‘Welcome to Chechnya’: Wo queer sein den Tod bedeutet [Rezension]

von Ly Le

Immer wieder passiert es, dass ein Ereig­nis die ganze Welt schock­iert. Nach weni­gen Tagen oder Wochen der inten­siv­en Berichter­stat­tung ver­schwindet es wieder aus der medi­alen Öffentlichkeit und aus unseren Köpfen. Ganz nach dem Mot­to: Aus den Medi­en, aus dem Sinn. So war es auch in diesem Fall. Anfang 2017 erschüt­terte die Nachricht von der sys­tem­a­tis­chen Ver­fol­gung homo­sex­ueller Men­schen im stark kon­ser­v­a­tiv­en Tschetsche­nien. Homo­sex­uelle Per­so­n­en wer­den im Zuge ein­er Regierungskam­pagne ent­führt und in inof­fiziellen Haf­tan­la­gen fest­ge­hal­ten, gefoltert und gedemütigt. Manche sind bis heute ver­schwun­den und manch andere wur­den danach zur Fam­i­lie zurück­ge­bracht, wodurch die Fam­i­lie zum Ehren­mord motiviert wur­den. Auf diese Schock­nachricht fol­gte kurze Empörung – son­st nichts. Ohne jegliche poli­tis­chen Kon­se­quen­zen für die Ver­ant­wortlichen ist dieser Hor­ror bis heute immer noch Real­ität für die queere Com­mu­ni­ty in der autonomen Repub­lik im Süden Russlands.

Wel­come to Chech­nya – so heißt der 107 Minuten lange Doku­men­tarfilm von David France (bekan­nt für How to Sur­vive a Plague und The Death and Life of Mar­sha P. John­son), der diesen grausamen All­t­ag auf­fängt und wieder an die bre­ite Öffentlichkeit bringt. Zwei Jahre lang begleit­eten der Regis­seur und sein Team Untergrundaktivist*innen, die sich gegen die von der Regierung ange­ord­nete „Aus­löschung“ der Homo­sex­uellen stellen und den Opfern bei der Flucht helfen. Han­na, eine queere Per­son aus Berlin, hat die Doku­men­ta­tion auf der Berli­nale 2020 gese­hen und wird in diesem Artikel ihre Gedanken mit uns teilen:

Han­na: Ich habe schon 2017 von der sys­tem­a­tis­chen Ver­fol­gung homo­sex­ueller Men­schen in Tschetsche­nien gehört. Ich war sehr begeis­tert als ich von der Doku­men­ta­tion erfuhr, weil es ein­fach sehr wenig Infor­ma­tio­nen und Mate­r­i­al zu dem The­ma gibt. Ich finde es ein beein­druck­endes Pro­jekt, all‘ die Infor­ma­tio­nen in einem Film zusam­men zu fassen.

FFMag: Hat­test du bes­timmte Erwartun­gen an die Dokumentation?

Han­na: Ich habe erwartet, dass ich noch mehr über die Sit­u­a­tion homo­sex­ueller Men­schen in Tschetsche­nien informiert werde und auch noch einen besseren Ein­blick bekomme  in die Arbeit der Organ­i­sa­tio­nen, die dort Men­schen helfen, zu fliehen, und diese Men­schen unter­stützen. Ich habe tat­säch­lich nicht erwartet, so viele Szenen zu sehen, in denen Gewalt vorkommt.

David France und sein Team set­zen bei der Darstel­lung auf unter­schiedliche Arten von Mate­r­i­al, um ein allum­fassendes Bild der Lage in Tschetsche­nien zu bieten. Dazu gehört auch die Ver­wen­dung von found footage Mate­r­i­al, das Gewalt an Homo­sex­uellen bein­hal­tet. Vor allem diese Szenen zeigen die Bru­tal­ität, mit der die Regierung und die Gesellschaft Tschetsche­niens gegen die queere Com­mu­ni­ty vorge­hen. Diese kön­nen auf das Pub­likum (re-)traumatisierend wirken.

FFMag: Wie würdest du die found footage Szenen aus der Per­spek­tive von Zuschauer*innen bewerten?

Han­na: Es war tat­säch­lich nicht das erste Mal, dass ich solche Sachen gese­hen habe. Und das war ähn­lich­es Material.

TRIGGERWARNUNG!

ES GAB EINE SZENE, DIE MIR BESONDERS IN ERINNERUNG GEBLIEBEN IST. EINE LESBISCHE FRAU WURDE VON IHREN VERWANDTEN AUF EINEM PARKPLATZ ZUSAMMENGESCHLAGEN. ALS SIE SCHON LEBLOS AUF DEM BODEN LAG, HOLTE EINE PERSON EINEN STEIN VOM STRASSENRAND UND LIESS IHN AUF SIE FALLEN. ES WAR KLAR, DASS DAS OPFER JETZT TOT WAR. UND DAS EINFACH NUR, WEIL DIE PERSON NICHT HETERO WAR.

Das hat schon nochmal was bei mir aus­gelöst. Ich habe auch viel darüber nachgedacht, ob es notwendig war, diese Szenen zu zeigen. Ich brauche keine filmis­che Doku­men­ta­tion, um zu merken, dass wir in ein­er Gesellschaft leben, die homo­phob ist und die queeren Per­so­n­en das Leben an vie­len Stellen zur Hölle macht. Ich kann mir aber vorstellen, dass es für Men­schen, die über­haupt keine Erfahrung mit Diskri­m­inierung gemacht haben, nochmal ein größer­er Schock sein muss. Dies zu sehen, kann dann auch Reflex­ion­sprozesse anstoßen.

Außer­dem fand ich es gut, dass es im Film nicht einge­bet­tet war als Effek­thascherei. Es ist eine Doku­men­ta­tion über ger­ade stat­tfind­ende sys­tem­a­tis­che Ver­fol­gung von Men­schen. Die Real­ität ist drama­tisch und man kann sie auch nicht beschöni­gen, wenn man was weglässt. Es ist halt die Wahrheit.

Nicht nur die Gewalt­szenen hin­ter­lassen einen Ein­druck von der Leben­sre­al­ität der queeren Men­schen in Tschetsche­nien, son­dern auch die selb­st­ge­filmten Szenen der Opfer. Sie wur­den vom Pro­duk­tion­steam ein­ge­laden, alles zu fil­men, wonach ihnen war. Auf diese Weise gibt die Doku­men­ta­tion den Men­schen die Macht, ihre eigene Geschichte selb­st zu erzählen. Durch die Gefahr, von der Regierung ent­deckt zu wer­den, durften im Film die Iden­titäten von Aktivist*innen und Opfern nicht offen gezeigt wer­den. Um trotz­dem die Emo­tio­nen der Men­schen auf­fan­gen zu kön­nen, nutzte David France eine Tech­nik, bei der Gesichter von queeren Aktivist*innen aus New York und Los Ange­les auf die eigentlichen über­tra­gen wur­den. Es bleiben Augen, Stimme und Mimik. Somit gehen die eigentlichen Emo­tio­nen nicht verloren.

FFMag: Was blieb dir vom Film am meis­ten in Erinnerung?

Han­na: Ich hat­te eine unglaubliche Nähe zu dem Mate­r­i­al. Also ich habe sel­ten oder noch nie einen Film gese­hen, wo ich so sehr das Gefühl hat­te mit meinen eige­nen Emo­tio­nen beim Film zu sein und ein­fach alles direkt mitzuer­leben. Dazu kam eine extreme Wut, die sich während des Films auf­baute. Eine Wut, die sich gegen den Zus­tand und die Medi­en richtete. Als ich nach dem Kino nach Hause kam, war ich kör­per­lich kom­plett am Ende. Ich habe eine Macht­losigkeit gefühlt, aber gle­ichzeit­ig einen Arschtritt [ver­spürt]. So ein Gefühl von „Jet­zt aber erst recht! Jet­zt muss was passieren!“ Ich habe dann direkt den Men­schen aus meinem Umfeld von der Sit­u­a­tion in Tschetsche­nien erzählt. Und das ist das, was ich machen kann. In meinem Umfeld davon zu erzählen, dass es das gibt. Und auf den Film hin­weisen, in dem ganz viel Mate­r­i­al kom­pakt zusam­menge­bracht wird. Jet­zt während der Coro­n­azeit beschäftigt Men­sch sich sehr viel mit sich selb­st, aber die Sit­u­a­tion in Tschetsche­nien geht immer noch weiter.

Diesen Ein­druck hat­te nicht nur sie. Wel­come to Chech­nya hat mehrere Film­preise gewon­nen, darunter auch den Panora­ma-Pub­likum­spreis 2020, wofür 20.000 Kinobesucher*innen der Berli­nale 2020 abges­timmt hatten.

FFMag: Wie emp­fan­d­est du die Stim­mung im Kinosaal?

Han­na: Ich habe wirk­lich den kom­plet­ten Film durch gezit­tert und geweint. Und es ging sehr vie­len Men­schen im Kinosaal so. Sehr viele haben geweint, geschrien und wütend aus­geat­met. Wir waren fer­tig. Und trotz­dem hat­te ich zum ersten Mal das Gefühl, mit so vie­len Men­schen, die ich nicht kenne, die auch nicht in mein­er Stammkneipe unter­wegs sind, eine Com­mu­ni­ty zu sein. Dieses Gefühl von: Wir wer­den Zeug*innen von einem Ereig­nis, das seit ein­er ganzen Weile in einem Teil der Welt vor sich geht und vor dem ein großer Teil der Welt die Augen ver­schließt und ver­sucht dies zu verdrängen.

Das Beson­dere an der Berli­nale Vorstel­lung war, dass ein Opfer und die Aktivist*innen aus dem Film vor Ort waren. Es gab nach dem Film Stand­ing Ova­tions. Unfass­bar lange Stand­ing Ova­tions. Men­sch hat gemerkt: Auch wenn wir im Moment nichts machen kön­nen, so kön­nen wir doch klatschen. Es hil­ft zwar noch nicht, aber der gesamte Kinosaal musste es raus­lassen und das Weinen hat nicht gereicht.

Die von Han­na W. erwäh­n­ten Per­so­n­en sind die Aktivistin Olga Bara­no­va (Grün­derin der Moscow Com­mu­ni­ty Cen­ter for LGBT+ Ini­tia­tives), der Aktivist und Krisenko­or­di­na­tor David Isteev (Russ­ian LGBT Net­work) und Max­im Lapunov, der selb­st Opfer der sys­tem­a­tis­chen Ver­fol­gung ist. Sie waren stel­lvertre­tend für das Net­zw­erk vor Ort, um nochmal ihr Anliegen per­sön­lich zu erläutern. Obwohl es für sie ein großes Risiko ist, an die Öffentlichkeit zu treten, sehen sie es als Chance an, mehr Opfer zu erre­ichen und Aufmerk­samkeit zu bekom­men. Aus diesem Grund läuft par­al­lel zur Film­pro­mo­tion auch eine Kam­pagne für das Net­zw­erk und die queere Com­mu­ni­ty in Tschetschenien.

FFMag: Inwiefern hat Wel­come to Chech­nya Ein­fluss auf dich als queere Person?

Han­na: Nach dem Film bin ich den Aktivist*innen noch über den Weg gelaufen und habe dem einen gesagt, dass ich es so unbeschreib­lich finde, was diese Per­so­n­en jeden Tag an Energie auf­brin­gen und es schaf­fen, für diese Men­schen da zu sein und sel­ber ihre eige­nen queeren Iden­titäten aufrechtzuer­hal­ten. Ich habe gesagt, dass es mir als Per­son nochmal deut­lich­er gemacht hat, dass es ein­fach nur Glück ist, dass ich in Berlin geboren bin, in eine Fam­i­lie hinein, die mich nicht erschlägt dafür, dass ich nicht het­ero bin.

Dieser Film gibt mir auch wieder die Gewis­sheit, dass queere Kämpfe nicht vor­bei sind und noch kein Sieg errun­gen ist, son­dern alles immer wieder neu erstrit­ten wer­den muss.


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