Contemporary art

TEXT Mercy Ferrars, LEKTORAT Carolin Diefenbach, FOTOS Venera Red

Venera Red

Artist
Venera Red

Year
2020

Country
Germany

Format
Fotografie, Malerei, Mixed Media

Current Exhibition
Galerie Nieser, 04.04.2020–09.05.2020

Material
Druck, Acrylfarbe, Digitalisierung

Dimensionen
variieren

Schon seit vielen Jahren folge ich der Stuttgarter Fotografin Venera Red auf ihren sozialen Netzwerken. Vor rund acht Jahren explodierte mein Facebook regelrecht vor Fotografinnen und Fotografen. Wenige davon sind geblieben, viele haben ihre Kamera niedergelegt oder sind aus der virtuellen Welt verschwunden. Veneras Handschrift hat sich in dieser Zeit maßgeblich definiert und übersteigt die Grenzen der bloßen Fotografie. In ihren Werken verschmilzt die Realität mit der Zufälligkeit der Malerei und man taucht in eine Parallelwelt ein, die einen gefangen nimmt—in Form, in Farbe, im Detail und im Blick.

Das FFMag hat sich mit Venera zu einem wunderbaren Chat-Interview verabredet und hat mit ihr über die Kunst, die Verletzlichkeit und die Weiblichkeit gesprochen.

FFMag: Liebe Venera, bevor wir beginnen, stell dich bitte kurz vor. 

Ven­era: Vie­len Dank für die Ein­ladung zum Gespräch! Mein Name ist Venera—das ist kein Schreibfehler (lacht). „Ven­era“ kommt aus dem Alban­is­chen und bedeutet „Venus“. Ich bin 30 Jahre alt, lebe in Stuttgart und arbeite freiberu­flich als Fotografin. Mein Schw­er­punkt ist die Por­trait­fo­tografie. Momen­tan bere­ite ich meine dritte Ausstel­lung vor, die vom 04.04.2020–09.05.2020 in der Galerie Nieser in Stuttgart zu sehen sein wird.

FFMag: Deine Kunst zeichnet sich durch eine faszinierende und transzendentale Vermischung von digitaler Fotografie und handwerklichen Aspekten der Malerei aus. Wann kam es zum ersten Mal zu solch einer Symbiose und wie verändert es die Fotografie für dich? 

Ven­era: Vor drei Jahren, als ich meine let­zte Ausstel­lung vor­bere­it­et habe, hat­te ich einige Test­drucke mein­er Bilder zu Hause. Und so geschah es, in ein­er schlaflosen Nacht, dass ich meine Acryl­far­ben aus­gepackt habe und mit bloßen Hän­den die Farbe auf den Bildern verteilt habe. Während sich in Pho­to­shop jed­er Bear­beitungss­chritt kon­trol­lieren und rück­gängig machen lässt, ver­wehre ich mir beim direk­ten Arbeit­en auf dem Bild diese Möglichkeit. Dadurch entste­hen zufäl­lige Bilder, die sich nicht durch Per­fek­tion­is­mus kon­trol­lieren lassen.

FFMag: Ist es befreiend für dich, den Perfektionismus mal beiseitelassen zu müssen?

Ven­era: Abso­lut! Durch diesen Arbeit­sprozess gelang es mir, mich meinem Per­fek­tion­is­mus zu stellen. Wenn die Farbe ein­mal das Papi­er berührt, ist das nicht mehr rück­gängig zu machen, auch wenn es einem nicht zu 100 % gefällt. Ich habe dadurch gel­ernt, auch ‘Fehler’ zu akzep­tieren und als Teil des Bildes anzunehmen. Das kann man auch aufs echte Leben über­tra­gen (lacht). Ich war früher sehr per­fek­tion­is­tisch, das habe ich jet­zt weitest­ge­hend abgelegt.

FFMag: In manchen deinen Bildern scheint die Farbe ein solch bezeichnender Bestandteil des Werkes zu sein, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie willkürlich geflossen ist!

Ven­era: Bei dem Cover­bild für das Album ASPIRE der Stuttgarter Post-Hard­core Band Venues ent­war­fen wir das Konzept, dass die Gold­farbe über das Gesicht laufen sollte. Aber ob die Farbe dann nur über die Augen oder auch über den Mund fließen würde, ergab sich erst in der Arbeit mit der Farbe. Ich habe mehrere Vari­anten von diesem Bild erstellt, indem die Farbe sich unter­schiedlich bewegt hat, und für diese Vari­ante haben wir uns dann entsch­ieden. Das Bild mit der Frau und der roten Farbe auf grün­stichigem Hin­ter­grund ent­stand so, dass ich ein­fach die rote Farbe über ein Schwarz-Weiß-Bild geschüt­tet habe (ich hat­te über­haupt keine Idee, was ich noch mit der restlichen Farbe machen sollte, und schüt­tete sie ein­fach aufs Bild), dann nahm ich ein Tuch und tupfte ein­mal damit auf Gesicht­shöhe in die Farbe. Die Farbe, die dadurch abge­tra­gen wurde, legte das finale Bild frei. Beim Dig­i­tal­isieren passierte dann noch eine zweite Sache, auf welche ich keinen Ein­fluss nahm. Durch die rote Farbe ergab es sich beim automa­tis­chen Weißab­gle­ich, dass alle Flächen, die ich in Schwarzweiß geplant hat­te, in Grün dargestellt wur­den. Im let­zten Bild ist die Staub­schicht übri­gens nicht im Pho­to­shop ent­standen. Das Bild lag, bevor ich es dig­i­tal­isiert habe, sehr lange in mein­er Woh­nung und nahm diese Staub­schicht an, die ich dann als Teil des Bildes akzeptierte.

FFMag: In deinen Aktfotografien fühlen sich die Modelle für den Betrachter sehr echt an, nah, verletzlich. Wie schafft man es, anspruchsvolle und stilvolle Aktaufnahmen einzufangen, und wie verändert das Fehlen von Kleidung die Stimmung der entstehenden Fotografien?

Ven­era: Das Prob­lem in unser­er Gesellschaft ist, dass ein nack­ter Kör­p­er sehr schnell sex­u­al­isiert wird. Für mich bedeutet Nack­theit vor allem Natür­lichkeit, Echtheit und Stärke und das möchte ich dem Betra­chter zeigen. Klei­dung charak­ter­isiert eine Per­son sofort. Wir alle haben Vorurteile und wenn wir eine Per­son mit einem bes­timmten Look sehen, steck­en wir sie in eine Schublade. Ohne Klei­dung habe ich die Möglichkeit, dem Mod­el und dem Bild einen Charak­ter zu ver­lei­hen, der allein durch die Hal­tung, den Gesicht­saus­druck, die Bear­beitung bes­timmt wird.

FFMag: Gibt es so etwas wie eine weibliche Handschrift in der Kunst und/oder in der Fotografie?

Ven­era: Als Fotografin zeige ich dem Betra­chter die Welt aus mein­er Per­spek­tive. Und sicher­lich haben Frauen und Män­ner auf einige Dinge eine andere Per­spek­tive, die sich auch auf den Bildern zeigt. Den­noch denke ich per­sön­lich nicht, dass man pauschal von ein­er männlichen oder weib­lichen Hand­schrift in der Fotografie sprechen kann.

FFMag: Für welchen Kampf begibt sich die moderne Frau deiner Meinung nach noch immer aufs politische und soziale Schlachtfeld?

Ven­era: Auch wenn wir eine geset­zlich geregelte Gle­ich­stel­lung haben, die Real­ität, der All­t­ag sieht anders aus. Es beste­ht nach wie vor eine Ungle­ich­heit zwis­chen den Geschlechtern in der Gesellschaft. Die The­men sind bre­it gefächert: sex­u­al­isierte Gewalt und Beläs­ti­gung, durch­schnit­tlich ein gerin­geres Einkom­men, gerin­gere Vertre­tung in Führungspo­si­tio­nen, höhere Alter­sar­mut bei Frauen. Eine gerin­gere Präsenz in der Kun­st, im Film, in der Musik, in der Sprache … Das sind alles Schlacht­en, die noch geschla­gen wer­den müssen. Wir alle kön­nen diese Struk­turen durch­brechen, wenn wir weit­er­hin ein Bewusst­sein für das beste­hende Ungle­ichgewicht schaf­fen, als Frau und als Mann acht­sam sind, Sex­is­mus erken­nen und the­ma­tisieren. Beson­ders in den kreativ­en Bere­ichen fällt auf, dass Frauen deut­lich weniger sicht­bar sind. In den Museen hän­gen weit mehr Arbeit­en von Män­nern. In der Musik wird haupt­säch­lich männlichen Kün­stlern eine Plat­tform gegeben. Und ganz aktuell: Bei den Oscars 2020 wur­den nur Män­ner für die beste Regie nominiert. Ich habe das Gefühl, dass man als Frau in der Kun­st immer ein biss­chen härter kämpfen muss, um als Kün­st­lerin ernst genom­men zu werden.

FFMag: Hast du selbst in der Kunst schon einmal die Erfahrung gemacht, dass du dich härter beweisen musstest, weil du eine Frau bist?

Ven­era: Mir ist aufge­fall­en, dass auf Plat­tfor­men, auf denen Kun­st ver­trieben wird, oder in fotografis­chen Bild­bän­den mit gesam­melten Werken haupt­säch­lich Män­ner vertreten sind, was mir das Gefühl gab, dass mehr Inter­esse an männlichen Kün­stlern beste­ht und ich mich als Frau mehr bemühen muss, um wahr genom­men zu werden.

FFMag: Hast du ein weibliches Vorbild in deinem Leben und/oder in der Fotografie?

Ven­era: Ich habe kein bes­timmtes Vor­bild. Für mich sind weib­liche Vor­bilder Frauen, die sich gegen­seit­ig unter­stützen, füreinan­der ein­ste­hen. Sich einan­der Kraft geben. Selb­st­be­wusst sind. Ihre Mei­n­ung vertreten. Und ihrer Beru­fung fol­gen, welche auch immer das sein mag. Frauen, die ich für ihr kreatives Schaf­fen bewun­dere, sind die Per­for­mance-Kün­st­lerin Mari­na Abramovic, die Fotografinnen Diane Arbus und Annie Lei­bovitz, die Musik­erin Chelsea Wolfe, die Musik­erin Karin Drei­jer (bekan­nt als Fever Ray). Musik­erin Anja Plaschg (bekan­nt als Soap&Skin). Sän­gerin und Kom­pon­istin Eivør Páls­dót­tir. Regis­seurin Sofia Cop­po­la, Sän­gerin Lau­ra Mar­ling, die Schrift­stel­lerin­nen Vir­ginia Woolf, Joanne K. Rowl­ing und viele viele mehr.

FFMag: Gibt es ein Lieblingsbild, welches du geschaffen hast—und falls ja, kannst du uns von den Emotionen erzählen, die du beim Ansehen empfindest?

Ven­era: Eine sehr schwierige Frage. Die meis­ten mein­er Bilder entste­hen mit einem sehr hohen Zeitaufwand, ich beschäftige mich manch­mal Stun­den oder gar Tage mit ihnen, und somit hat jedes Bild eine Beson­der­heit und ein Gefühl für mich und liegt mir am Ende sehr am Herzen. Wenn ich ein Lieblings­bild aus­suchen muss, dann sind es diese bei­den, weil sie das­selbe Gefühl für mich trans­portieren und in mir aus­lösen. Bei­de Bilder sind bei mir im Herzen ent­standen und zeigen für mich am deut­lich­sten, wie ich mich oft fühle—als würde ich mich auflösen, mich ver­lieren, als wür­den meine Kon­turen in ein­er grauen Masse ver­schwinden. Ich glaube, es sind meine ehrlich­sten Bilder. Wenn ich sie anse­he, füh­le ich mich … Ich füh­le mich zu Hause.

Mehr von Ven­era Red gibt’s auf Face­book und Insta­gram 



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