Emotional Times – Was passiert, wenn die Gefühle unter Quarantäne stehen

von Hannah Krug

Der Hashtag #StayTheFuckHome kursiert im Netz wie auch in unseren Köpfen. Diese Parole verweist darauf, wie einfach wir scheinbar Leben retten können dieser Tage. Gleichzeitig ist sie – unterstrichen durch das Wörtchen fuck – eine sehr emotional aufgeladene Drohung. Die Formel lautet: Sind wir nicht gewillt zu Hause zu bleiben, setzen wir das Leben unserer Mitmenschen aufs Spiel. Deswegen ist es zur Zeit unsere Pflicht zu Hause zu bleiben, sich in das „Eigene“ zurückzuziehen, Grenzen zu wahren und diese mit argwöhnischem Blick streng zu überwachen. Das aggressive fuck spiegelt dabei die Überforderung wieder mit der wir uns hilflos verbarrikadieren. Um die Pandemie gemeinschaftlich zu bekämpfen, müssen wir uns einzeln voneinander isolieren, sagen die Wissenschaftler*innen, sagen die Politiker*innen und nicht zuletzt die eigenen Freund* innen.

Es hat höchstwahrscheinlich etwas Gutes, dass der hektische, profitorientierte Alltag überdacht werden kann. Ja, ja, Zeit zum Nachdenken ist gerade da, ich weiß. Und auch ich würde es mir wünschen, dass dieser radikale Shutdown zu neuen gerechteren Einsichten und langfristigen radikalen gesellschaftlichen Veränderungen führt. Dass wir radikal sein können, haben wir ja jetzt bewiesen.

Isolation kann zur Zeit für viele vieles bedeuten. Für mich bedeutet es Einsamkeit, Überdruss, Weltschmerz und Sinnlosigkeit. Momentan gibt es in meinem Leben nur leere Signifikante, die ich nicht schaffe, aus eigener Kraft, mit Bedeutung, mit Sinnhaftigkeit zu füllen. Wie viele trauere ich um die verloren gegangene Freiheit. Freizeit ist ja gerade für viele, also für uns privileged kids, massenhaft vorhanden. Doch diese freie Zeit fühlt sich nicht wie Freiheit an, sie ist vielmehr zu einem Gefängnis geworden, in dem wir weiterhin zu Leistungstieren gezüchtet werden. Die Formel geht für mich persönlich so nicht auf. Doch jeder Versuch die Formel umzustellen, oder ihr sogar eine neue gegenüberzustellen stößt häufig auf vehementen Widerstand, auf Verachtung und abermals Überforderung. Zuhause bleiben ist das Gebot dieser Stunde, aber nicht das Maß aller Dinge, möchte ich zaghaft einwerfen. Zuhause kann Schaden anrichten, Ängste schüren und kann die menschliche Seele an Abgründe treiben, die sie vorher im flotten Gleichschritt der Leistungsgesellschaft stets geübt war zu verdrängen. Zuhause, in der WG, gibt es keinen Platz zum schreien und weinen, was manchmal notwendig ist zum klarkommen. Alle fordern zum Yoga auf, zur Besinnlichkeit. Ich möchte mich aber nicht besinnen! Ich möchte frei sein und meine Sinne berauschen. Ja, ich weiß mir geht es gut im Vergleich zu vielen anderen. Wer sind denn eigentlich diese vielen? Das Kollektiv? Wieso zählt der individuelle unterdrückte Seelenschrei nichts? Wieso kann ich nicht „sein“? Dieses akute Paradigma des „Funktionierens“ überfordert mich. Es hat höchstwahrscheinlich etwas Gutes, dass der hektische, profitorientierte Alltag überdacht werden kann. Ja, ja, Zeit zum Nachdenken ist gerade da, ich weiß. Und auch ich würde es mir wünschen, dass dieser radikale Shutdown zu neuen gerechteren Einsichten und langfristigen radikalen gesellschaftlichen Veränderungen führt. Dass wir radikal sein können, haben wir ja jetzt bewiesen. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Revolution nicht auf der falschen Seite stattfindet. Hoffen sollten wir, dass die soziale Marktwirtschaft nicht zum Rettungsanker ad absolutum erklärt wird, die auf keinen Fall zum erliegen kommen darf. Bullshit ist das, denn erst der wirtschaftsliberale Standard in unserer Gesellschaft hat dafür gesorgt, dass die „absolute Unfehlbarkeit“ des Marktes Menschenleben zerstört. Würden wir uns einmal von dem Druck befreien, dass nur ein funktionierender Markt das Wohlergehen der Bevölkerung garantiert, wären vielleicht auch andere ökonomische Alternativen denkbar. Hoffen wir also, dass nach der Krise nicht noch radikaler privatisiert wird, keine Umverteilung zugunsten aller Profitbestrebten stattfindet.

Mit Yoga kann unsere Autorin zur Zeit nur wenig anfangen. Schließlich befinden wir uns in einer globalen Krise.


Handeln sollten wir jetzt, indem wir die krasse Aussetzung unserer Grundrechte diskutieren und kontextualisieren. Wir sollten einem politischen Regime und insbesondere einzelnen Politpersonen nicht annähernd die Chance geben, autoritäre Machtausübung in Zukunft öfters und schneller durchzusetzen. Und wir sollten Fragen an Europa stellen. Abermals hat eine Krise gezeigt, wie fragil das Konstrukt EU ist und wie im Ernstfall doch nur die Not und Macht des Nationalstaates zählt. Hoffen sollten wir, das nach der Krise der Norden nicht wieder zum Gönner für den Süden wird, das Europa den Virus als gemeinsamen Feind betrachtet und dass die Grenzen offen bleiben. Nichtsdestotrotz lindert die Beschäftigung mit dem „Danach“ nicht die Not des „Jetzt“, dem eingeschlossenen Augenblick, dem sich selbst ausgesetzt sein. Und in diesem sich hinziehenden Moment, in dem der Drang nach einer Kontrolle über den Virus jede Kontrolle über einen selbst nimmt, stehen wir mehr oder weniger alleine da. Allein sind wir verängstigt. Die Angst regiert die sonst so sicher geglaubte Existenz. Jeder Morgen ist ein ungewisser. Ach heute, da muss ich nirgendwohin, kann niemanden sehen, sowie gestern und auch schon vorgestern. Das Bewusstsein über mein Leben stärke ich durch die Zuwendung meiner Liebsten. Gerade muss die Liebe jedoch abstandsbedingt andere Formen einnehmen und das quält am allermeisten. Jeder Tag bedeutet eine neue Herausforderung, bedeutet einander fernzubleiben, und digital umzuswitchen. Im Netz versumpfe ich jedoch noch mehr. Ernsthaft, das Internet habe ich jetzt einmal durchgelesen. FaceTime und Skype ersetzen nicht den auffordernden Blick beim gegenseitigen Zuprosten, nicht die spontane Umarmung, nicht den herzlichen Lachanfall, nicht eine generelle „Sinnlichkeit“. Naja, und ehrlich gesagt habe ich es bisher auch noch nicht probiert.

Kann man inneren Frieden in einem Glas Kimchi finden? Oder in einem selbstgemachten Sauerteig?

Diesen Verlust teile ich vermutlich mit vielen, doch bin ich ratlos, wie resolut gute Freund*innen diesen neuen Verhaltenskodex bereits verinnerlicht haben. Ich wünschte auch ich könnte von Heute auf Morgen digital meinen Freundeskreis mit dem Zubereiten von Kimchi und dem Ausüben von Yogaübungen bei Laune halten. Obwohl, eigentlich graut es mir auch bei dieser Vorstellung. Liebe auf Distanz hat noch nie gut bei mir funktioniert. Und jetzt ist es ein Gesetz. Was wird die Distanz mit unseren Freundescliquen machen? Was macht Angst mit Freundschaft? Wem vertrauen wir uns an? In Zeiten des Virus steigt das Misstrauen aufgrund des Willens sich und andere zu schützen. Menschen akzeptieren das Aussetzen von Grundgesetzen ohne Wimpernzucken, akzeptieren die befohlene Isolation und empfehlen es weiter an die Liebsten. Plötzlich schauen wir uns beim Parkspaziergang nach dem grün­weißen Einsatzwagen um. Dürfen wir zu zweit auf einer Decke sitzen? Wieviel Abstand war jetzt nochmal erlaubt? 2 Meter oder reichen auch 1,50 Meter? Das Risiko einer Tröpfcheninfektion. Was bedeutet das eigentlich?

Mein Wunsch: Driften wir nicht auseinander, sondern wenden wir unseren radikalen Willen auch zuversichtlich an. Erlauben wir ein Quäntchen Normalität. Reden wir über Corona, aber reden wir auch über uns und unsere Gefühle.

Alle gehen auf Abstand. Kann dieser Abstand nach der Krise wieder überwunden werden? Welcher Schaden bleibt? Irgendwas verhindert meine Vorstellung, nach der Seuche da wieder anzufangen, wo wir geendet haben. An einem frühlingshaften, schwerelosen Tag, wie er vor vier Wochen noch problemlos stattfand. Können wir menschliche Nähe – insofern sie nicht körperlich ist – problemlos wieder zulassen? Über was reden wir dann eigentlich, wenn jedes Thema „durchseucht“ ist? Wie wird unser Leben sein mit einem neuen Virus, der irgendwann im Alltag zementiert sein wird? Und wie verarbeiten wir die Komplexität unserer Gefühle, die viele von uns in dieser Zeit überwältigt haben ?
Mir ist klar, wenn es um Corona geht, gibt es nicht nur eine einzige Sicht. Es gibt so viele Perspektiven, wie auch der Mensch ein sehr facettenreiches Wesen ist. In dieser komplexen Zeit ist es bisweilen auch sehr positiv zu erleben, wie unterschiedlich die Sichtweisen sind. Jeder kontextualisiert den Virus anders, abhängig von der eigenen Erfahrungs­ und Gedankenwelt. Viele Einsichten sind hilfreich, vielfältig und solidarisch. Dennoch regiert gegenwärtig überall die Angst, sie ist festgeschrieben in den Gesichtern der Leute, die einen feindselig zurück in die vier Wände, zu einem selbst, drängen. Mein Wunsch: Driften wir nicht auseinander, sondern wenden wir unseren radikalen Willen auch zuversichtlich an. Erlauben wir ein Quäntchen Normalität. Reden wir über Corona, aber reden wir auch über uns und unsere Gefühle. Hier gibt es kein schlechter und besser, hier zählt jedes einzelne Innenleben. Öffnen wir uns und durchbrechen Grenzen, teilen wir uns mit, egal ob es sich um ein gutes, schlechtes oder mittleres Gefühl handelt, jedes Gefühl hat seine Berechtigung. Niemand hat das Recht darüber zu entscheiden, wie es uns ergeht und was das Beste für uns ist. Nicht jeder hält sich gleich gut selber aus. Ich zum Beispiel ertrage keinen moralischen Überlegenheitswettbewerb mehr, keine Ratschläge zur bestmöglichen Produktivität und keinen mitleidsvollen Blick. Eigentlich hätte ich auch Bock zu chillen, insbesondere auf meine Gefühle.


Geboren wurde Hannah Krug 1992 in einem 400-Seelen-Dorf in NRW. Sie lebt, studiert und arbeitet seit 8 Jahren in Berlin. Eine große Leidenschaft von ihr ist das Theater. In ihren Texten verarbeitet sie zumeist persönliche Gefühle und Ängste, aber auch gesellschaftliche Beobachtungen und Einschätzungen.

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