#Corona-Krise in Berlin: Ein Liebesbrief an die BVG

von Mercy Ferrars

Es gibt vieles, was man im Laufe eines mehrwöchigen nationalen Lockdowns vermissen könnte. Frühling in Berlin, wie wir ihn die letzten Wochen erlebt haben, bedeutet normalerweise das Aufleben der ausgeprägten Draußenkultur, die das Sozialleben der Hauptstadt prägt. Dazu kommen der zunehmende Strom von Touristen, die ersten Partys unter freiem Himmel und dieser ganz besondere Duft in der Berliner Luft—der, der sich so anfühlt, als würde etwas Großes passieren. 2020 ist der Berliner Frühling aufgrund der Corona-Pandemie völlig anders—die Berliner*innen sitzen drinnen, alles, was Spaß macht, hat geschlossen und außer spazieren gehen und Sport zu machen gibt es außerhalb der eigenen vier Wände nichts zu tun. Oben drauf kommt, dass man wochenlang keine Angehörigen und Freunde gesehen hat. Oder generell Menschen, mit denen man selbst auf einfachster Ebene eine Beziehung führt, die über „Hallo“ und „Danke“ im Supermarkt hinwegreicht, wie beispielsweise die eigenen Kolleg*innen oder Kommiliton*innen.

So schön der Berliner Frühling auch klingt, so verschiebt sich allerdings auch die emotionale Belastungsgrenze in den öffentlichen Verkehrsmitteln jedes Jahr aufs Neue irgendwie nach unten. Es wird wärmer und die Menschen vergessen in der U-Bahn nur zu gerne, Deo zu benutzen. Überhaupt ist es in den Bahnen einfach immer voll—zur Hauptverkehrszeit ist die Linie U2, welche von Berlin-Pankow über Mitte bis nach Ruhleben führt, sogar so voll, dass ich in der Regel mindestens vier Bahnen davonfahren lassen muss, bis ich eine erwische, in die ich meine 1,74 m quetschen kann. In der Berliner U-Bahn scheinen die Regeln einer zivilisierten Gesellschaft zudem massiv außer Gefecht gesetzt zu sein und es herrscht definitiv ein eigener Mikrokosmos vor, der über eigene Regeln funktioniert, eine Mischung aus „alles ist denkbar“ und „es gibt nichts, was man hier noch nicht gesehen hat“. Und doch ist es unvorstellbar für mich und mein kleines Herz—welches die BVG (Berliner Verkehrsbetriebe) irgendwie dennoch lieb gewonnen hat—, dass die dreckigen, uralten und halbkaputten Berliner U-Bahn-Waggons plötzlich nicht mehr Teil meines Alltags sind.   

So muss ich erschreckend feststellen, dass mich jedes Mal ein kleiner Freudensprung durchfährt, wenn ich während dem Corona-Lockdown 3 Minuten in der Straßenbahn zum nächsten Lidl fahren kann. Voller Freude öffne ich meine „Music for Trains“-Playlist auf Spotify, schaue verträumt aus dem Fenster und beobachte heimlich andere Fahrgäste und muss bei jedem Türschließgeräusch unweigerlich lächeln. Woran es genau liegt, weiß ich nicht, aber ohne die BVG wäre das Leben in Berlin irgendwie nur halb so schön, und das obwohl die öffentlichen Verkehrsmittel unter normalen Umständen meistens ganz schön nerven. Die BVG ist alles andere als perfekt. In ihren eigenen Werbekampagnen greifen sie genau diesen Fakt immer wieder auf. Willkürliche Zug- und Busausfälle, die generischen „BVG-Minuten“, wenn mal wieder 20 Minuten Verspätung herrscht und anschließend fünf gleiche Linien auf einmal daherbrettern, und epische Durchsagen, die entweder absolut unverständlich oder übermäßig emotional einnehmend sind („Dit is hier keen Adventskalender, nutzen Se ruhig alle Türen!“) sind der Alltag im Berliner Öffi-Leben. Sie gehören genauso zur charmanten Erfahrung wie die Bustüren, die vom Busfahrer so knapp geschlossen werden, dass man in der Regel noch mit dem Gesicht dagegen knallt, oder die störrischen U-Bahn-Türen, die die ein oder andere Berlinerin gerne mal samt Rucksack einklemmen.

Woran es genau liegt, weiß ich nicht, aber ohne die BVG wäre das Leben in Berlin irgendwie nur halb so schön, und das obwohl die öffentlichen Verkehrsmittel unter normalen Umständen meistens ganz schön nerven.

Wie wir bereits in unserem Artikel zu Groß-Berlin berichtet haben, ist Berlin anders als andere Großstädte. Auch wenn ihr zentralster Bezirk den wunderschön deskriptiven Titel „Mitte“ trägt, so besteht die Stadt aus vielen kleinen stadtähnlichen Bezirken, die jeweils ihr eigenes kulturelles Zentrum haben. Es ist durchaus möglich, die eigene Berlinerfahrung auf drei Bezirke zu begrenzen und absolut nichts zu vermissen. Für Menschen wie mich, die weit außen am Stadtrand wohnen, ist die BVG andererseits nicht nur aus emotionalen Gründen ein zentraler Bestandteil meines Alltags. Für Universität, Arbeit und Freundeskreis fahre ich kreuz und quer durch die Stadt, meist täglich zusammengerechnet für mehrere Stunden. Diese Fahrten sind wie eine Insel für mich und so stressig sie sind, sind sie Pole der Reflektion und Nachdenklichkeit. Ich war schon immer gerne in Zügen unterwegs und brauche die Fahrt zwischen Wohnung und Arbeit, um mich auf den Tag einzustellen und über Erlebnisse und Gefühle nachzudenken, mit meiner Lieblingsmusik auf den Ohren und die vielen verschiedenen Menschen dieser irren, schönen und absurden Stadt permanent im Blick.

„Dit is hier keen Adventskalender, nutzen Se ruhig alle Türen!“

Während Corona also zu Hause zu sitzen und Unternehmungen draußen entweder zu Fuß oder per Fahrrad zu gestalten statt mit der Bahn, nimmt mir das aktuell das Gefühl, überhaupt einen Alltag in Berlin zu haben. Und so erwische ich mich, dass ich bei meinen zahlreichen Spaziergängen Blicke auf Straßenbahnen und Busse erhasche und eine seltsame Freude empfinde.

Liebe BVG, du fehlst mir—und ich freue mich, in einigen Wochen wieder in deinen dreckigen, lauten und überfüllten Bahnen stehen zu können und in einem Meer aus weißem Lärm und sozialen Menschenstudien tiefst philosophisch über mein Leben zu reflektieren.  


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