Architektur und Ideologie (2): Planstädte, Berliner Mietskasernen und verlassene Orte

von Mercy Ferrars

In dieser Artikelreihe gehe ich der Verzahnung von Architektur und Gesellschaftsideologie nach, welche sich in einer synergetischen Beziehung zueinander befinden.
In dieser Folge: Wieso wird die Architektur für ideologische Zwecke missbraucht?

Den ersten Teil dieser Artikelreihe findest du hier.

Sowohl Ruskin als auch Mackintosh brachten ihre humanitären Ideale in der Architektur zum Ausdruck. Ein Handwerk an der Schnittstelle zwischen bildender Kunst und Nützlichkeit. Architektur soll demnach dem Menschen nicht nur Schutz bieten, sondern ihren Geist ebenso ansprechen wie ihren Körper. Während dieses Ideal beim Entwurf eines Bauwerks oder einer Gruppe von Bauwerken gilt, ist die bereits bestehende Architektur in der Welt ein direkter Ausdruck der Werte, Überzeugungen und Bedürfnisse der Gesellschaften zum Zeitpunkt ihrer Errichtung. Aus ihnen lässt sich viel ableiten, wie zum Beispiel die unterschiedlichen Bauformen von Gotteshäusern zeigen. In ähnlicher Form gilt dies für Regierungsgebäude wie Botschaften, verschiedene Formen von Wohnkomplexen, oder auch Bildungsstätten. Viele dieser Gebäude wurden zudem nachträglich verändert, um den Bedürfnissen ihrer neuen Bewohner*innen gerecht zu werden. Wenn wir sie also im Jahr 2020 betrachten, lassen sich an ihnen eine Ansammlung verschiedener Ideologien, Bedürfnisse und Ideale ablesen. Berlin zum Beispiel scheint ein Meer von vergessenen Gebäuden, verfallenden Idealen, Überbleibseln seiner reichen, aber verheerenden Vergangenheit zu sein. Wenn wir durch die Straßen der Stadt streifen, sehen wir, um nur einige zu nennen:

Gründerzeitvillen;
schön geschmückte alte Bauten – der Begriff „Altbau“ ist längst zu einer eigenen Marke geworden -, von denen viele ehemalige „Mietskasernen“ mit charakteristischen Hinterhöfen und einer besonderen „Innenaufteilung“ waren;
schnell hochgezogene, triviale rechteckige Blöcke, die während der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden;
Plattenbauten, die so konzipiert sind, dass sie möglichst vielen Menschen zu niedrigen Kosten Platz bieten;
brutalistische Architektur;
stalinistische Architektur;
sozialistische Architektur;
erhaltene oder restaurierte Renaissancebauten wie den Berliner Dom;
moderne und postmoderne Architektur, die über die Stadt verstreut ist und für eine Vielzahl von Notwendigkeiten genutzt wird;
zerbombte Ruinen und besetzte Häuser;
einen kristallinen Hauptbahnhof;
Häuser aus rotem Backstein;
Hochhäuser und „Metropolenviertel“ wie den Potsdamer Platz, die eher selten sind und in Berlin häufig fehl am Platz erscheinen.

Verlassene Orte

Die ehemalige Irakische Botschaft der DDR.

Einer der berühmtesten verlassenen Orte Berlins war die ehemalige irakische Botschaft der DDR in der Tschaikowskistraße in Berlin-Pankow. Sie war sicherlich von allen Behörden verlassen, aber sie wurde ebenso sicher von neugierigen Urban Explorern, mich selbst eingeschlossen, frequentiert. Mehrmals besuchte ich die ehemalige Botschaft, welche in einem deutlich erkennbaren Stil, den viele der sich in unmittelbarer Nähe befindlichen ehemaligen DDR Botschaften teilten, gebaut worden war. Die irakische Botschaft war anscheinend in Eile verlassen worden. Das Originalmobiliar war zurückgelassen worden, ebenso private Dokumente, Papiere, Antragsformulare… kurz: die gesamte Korrespondenz, die die Botschaft während der DDR geführt hatte. Nicht nur ein katastrophaler Bruch der Datensicherheit, sondern auch eine Zeitkapsel. Die Botschaft war aufgrund ihrer regionalen Bekanntheit stark verwüstet worden; Graffitis, Fäkalien und eine erschreckende Atmosphäre bedeckten den Ort; ein Fenster, das zum Dach führte, war zerbrochen und einige Sessel auf das kaum noch tragfähige Dach geschleppt worden.

Die ehemalige Irakische Botschaft der DDR.

Nun waren die Verwahrlosung und die Depression, die über dem Ort schwebten, sicherlich das Ergebnis des Schicksals nach dem Mauerfall. Dennoch strahlt das Gebäude, symmetrisch zu seinen Schwesterbauten, sowohl den Pragmatismus als auch die Unterdrückung aus, die zu Zeiten der DDR über weite Teile Pankows verbreitet waren. Verglichen mit der neuen irakischen Botschaft in der Pacelliallee in Steglitz-Zehlendorf kann der Irak seine Regierung nun in einer alten, neoklassizistischen Villa vertreten. Die irakische Botschaft ist nur ein Beispiel von vielen, die zeigen, wie Architektur in der Lage ist, die Ideale ihrer Architekten widerzuspiegeln und das Verhalten ihrer Subjekte einzugrenzen und einzuschränken.

Die Planstadt und die Mietskaserne

Der Philosoph und Pionier der kritischen Theorie Theodor W. Adorno (1903 – 1969) schlägt in seinem 1949 gehaltenen Vortrag über „Städtebau und Gesellschaftsordnung“ vor, „daß Fragen des Städtebaus unlöslich verbunden sind mit dem Kreis der Gesellschaft, innerhalb dessen er sich abspielt.“ In seinem Vortrag, der sich dem Wiederaufbau der deutschen Städte nach dem Zweiten Weltkrieg widmet, vergleicht er unter anderem mittelalterliche, vermeintlich natürlich gewachsene Städte wie Bamberg mit modernen Planstädten wie Mannheim.

Weshalb nehmen wir mittelalterliche Städte als Naturschönheiten wahr?

Adorno deutet an, dass sie an unsere Bedürfnisse und Wünsche, unseren Sinn für Ästhetik appellieren, „ein merkwürdiges Verschlungen-Sein von Formen und organischer Entwicklung auf der einen Seite und der Spur des Geschichtlichen auf der anderen Seite, das sich dann in eine Art von Ausdruck verwandelt und zu uns redet.“ Was sich in den mittelalterlichen Stadtkernen widerspiegelt ist ein gesellschaftliches Gefüge, in dem Handwerk und Produktionsmittel noch nicht getrennt sind. Die organisch gewachsenen Strukturen dieser Städte kommen sowohl der Handwerkerin als auch der Stadt zugute. Dieser Einklang drückt sich in symmetrischer Kunst, in harmonischer Architektur aus. „[I]nnerhalb dieser Stadtkerne [herrscht] ein so weites Maß der Übereinstimmung des industriellen Interesses der Bürger und des Gesamtinteresses der Stadt (. . .), daß eben durch diese zugrundeliegende Gesellschaftsstruktur von selbst, einfach weil hier kein Antagonismus zwischen dem einzelnen und dem Ganzen besteht, jene Art von Harmonie zwischen dem Vielseitigen und der Einheit zustande gekommen ist, welche uns als die Schönheit an den mittelalterlichen Städten so anspricht.“

Die Planstadt entfremdet den Menschen

Wenn die mittelalterliche Stadt das Ergebnis einer kommunalen Gesellschaft ist, dann ist die moderne Planstadt das Ergebnis einer entfremdeten Gesellschaft, in der die Menschen nie wirklich frei sind, sondern stets von oben regiert werden. Wenn die Stadtplanung in den frühen Phasen des Kapitalismus in die Zuständigkeit der Behörden fällt und Gebäude für soziale und Wohnnutzungen mit geringen Kosten und für großen Ertrag gebaut werden, dann wird der Mensch eher zum Objekt der Architektur als zu ihrem Subjekt. „Darin reflektiert sich wieder ein gesellschaftliches Moment, daß unsere Gesellschaft so ist, daß die Menschen, die ihr angehören, in einem weitesten Maße gar nicht über ihr eigenes Schicksal frei befinden können, gar nicht ihre eigene Existenz wirklich frei selbst bestimmen, sondern daß sie in einem allerweitesten Maße abhängig sind von objektiven gesellschaftlichen Strukturen, die sie an diese und keine andere Stelle verweisen, denen sie gehorchen, denen sie sich fügen müssen.“ Wenn der Kapitalismus die Menschen verdinglicht, wird die Architektur, die gebaut wird, um das kapitalistische System zu ermöglichen und seine Objekte produktiv zu halten, diese Verdinglichung widerspiegeln, schlägt Adorno vor. „Sie haben aber auf der anderen Seite an diesen Städten immer das Gefühl — vielleicht kann man sagen — der Entfremdung, das Gefühl, daß diese Städte den Menschen als gewaltsam von außen ihnen aufgezwungen gegenüberstehen.“ Adorno erwähnt die Klinik, deren ganzer Zweck darin besteht, im Dienste des menschlichen Wohlergehens geschaffen zu werden; in Wirklichkeit scheint es jedoch oft umgekehrt zu sein: Der Mensch wird in den Hallen der Klinik geduldet, aber er wird zum Objekt, das einer höheren Autorität gehorchen muss; einer Autorität, der der Gewinn, den sie erzielt, wichtiger ist als die Gesundheit der Patientin. Wenn Architektur für Ideologie oder Profit gebaut wird, statt als Dienst am menschlichen Geist und Körper, „Wenn es also ein grundsätzlicher Antagonismus der kapitalistischen Welt des 19. Jahrhunderts ist, daß die Menschen sich selber als Individuen erscheinen, in Wirklichkeit aber bloße Figuren des kapitalistischen Kampfes sind, dann drückt sich dieser Widerspruch ganz unmittelbar aus. Die Häßlichkeit jener Gebilde ist nichts anderes, als daß an diesen Gebilden der Widerspruch zutage tritt.“

Die Kasernierung der Arbeiter*innen
Berliner Wohnhaus, 2020

Die „Mietskaserne“, eine Form von Wohnblöcken, die während der Industrialisierung in Städten wie Berlin oder Wien gebaut wurden, verströmt den Kapitalismus förmlich, da „sie von vornherein konzipiert ist als ein Tauschobjekt, das möglichst wenig kostet und möglichst viel einbringt.“ Das Leben in der Mietskaserne ab dem Zeitalter der Industrialisierung ist sowohl körperlich wie auch geistig hart. Gebaut für arme Arbeiter*innen, sind bis zu 30 Menschen in Wohnungen (in denen wir heute entweder allein oder in einer kleinen sozialen Gemeinschaft, sei es eine Wohngemeinschaft oder die Familie, leben) zusammengepfercht. Einige der Betten in diesen Wohnungen wurden von mehreren Personen geteilt, um ein wenig zusätzliches Geld zu verdienen; in ihnen wurde sowohl tagsüber als auch nachts schichtweise geschlafen. Die Architektur der Mietskaserne war geprägt durch eine Verschachtelung von Seiten- und Hinterhäusern, die üblicherweise eigene Treppenaufgänge hatten und durch Innenhöfe verbunden waren. In den Wohnungen selbst gab es trotz der hohen Decken nur unzureichende Beleuchtung, wobei die Vorderhäuser in der Regel besser beleuchtet waren als die Seiten- und Hinterhäuser. Manchmal umfasste die Mietskaserne zusätzlich eine Remise auf dem Grundstück, die typischerweise als Garage oder für kommerzielle Zwecke genutzt wurde. Um Grundstücke so effektiv wie möglich zu bebauen, wurden mehrere solcher Mietskasernen so nahe beieinander angelegt, dass man von einer „Kasernierung“ der Arbeitskräfte sprach, von der die Mietskaserne ihren Namen ableitete. Das Vorderhaus der Mietskaserne, das der Straße zugewandte Gebäude, war oft aufwendig gestaltet, mit Stuck und dekorativen Elementen, sodass es fast logisch ist, dass die Vorderhäuser von Personen eines höheren sozialen Status angemietet wurden. Die Schlichtheit der Seiten- und Hinterhäuser ist auch heute noch an vielen Orten in Berlin zu sehen, denn auch nach der umfangreichen Sanierung und Aufwertung der Wohnhäuser in den letzten Jahren hat sich ihr Äußeres kaum verändert.

Mietskaserne nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Wohnungen in Mietskasernen hatten in der Regel keinen Zugang zu eigenen sanitären Einrichtungen, sondern teilten diese mit den anderen Mietern des Hauses. Die Toiletten befanden sich oft in den Treppenhäusern oder Fluren. In den 1920er Jahren wurden die Gebäude dann nachträglich mit sanitären Einrichtungen ausgestattet. Selbstverständlich war das Leben in Mietskasernen also von mangelnder Hygiene, Sauberkeit und niedriger Lebensqualität geprägt. Das Wohnelend stieg durch eine Architektur, die nicht dem menschlichen Intellekt diente, sondern seine Bewohner zu Objekten machte, sie zur Anpassung und zum Kleinbeigeben zwang – man könnte sagen, die Mietskaserne war eine inhumanitäre Architektur. „Wenn das Mietshaus in der sich entfaltenden bürgerlichen Gesellschaft vom Individuum den eigentlichen Anstoß erhält, dann drückt sich dies auch rein ästhetisch aus. Wenn das aber nicht mehr der Fall ist, wenn die Entmenschlichung des Menschen gesellschaftlich so sehr fortschreitet, daß der Begriff des Wohnens selber erschüttert wird und die Wohnung sich in ein gesellschaftliches Objekt verwandelt, dann wird das Gleichgewicht, das einmal etwas Hochwertiges erzeugt hat, gestört und etwas Häßliches und etwas Abscheuliches herauskommen.“

Berliner Kurfürstendamm ca. 1935

Ein gutes Beispiel, so Adorno, für „verabscheuungswürdige“ Stadtplanung findet sich in der Gegenüberstellung von Kurfürstendamm und Ackerstraße in Berlin. Man bedenke allerdings, dass sein Vortrag 1949 stattfand, und beide Gebiete sich seitdem verändert haben. Zu Adornos Lebzeiten war das Ansiedeln der Reichen auf dem Kurfürstendamm und der Armen in den in der Ackerstraße errichteten Mietskasernen – die auch den Ruf billiger Vergnügungslokals, einer ehemaligen Hinrichtungsstätte und schlichtweg groben Elends inne hatte – „unmittelbar der Ausdruck der Aufspaltung der Gesellschaft selber (. . .).“  

Heutzutage fegt die Gentrifizierung durch Berlin und macht, so könnte man folgern, nicht nur Häuser und Bezirke gleich, sondern auch die Aufspaltung dieser Gesellschaft. Wohlhabende Einzelhandelsketten siedeln sich im innerstädtischen Bereich an. Die alten Mietskasernen werden renoviert und zu horrenden Preisen vermietet. Dies führt aber nicht zur Abschaffung der Klassengesellschaft. Stattdessen wird die Armut verdrängt – an den Stadtrand, in die Dörfer. Was früher die Mietskaserne war, ist heute der Plattenbau. Auch im Plattenbau sind (zu) viele Menschen auf engem Raum zusammengepfercht. Die Bedingungen schaffen einen Nährboden für Kriminalität und Hoffnungslosigkeit. Während die Armen von heute in ihrer sozialen Schicht bleiben und weiterhin an bestimmte Wohngebiete gebunden sind, können sich reiche Investor*innen und reiche Mieter*innen über die Stadt ausbreiten und das Gesicht Berlins nachhaltig verändern: Sie polieren es auf Hochglanz und nehmen ihm die Ecken und Kanten, die die Stadt einst so charakteristisch und einzig gemacht haben.

Im nächsten Artikel der Serie beschäftige ich mich mit J.G. Ballard’s 1975 erschienenen Roman „High-Rise“, in welchem eine Mikrogesellschaft in einem gigantischen Wohnturm langsam, aber sicher in animalischen Anarchismus verfällt. Dabei sind die psychopathologischen Effekte der Mieter*innen eng mit der Bauweise und dem Eigenleben des Hochhauses verschlungen.


Quellennachweis:
Adorno, T. W. (n.d.). Theodor W Adorno Vorträge 1949-1968 (M. Schwarz, Ed.). Suhrkamp.

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