Denken im Wandel: Postkoloniale Diskurse der Gegenwart

von Martin Bäckert

Es ist nun etwa 10 Wochen her, dass George Floyd von US-amerikanischen Polizisten ermordet wurde. Das Video vom 25. Mai 2020 löste weltweit die bis dato wohl größten Antirassismus-Proteste aus. In den letzten zwei Monaten wurde sich solidarisiert, demonstriert und vieles neu gedacht. Die Proteste richten sich vor allem gegen die Kolonialismusgeschichte vieler Gesellschaften und gegen die Gegenwärtigkeit von Rassismus. Im Mittelpunkt der Debatten steht dabei immer wieder die Frage: Wie kann eine Gesellschaft diskriminierende Strukturen überwinden und dabei bewusst gegen Rassismus vorgehen? Doch auch wenn hierauf noch lange keine Lösungen gefunden wurden, scheint sich die öffentliche Aufmerksamkeit allmählich wieder anderen Themen zuzuwenden. Zeit also für ein Zwischenfazit. Wie steht es um postkoloniale Gegenwartsdiskurse? 

Black Lives Matter! – Der Kern der Proteste 

Die Forderung der Bewegung ist im Grunde relativ einfach: Schwarze Menschen sollen in allen gesellschaftlichen Kontexten ein bedingungslos diskriminierungsfreies Leben führen können. Da die gesellschaftliche Realität jedoch eine andere ist, richten sich die Proteste gegen in den Alltag und die Gesellschaft eingeschriebene Rassismus-Strukturen. Um diese aufzudecken und überwinden zu können, sollte jeder eine nicht nur rassismusfreie, sondern viel mehr anti-rassistische Haltung einnehmen. Wie dies im Konkreten aussehen kann, zeigt das gegenwärtige Spektrum an Protestformen, Debatten und Lösungsansätzen. Von geplanten Straßenumbenennungen, über den Fall von Statuen bis hin zur Idee, die Polizei gänzlich aufzulösen – die gegenwärtigen Proteste stoßen neue, progressive Denkweisen an. Dabei sollte man nicht vergessen, dass die koloniale Geschichte des Westens eine lange und die vermeintlich postkoloniale Gegenwart eine kurze ist.

Graffiti des verstorbenen George Floyds. © tagesspiegel.de
Koloniale Geschichte – Postkoloniale Gegenwart?

Vor rund 500 Jahren, gegen Ende des 14. Jahrhunderts, begann mit der “Entdeckung” Amerikas die Kolonialismusgeschichte Europas. Die Grundlagen für diese global strukturierte, systematische Kolonialisierung lagen in der durch den Frühkapitalismus gewachsenen Macht europäischer Königshäuser. Die durch den Überseehandel mit dem asiatischen Raum zu Geld gekommenen Länder Spanien und Portugal finanzierten so erste Erkundungsfahrten, um eine westliche Handelsroute zu erschließen. Als jedoch statt einem neuen Seeweg in den asiatischen Raum ein neuer Kontinent entdeckt wurde, etablierte sich seitens der westlichen Mächte eine Denklogik, die sich lange Zeit nicht ändern sollte: Die der eigenen uneingeschränkten Überlegenheit. Was darauf folgte, war die gewaltsame Kolonialisierung der Welt durch europäische Länder, welche Sklav*innen und Güter zur eigenen Gewinnmaximierung im sogenannten Dreieckshandel zirkulieren ließen. Dieser Zustand hielt mehr oder weniger 400 Jahre an. Ein Großteil der Entkolonialisierung fand erst nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Im sogenannten „Afrikanischen Jahr“ erklärten sich 1960 insgesamt 18 afrikanische Länder, darunter Senegal, Nigeria oder auch Kongo von ihren Kolonialmächten unabhängig. Allein das Größenverhältnis beider Abschnitte – 400 Jahre gegen 60 Jahre – zeigt, dass unsere Gegenwart nur bedingt postkolonial sein kann.Nach wie vor gibt es sowohl innerhalb westlicher Gesellschaften als auch in globalen Abhängigkeitsverhältnissen koloniale Machtstrukturen. Es ist die Aufgabe von weißen Menschen, diesen aktiv entgegenzutreten, statt sie zu reproduzieren. Die Vorstellung einer postkolonialen Gegenwart ist daher vielmehr Hoffnung als Realität. Die wohl größte und eindeutigste dieser kolonialen Gegenwartsstrukturen ist der Rassismus. Wird ein Schwarzer Mensch aufgrund seiner Hautfarbe von einem weißen Menschen diskriminiert, so fällt letzterer zurück in die koloniale Denklogiken. Doch diese individuelle und klar erkennbare Ebene ist nur eine von vielen. Denn wenn nun, wie im Falle Floyds, die Polizei als staatliche Institution Schwarze Menschen ermordet, so wird struktureller und institutioneller Rassismus sichtbar. Dies wird untermauert von einer Statistik, nach der Schwarze Menschen in den USA prozentual dreimal so oft Opfer tödlicher Polizeigewalt werden als weiße Menschen. Die dahinter liegenden Problematiken sind dabei komplex. Sie reichen vom Grundverständnis polizeilicher Arbeit über das amerikanische Waffengesetz bis hin zu Rassismus fördernden Denkmustern weißer Bevölkerungsschichten. Gerade letztere stellen einen so großen Bereich dar, dass abseits der Polizeigewalt-Debatte weitere Diskurse entstanden. Die Liste an zu hinterfragenden Denkmustern ist dabei lang. Dazu gehören unter anderem die durch Statuen oder Straßennamen manifestierte Ehrung kolonialer Akteure, das Festhalten an der Wertfreiheit von Begriffen wie „Mohr“ oder auch die Bewertung der Farbe Beige als Hautfarbe. Jedes dieser Denkmuster leistet dabei seinen mal kleinen, mal großen Beitrag daran, dass rassistisches Denken und Handeln in Gesellschaften möglich wird. Die an das Aufbrechen dieser Denkmuster geknüpfte Hoffnung auf eine postkoloniale Gegenwart verlangt dabei nach mehreren Reflektionsebenen, wie die Problematik des Whataboutism zeigt.  

In Bristol ersetzte die Statue der Black Lives Matter Aktivistin Jen Reid die eines Sklavenhändlers. © thesun.co.uk
Die Problematik des Whataboutism

Innerhalb der gegenwärtigen Rassismus-Debatten zeigen sich mehrere Argumentationslinien, die dem Whataboutism – also der Verrückung des Diskurses durch Scheinargumente – zuzuordnen sind. Die wohl prominenteste von ihnen ist der aus rechts-konservativen Kreisen vorgebrachte Slogan des All Lives Matter. Die damit einhergehende Implikation, dass der Verweis auf „all lives matter“ ein Gegenargument zu „black lives matter“ darstellt, ist ein klassisches Scheinargument. Denn im Gegensatz zu dem Leben weißer Menschen besitzt das Leben Schwarzer Menschen in westlichen Gesellschaften leider nicht die gleiche gesellschaftliche Stellung. Oder anders gesagt: „All lives matter“ kann es nur dann geben, wenn zunächst „black lives matter“ gilt. An dieser Stelle setzt nun eine weiterer Whataboutism an. Dieser erkennt zwar die Relevanz der Schwarzen Protestbewegung prinzipiell an, stellt diese aber im gleichen Zuge anderen Problemen gegenüber. Nach dieser Logik sei Black Lives Matter in bestimmten Kontexten durchaus wichtig, andere Problemstellungen wie Rechtsextremismus, die Corona-Krise oder der Klimakrise seien im eigenen Landeskontext jedoch wichtiger. Dabei zeigen sich vor allem zwei Problematiken: Einerseits zeigt diese scheinbare Gegenüberstellung keine Lösungswege für jene Problematiken auf. Andererseits verschließt es den Blick auf strukturelle Verbindungen, die zwischen den Themenfeldern liegen. Denn sowohl die Corona-Krise als auch der Klimawandel verstärken bereits vorhandene Ungleichheitsstrukturen, von der Schwarze Menschen in besonderer Weise betroffen sind. So sind Schwarze Menschen aufgrund mangelnder Medizinversorgung einem bis drei mal höheren COVID19-Infektionsrisiko ausgesetzt als weiße Menschen. In einer global vernetzten Welt sind strukturelle Problematiken miteinander gekoppelt und müssen daher miteinander gedacht und gelöst werden, statt scheinargumentativ gegeneinander ausgespielt zu werden.

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Gesellschaftssysteme nach Luhmann

Luhmanns Gedanken sind hinsichtlich der gegenwärtigen Diskurse besonders spannend, weil mit Hilfe seiner Systemtheorie neue, konstruktive Perspektiven abgeleitet werden können. Die Suche nach der Überwindung von Rassismus ist dabei kein gegenwärtiges Phänomen. Denn die Black Lives Matter Bewegung ist entgegen der öffentlichen Wahrnehmung nicht erst mit dem Tod von George Floyd entstanden. Ihre Ursprünge liegen in einer Social-Media-Kampagne von 2013. Allgemeine Proteste gegen Rassismus in den USA sind tief in der Geschichte des Landes verankert. Die USA sind dabei ein Fall von vielen. Spätestens mit der Popularisierung der Protestkultur innerhalb der 1960er wird sich überall dort wo gesellschaftlicher Rassismus auftrifft meist auch dagegen gewehrt. Ob Martin Luther King oder Nelson Mandela, die Listen an Ereignissen, Protesten und Namen sind lang. Die gegenwärtige Rassismus-Diskurse knüpfen an die historischen Vorläufer an – teils mit alten, teils mit neuen Forderungen. Luhmanns Gesellschaftstheorie verdeutlicht, dass die aktuellen Proteste Potential für nachhaltigen Wandel haben. Für den Soziologen ist die Grundlage jeder Gesellschaft Kommunikation. Demnach können nur Themen über die gesprochen und kommuniziert wird gesellschaftliche Relevanz erhalten. Darüber hinaus gliedert sich nach Luhmann die Gesellschaft in mehrere Teilsysteme, die jeweils ihre eigene Kommunikationslogik besitzen. Zu den wichtigsten Gesellschaftssystemen gehörten unter anderem Wirtschaft, Politik und Recht. Im Hinblick auf die Black Lives Matter Bewegung wird vor allem die Kommunikation des politischen Systems spannend. Um die Legitimität des Systems aufrecht zu halten, ist die Politik stets um möglichst großen Konsens bemüht. Denn übertragen auf Wählerstimmen sichert jener Konsens den Machterhalt des politischen System ab. Politisch relevant werden Themen daher erst dann, wenn eine Mehrheit der Wähler beginnt darüber zu kommunizieren. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Klimakrise, die erst seitdem eine breite Mitte der Gesellschaft sie in den Fokus nahm, politische Realität wurde. In Hinblick auf die gegenwärtigen Debatten lässt sich demnach folgendes ableiten: Nur wenn die Mitte der Gesellschaft langfristig anhaltend über die Überwindung von rassistischen Strukturen kommuniziert, reflektiert und danach handelt, wird dies zu politischen Veränderungen führen. Da die gegenwärtige Solidarisierung weißer Menschen mit der Black Lives Matter Bewegung die bisher Weitreichendste ist, steckt in den gegenwärtigen Debatten eine historische Chance. Das Reflektieren über Sprachwahl, das Umstürzen von Statuen oder auch die Umbenennung von Straßen sind daher ein guter aber eben nur erster Teil eines langen Kommunikationsweges. Ihn zu beschreiten bedeutet einen dauerhaften kritischen Umgang mit Rassismus. Dafür ist es grundlegend sich auf die Erfahrungswerte, Forderungen und Perspektiven der Schwarzen Communities zu fokussieren.

» Weiße Menschen tragen Verantwortung an jeder Stelle der Gesellschaft Rassismus mit zu dekonstruieren. Ein kollektives Schweigen oder Vergessen darf nie wieder einsetzen. Deshalb: Bleibt aktiv, wach und in Bewegung!«

Tupoka Ogette

»Ich habe mal eine Fußballmannschaft trainiert und immer die Kids abgeholt und zum Training gebracht. Die haben dann live mitbekommen, wie ich jedes Mal, mehrmals die Woche angehalten wurde. Die Kinder waren geschockt, weil sie das noch nie erlebt hatten, dass die Polizei so oft das Auto anhält. Für mich ist Racial Profiling ein ganz normaler Teil meines Lebens.«

Emmanuel Amoako-Jansen

»Es bräuchte ein Fach wie „Soziale Gerechtigkeit“, wo über Rassismus, Herrschaftskritik und diskriminierende Strukturen bereits in den Schulen unterrichtet wird«

Shayli Kartal Khozeini

»Wir sind rassistisch sozialisiert worden. Wie bereits viele Generationen vor uns. Es ist nicht leicht, diese soziale Brille abzunehmen und eine rassismuskritische Sichtweise zu entwickeln. Aber: Es ist nicht unmöglich.«

Tupoka Ogette

»Es gab vor uns Schwarze Frauen, die bereits gekämpft haben, wir sind jetzt da und es werden immer Frauen nachkommen. Unser Kampf und auch unsere Suche nach Liebe wird nur gemeinsam funktionieren. Zusammen sind wir stark.«

Menina Morenike Ugwuoke

Weiterführende Empfehlungen:
Bücher:
Deutschland Schwarz Weiss – Noah Sow
Exit Racism – Tupoka Ogette
Black Skin, White Masks – Frantz Fanon

Podcasts:
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The Breakdown
Feuer & Brot

Filme / Serien:
When They See Us
Fruitvale Station
I Am Not Your Negro

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