühlen sich die Modelle für den Betrachter sehr echt an, nah, verletzlich. Wie schafft man es, anspruchsvolle und stilvolle Aktaufnahmen einzufangen, und wie verändert das Fehlen von Kleidung die Stimmung der entstehenden Fotografien?

© Venera Red. Photography

Venera: Das Problem in unserer Gesellschaft ist, dass ein nackter Körper sehr schnell sexualisiert wird. Für mich bedeutet Nacktheit vor allem Natürlichkeit, Echtheit und Stärke und das möchte ich dem Betrachter zeigen. Kleidung charakterisiert eine Person sofort. Wir alle haben Vorurteile und wenn wir eine Person mit einem bestimmten Look sehen, stecken wir sie in eine Schublade. Ohne Kleidung habe ich die Möglichkeit, dem Model und dem Bild einen Charakter zu verleihen, der allein durch die Haltung, den Gesichtsausdruck, die Bearbeitung bestimmt wird.

FFMag: Gibt es so etwas wie eine weibliche Handschrift in der Kunst und/oder in der Fotografie?

Venera: Als Fotografin zeige ich dem Betrachter die Welt aus meiner Perspektive. Und sicherlich haben Frauen und Männer auf einige Dinge eine andere Perspektive, die sich auch auf den Bildern zeigt. Dennoch denke ich persönlich nicht, dass man pauschal von einer männlichen oder weiblichen Handschrift in der Fotografie sprechen kann.

FFMag: Für welchen Kampf begibt sich die moderne Frau deiner Meinung nach noch immer aufs politische und soziale Schlachtfeld?

Venera: Auch wenn wir eine gesetzlich geregelte Gleichstellung haben, die Realität, der Alltag sieht anders aus. Es besteht nach wie vor eine Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in der Gesellschaft. Die Themen sind breit gefächert: sexualisierte Gewalt und Belästigung, durchschnittlich ein geringeres Einkommen, geringere Vertretung in Führungspositionen, höhere Altersarmut bei Frauen. Eine geringere Präsenz in der Kunst, im Film, in der Musik, in der Sprache … Das sind alles Schlachten, die noch geschlagen werden müssen. Wir alle können diese Strukturen durchbrechen, wenn wir weiterhin ein Bewusstsein für das bestehende Ungleichgewicht schaffen, als Frau und als Mann achtsam sind, Sexismus erkennen und thematisieren. Besonders in den kreativen Bereichen fällt auf, dass Frauen deutlich weniger sichtbar sind. In den Museen hängen weit mehr Arbeiten von Männern. In der Musik wird hauptsächlich männlichen Künstlern eine Plattform gegeben. Und ganz aktuell: Bei den Oscars 2020 wurden nur Männer für die beste Regie nominiert. Ich habe das Gefühl, dass man als Frau in der Kunst immer ein bisschen härter kämpfen muss, um als Künstlerin ernst genommen zu werden.

FFMag: Hast du selbst in der Kunst schon einmal die Erfahrung gemacht, dass du dich härter beweisen musstest, weil du eine Frau bist?

© Venera Red. Photography

Venera: Mir ist aufgefallen, dass auf Plattformen, auf denen Kunst vertrieben wird, oder in fotografischen Bildbänden mit gesammelten Werken hauptsächlich Männer vertreten sind, was mir das Gefühl gab, dass mehr Interesse an männlichen Künstlern besteht und ich mich als Frau mehr bemühen muss, um wahr genommen zu werden.

FFMag: Hast du ein weibliches Vorbild in deinem Leben und/oder in der Fotografie?

Venera: Ich habe kein bestimmtes Vorbild. Für mich sind weibliche Vorbilder Frauen, die sich gegenseitig unterstützen, füreinander einstehen. Sich einander Kraft geben. Selbstbewusst sind. Ihre Meinung vertreten. Und ihrer Berufung folgen, welche auch immer das sein mag. Frauen, die ich für ihr kreatives Schaffen bewundere, sind die Performance-Künstlerin Marina Abramovic, die Fotografinnen Diane Arbus und Annie Leibovitz, die Musikerin Chelsea Wolfe, die Musikerin Karin Dreijer (bekannt als Fever Ray). Musikerin Anja Plaschg (bekannt als Soap&Skin). Sängerin und Komponistin Eivør Pálsdóttir. Regisseurin Sofia Coppola, Sängerin Laura Marling, die Schriftstellerinnen Virginia Woolf, Joanne K. Rowling und viele viele mehr.

FFMag: Gibt es ein Lieblingsbild, welches du geschaffen hast—und falls ja, kannst du uns von den Emotionen erzählen, die du beim Ansehen empfindest?

© Venera Red. Photography

Venera: Eine sehr schwierige Frage. Die meisten meiner Bilder entstehen mit einem sehr hohen Zeitaufwand, ich beschäftige mich manchmal Stunden oder gar Tage mit ihnen, und somit hat jedes Bild eine Besonderheit und ein Gefühl für mich und liegt mir am Ende sehr am Herzen. Wenn ich ein Lieblingsbild aussuchen muss, dann sind es diese beiden, weil sie dasselbe Gefühl für mich transportieren und in mir auslösen. Beide Bilder sind bei mir im Herzen entstanden und zeigen für mich am deutlichsten, wie ich mich oft fühle—als würde ich mich auflösen, mich verlieren, als würden meine Konturen in einer grauen Masse verschwinden. Ich glaube, es sind meine ehrlichsten Bilder. Wenn ich sie ansehe, fühle ich mich … Ich fühle mich zu Hause.

FFMag: Vielen lieben Dank für das Interview, Venera!


Bildquelle: Venera Red. Photography
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