Der Tod der freien Kunst in Berlin: Das Ende der Ära vom Kunsthaus Tacheles und der Cuvrybrache

Was in Berlin weicht, sind nicht nur Clubs, Kneipen, autonome Kollek­tive oder Kreativ­ität. Es sind auch nicht nur irgendwelche solche Orte. Es sind diejeni­gen Orte, die min­destens seit der Wende das Berlin­er Lebens­ge­fühl definierten. Mit dem Kun­sthaus Tacheles weicht ein weit­er­er Freiraum der Gen­tri­fizierung. Unsere Autorin über die Ver­drän­gung und den Verlust.

TEXT Mercy Ferrars FOTO Wikicommons/Privat

Ich bin ein Kind des West­ens, aufgewach­sen in ein­er Kle­in­stadt, in der sel­ten etwas Bedeut­sames passierte. Meine Kind­heit war ziem­lich behütet, und selb­st die Met­alkneipe, in der ich jeden Fre­itagabend mit meinen Fre­un­den rumhing, ist 10 Jahre später betra­chtet eben auch nur der Keller eines gut­bürg­er­lichen Restau­rants am Mark­t­platz gewe­sen. Der Rock­club in Stuttgart, in den es mich mit 20 trieb, war nicht mehr als ein unschein­bar­er Raum in einem Einkauf­szen­trum. Zuhause war alles sauber, alles repari­ert. Zuhause standen Häuser mit blenden­den Glas­fas­saden oder nichtssagende Rau­faserk­lötze aus den Sechzigern. Zuhause fuhr ich auf glat­ten, dunkel­grauen Straßen und aß Eis hin­term Sportheim am Fluss im Dorf. Viel passiert ist nicht.

Natür­lich war ich über­wältigt, als ich 2010 das erste Mal durch Berlin schlen­derte. Und so wie die meis­ten anderen Kinder des West­ens faszinierte mich vor allem das östliche Berlin, in dem der Geist der Zeit nach dem Mauer­fall auch knapp 20 Jahre später noch zu spüren war, wenn auch sicher­lich nicht annäh­ernd so bunt wie in den Neun­zigern. Ich schoss Fotos von den Schus­s­löch­ern in den Alt­baut­en in Kreuzberg, an denen ich auf dem Weg zur U‑Bahn vor­beilief – das „NO PHOTOS!“-Schild gekon­nt ignori­erend – und entwick­elte ein frag­würdi­ges Faible für grell pinke Abflussrohre. Ein biss­chen cheesy, ein biss­chen pein­lich. Aber es war halt anders: Berlin war kaputt. Berlin war rau. Berlin war unhöflich. Und als ich das erste Mal aus Berlin heimkehrte, emp­fand ich die makel­lose Ober­fläche mein­er Heimat­stadt als ziem­lich störend. Ja, störend.

Das Tacheles im Mai 1995. © Wikicommons

2012, während meines inzwis­chen drit­ten Besuch­es in Berlin, stand ich dann schließlich das erste Mal vorm Tacheles in der Oranien­burg­er Straße, dessen Adresse ich mir zuvor ergoogelt hat­te – natür­lich ohne einen blassen Schim­mer um die eigentliche Bedeu­tung dieses Gebäudes. Ich hat­te außer­dem meine Mama im Schlepp­tau, der ich ein Gefühl zeigen wollte, das ich im Süd­west­en verge­blich suchte. Es war kurz bevor das Gebäude zwangs­geräumt wer­den sollte, aber das wusste ich natür­lich auch nicht.

© Wiki­com­mons

Das Tacheles fühlte sich an wie eine andere Welt. Mama fühlte sich schnell unwohl, und ich spürte, wie mir die behütete Kind­heit im West­en im Nack­en saß. Um ehrlich zu sein, war ich vom Tacheles mit seinen autonomen Kün­stler­ate­liers, den Autowracks im sandi­gen Hin­ter­hof, und der Bedeu­tungss­chwere, die vom Gebäude aus­ging, tat­säch­lich ein biss­chen eingeschüchtert. Ich kan­nte das als West­kind ein­fach nicht. Nach­dem wir uns das Gebäude ange­se­hen und ich auf der unglaublich weitläu­fi­gen Brach­fläche hin­ter dem Tacheles, die durch eine Teil­spren­gung des Gebäudes in den 80ern ent­standen war, einem Traum nach­jam­merte, der nicht mein­er war, schoss ich noch ein Foto vom bun­ten “Tacheles”-Schriftzug am Ein­gang und irgend­wie atmeten sowohl Mama als auch ich erst wieder aus, als wir wieder auf der Straße standen.

Das Tacheles 2012. © alle Auf­nah­men: Mer­cy Fer­rars Photographer

Aber irgend­was war im Tacheles auch mit mir passiert, auch wenn ich das damals noch nicht so richtig ver­standen hat­te – Begriffe wie Autonomie, Kap­i­tal­is­mus oder Anar­chie waren für mich zu jen­er Zeit Fremd­wörter. Komis­cher­weise entwick­elte ich nach diesem ersten und einzi­gen Besuch eine selt­same Melan­cholie für dieses Gebäude, welch­es mich gle­icher­maßen faszinierte und mir ein biss­chen Angst machte, und hoffte, es würde für immer da ste­hen, inmit­ten des zu Tode gen­tri­fizierten Stadt­teils zwis­chen Friedrich­straße und Oranien­burg­er Straße, zwis­chen sauberen Häuser­fas­saden, öden Einzel­han­dels­geschäften und touris­tis­chen Restaurantketten.

Inzwis­chen lebe ich seit mehr als sieben Jahren in Berlin. Als ich let­ztens mal wieder mit der Straßen­bahn am Tacheles vor­bei­fuhr, war es nahezu voll­ständig von Baugerüsten bedeckt. Der markante Schriftzug an der Außen­wand des Gebäudes — “HOW SOON IS NOW?” — und sämtliche an der Wand ange­bracht­en Objek­te fehlten voll­ständig. Das alte Schrift­dis­play über dem ehe­ma­li­gen Kino, welch­es jahre­lang noch die Titel der Filme, die hier vor der Schließung zulet­zt gezeigt wur­den, auswies, fehlte eben­falls. Der bunte TACHELES-Schriftzug am Ein­gangstor wurde durch “Am Tacheles” erset­zt. Dahin­ter ragt imposant und bek­lem­mend ein gigan­tis­ches Neubaugerüst in die Luft. Das Tacheles wird gen­tri­fiziert und in ein mod­ernes Stadtquarti­er mit Einkauf­szen­trum, Luxus­woh­nun­gen und ‑büros ver­wan­delt. Mit dem Ver­lust des einst autonomen Kun­sthaus­es ver­liert Berlin auch ein Stück seines Traums.

Das Tacheles wird gen­tri­fiziert. © Wikicommons

Wie das Tacheles zu dem wurde, was es war

Im Jahre 1909 als “Friedrich­straßen­pas­sagen” von Franz Ahrens als fün­fgeschos­siger Stahlbe­ton­bau mit Kup­pel eröffnet, galt das Gebäude in seinen früh­esten Tagen als zweit­größte Einkauf­s­pas­sage Berlins, welche die Friedrich­straße mit der Oranien­burg­er Straße ver­band. Darüber hin­aus galt er als der let­zte Pas­sagen­bau in Europa. Bis 1914 kon­nte sich das Kaufhaus hal­ten und wurde anschließend noch vor dem ersten Weltkrieg zwangsver­steigert. Ab 1928 wurde das Gebäude als “Haus der Tech­nik” von der AEG (‚All­ge­meine Elek­tric­itäts-Gesellschaft‘, gegrün­det 1883) genutzt. Unter den Nation­al­sozial­is­ten zog die DAF (Deutsche Arbeits­front) und das Zen­tral­bo­de­namt der SS ein. Während der DDR diente das Haus den unter­schiedlich­sten Anmi­etern wie Einzel­händlern oder Handw­erk­sleuten, darunter auch das Kino Cam­era. Ab 1980 wurde das Gebäude auf­grund mehrerer Sta­tikgutacht­en teil­weise abgeris­sen. Nach dem Mauer­fall beset­zte das Tacheles Kün­stlerkollek­tiv schließlich im Feb­ru­ar 1990 den let­zten noch existieren­den Gebäude­teil und ver­hin­derte so den voll­ständi­gen Abriss. 

Das Tacheles als Haus der Tech­nik. © Wikicommons

“Unser Mot­to war: Die Ide­ale sind ruiniert, ret­tet die Ruine”, schreibt Fotograf Andreas Rost, der von 1990 bis 1993 in der beset­zten Ruine gewohnt hat­te. Die ersten Jahre in der Ruine waren hart. Rost berichtet von Som­mern der Anar­chie und von harten Win­tern ohne Strom und fließend Wass­er. Aber er spricht auch vom Freiraum — und vom Frei­denken des DDR-Regimes, welch­es nach Orwell‘schen Par­a­dig­men regierte.

Vor sein­er Schließung war das Tacheles dann ein Kul­turzen­trum, welch­es unter anderem das Kino “High End 54”, einen Salon, das “Café Zap­a­ta” und rund 30 Künstler*innenateliers, Ausstel­lungs­flächen und Verkauf­s­räume für zeit­genös­sis­che Kun­st beherbergte. Im Zap­a­ta fan­den unter anderem Konz­erte und Lesun­gen statt. Gen Ende des ersten Zweitausender­jahrzehnts fand schließlich ein großer Umbruch statt: Der vom Tacheles e.V. in den späten Neun­zigern aus­ge­han­delte Mietver­trag lief Ende 2008 aus, 2011 fand schließlich eine Zwangsver­steigerung statt. Gegen eine Zahlung von ein­er Mil­lion Euro wur­den das Kino, das Erdgeschoss und der Hin­ter­hof geräumt; die Künstler*innen verblieben jedoch im Gebäude. Im Sep­tem­ber 2012 wurde das Tacheles schließlich endgültig geräumt. Als ich im Tacheles zu Besuch war, war es also bere­its nur noch ein Schat­ten sein­er selb­st. Nach der Räu­mung stand es lange still ums Tacheles. Ein wenig war es aus mein­er Erin­nerung ver­schwun­den, aber ich lächelte jedes Mal, wenn ich an dem nun stillen, aber bun­ten Haus in Mitte vor­bei­fuhr. Ein let­zter Rest des “Berlin­er Traums” — und irgend­wie gab es da die Hoff­nung, dass die Stadt nicht zulassen würde, dass das Tacheles gen­tri­fiziert würde. Aber hey, “die Stadt” hat vor eini­gen Jahren auch Teile der East Side Gallery abreißen lassen, um Luxu­sap­parte­ments zu bauen. Heilig zu sein scheint ihr wenig. “Als die Polizei das Gebäude 2012 räumte, ging ein Traum kaputt. Freiräume wie das Tacheles haben Berlin berühmt gemacht und ver­schwinden jet­zt. Warum soll noch jemand hier­herkom­men, wenn es nur noch Luxus­woh­nun­gen und Shop­ping­cen­ter gibt?”, schreibt Rost 2016 in der Vice.

Gentrifizierung in Berlin: Wenn kein Gefühl mehr bleibt

© Wiki­com­mons

Verän­derung ist ein natür­lich­er Teil vom Lauf der Zeit. Wo Zeit verge­ht, ändern sich auch Dinge, Orte, Men­schen und Kul­turen. Gen­tri­fizierung ist jedoch ein Struk­tur­prob­lem, welch­es lokale Nach­barschaften von charak­ter­is­tis­chen Beson­der­heit­en in makel­lose, glat­te und oft­mals beliebig aus­tauschbare Gegen­den ver­wan­delt und dabei Men­schen und Geschäfte, die sich die steigen­den Mieten in neu- oder umge­baut­en Luxu­shäusern nicht leis­ten kön­nen, ver­drän­gen. Manch­mal nur an den Rand der Stadt, manch­mal an den Rand der Gesellschaft, und manch­mal auch über den Rand ihrer gesamten Exis­tenz hinaus.

 “Der Begriff Gen­tri­fizierung wurde in den 1960er Jahren von der britis­chen Sozi­olo­gin Ruth Glass geprägt, die Verän­derun­gen im Lon­don­er Stadt­teil Isling­ton unter­suchte. Abgeleit­et vom englis­chen Aus­druck „gen­try“ (= nieder­er Adel) wird er sei­ther zur Charak­ter­isierung von Verän­derung­sprozessen in Stadtvierteln ver­wen­det und beschreibt den Wech­sel von ein­er sta­tus­niedrigeren zu ein­er sta­tushöheren (finanzkräftigeren) Bewohn­er­schaft, der oft mit ein­er baulichen Aufw­er­tung, Verän­derun­gen der Eigen­tümer­struk­tur und steigen­den Miet­preisen ein­herge­ht. Im Zusam­men­hang mit dem Aufw­er­tung­sprozess erfol­gt oft die Ver­drän­gung sowohl der alteinge­sesse­nen, ger­ing ver­di­enen­den Bevölkerung als auch von lan­gan­säs­si­gen Geschäften, die dem Zuzug der neuen kaufkräftigeren Bevölkerung und deren entsprechend verän­derten Nach­frage weichen müssen. In der Regel sind es inner­städtis­che Vier­tel, die von Gen­tri­fizierung betrof­fen sind.”

Deutsches Insti­tut für Urbanistik

In Berlin scheint die Gen­tri­fizierung schneller und drastis­ch­er voran zu schre­it­en als anderorts. Das mag vielle­icht an der Vielzahl von Brach­flächen oder Bau­ru­inen liegen, die min­destens seit der DDR lieb­los vor sich hin ver­we­sen. Der berühmte Blog Aban­doned Berlin hat nicht umson­st unzäh­lige ver­lassene Orte besucht, um die sich kein­er zu küm­mern scheint – solange man dort kein Kap­i­tal wit­tert. Und manch­mal nicht ein­mal dann. Vielle­icht liegt es aber auch an der Stadt, deren Kul­tur und Men­tal­ität sich in den let­zten Jahren doch auch stark verän­dert haben. Es ist eben immer ein Zusam­men­spiel — nie bloß ein Ort, nie bloß ein Gedanke, son­dern eine Wech­sel­wirkung aus Stadt und Men­sch, die sich gegen­seit­ig bee­in­flussen. Pos­i­tiv wie neg­a­tiv. Für Neugierige hat die ze.tt in einem Artikel zusam­menge­tra­gen, wie sich einige Orte in Berlin allein in den let­zten 10 Jahren verän­dert haben.

Brachen sind ein Relikt der Vergangenheit.

Teil des Cuvry­graf­fi­tis 2012. © Wikicommons

Wenn man vor 10 Jahren über die Ober­baum­brücke in Ost­ber­lin geschlen­dert ist, hat einen kurz vor Kreuzberg der Aus­blick auf die Cuvry­brache und die Cuvry­graf­fi­tis willkom­men geheißen. Die Cuvry­graf­fi­tis auf dem Weg in den ehe­ma­li­gen Kreuzberg­er Club Mag­net (heute “Musik und Frieden”) waren für mich was der über allem empor­ra­gende Fernse­hturm in Mitte ist: ein Sym­bol der Wieder­erken­nung, der inof­fiziellen Bezirk­si­den­tität. 2014 wur­den die Cuvry­graf­fi­tis mit Erlaub­nis des ital­ienis­chen Street-Art-Kün­stlers Blu über­malt. Anstelle der Kunst­werke, die sich seit 2007/2008 über die großen Brand­wände zweier Kreuzberg­er Alt­baut­en zogen, liegt jet­zt schwarze Farbe, auf ein­er Hauswand ist vom ursprünglichen Slo­gan “Reclaim your city” nur noch “Your City” übrig geblieben. Und das nicht ein­fach so. Der Prozess des Über­malens als auch der aus­radierte erste Teil des Slo­gans waren ein Protest sowohl gegen die Gen­tri­fizierung Berlins, wie auch das Kap­i­talschla­gen großer Inve­storen aus der Berlin­er Street Art, die an anderen Stellen zum Großteil aus den Kiezen ver­drängt wird — “wie die verblassende Ära Berlins, die sie repräsen­tierten”, schrieb der Berlin­er Kul­tur­wis­senschaftler Lutz Henke einst 2014 in der Berlin­er Zeitung. Das Über­malen der berühmten Graf­fi­tis ist dem­nach auch ein State­ment an Berlins ver­fehlte Stadt­pla­nung und den nach­läs­si­gen Umgang der Stadt mit ihrer Kun­st, ihren Künstler*innen und dem Freiraum. Übrig bleibt eben nur noch “your city” und nicht unsere Stadt – und damit müsst ihr leben. Wo einst Bedeu­tung war, ist jet­zt schwarze Leere. Eine Botschaft, so leise, dass sie in ihrer Stille laut dröh­nt. Der TAZ sagte Henke 2014 im Interview:

“Es gibt eine per­ma­nente Ver­w­er­tung der Street Art – von Seit­en der Stadt Berlin, von der Stadtver­mark­tung und der Kiezver­wal­tung zum Beispiel. Im Bere­ich der Street Art ist eine Indus­trie ent­standen, die ein­er Ver­w­er­tungslogik gehorcht; spätestens, seit es Street Art-Reise­führer gibt oder Graf­fi­ti und Street Art im Stadt­mar­ket­ing aufge­gan­gen sind. Dass wir uns nicht falsch ver­ste­hen: Diese Kun­st ist da, um gese­hen zu wer­den. Die Kun­st aber ein­er­seits zu ver­w­erten, es aber ander­er­seits poli­tisch nicht zu schaf­fen, die Voraus­set­zun­gen für unab­hängige Kun­st in der Stadt zu erhal­ten und dafür zu sor­gen, dass diese Kun­st zukün­ftig Raum hat, ist wider­sin­nig. Es sind ähn­liche Phänomene, wie sie die Koali­tion Freie Szene auch erlebt: Wir tra­gen aktiv zum Mehrw­ert der Stadt bei, aber es kommt nichts zurück.”

„Eine Art ’Kill your dar­lings’“, TAZ, Dezem­ber 2014

Ich liebe Brachen. Weshalb?

Ich bin gewiss keine Exper­tin für den Berlin­er Städte­bau. Ich bin Zuge­zo­gene, die die stadt­planer­ische Verän­derung Berlins und die Gen­tri­fizierung vor Ort erst seit den let­zten 10 Jahren selb­st miter­lebt. Aber weite Brach­flächen, bemalte Brand­wände und die unge­wohn­ten lück­en­haften Per­spek­tiv­en, die sich dadurch ergeben, haben das Berlin­er Gefühl 2010 für mich definiert. Vielle­icht ein Aus­druck der Leere nach dem Mauer­fall, der durch zeit­genös­sis­che Kun­st und neuen Botschaften gefüllt wurde, anstatt mit glat­ten aus­tauschbaren Häusern. Vielle­icht, dass alles ein biss­chen anders lief als in der heilen Welt, in der ich aufgewach­sen bin. Dass es rau und hol­prig war, in alten Bau­ru­inen spazieren zu gehen und weit weg von der ermü­den­den Welt des Kon­sums und des trans­par­enten Glases zu sein, die die jüng­sten Design­baut­en in Berlin dominieren (zu sehen unter anderem in diesem Artikel). Mit jed­er gefüll­ten Brache, jedem gesäu­berten Graf­fi­ti und jedem neuen Kaufhaus zer­stört sich die Stadt selbst.

Die über­mal­ten Cuvry­graf­fi­tis 2015. © Wikicommons

Die Kunst und die Freiheit sind verdrängt.

Was in Berlin weicht, sind nicht nur Clubs, Kneipen, autonome Kollek­tive oder Kreativ­ität. Es sind auch nicht nur irgendwelche solche Orte. Es sind diejeni­gen Orte, die min­destens seit der Wende das Berlin­er Lebens­ge­fühl definierten. Mit dem Tacheles, mit den Unter­grund­kneipen, und mit den Kreativ­en ver­schwindet also auch das Lebens­ge­fühl, das die Welt nach Berlin zieht. Geschichte wird über­schrieben, Kul­tur durch Kom­merz erset­zt. Mitte ist tot, das ist schon seit län­ger­er Zeit bekan­nt. Bald ist es ganz Berlin. Erst wenn das hun­dert­ste glattpolierte Einkauf­szen­trum auch noch den let­zten Freiraum erset­zt hat und Berlin ein­fach ist wie jede andere deutsche Großs­tadt, wird es sich wehmütig den Bild­bän­den der Ver­gan­gen­heit zuwen­den. Solange wird die Fas­sade allerd­ings weit­er­hin munter makel­los poliert.

ABOUT: Mercy Ferrars 

… author of Why We Are Here, pub­lish­es Fer­rars & Fields Mag­a­zine since 2019. As a philoso­pher she is most­ly inter­est­ed in inter­sec­tion­al crit­i­cal the­o­ry (of which she has some fair knowl­edge) and in the meta­physics of the uni­verse; time and space (of which she has basi­cal­ly none). As a writer, she most­ly writes nov­els, short sto­ries and poet­ry which cen­ter around an explo­ration of com­plex feel­ings. She can be a lit­tle seri­ous some­times (that’s why her favourite TV show is Bojack Horse­man) but her sense of humour is all the more basic (her favourite sit­com is New Girl…).

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