Undone: Zwischen den Realitäten [Rezension]

von Ly Le

In der folgenden Rezension geht es um die Serie Undone, die sich mit Themen wie Depression und Schizophrenie auseinandersetzt. Für Menschen, die sich in Krisen befinden, könnte das triggernd wirken. Solltest du verzweifelt sein oder Hilfe brauchen, nimm bitte Kontakt mit der Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de, Hotline: 0800-1110111 oder 0800-1110222) auf. Dort bekommst du professionelle Hilfe von Berater*innen, die dir Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

Das Image, dass Animationen nur für Kinder seien, ist ein Relikt aus der Vergangenheit. In den letzten Jahren tauchten immer wieder großartige Animationsserien in der Serienlandschaft auf, die gezielt ein älteres Publikum ansprechen. Das Potenzial von animierten Serien, komplexe Themen abstrakt und aus einer neuen Perspektive zu beleuchten, wird immer öfter genutzt. Wie durch die Möglichkeiten der Animationstechnik und dem furchtlosen Überschreiten von Genres auf eine gesellschaftliche Problematik hingewiesen wird, zeigt die Amazon-Serie Undone von Raphael Bob-Waksberg und Kate Purdy. Bereits die ersten 8 Folgen lassen die Zuschauer*innen mit grundlegenden Fragen zurück: Was ist real? Und wer bestimmt, was real ist?

Die Rahmenhandlung der Serie lässt sich kurz zusammenfassen. Nach einem Autounfall wacht die 28-jährige Alma im Krankenhaus auf und erfährt von ihrem toten Vater Jacob, dass sie durch Raum und Zeit reisen kann. Jacob, der zu Lebzeiten Wissenschaftler war und an Zeitreisen forschte, erklärt ihr, dass er ermordet wurde. Er bittet sie darum seinen Tod zu verhindern und trainiert fortan ihre Fähigkeiten.

Was nach einer normalen Fantasyserie klingt, entpuppt sich als neustes Meisterwerk von den BoJack Horseman-Macher*innen Raphael Bob-Waksberg und Kate Purdy. Wie bei ihrer Vorgängerserie schaffen die beiden Serienmacher*innen auch in Undone eine Symbiose zwischen Animation und tiefgründiger Erzählung. Die augenscheinliche Handlung kratzt die umfassende Storyline nur oberflächlich an. Dieser wird erst ersichtlich, wenn sich die Zuschauer*innen auf die animierte Erzählweise einlassen.

©Amazon Prime Video

Entgegen den Erwartungen geht es in Undone nicht hauptsächlich um eine Figur, die ihre Fähigkeiten entdeckt und versucht ihren Vater zu retten, sondern um Themen wie Depression und Schizophrenie. Denn was ist, wenn kein anderer Mensch deine Fähigkeiten sehen kann? Obwohl Alma durch die Zeit reist, mit ihrem toten Vater spricht und lauter surreale Momente erlebt, ist sie die einzige, die ihre Kräfte sieht. Von ihren neuen Fähigkeiten überfordert, fällt es ihr schwer in der realen Welt zu bleiben. Ihre Umgebung stuft sie daraufhin als psychisch labil ein. Ihre Mutter hegt den Verdacht, dass Alma wie ihre Großmutter väterlicherseits an Schizophrenie leidet. Die Frage, ob sie Wahnvorstelllungen hat, steht jedoch innerhalb der Serie nicht im Vordergrund. Vielmehr thematisiert sie den Umgang mit Almas Fähigkeiten. Denn während sie versucht mit ihren Kräften umzugehen, verliert sie immer mehr die Kontrolle über ihr Leben. Es werden Entscheidungen über sie hinweg getroffen und ihr Informationen verschwiegen. Das geschieht alles im Glauben, dass es das Beste für sie sei.

Somit ist die „Superkraft“- Thematik ein Deckmantel, um die persönliche und gesellschaftliche Wahrnehmung von psychischen Erkrankungen zu behandeln. Anhand von Alma sehen wir, dass Menschen, die als labil und psychisch krank eingestuft werden, in der Gesellschaft oftmals kein Gehör finden. Gerade ihre Wahrnehmung und Ansichten haben innerhalb gesellschaftlicher Normen keinen Platz. Die Frage nach der Realität, die sich die Serie stellt, hinterfragt somit im Grunde den gesellschaftlichen Ausschluss von anderen Realitäten und Normen. Mit dem Perspektivwechsel den Undone hier einnimmt, wird die Person nicht als Opfer ihrer selbst inszeniert. Ganz im Gegenteil, wir erleben eine starke Hauptfigur, die in vielen Punkten nachvollziehbar fühlt und handelt. Den Zuschauer*innen wird dabei konstant Almas Perspektive gezeigt. Wir fiebern mit ihr mit, wenn sie versucht den Tod ihres Vaters zu verhindern und sind in den Momenten der Isolation ihr am nächsten.

Jedoch ist dies nicht die einzige Ebene der Serie. Wie Alma verlieren auch wir die Orientierung über das Geschehen. Den Verlust der Übersicht geschieht zum einen durch die unchronologische Erzählweise. Immer wieder überlappen sich Szenen. Alma und die Zuschauer*innen sind in einer Schlaufe von Wiederholungen gefangen. Zum anderen geschehen surreale Ereignisse, die sich jedoch mit Almas Realität überschneiden. Immer mehr stellt sich uns und unserer Hauptfigur die Frage, was Realität überhaupt ist.

©Amazon Prime Video

Diese Frage wird zusätzlich durch die Art der Animation verstärkt. Die Serie wurde mit Hilfe von Rotoskopie erstellt. Dabei wurden die Szenen zunächst mit echten Schauspieler*innen gedreht und in der Postproduktion dann nachanimiert. Der Stil beinhaltet sowohl 2D- als auch 3D- Elemente. Während immer wieder farbintensive und surreale Szenen durch die visuelle Bildebene entstehen, lassen die greifbaren Emotionen der Figuren, sowie die erkennbaren Gesichter bekannter Schauspieler*innen, wie z.B.  Bob Odenkirk (Better Call Saul), uns ab und an vergessen, dass es sich um eine Animation handelt. Die Realität verschwimmt direkt vor unseren Augen. Damit bietet die Serie den Zuschauer*innen nicht nur ein unglaubliches Seherlebnis, sie ergänzt zugleich mit ihrer Visualisierung die Handlung.

Ob Animationsfan oder nicht – mit Undone finden Serienjunkies eine erfrischende Abwechslung, die nicht nur visuellen Genuss und eine mitreißende Handlung bietet, sondern uns auch gesellschaftliche Normen reflektieren lässt.


Bildquelle: ©Amazon Prime Video


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