Wie das Panoptikum Gefängnisse auf der ganzen Welt inspirierte

von Mercy Ferrars

“Wir formen unsere Gebäude, und danach formen unsere Gebäude uns”, stellt Winston Churchill 1943 in einer Rede in London fest. Zweifellos prägen Gesellschaft und Politik die Architektur, welche wiederum eine prägende Rolle bei der Formung des gesellschaftlichen Lebens spielt. Ein großartiges Beispiel dafür ist das Panoptikum, ein architektonischer Entwurf für ein ‚panoptisches‘ Gefängnis, das maximale Überwachung bei geringen Personalkosten verspricht und Gefängnisse, psychiatrische Einrichtungen und Schulen auf der ganzen Welt inspirierte.

Allsehende Kontrolle

Das Panoptikum wurde ursprünglich im 18. Jahrhundert vom englischen Philosophen Jeremy Bentham entwickelt. Bentham stellte sich ein kreisförmiges Gefängnisgebäude vor, in welchem sich die Zellen der Insassen entlang der Außenmauern, rund um einen im Zentrum angelegten Wachturm angeordnet befinden. Der zentrale Turm und die peripheren Zellen sind so konzipiert, dass die Insassen zwar gesehen werden, aber selbst nicht sehen können – das heißt sie wissen nie, ob sie gerade beobachtet werden. Allein die Möglichkeit der Beobachtung würde aber, so Benthams Vision, dafür sorgen, dass die Insassen sich jederzeit selbst kontrollieren und disziplinieren, um zusätzliche Strafen zu vermeiden. Das Wachpersonal auf der anderen Seite könnte aus dem Turm alle Gefangenen zu jeder Zeit im Blick haben – buchstäblich „allsehend“, abgeleitet aus dem griechischen panópt(ēs).

Das „Presidio Modelo“ auf der Insel der Jugend in Cuba.

Zwar wurden keine panoptischen Gefängnisse auf Basis von Benthams Entwürfen gebaut. Eine Vielzahl von Haft- und Isolationseinrichtungen auf der ganzen Welt sind jedoch eindeutig von Benthams Ideen beeinflusst worden, darunter die psychiatrische Klinik Padiglione Conolly in Italien, das Stateville-Strafgefängnis in Illinois, USA, und das Presidio Modelo auf der Insel der Jugend in Kuba. In seinem berühmten Werk Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses bezeichnet der französische Philosoph und Soziologe Michel Foucault das Panoptikum als „eine Maschine zur Dissoziation der Dyade des Sehens/gesehen werden: Im peripheren Ring wird man völlig gesehen, ohne jemals zu sehen; im zentralen Turm sieht man alles, ohne jemals gesehen zu werden.“ Man könnte fast behaupten, dass Benthams Panoptikum eine frühe Form des Orwell‘schen Big Brother war.

Von panoptischer und synoptischer Überwachung

Quelle: stuartmcmillen.com

In der Tat ist Foucaults Arbeit zu Machtverhältnissen in der Gesellschaft von zentraler Bedeutung für unser Verständnis dafür, wie der architektonische Entwurf des Panoptikums die Genese von Machttechnologien – die auch heute noch in kaum abgewandelter Form in Kraft sind – widerspiegelt.

In Überwachen und Strafen rekonstruiert Foucault die Entstehung moderner Machtstrukturen – eine Macht, die im Innenleben des Individuums angesiedelt ist und vor allem durch naturalisierte Disziplinierung wirkt. In seinem Werk stellt Foucault diesem modernen Machtsystem eine vergangene Form der Macht entgegen, die dem Individuum von außen, von einer verantwortlichen Autorität – wie einem König – aufgezwungen wurde; eine solche Dominanz wirkte durch Drohung und Terror, wurde jedoch vom Individuum innerlich abgelehnt. Sie verblieb stets lediglich ein Schauspiel, welches gleichermaßen Überlebensstrategie wie eine frühe Form von Subversion war.

Orwells Big Brother illustriert anschaulich, dass eine intrinsische Form von Macht effektiver ist – oder, wie Foucault sagen würde, produktiver. Dadurch, dass diese Macht ein Teil von uns selbst zu sein scheint, wird sie also nie als eine fremde oder extrinsische Form von Dominanz empfunden. Wir fürchten natürlich das Gesetz und seine Vollstrecker: die Polizei, das Gericht und das Gefängnis; aber wir hinterfragen selten, wie wir zu einer solchen Ehrfurcht gekommen sind. Wir scheinen ebenfalls zu wissen, was einen guten Bürger ausmacht, ohne allzu viel darüber nachzudenken; wir gehorchen naturalisierten Prinzipien und verwechseln sie mit objektiven Wahrheiten. George Orwell produziert in seinem 1949 erschienen Roman1984 allerdings nicht nur einen panoptischen Effekt, in welchem wir uns selbst überwachen. Eher handeln die Menschen unter Big Brother auch synoptisch, d.h. sie überwachen sich gegenseitig. Während Orwells Roman diese Thematik innerhalb eines (fiktiven) totalitären Regimes untersucht, um die Auswirkungen einer solchen selbst auferlegten Kontrolle zu veranschaulichen, muss keine derartige Staatsform in Kraft sein, um eine panoptische und/oder synoptische Gesellschaft zu unterstützen – dieser Überwachungsmechanismus scheint auch innerhalb eines ‚demokratischen‘ Staatsystems vollkommen umsetzbar zu sein. Oftmals sind wir uns nicht bewusst, dass wir damit den Arm des Gesetzes verlängern und so eine asymmetrische Hierarchie verstärken und reproduzieren. Es braucht nicht an jeder Ecke ein Polizist stehen – wir sind immer und überall mit unseren Kameras, unserem geschärften Bewusstsein für Gesetzesübertretungen und dem uns innewohnenden Pflichtgefühl ausgestattet, zu melden, was wir beobachten.

Wo Architektur und Gesellschaft aufeinandertreffen

Das Stateville Correctional Center in Illinois, USA

„Benthams Panoptikum ist die architektonische Figur dieser Komposition“, schreibt Foucault. Nach seiner Analyse sind es eine Reihe architektonischer Elemente, die das Panoptikum so wirkungsvoll machen:

Sichtbarkeit. Das Panoptikum, so Foucault, „kehrt das Prinzip des Verlieses um“, indem es sichtbar macht, was zuvor im Dunkeln verborgen war. Die Dunkelheit, die einschließen und vergraben sollte, hatte letztlich eine Schutzwirkung, und es ist in der Tat das helle Licht des Panoptikums, das jede Ecke der Zellen der Häftlinge beleuchtet, welches sie unter panoptischer Kontrolle verletzlich macht.   

Multiplizität. Foucault argumentiert, dass durch die Gestaltung von Einzelzellen für jeden Häftling die Deckung der sich versammelnden Menge zerrissen wird. Das Potenzial einer Gruppenverschwörung wird ausgelöscht. „Die Menge, eine kompakte Masse, ein Ort mehrfachen Austauschs, (. . .) wird abgeschafft und durch eine Ansammlung getrennter Individualitäten ersetzt.” Foucault paraphrasiert Bentham weiterhin, indem er sagt, dass es eine solche Multiplizität der Wache überaus leicht macht, zu zählen, strukturieren und zu überwachen – im Gegensatz zum unübersichtlichen Wuseln der Menge, in der immer Platz für das Private ist, für das, was dem Blick der Wache entgleitet. Für die Häftlinge hingegen ist diese Multiplizität eine Maßnahme der Einzelhaft – in Gesellschaft hunderter anderer isolierter Seelen. Bentham ging später aus zwei Gründen Kompromisse in Bezug auf den Aspekt der Einzelhaft ein; erstens wäre es zu teuer gewesen, für jeden Häftling individuelle Zellen zu bauen, wo doch allgemein bekannt ist, dass die Gefängnisse fast überall unter unzureichenden Mitteln leiden, und zweitens ist die Einzelhaft tatsächlich eine Maßnahme, die am besten für Extremfälle vorbehalten ist. Einzelhaft kann unerwünschte Effekte auslösen, die man eigentlich vermeiden möchte, beispielsweise ein Verkümmern des Einfühlungsvermögens, der Gesellschaftsfähigkeit und anderer eigentlich wünschenswerter Charakterzüge.

Unüberprüfbare Macht. „(. . .) Bentham legte den Grundsatz fest, dass Macht sichtbar und nicht überprüfbar sein sollte. Sichtbar: Der Häftling wird ständig den hohen Umriss des zentralen Turms vor Augen haben, von dem aus er ausspioniert wird. Unüberprüfbar: Der Häftling darf nie wissen, ob er gerade beobachtet wird, aber er muss sicher sein, dass er es immer sein kann“, fährt Foucault fort. Er stellt eine Reihe architektonischer Raffinessen vor, die diese Dualität gewährleisten, wie zum Beispiel Jalousien an den Fenstern des zentralen Turms und Zickzack-Öffnungen anstelle von Türen für den Durchgang zwischen den Zellen, um zu vermeiden, dass Licht und Schall den sich bewegenden Körper der Wache verraten. Das Panoptikum stützt sich in seinem Design also nicht nur auf seine Grundstruktur von Peripherie und Zentrum, sondern auch auf Licht und Schatten sowie auf Geometrie. „Die Schwere der alten ‘Häuser der Hochsicherheit’ mit ihrer festungsähnlichen Architektur könnte durch die einfache, ökonomische Geometrie eines ‘Hauses der Gewissheit’ ersetzt werden“, fährt Foucault fort. Der Häftling wird so „zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung.“

Illinois State Strafanstalt, USA

Das Panoptikum wäre schließlich zum architektonischen Abbild der Verschiebung der Machtstrukturen, die sich im politischen und sozialen Bereich vollzog, geworden, wäre es wirklich nach Benthams Entwürfen umgesetzt worden. Im Falle des Panoptikums bezeugen wir Architektur, die das Ergebnis eines sozialen Wandels war, diese neu gefundene Ideologie daraufhin mit eigenen Mitteln reproduzierte, und dann ihrerseits wiederum das soziale Leben innerhalb des Panoptikums beeinflusste. Das Panoptikum ist „das Diagramm eines auf seine ideale Form reduzierten Machtmechanismus; sein Funktionieren, (. . .) muss als ein reines architektonisches und optisches System dargestellt werden: es ist in der Tat eine Figur der politischen Technologie, die von jedem spezifischen Gebrauch losgelöst werden kann und muss“, schließt Foucault.

Übrigens: Wer selbst einmal Wächter*in im Panoptikum spielen möchte, dem sei dieses Onlinespiel nahegelegt.


Quellennachweis:

Foucault, M. (1995). Discipline and Punish: The Birth of the Prison. New York: Vintage Books.
* mit eigenen Übersetzungen

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