Eine queere Lesart vom ‚Großen Gatsby‘

von Sophie Lilian Knote

Der Große Gatsby von F. Scott Fitzgerald ist sicherlich keine Neuentdeckung in der weiten Welt der literarischen Wunderwerke. Jedoch wirkt die Geschichte meist auf eine sehr oberflächliche Art und Weise, da viele Interpretationen sich an der Liebesgeschichte Gatsby‘s und der Sehnsucht nach Geld aufhängen. Der Glanz der Dinge, die unerfüllten Wünsche nach Liebe… man wird geradezu geblendet von der pompösen Lebensweise der goldenen Zwanziger. Aber auch unter der vergoldeten Oberfläche ist so einiges zu entdecken, wenn man weiß, wo und wie man danach sucht.

Denn Der Große Gatsby erzählt neben der typischen heteronormativen Geschichte eines Mannes, der ursprünglich aus der unteren Mittelschicht stammt, und sich in das sphärisch schöne, goldene Mädchen verliebt, auch von zwei anderen Menschen. Diese machen sich die ihnen gegenüber unfreundlich gestimmte Welt in ihrer Oberflächlichkeit zu Nutzen. Sie verwenden die Bausteine der verschachtelten, artifiziellen Gesellschaft um sich herum, um sich unsichtbar zu machen.

Die Golfspielerin Jordan Baker und der Erzähler der Geschichte, Nick Carraway sind hier die Hauptakteure. Vorweg aber nochmal einen Einblick in den Großen Gatsby, um den Inhalt des Werkes aus den Tiefen unseres Gedächtnisses wieder auftauchen zu lassen:

Nick zieht nach West Egg, in ein kleines Haus, welches einen prunkvollen Nachbarn hat. Das Anwesen von Jay Gatsby. Dieser lebt jenseits von jeglichem Standard: Er fährt ein quietsch-gelbes Auto, trägt die auffallendste Kleidung und schmeißt die bombastischsten Partys. Er lädt niemanden ein, und doch feiert die halbe Stadt bei ihm das Wochenende. Als Nick jedoch, mit Einladung, auftaucht, berichten ihm die Gäste die wildesten Geschichten über ihn, ohne ihn jemals auf seinen eigenen Feiern auch nur gesichtet zu haben. Nick gegenüber öffnet sich Jay Gatsby jedoch. Er lädt Nick zu Rundflügen und Besuchen ein, zu Ausflügen in die Stadt und macht mit ihm gemeinsame Dinner-Pläne. Er scheint niemals still zu stehen. Eines Tages offenbart er Nick, das er ihn um einen Gefallen bitten möchte. Denn Nick ist der Cousin seiner großen Liebe, Daisy. Er bittet Nick darum, ein privates Treffen mit ihr zu arrangieren. Dem kommt er nach, trotz des Faktes, dass Daisy verheiratet ist und ein Kind hat. Dies scheint alles unwichtig zu sein, im Angesicht Gatsbys großer Liebe zu ihr. Und so kommen die beiden sich wieder näher, während Nick und Jordan, Daisys beste Freundin, als Zuschauer ihrer Romanze fungieren. Tom, Daisys Ehemann, ist derweil mit seiner eigenen Liebschaft Myrtle beschäftigt, welche selbst wiederum verheiratet ist. Kein Wunder, dass Jordan der Institution der Heirat nicht sonderlich viel abgewinnen kann. So verfliegt die Zeit. Eines Tages, nach einem Ausflug in die Stadt, fahren Gatsby und Daisy, gefolgt von Nick und den anderen in den Autos hinter ihnen, zurück. Bei einem Unfall kommt dabei Myrtle ums Leben, welche laut Augenzeugen vor Gatsbys Fahrzeug lief. Im Glauben, dass Gatsby sie ermordet hätte, bringt Catherines Ehemann ihn um.

Dies ist jedoch nur die Hauptgeschichte, welche im Zentrum des Romans steht. Unterschwellig geschieht noch sehr viel mehr.

Denn abgesehen von dieser Geschichte wird auch von dem Gesellschaftskonstrukt der 20er Jahre erzählt, von der dominierenden Ideologie, verkörpert durch Daisys Ehemann Tom Buchanan, sowie von Formen von Widerstand, oder zumindest Nonkonformität, verkörpert von Jordan Baker und Nick Carraway.

Tom ist weiß, männlich, heterosexuell und reich. Er ist überzeugt von ‚Überlegenheit der Weißen‘ und vom ‚wissenschaftlichen‘ Rassismus, worüber fünf Jahre vor der Erscheinung des Großen Gatsby ein populistisches Werk veröffentlicht wurde: The Rising Tide of Color Against White Supremacy von Lothrop Stoddard. Dieser hatte viel Anklang in den USA gefunden.
Ein weiterer Identitätsdiskurs welcher herrschte, war der, dass Homosexualität als psychologische Fehlfunktion galt, und dass sich Homosexuelle untereinander erkennen können. Zudem wurden Lesben meist als maskulin und bedrohlich von der Öffentlichkeit konstruiert, welche reich und weiß sind. Letzteres aus dem Grund, dass es sich diese Frauen schon eher ‚leisten konnten‘ nicht konform zu leben ohne allzu schwerwiegende, eventuell lebensbedrohliche Folgen erwarten zu müssen (keinen Arbeitsplatz, kein Geld, …).
Homosexualität wird in Fitzgeralds nächstem Buch Tender Is The Night vergleichsweise explizit behandelt, weshalb ihre Abwesenheit in diesem Werk stark auffällt. Wenn man sich jedoch von der Hauptgeschichte nicht allzu sehr ablenken lässt, so kann einem eine andere Erzählung auffallen: Die von Jordan und Nick, welche sich beide unsichtbar machen, um unbehelligt ihrem bevorzugten Lebensstil nachzugehen. Jordan wirkt auf Nick nordisch mit ihrem blonden Haar und hat einen harten Körper, welchen sie oft in weiße, sehr feminine Kleider hüllt. Ihre weiße Darstellung funktioniert als Maske von Reinheit. Ihre sonstige, undefinierte Art versteckt sie vor den Leser*innen. Zudem wirkt ihre Art als sehr einstudiert. Mehrere Male erwähnt Nick, wie verwechselbar gleich Jordans Bildnisse in Sportmagazinen und Ähnlichem, zu ihrem Auftreten in der Realität ist. Denn ihre Gesten und Ausdrücke sind zu jeder Zeit einstudiert und kontrolliert. Neben diesem kalkulierten Erscheinungsbild rebelliert sie gegen den dominierenden misogynen Diskurs, welcher Frauen als ‚Besitztum‘ versteht, der  von der Familie zum Ehemann übergeht. Jordan macht diese Erfahrung durch ihr großes Idol, Daisy. Daisy, welche sonst nichts Alkoholisches trinkt, betrinkt sich maßlos vor ihrer Hochzeit zu Tom und will die Hochzeit absagen. Jedoch wird sie durch ihre Mutter und Jordan wieder ‚zu Sinnen‘ gebracht, und zieht die Trauung mithilfe von Betäubungsmitteln durch. Dies traumatisiert Jordan, und sie beginnt ihre Golf-Karriere. Durch diese wird sie ökonomisch unabhängig und erarbeitet sich eine Mobilität in der Öffentlichkeit, zu welcher sie sonst nur in Begleitung eines Ehemanns Zugang bekommen hätte.

Sowohl diese Tatsache als auch ihr Name verbinden sie eng mit der Sängerin Josephine Baker, welche in den 20ern sehr berühmt war und ihre Bisexualität nicht verheimlichte – mit der Konsequenz, dass es sie nach Paris zog, wo sexuelle Transgressionen mehr geduldet wurden. Eine weitere Assoziation zur Welt der 20er, welche man knüpfen könnte, ist die zu Zelda Fitzgeralds guten Freundin Jordan Prince, auf dessen Intimität zu Zelda, Scott Fitzgerald neidisch war, als er Zelda den Hof machte. Ihre Beziehung zu Zelda erinnert an Jordan Bakers zu Daisy. Dies ist insofern äußerst wahrscheinlich, als dass Fitzgerald dafür bekannt war, sich in für seine Romane vom eigenen Leben inspirieren zu lassen.

Des Weiteren fällt auf, dass Jordan sich schlichtweg weigert mit Männern zu interagieren. Wenn sie mit Tom beispielsweise allein gelassen wird, so liest sie lieber ein Magazin oder gibt andere Gespräche wieder, anstatt auf ihn einzugehen oder etwas anderes von Bedeutung zu sagen. Wenn sie überhaupt mit ihm interagiert, dann nur um ihn zu verunsichern. Als sie eines Nachmittags in die Stadt fahren, erwähnt sie, wie sehr sie New York im Sommer so sehr genießt, und warum:

„I love New York on summer afternoons when everyone‘s away. There‘s something very senseous about it – overripe, as if all sorts of funny fruits were going to fall into your hands“.
(Ich liebe New York an Sommernachmittagen, wenn alle weg sind. Sie hat dann etwas sinnliches – ist grade zu überreif, so als ob alle möglichen komischen Früchte in deine Hände fallen könnten.)

Hier teilen sie und Nick eine Vorliebe, denn auch er erwähnt seine Liebe zu der Stadt, in welcher…

„Anything can happen (…) anything at all (…) even Gatsby could happen“.
(Alles kann passieren (…) Allesmögliche (…) selbst Gatsby kann passieren)

Diese Zeile als auch einige andere Bemerkungen, die Jordan zu Nick anmerkt, weisen darauf hin, dass Nick eventuell romantisches Interesse an Gatsby hat. Kurz nach der Szene, welche genauen Lesern offenbart, dass Nick homosexuell ist – so wacht er im Bett eines anderen Mannes auf – redet Nick über die Unaufrichtigkeit von Frauen, welche er ihnen nie übel nimmt, vermutlich da er sich selbst ständig verstellen muss. Er gesteht Jordan zu, dass auch ihre gestellte Art nur ausgeübt wird, um andere Charaktereigenschaften und Interessen zu verstecken. Auch Jordans Abstinenz von Alkohol hilft ihr, nicht die Kontrolle zu verlieren und zusätzlich die Trunkenheit anderer auszunutzen, um irreguläre Verhaltensweisen vor ihnen zu verstecken. Auch ihre Aussage

„I like large parties. They are so intimate. At small parties there isn‘t any privacy“
(Ich mag große Partys. Sie sind so intim. Bei kleinen Partys hat man keine Privatsphäre.)

verweist auf ihre Strategie des Ausweichens. In einem anderen Moment jedoch übernimmt sie eine andere Verhaltensweise, und spricht sich selbst die Rolle des Mannes zu: Sie sagt zu Tom, dass sie ihn später treffen würde, und dass sie der Mann mit den zwei Zigaretten sein wird. Möglicherweise meint sie damit, dass sie eine so unübersehbare männliche Ausstrahlung haben wird, dass er sie mit Leichtigkeit wiedererkennen würde. Vielleicht vertraut sie in diesem Moment auf das ständige Stadium von Trunkenheit welches Tom an den Tag legt, da sie keine Besorgnis zeigt, dass er sie womöglich als queer erkennen könnte. Auch Nick ist dem Alkohol gegenüber meist abweisend, wird jedoch unvorsichtig, wenn er doch etwas trinkt – wie zum Beispiel, wenn er im Bett eines anderen Mannes aufwacht.
Jordan Bakers konstruiertes Auftreten, als auch ihre soziale Transgression in einen männlich assoziierten Sport, ihre ablehnende Haltung Männern gegenüber und ihre Gespräche zu Nick weisen sie, als auch Nick, als queer aus. Queer in diesem Falle definiert als vom dominanten Gesellschaftskonstrukt von Mann und Frau abweichend. Sie fallen beide aus der Reihe, nutzen jedoch die Manöver der Norm aus um chamäleonartig mit der Masse zu verschmelzen.
Diese Schilderung zeigt uns heute, wie queere und homosexuelle Menschen in den 20er Jahren zum Teil agiert haben könnten, wenn sie nicht als ‚Abschaum der Gesellschaft‘ oder als psychisch krank wahrgenommen werden wollten. Da es zur Zeit der Veröffentlichung dieses Buches verboten war, über Homosexualität zu schreiben, könnte man dies als Versuch ansehen, so unauffällig wie möglich über dieses Thema zu schreiben.


Quellen:

Fitzgerald, F. Scott: The Great Gatsby, New York: Charles Scribner‘s Sons, 1925.
Froehlich, Maggie Gordin: Jordan Baker, Gender Dissent, and Homosexual Passing in The Great Gatsby, in The Space Between: Literature and Culture, 1914-15 6 (1), S. 81-103.

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