Schränkt sexualisierte Gewalt die Kunstfreiheit ein—und sollte sie das?

von Hannah Jäger

Dieser Artikel setzt sich mit sexualisierter Gewalt und der Kunstfreiheit auseinander. Für Menschen, die durch sexualisierte Gewalt ein Trauma erlitten haben, könnte das triggernd wirken. Ansprechpartner*innen findest du bundesweit unter https://www.hilfeportal-missbrauch.de/, https://beauftragter-missbrauch.de/hilfe/hilfetelefon, https://weisser-ring.de/ und nach Ort gegliedert unter https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/organisationen.html.

Der Medienaufschrei war laut die letzten Wochen. Rammstein-Sänger Till Lindemann veröffentlichte im März dieses Jahres seinen Gedichtband 100 Gedichte im renommierten KiWi Verlag, welcher das Gedicht „Wenn du schläfst“ enthält. Dabei handelt es sich zunächst um plumpe Worte und dennoch ist das kurze Gedicht eine klare Vergewaltigungsfantasie, die nicht nur beschönigt, sondern den Reiz zum Nachmachen beinhaltet. Unter anderem auch, weil die K.o.-Tropfen klar mit Namen benannt werden:

„Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas). Kannst dich gar nicht mehr bewegen. Und du schläfst, es ist ein Segen.“

Mein erster Impuls war klar: Ich war angeekelt, fühlte mich gelähmt und wurde sehr wütend. Die Tage darauf dachte ich viel über das Gedicht, das baldige Medienecho sowie die Kunstfreiheit im Allgemeinen nach. Dieser Artikel soll eine Diskussion über sexualisierte Gewalt in der Kunst und Sprache aufwerfen, die die Problematik lauter und sichtbarer machen soll.

Zunächst: Was ist eigentlich sexualisierte Gewalt?

Sexualisierte Gewalt ersetzt in der Fachwelt weitestgehend den Begriff „sexuelle Gewalt“, da dieser schnell dazu verleitet, die psychisch-emotionale Komponente und deren Folgen auszublenden. Dabei ist gerade diese so wichtig. 

Sexualisierte Gewalt umfasst alle sexuellen Handlungen, die einem anderen Menschen den eigenen Willen aufzwingen. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass es sich um einen Akt der Aggression und des Machtmissbrauchs handelt. Indem man sagt, dass jemand seine Triebe nicht unter Kontrolle hat, beschreibt man sexualisierte Gewalt schlichtweg nicht richtig. Ferner reicht sexualisierte Gewalt von der sexuellen Belästigung erwachsener Frauen und Männer bis hin zum Kindesmissbrauch. 

Sprache und Sein

Wie Yuval Noah Hararis in Eine kurze Geschichte der Menschheit (2015 im Pantheon Verlag erschienen) beschreibt, breitete sich der „Homo sapiens“ deshalb aus, weil er sich in großen Gruppen organisieren konnte. Solch eine Organisation ist nur aufgrund einer fiktiven gemeinsamen Sprache möglich. Menschen können sich mithilfe von Sprache über Dinge austauschen, die es gar nicht gibt: 

„Mit der fiktiven Sprache können wir uns nicht nur Dinge ausmalen – wir können sie uns vor allem gemeinsam vorstellen. Wir können Mythen erfinden, wie die Schöpfungsgeschichte der Bibel, die Traumzeit der Aborigines oder die nationalistischen Mythen moderner Nationalstaaten.“

Sprache wird Realität. Und diese Realität wird wiederum von der Sprache legitimiert. 

Indem Gedichte wie „Wenn du schläfst“ von Till Lindemann von einem bekannten deutschen Verlag verlegt werden, wird sexualisierte Gewalt (im vorliegenden Fall gegen Frauen) als etwas Alltägliches dargestellt. Somit tragen Lindemann und der KiWi Verlag aktiv dazu bei, dass Gewalt gegen Frauen weiterhin beschönigt und legitimiert wird. Und das macht mich wütend!

Indem wir in Deutschland nur sehr zögerlich über sexualisierte Gewalt sprechen, bleibt es ein Thema, welches nicht nur aufgrund der traumatischen Folgeschäden sensibel ist. Wenn also ein 57-jähriger erwachsener Mann ein solches Thema anspricht, dann steht da der Anspruch an Moralität und Verantwortung im Raum — dasselbe gilt für den Verleger des KiWi-Verlages. Wenn in Literatur und Kunst menschenfeindliche Ideologien wie Rassismus, Sexismus oder Homophobie dargestellt werden, kann sich dadurch die Möglichkeit zum Gespräch öffnen—und dieses wiederum öffnet notwendige Veränderungen in Politik und Kultur. Doch solch ein Umdenken und die richtige, sensible Aufarbeitung von Themen wie sexualisierter Gewalt setzt zweifelsohne einen konkreten Wissensstand voraus, welcher in den Lehrplänen an deutschen Schulen so nicht vermittelt wird. Nicht nur die thematische Aufbereitung in der Kunst leidet unter einem solchen Defizit, sondern auch das kontextuelle Verständnis vonseiten der Leser*innen, denen die nötige Sensibilisierung schlichtweg fehlt.

Ich hätte mir von Till Lindemann als einflussreiche Person der Öffentlichkeit ebenso wie von seinem Verlag gewünscht, diese fehlende Sensibilisierung für ein solches Thema im Hinterkopf zu behalten. Provozieren ist in Ordnung. Polarisieren wollen ist in Ordnung.

Doch in der Öffentlichkeit trägt man die Verantwortung für die Inhalte, die man vermittelt. Man hat die Chance, die eigene Stimme als Sprachrohr für diejenigen zu nutzen, die nicht selbst sprechen können oder wollen. Ein solcher Text sollte also nicht unkommentiert abgedruckt werden. Folgen und Konsequenzen sollten für alle Beteiligten klar umzeichnet werden. Es muss laut werden: sexualisierte Gewalt hat traumatische Folgeschäden und schwerwiegende legale Nachwirkungen—wenngleich diese noch immer nicht dem entstandenen Schaden an emotionaler und körperlicher Unversehrtheit angepasst sind. Es mag sein, dass Till Lindemann nicht gegen deutsches Recht verstoßen hat. Aber moralisch hat er das für mich ganz klar.

Abgedruckt ja, aber nicht unkommentiert!

Ich bin klare Verfechterin der Kunstfreiheit und sehr dankbar dafür, dass diese im Grundgesetz im Artikel 5, Absatz 2 verankert ist: 

„(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.“

An der Universität belegte ich das Seminar „Medienrecht“ und war tatsächlich kurz erstaunt, wie wenige Grenzen die Kunstfreiheit in Deutschland hat. Die beiden existierenden Schranken betreffen das Persönlichkeitsrecht sowie den Jugendschutz. Und es ist gut so, dass die Kunstfreiheit einen hohen Stellenwert in Deutschland hat. Denn nicht nur zu Zeiten des Nationalsozialismus, sondern auch in der Verfassung der DDR existierte Kunstfreiheit nur auf dem Papier.

Ohne Kunstfreiheit haben wir keine Meinungsfreiheit und damit keinen kritischen Diskurs.

Konkret bedeutet dies, dass die Kunstfreiheit nur dann eingeschränkt werden kann, wenn die Ehre einer Person durch verunglimpfende Darstellungen verletzt wird, beispielsweise wenn Pornografie den Jugendschutz verletzt. Und dennoch erfordert diese Kunstfreiheit auch eine thematische Sensibilisierung und offene Debatte.

Gedichte, die eine Vergewaltigung beschönigt darstellen, werden abgedruckt.

Ohne die Pflicht, diese zu kommentieren. Die Frauen(rechts-)bewegung wird in den meisten Schulen aus dem Lehrplan ausgespart. Nicht in jedem Sexualkunde-Kurs wird über sexualisierte Gewalt gesprochen. In meiner kompletten Schullaufbahn wurde kein einziges Mal über „sexuelle Gewalt“ diskutiert. Viele Menschen kennen das Symbol „Orange the world“ anlässlich des „Internationalen Tags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ (immer der 25. November) nicht. Frauen wurden historisch immer wieder systematisch Opfer von Gewalt. Erst seit 1997 ist die Vergewaltigung in der Ehe eine Straftat in der Bundesrepublik. Erst seit 2016 gilt in Deutschland gesetzlich „Nein heißt Nein“. 

Ist es damit nicht auch ein Teil der deutschen Geschichte, dass Frauen systematisch unterdrückt wurden und sexualisierte Gewalt somit sensibles Gedankengut?

Parallele: die Pädophilie-Debatte in der Kunst

Ich bin weder Sprachwissenschaftlerin noch Kunstkennerin, dennoch hat mich die aktuelle Debatte an die Pädophilie-Debatte in der Kunst erinnert. Oft werden Ausstellungen verboten, die Kinder in sexualisierten Posen zeigen. Der Leiter des Museums Morsbroich in Leverkusen, Markus Heinzelmann argumentiert dagegen, dass das Museum ein Ort der öffentlichen Diskussion sei. Er meint: „Bildende Kunst ist dazu da, gedacht zu werden, Kinder-Pornografie dazu, konsumiert zu werden“. Heinzelmann appelliert, dass ein Museum der Ort sei, um über Gewalt oder Tabus der Gesellschaft „in einem vernünftigen Rahmen“ zu diskutieren.

Das bringt es gut auf den Punkt: Bestimmte Bilder können moderiert werden, in dem Besucher ein bestimmtes Gemälde zum Beispiel nur mit einer Führung besichtigen können.

Mit Worten ist das weitaus schwieriger. Der Zugang zu einem Gedicht lässt sich nicht einschränken—und erfordert einen verantwortungsbewussten Umgang mit sensiblen Themen. 

Von einem Publikumsverlag erwarte ich mehr!

Wie reagierte der Verleger nun auf die Vorwürfe? Am 3. April 2020 nahm Helge Malchow erstmals Stellung zu den Vorwürfen, die im Netz entbrannten: „Die moralische Empörung über den Text dieses Gedichts basiert auf einer Verwechselung des fiktionalen Sprechers, dem sogenannten „lyrischen Ich“ mit dem Autor Till Lindemann.“

Der folgende Shitstorm und die Reaktionen sprachen für sich. „Es reicht“ von der Mitgründerin des Zentrums für Feministische Außenpolitik, Kristina Lunz, ging viral. Zahlreiche Medien diskutierten das Gedicht. Opfer sexueller Gewalt, wie die Autorin und Aktivistin Sophia Hoffmann ergriffen das Wort. So beschreibt sie Symptome von einer posttraumatischen Belastungsstörung, nachdem sie das Gedicht sowie die Stellungnahme des Verlegers las: „Mich traf beides wie ein Schlag ins Gesicht, mein Herz begann zu rasen und ein Gefühl der Lähmung breitete sich in meinem Körper aus.“

Daraufhin entschuldigte sich der Verlag am 9. April für seine erste Stellungnahme und bezieht klar Stellungnahme gegen sexuelle Gewalt: „Sexualisierte Gewalt gegen Frauen gehört benannt und bekämpft.“

Ein Gegenbeispiel: #UnhateWomen

Dass Lindemanns Texte nicht die einzigen sind, in denen Sexismus gelikt und gefeiert wird und so Teil unseres Alltags und unserer Sprache wird, zeigt das Beispiel Deutschrap. Besonders zynisch wird es, wenn man die Kampagne #UnhateWomen betrachtet. Ende Februar startete die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes die Online-Kampagne #UnhateWomen, die frauenfeindliche Sprache deutschsprachiger Rapper anprangerte.

Unter den vertretenen Rappern befinden sich unter anderem Kollegah und Farid Bang, Finch Asozial und GZUZ. Mithilfe der Kampagne fordert Terre des Femmes die konsequente Bekämpfung und Strafverfolgung von Hasskriminalität gegen Frauen und Mädchen im Internet.

Äußerst interessant ist das Echo auf die Kampagne: Der Rapper Fler reagiert mit Beleidigungen, zahlreiche Medien rücken das Thema frauenfeindliche Sprache in den Fokus. Die Angesprochenen, die Rapper selbst, äußern sich kaum zu Wort auf die Vorwürfe. Auch im Rahmen der Kampagne das Thema sexualisierte Gewalt in den Medienfokus gerückt, aber im Gegensatz zu Lindemanns Gedicht auf kritischere Art und Weise. Das zeigt, dass es geht: die Verbindung von sensiblen Themen, provozierender Aufarbeitung und kritischem Gespräch.

Was meint ihr: Erfordert sexualisierte Gewalt Eurer Meinung nach Einschränkungen in der Kunstfreiheit?

Was haltet ihr von der Kampagne #UnhateWomen?


Bildquelle: https://www.unhate-women.com/de/

Link- und Buchtipps: 

Fixpoetry, Ein offener Brief an den Kiepenheuer-Witsch-Verlag: https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kolumnen/2020/offener-brief-an-den-kiepenheuer-witsch-verlag-bzgl-der-reaktion-auf-die-kritik-an-till-lindemanns

Digitales Deutsches Frauenarchiv: „Frauen im Netz. Über Sprachgewalt und gewaltvolle Sprache“: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/blog/frauen-im-netz-ueber-sprachgewalt-und-gewaltvolle-sprache

Edition F., Kristina Lunz, „Bei Gewalt gegen Frauen geht es immer um Macht“: https://editionf.com/bei-gewalt-gegen-frauen-geht-es-immer-um-macht/

#UnhateWomen Kampagne: https://www.unhate-women.com/de/

Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, Frauen gegen Gewalt: https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/aktuelles.html

Yuval Noah Hararis: „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, Pantheon Verlag, 2015

Quellen:

https://www.gewaltinfo.at/fachwissen/formen/sexualisiert/

https://www.monopol-magazin.de/was-darf-die-kunst-zeigen

https://www.unhate-women.com/de/

https://twitter.com/Kristina_Lunz/status/1247124555233140736

https://www.sophiahoffmann.com/warum-aus-nein-heisst-nein-ein-ja-heisst-ja-werden-muss/https://de.wikipedia.org/wiki/Kunstfreiheit


Ein Gedanke zu „Schränkt sexualisierte Gewalt die Kunstfreiheit ein—und sollte sie das?

  1. Hallo, Hannah,
    guter Beitrag, der mich von der Überlegung her auch insofern anspricht, da ich vor einigen Tagen einen ähnlich gearteten Beitrag veröffentlichte, in dem ich aus meiner Zeit als Radiomacher erzähle. Einer Zeit, in der ich nicht Beobachter, sondern, plötzlich, Verantwortlicher war.

    Wer mag: https://wp.me/p2BujB-2zQ

    In dem Text kannst du lesen, dass ich echt meine 15 Jahre an dem Thema gerungen habe. Was ich gut, was ist aufrichtig, was menschlich, was empathisch. Und was hilft wirklich? Ich plädiere inzwischen, auch an fast allen anderen Themenfronten für komplette Kunstfreiheit. Mit „fast“ meine ich, das natürlich das verboten gehört, was auch gesetzlich als verboten festgelegt ist bei uns.
    Ich kenne das Thema auch als Künstler, ich habe selbst diverse Texte veröffentlicht und auf Bühnen quer durch Deutschland vorgetragen. Zu Beginn nahm ich oftmals die „Opfer“-Position ein. Klar, das liegt einem am nähsten, wo wurde man verletzt, wo begannen Komplexe, Traumata, wo wurde man diskriminiert etc. Irgendwann merkte ich aber, dass das irgendwie jeder Künstler macht: das eigene Opfersein formulieren. Sich selbst als den Arglosen hinstellen, der ungewollt in Situation xy kam… Ich weiß noch genau, dass ich irgendwann mal bei Konstantin Wecker im Konzert war, der Altlinke, der Liedermacher. Im Konzert lauter sehr gutsituierte Mitfünfziger (und älter). Man sah das an den Klamotten, dem Habitus, den Karren aufm Parkplatz. Und Wecker schimpfte von der Bühne herab über das Establishment und dass man es „denen da oben“ zeigen wird. Das war mein Wendepunkt. Denn ich dachte: ihr seid doch „die da oben“! Wenn nichtmal ihr die Privilegierten seid – wer denn dann?? Kurzum, mich packte in einem Volk von Opfern die Sehnsucht nach Tätern. Wo sind sie und warum werden sie so, was denken sie? Wenn wir alle Opfer sind haben wir ein problem.
    Ich schrieb damals meinen ersten text aus Tätersicht, erschienen im Kurzgeschichtenband „Geliebter Schmerz“. Aus Sicht eines Mannes, der in den Park geht und eine Frau vergewaltigt. Doch der Mann ist kein Böser, er feiert sein Sein nicht, sondern ist voller Selbsthass, stemmt sich gegen seine Tat und schafft es nicht.
    Ich kann dir sagen, ich habe nach lesungen lange Stunden mit Zuhörern über Sinn oder Nicht-Sinn dieses Textes gesprochen. Und letztlich alles erlebt. Sexuell „geil“, fand den niemand, gott sei dank, dann hätte ich in getilgt. Mutig und wichtig viele. Unerhört und riskant, man weiß ja nie was Zuschauer im Publikum so erlebt haben. Eine Dame, der in ihrer Vergangenheit mal dieserart Dunkelheit erfuhr, kam zu mir undd ankte mir: sie habe geheult aber es habe gut getan, da ja sonst jeder immer nur so tue als gäbe es keine „solchen“ Menschen, die „sowas“ tun. All die „ich kenne das auch“-Bekundungen haben ihr nie weitergeholfen, hat sie zu viele von. Aber ein: „doch, doch, Menschen verfallen manchmal in bösartige Verhaltensweisen“ – das heilt ein wenig.
    Ich mag Lindemann nicht, ich glaube der suchte halt einfach wieder was zum Auffallen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht sieht er es so wie ich. Es ist die Verantwortung des Künstlers dem Bösen ein Gesicht zu geben. Andernfalls werden wir es nie los.

    Liebe Grüße,
    David

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