„Notstände in Pflege und anderen Berufen müssen nicht erst sichtbar gemacht werden. Sie sind bereits sichtbar, aber wir müssen Hinschauen lernen“

von Mercy Ferrars

Ein Kommentar zu Dankbarkeit und Solidarität

Auf eine globale Pandemie reagiert nicht nur die Medizin. Alle Aspekte unserer Gesellschaft sind in ihr verwoben: Wirtschaft, Politik und die Künste sind nur einige davon. Wir stecken mitten in einem historischen Ereignis, welches das aktuelle System in diesen verschiedenen Bereichen einer schon lange notwendigen Prüfung unterzieht. Wenn sich Menschen auf Balkonen verabreden, um gemeinsam Krankenpfleger*innen und andere systemrelevante Arbeiter*innen zu beklatschen, dann ist das ein augenfälliges Merkmal für eine Gesellschaft, die nach außen einen Appell an Solidarität stellt, und doch nur daran interessiert ist, das eigene Gewissen zu beruhigen. Ein Vorschlag für den solidarischen Weg.

Nach dem Abitur habe ich für drei oder vier Monate in einem Pflegeheim in meinem Heimatdorf gejobbt, um mir ein paar Reisen im Sommer zu finanzieren. Pflegeheime sind faszinierende Orte. Man hat täglich mit so vielen unterschiedlichen Menschen zu tun und durchläuft alle Facetten von Gefühlen. Bei meiner damaligen Arbeit im Speisesaal blieb mir zwischen Essensausgabe und Kaffeenachschenken viel Zeit, um die Bewohner*innen kennenzulernen, ihren Geschichten zu lauschen und bei gemeinsamen Essenspausen Einblicke in die Arbeit der Pfleger*innen zu bekommen. Dort habe ich zum ersten Mal von den Zuständen in der Pflege gehört: Unterbezahlung und Unterbesetzung, um nur zwei Faktoren zu benennen. Bei einem Krankenhausaufenthalt zu Anfang des Jahres waren es die Krankenpfleger*innen der Charité in Berlin, die mir den emotional stressigen Aufenthalt erleichtert haben. Eines habe ich sowohl damals als auch heute verstanden: Die Qualität der Pflege in Pflegeheimen und Krankenhäusern kann ein entscheidender Faktor im Wohlergehen von Patienten sein—sowohl für den Geist als auch für den Körper, welche gleichermaßen unsere Gesundheit beeinflussen.

Und doch gibt es einen massiven Pflegenotstand, welcher letztlich als Systemfehler einzuschätzen ist. Überbelastete, undankbare und unterbezahlte Knochenarbeit sorgen nicht gerade dafür, dass junge Menschen sich für eine Ausbildung in der Pflege entscheiden. Doch auch völlig andere systemrelevante Berufe sind von ähnlichen oder gar denselben Mängeln betroffen. Ich ziehe meinen Hut vor Mitarbeiter*innen in Supermärkten, die nicht nur während einer Pandemie mit undankbaren Kunden und verbesserungsfähigen Arbeitskonditionen konfrontiert sind. In einem Supermarkt nahe meiner alten Wohnung habe ich beispielsweise beobachtet, wie Kassiererinnen mitunter von Kunden körperlich angegriffen, mindestens aber regelmäßig aggressiv angepöbelt wurden. Das alles lassen sie sich für einen Mindestlohn gefallen, selbst dann noch, wenn in Zeiten von Corona noch der zwanzigste Kunde genervt rummotzt, wann denn endlich wieder Toilettenpapier verfügbar sei. Von Putzpersonal oder Fahrpersonal gar nicht erst zu reden, die mitunter wie Menschen zweiter oder dritter Klasse behandelt werden. Eines ist diesen Berufen allen gleich: In einer Krise wie der aktuellen Corona-Pandemie sind sie diejenigen, die die Gesellschaft am Laufen halten. Für Krankenpfleger*innen und Mitarbeiter*innen im Lebensmittelhandel steigt die Stressbelastung in der Krise um das Doppelte oder Dreifache, wohingegen die unzureichenden Arbeitsbedingungen und die unwürdige Entlohnung unverändert bleiben.

Gefühlt kamen die Angst und die Panik erst später in Berlin an als im Süden Deutschlands. Erste Hamsterkäufe habe ich erst Mitte März beobachtet, als plötzlich manche Regale leer blieben. Aber Berlin reagierte auf die Krise in gleichen Maßen mit Solidarität und einer laissez faire Einstellung. Als sich die Neuigkeiten in Berlin ausbreiteten, posteten manche Menschen sofort Aufrufe oder hingen Aushänge aus, auf welchen sie solidarische Hilfe für ältere oder kranke Nachbar*innen anboten. Andere wiederum trafen sich trotzig zu Corona-Partys und feuchtfröhlichem Zusammensein im anlaufenden Frühling im Park. Die Hauptstadt war schon immer anders als andere Städte. Einerseits weiß sie nicht nur aufgrund ihrer Vergangenheit um den Zusammenhalt in Krisenzeiten, und gibt sich in einer merkwürdigen Verschmelzung aus anonymer Einsamkeit einer Großstadt, engem Kiez-Zusammenhalt und diesen seltsamen, magischen Momenten, in denen sich fremde Menschen plötzlich voller Nähe und Liebe begegnen. Andererseits lässt sie sich aber auch nicht gerne etwas vorschreiben und vor allem lässt sie sich aufgrund ihrer ausdrücklichen Draußen- und Sozialkultur nicht gerne zuhause einsperren. Als Berlin es dann doch tat und gezwungen war, innezuhalten und sich zuhause zu isolieren, suchte die Stadt andere Wege, um sich mit anderen zu verbinden. Einer davon, so scheint es, sind Aufrufe zum kollektiven Beklatschen der Systemrelevanten vom Balkon.

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Als ich auf einem meiner isolierten Spaziergänge durch die (erstaunlich konservative) Nachbarschaft flaniere, hallt es um 18 Uhr plötzlich von einigen Balkonen: kollektives Beklatschen der Krankenpfleger*innen, Supermarktarbeiter*innen, Busfahrer*innen. Ein bisschen zögerlich klingt es, ein Mann pfeift eine kurze schräge Melodie, und nach wenigen Sekunden ebbt es auch schon wieder ab. Ich frage mich dann allerdings, ob Krankenpfleger*innen und Andere mit diesem spärlichen Applaus nun ihre Miete zahlen können oder menschenwürdigere Arbeitskonditionen zugesichert bekommen. Die Antwort: natürlich nicht.
Zweifelsohne ist es schön, wenn Menschen, die in der Krise nicht groß helfen können, anderen, die für uns die eigene Gesundheit gefährden, damit wir morgens Butter auf den Toast schmieren können, Respekt zollen. Diese Menschen ermöglichen uns aber auch an allen anderen Tagen unseren bequemlichen Lebensstil. Und zu ihren ohnehin bereits verbesserungsnotwendigen Arbeitsumständen kommt oft noch die soziale Verachtung von manchen Mitmenschen.

Doch wem hilft das Klatschen wirklich? Wem nutzt der plötzlich gezeigte Respekt, den man die Jahre zuvor irgendwie einfach vergessen hat? Sorgt es für die notwendige Sichtbarkeit, die letztlich die Notstände mancher Berufe bloßzulegen vermag? Oder hilft es vielleicht eher dem Klatschenden, der damit sein Gewissen beruhigt? Der sich abends schlafen legt und sich denkt: Na ja, ich habe meine Dankbarkeit gezeigt. Der Klatschende, der heute in blinder, kollektiver Stammtischmanier applaudiert und der morgen wieder seinen Frust im Supermarkt an anderen Menschen auslässt, ist Teil des Systemfehlers. Denn Notstände in Pflege und anderen Berufen müssen nicht erst sichtbar gemacht werden, sie sind bereits sichtbar. Stattdessen müssen wir hinschauen lernen.

Denn Notstände in Pflege und anderen Berufen müssen nicht erst sichtbar gemacht werden, sie sind bereits sichtbar. Stattdessen müssen wir hinschauen lernen.

Meine Freunde und Bekannte aus der Pflege berichten bereits seit vielen Jahren von Notständen. Mein Nebenjob im Pflegeheim war im Jahr 2011. Viel scheint sich seither nicht geändert zu haben, eher haben sich die Missstände seither verschärft. Auch wenn viele von uns nicht täglich auf Pflege angewiesen sind, so sind wir doch regelmäßig in Supermärkten zu Gast, nutzen jeden Tag öffentliche Verkehrsmittel und erwarten, dass öffentliche Orte, an denen wir einkehren, sauber geputzt sind. Notstände schreien uns von so vielen Berufsklassen entgegen, dass wir für sie scheinbar erblinden. Stattdessen beobachte ich jeden Tag, wie Menschen Busfahrer*innen anpöbeln, wie Kassierer*innen angemotzt werden, weil sie nicht schnell genug abscannen, und wie empört viele Menschen sind, wenn sie dem Putzpersonal 50 Cent für eine saubere Toilette zahlen sollen—oder sie gar nicht erst als Menschen wahrnehmen. In der aktuellen Gesundheitskrise scheinen es manche Menschen sogar als lustig zu empfinden, anderen Leuten die Arbeit noch mehr zu erschweren, wie diese Frau, die in einem voll mit Ware bestückten amerikanischen Supermarkt alles anhustete, was ihr in die Quere kam, was dazu führte, dass nicht nur sämtliche Lebensmittel weggeworfen, sondern auch alles neu eingeräumt werden musste.

Balkonklatscherei hat die gut gemeinte Intention der Solidarität und Dankbarkeit, sorgt unter betroffenen Arbeiter*innen allerdings nachvollziehbarerweise für Frust. Wie also kann man sich solidarisch verhalten und so den Menschen danken, die sich in einer Pandemie an vorderster Front bemühen, um die Krise bestmöglich einzudämmen? Als Einzelne*r kann man die politisch-administrative Entscheidung, Löhne und Arbeitsbedingungen zu verbessern, leider nur minimal beeinflussen, außer natürlich, wenn man selbst Teil der Politik ist oder selbst einen großen Konzern oder ein Krankenhaus leitet. Für die anderen von uns gilt: versucht, die Menschen in Supermärkten als Menschen mit Bedürfnissen wahrzunehmen. Fragt nicht nach Toilettenpapier, wenn allerorts bekannt ist, dass es chronisch ausverkauft ist. Greift Mitarbeiter*innen nicht an, wenn ihr nur eine Packung statt fünf mitnehmen dürft, sondern akzeptiert die Regeln. Sagt Hallo, Entschuldigung, Bitte und Danke. Schenkt lieber ein ehrliches Lächeln und wünscht einen schönen Tag, anstatt an der Kasse zu telefonieren und dann auch noch euren Pin fünfmal falsch einzutippen. Nehmt euch einen Moment und quatscht mit der Putzfrau oder dem Putzmann. Wünscht eurem Busfahrer einen guten Tag und richtet euren Frust nicht an ihn, wenn der Bus im Stau steht, er tut sein Bestes. Bedankt euch bei euren Pfleger*innen, wenn sie einen guten Job getan haben. Versteht auch, dass auch sie schlechte Tage haben, und begegnet ihnen mit Respekt und Empathie. Kurzum, nehmt euer Gegenüber als Mensch wahr. Solidarität bedeutet nicht, um 18 Uhr in die Luft zu klatschen und zu hoffen, dass irgendwo in 500 Meter Luftlinie eine Krankenschwester sitzt, die sich angesprochen fühlt. Solidarität zählt jeden Tag, in jeder Situation, in welcher ihr mit den Menschen umgeht, für die ihr jetzt dankbar seid.

Solidarität bedeutet nicht, um 18 Uhr in die Luft zu klatschen und zu hoffen, dass irgendwo in 500 Meter Luftlinie eine Krankenschwester sitzt, die sich angesprochen fühlt. Solidarität zählt jeden Tag, in jeder Situation, in welcher ihr mit den Menschen umgeht, für die ihr jetzt dankbar seid.

Übrigens: Ich wünsche Kassierer*innen abends immer gerne einen schönen Feierabend—nicht zuletzt wegen meiner Erfahrung auf der anderen Seite der Kasse. Weils eben schön ist, wenn man für einen Moment mehr ist als bloße Maschine.


Bildquelle: pexels.com


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