“Ich trage diesen Schmerz in mir, die ganze Zeit. Mein ganzes Leben lang”—BoJack und die unaufhörliche Suche nach dem Glück

von Mer­cy Ferrars

Als ich aufwuchs, war ich ein großer Fan von Zeichen­trick­se­rien. Aber sie wur­den zur Unter­hal­tung geschaffen—sie waren laut, sie waren schnell, sie waren far­ben­froh. Und abge­se­hen von der heuti­gen ret­ro­spek­tiv­en Nos­tal­gie haben sie in mir nicht allzu viele Gefüh­le geweckt. Wenn über­haupt, dann waren die Haupt­fig­uren in den Shows, die ich sah, oft Heldin­nen, und ich strebte danach, wie sie zu sein. Über­natür­lich zu sein, die men­schliche Exis­tenz hin­ter mir zu lassen und die Welt zu ret­ten. Sie haben dieses Gefühl geweckt, ja. Aber ich habe mich nie mit ihnen iden­ti­fiziert oder das Gefühl gehabt, dass sie mich ver­standen. Sie haben nie diesen dun­kleren Moment in mir ange­sprochen, die Trau­rigkeit, den Schmerz. All das war damals nicht so offen­sichtlich für mich wie jet­zt, kein so lauter Teil von mir. Vielle­icht bin ich diesen Gefühlen deshalb nicht nachge­jagt. Vielle­icht genoss ich die laute und leb­hafte Action ein­fach so, wie sie war.

Als ich BoJack Horse­man zum ersten Mal traf, hat­te ich nicht erwartet, dass es anders sein würde. Nur dass ich jet­zt 28 Jahre alt bin, mit den Ver­ant­wortlichkeit­en eines Erwach­se­nen­lebens belastet und zwis­chen ständi­ger Reflex­ion und auf- und abge­hen­der Gedanken fest­stecke. Meine zwanziger Jahre waren ein Chaos, in dem ich ver­suchte, mich zurechtzufind­en, ohne allzu viel Zer­störung zu verur­sachen. Kurz bevor ich zwanzig gewor­den war, war Depres­sion bei Men­schen meines Alters zu ein­er ver­her­rlicht­en Grund­stim­mung gewor­den. Etwas, das wir alle teil­ten, ein Haup­tan­reiz für die Kun­st, die wir kon­sum­ieren oder machen wür­den, aber auch ein Gefühl, das die meis­ten von uns hin­ter sich gelassen hat­ten, kurz bevor es klin­isch wurde. Die Glück­lichen fan­den den Ausweg ger­ade noch rechtzeit­ig, bevor die Depres­sion es ver­langte, behan­delt zu wer­den. Als sie aufhörte, uns in unserem Brand­ing als Sad Scor­pio Gen­er­a­tion™ zu dienen, um es mal mit den Ster­nen zu sagen. Es gab einen entschei­den­den Moment, als einige von uns nicht mehr in der Lage waren die Dunkel­heit mit unseren Tum­blr-Blogs zurück­zu­lassen, als wir sie in unsere Tage, unsere Nächte tru­gen. Als sich die ver­her­rlichte Trau­rigkeit als klin­is­che Depres­sion man­i­festierte. Einige mein­er besten Texte ent­standen aus dieser Depression.

“Even if no one appreciates you, it’s important that you don’t stop being good”

BoJack Horse­man (eine ani­mierte Net­flixserie von Raphael Bob-Waks­berg und Lisa Hanawalt) war nicht wie diese laut­en und leb­haften Fernsehsendun­gen. Es hat sich­er die Witze, die geistre­ichen Dialoge, aber es geht tiefer als das. BoJack selb­st ist das Pro­dukt eines unglück­lichen Lebens. Im Nach­leucht­en seines Erfol­gs in „ein­er sehr berühmten Fernsehshow aus den 90ern“ verblasst sein Ruhm schnell, und Ein­samkeit und Depres­sion führen schließlich zu ein­er Alko­hol- und Dro­gen­ab­hängigkeit. BoJack ist nicht in der Lage „gut“ zu sein—er stößt die Men­schen, die er liebt, von sich, er gerät immer wieder in prob­lema­tis­che Sit­u­a­tio­nen und schließlich ver­let­zt er sein soziales Umfeld genau­so wie sich selb­st. Der Ver­such, die Leere zu füllen, die ihm sein Kind­heit­strau­ma verur­sacht hat, geht kläglich schief, und schließlich überzeugt sich BoJack davon, dass—es schon immer so gewe­sen ist. Dass er keine Liebe ver­di­ent. Dass er ein guter Men­sch ist, auch wenn er offen­sichtlich Men­schen ver­let­zt. Er läuft vor den Fol­gen seines hedo­nis­tis­chen Lebensstils davon und ver­lässt sich so sehr auf externe Bestä­ti­gung, dass er man­gels ein­er solchen in der Emmy-nominierten Episode Halb von unten gese­hen in einen Pool springt, bere­it zu ster­ben. Und selb­st wenn er sich selb­st in die Reha ein­weist, ver­mei­det er es, in sein Leben zurück­zukehren und sich der unvergänglichen Ein­samkeit zu stellen, die ihn erwartet. „Das Leben ist eine Schlampe und dann stirbt man, richtig?“ Und so soll­ten wir, während wir leben, keine Zeit damit ver­schwen­den, uns mit Ver­ant­wor­tung zu beschäfti­gen, davon ist BoJack überzeugt. „Wir sehen uns auf der anderen Seite“, sagt BoJack zu seinem Kind­heits­fre­und Herb an der Tür zum Tod in Halb von unten gese­hen, aber Herb ist schnell bere­it, darauf hinzuweisen, dass „BoJack…nein. Es gibt keine andere Seite. Das hier, das ist alles.“ Und so sehr BoJack sein Leben am Lim­it lebt, ständig ver­sucht, seine Gren­zen auszureizen, scheint es, dass genau diese Abso­lutheit, die Tat­sache, dass der Tod nicht umkehrbar ist, ihm genug Angst macht, um einen weit­eren Tag zu über­ste­hen. „Vielle­icht leb­st du auch ein­fach weit­er“, erk­lärt seine langjährige Fre­undin und ehe­ma­lige Ghost­wri­terin Diane, bei ihrem let­zten Gespräch mit BoJack auf dem Dach ein­er Hochzeitsrezeption.

“In this terrifying world, all we have is the connections we make”

Wie viele von uns depres­siv­en Men­schen ist BoJack in der Tat nicht allein. Er ist von vie­len Men­schen umgeben; wie Diane; wie Todd, seinem selt­samen besten Fre­und, der jahre­lang auf sein­er Couch gepen­nt hat­te; wie Mr. Peanut But­ter, sein Schaus­pielkol­lege und ewig glück­lich­er Hun­de­fre­und; wie Princess Car­olyn, seine Ex-Fre­undin; wie Hol­ly­hock, seine Schwest­er. Und wie ganz Hol­ly­woo (von dem er ein­mal das ‚D‘ gestohlen hat, um Diane seine Liebe zu zeigen—), welch­es sich nach dem Erfolg sein­er Hit-Show Hors­ing Around gierig auf sein Leben stürzt und sich let­ztlich doch nicht wirk­lich für ihn inter­essiert. Das The­ma des gescheit­erten, ein­samen, süchti­gen Schaus­piel­ers, der in ein­er ober­fläch­lichen Hol­ly­wood-Gesellschaft depres­siv wird, ist nicht neu. Neu ist allerd­ings, dass BoJacks Beziehun­gen nicht ober­fläch­lich sind, sie sind über­raschend tief, über­raschend bedeu­tungsvoll. Seine Ein­samkeit kön­nte von etwas her­rühren, das diese Beziehun­gen nicht nähren können—ähnlich wie auch unsere eigene Depres­sion nicht immer selb­st von den wun­der­barsten Men­schen in unserem Leben geheilt wer­den kann. Manch­mal passiert eine Depres­sion einfach—und es wäre ein­fach, BoJack dafür zur Rechen­schaft zu ziehen, dass er sich um nichts schert. Schließlich wird er während der gesamten Show häu­fig als „Arschloch“ bezeichnet.

“When you look at someone through rose-colored glasses, all the red flags just look like flags”

Ich glaube, unter all seinen Witzen, seinem Hedo­nis­mus, seinem Eskapis­mus und seinem Nihilis­mus (viel Ismus im Leben von BoJack) weiß er sehr gut, wer er ist, und has­st sich selb­st dafür. „(…) du wirst ein­fach älter und härter und ein­samer wer­den. Und du wirst alles tun, was du kannst, um dieses Loch zu füllen—mit Fre­un­den und dein­er Kar­riere und bedeu­tungslosem Sex, aber das Loch wird nicht gefüllt. Und eines Tages wirst du dich umschauen und fest­stellen, dass dich jed­er liebt … aber nie­mand mag dich. Und das ist das ein­sam­ste Gefühl der Welt.“ (Liebe und/oder Heirat) Den­noch scheint es für das Pub­likum fast unmöglich, auf BoJack wütend zu sein. Vielle­icht iden­ti­fizieren wir uns so sehr mit ihm, dass wir uns ein wenig zu sehr in ihn hinein­ver­set­zen kön­nen. Vielle­icht wis­sen wir, wie schw­er es ist, sich auf diese Art gefan­gen zu fühlen. Vielle­icht fühlen wir uns selb­st so über­wälti­gend ein­sam, dass wir alles dafür tun wür­den, dass dieses Gefühl ver­schwindet. Vielle­icht wird die Ein­samkeit manch­mal so end­los, dass wir die Men­schen, die es gut mit uns meinen, wegstoßen, weil wir wütend auf sie sind, weil sie eine Leere nicht füllen kön­nen, die wir selb­st nicht ein­mal voll­ständig ver­ste­hen. Ich weiß, dass ich mich oft so füh­le. Manch­mal, wenn wir so sind, ist es wed­er die der anderen noch unsere Schuld. Wenn man nie­man­dem die Schuld für den Schmerz und das Leid geben kann, tut das manch­mal am meis­ten weh. Denn dann gibt es keinen Grund, dann macht es keinen Sinn. Das ist die Schwere der Depres­sion: dass in unserem Leben oft alles gut gehen kann und wir immer noch trau­rig und ein­sam und unglück­lich sind, und das müssen wir ein­fach akzeptieren.

“Sometimes I think I was born with a leak, and any goodness I started with just slowly spilled out of me and now it’s all gone. And I’ll never get it back in me. It’s too late. Life is a series of closing doors, isn’t it?”

Und obwohl BoJack Horse­man uns erlaubt, uns mit ihm zu iden­ti­fizieren, und Men­schen außer­halb dieser Empfind­un­gen ver­mit­telt, wie sich Sucht, Depres­sion und Bor­der­line-Schmerz anfühlen, hat die Show über­haupt nicht so ange­fan­gen. Am Anfang ist BoJack Horse­man in erster Lin­ie leicht und lustig, und immer bunt. Einige Fig­uren sind Pferde oder Tiere—wie unser BoJack selbst—andere Fig­uren sind Men­schen, und es gibt keine Erk­lärung dafür. Die Show ist wun­der­schön geze­ich­net und ani­miert, um die ganze Palette der Emo­tio­nen einz­u­fan­gen. Am Anfang sehen wir BoJack beim Trinken und Feiern zu, und wir fühlen uns ein­fach mit ihm ver­bun­den. Ich meine, er ist nur ein betrunk­en­er Mittvierziger, der einst berühmt war und der jet­zt in alle möglichen lusti­gen Begeg­nun­gen ver­wick­elt ist. Er ist auch ein wenig von sich selb­st ein­genom­men, und seine igno­rante Hal­tung macht ihn zu ein­er großar­ti­gen Titelfig­ur. Einen ersten Ein­blick in den ern­sten und dun­klen Unter­ton der zukün­fti­gen Staffeln der Serie erhal­ten wir in der siebten Episode der ersten Staffel. In Die große Depres­sion sehen wir BoJack, nach­dem er ver­sucht hat, die Hochzeit von Diane mit Mr. Peanut But­ter zu sabotieren. Schließlich gibt er der Tat­sache nach, dass er Diane nicht davon abhal­ten kann, ihren Fre­und zu heirat­en, und wen­det sich dann Princess Car­olyn, sein­er Ex-Fre­undin, zu. Er ver­sucht, die alte Flamme wieder zu ent­fachen, um die Frus­tra­tion zu füllen, die er nach Dianes Ablehnung emp­fand. Princess Car­olyn willigt zunächst zögernd ein, es zu ver­suchen, aber ihr Date ver­läuft nicht ganz nach Plan, und BoJack gibt zu: „Du hat­test Recht. Ich liebe dich nicht. Du lieb­st mich nicht. Wir sind nur zwei ein­same Men­schen, die ver­suchen, sich selb­st etwas weniger zu has­sen. Vielle­icht ist das alles, was wir je sein wer­den. Vielle­icht ist das alles, was wir je waren.“ Während Princess Car­olyn alles daran set­zt, ihm am näch­sten Tag eine Rolle zu ver­schaf­fen, trifft BoJack seinen Jugend­fre­und Herb, den Erfind­er von Hors­ing Around, der ihn einst als Haupt­darsteller engagiert hat­te und nun gegen den Krebs kämpft. Die bei­den ger­at­en in einen hefti­gen Stre­it, den wir erst in der näch­sten Episode zu sehen bekom­men. Aber bei einem Tele­fonat mit Car­olyn auf dem Weg nach Hause gibt BoJack das Leben, die Schaus­piel­erei, ein­fach alles auf: „Es spielt keine Rolle. Nichts spielt eine Rolle.“ Die Episode endet mit ein­er ein­samen Car­olyn, die von ihrem Büro über L.A. hin­aus­blickt, 40 wird und ihr Leben in Frage stellt.

“You were born broken, that’s your birthright. You’re BoJack Horseman. There’s no cure for that”

Aber BoJack ist nie ein­fach nur lustig oder nur schw­er. Es ist genau diese feine Aus­ge­wogen­heit von Gefühlen, von Komödie, Satire und Dra­ma zu gle­ichen Teilen, die die Show so fes­sel­nd macht. Sie ist unglaublich kreativ in ihrem World­build­ing und ihrer Erzählweise. BoJack fol­gt ein­er bogen­för­mi­gen Erzäh­lung von sechs Staffeln, mit ein­er der stärk­sten Charak­ter­en­twick­lun­gen, die ich je gese­hen habe. Eine der fan­tastis­chsten Episo­den der Serie, in ihrer unglaublich starken drit­ten Staffel, ist Ein Fisch auf dem Trock­e­nen, eine mein­er drei Lieblingsepiso­den. In der Folge wird BoJack in die Unter­wasser­stadt Pacif­ic Ocean City geschickt, wo er an einem Film­fes­ti­val mit seinem Film „Sec­re­tari­at“ teil­nimmt. Von diesem Schau­platz aus wird er auf der Suche nach der Regis­seurin des Films so ziem­lich in offene Gewäss­er ent­lassen, wo er ihr (auf­grund ein­er früheren Episode) eine hand­schriftliche Entschuldigung zukom­men lassen will, da er in seinem Unter­wasser­helm nicht sprechen kann. Als er in seinem Bus ein­schläft, kann er nicht nur keinen Bus zurück in die Stadt nehmen, son­dern muss auch noch einem männlichen Seep­fer­d­chen bei der Geburt helfen, um dann beim Ver­such zurück­zu­laufen mit einem der Seep­fer­d­chen­babys zu enden, das sich an seinem Bein fes­thält. In ein­er schö­nen Unter­wasserse­quenz ohne hör­bare Dialoge ver­sucht er das Baby zu sein­er Fam­i­lie zurück­zubrin­gen, und zwar mit ein­er solchen Aufmerk­samkeit und Sorgfalt, dass das Herz schmerzt. Natür­lich ist BoJack trau­rig und eifer­süchtig, als er die Seep­fer­d­chen-Fam­i­lie sieht, und beschließt, sich auf den Rück­weg zum Hotel zu machen. Als er die Regis­seurin schließlich die Pre­mieren­feier ver­lassen sieht, ren­nt er an ihr Tax­ifen­ster, aber seine Notiz ist ganz durch­nässt und ver­schmiert. Oh, die Nahauf­nah­men von BoJacks Augen in dieser Episode! Schließlich, so stellt sich her­aus, war er die ganze Zeit in der Lage gewe­sen zu sprechen, und die Episode endet iko­nen­haft mit seinen Worten „Oh, du machst wohl Witze—“. Während der ganzen Serie erhal­ten wir kleine Hap­pen von BoJacks Potential—seinem Poten­tial, gut zu sein, für­sor­glich zu sein, Ver­ant­wor­tung zu übernehmen. Diese Episode ist ein­er dieser Hap­pen und zusam­men mit den fast nicht vorhan­de­nen Dialo­gen, der Geräuschkulisse, der Ästhetik zeich­net sich die Episode wirk­lich dadurch aus, dass sie diese Emo­tio­nen ver­mit­telt, die in BoJack Horse­man so außergewöhn­lich sind, dieses feine Buf­fet der Depres­sion und der Hoff­nung, des Gefühls, festzusitzen und anders sein zu wollen, des Ver­suchs wegen, nur um zu scheit­ern, immer und immer wieder. Oh, BoJack.

“I need you to tell me that I’m good”

Während sich die Serie langsam ihrem wun­der­schö­nen Finale nähert, schenkt uns die lei­t­ende Sto­ry Editrix und Screen­wri­terin Ali­son Tafel eine der anre­gend­sten BoJack-Episo­den in der Geschichte der Serie, die in der Tat eine Emmy-Nominierung erhielt. In Halb von unten gese­hen ist BoJack endlich bere­it, loszulassen—vom Leben, vom Schmerz, von der Frus­tra­tion, davon, sich nie gut genug zu fühlen, vielle­icht von seinen Beziehun­gen und ganz sich­er von seinen Ver­ant­wortlichkeit­en. Als er mit dem Gesicht nach unten im Pool seines ehe­ma­li­gen Haus­es liegt, nach­dem er erfol­g­los ver­sucht hat Diane anzu­rufen und bere­it ist zu ster­ben, phan­tasiert er darüber, allen Charak­teren, die in der Serie gestor­ben sind, zu begeg­nen, um einen Blick auf die „Aus­sicht von halb unten“ zu erhaschen. Und Junge, ist das eine Aus­sicht. Die Episode unter­bricht die laufende Erzäh­lung für eine Sekunde und erlaubt, zu atmen, nachzu­denken, während all die toten Charak­tere über den Zweck ihres Lebens, ihres Todes, ihres Selb­st­mords sprechen. Was auf dieses Din­ner fol­gt, ist eine Art Tal­entshow, bei der jede*r Teilnehmer*in hin­ter ein­er klaf­fend­en Tür in eine pech­schwarze Dunkel­heit fällt. Und während einige darauf vor­bere­it­et sind, bedauern andere, nicht die Aus­sicht von halb unten gese­hen zu haben, bevor sie sich das Leben nahmen—wie „Sec­re­tari­at“, das berühmte Ren­npferd, das nach ein­er Rei­he von Dro­gen­de­lik­ten vom Ren­nen aus­geschlossen wurde und daraufhin von ein­er Brücke sprang—weil das Ren­nen die einzige Entschädi­gung für seine Schmerzen war. In einem herzzer­reißen­den Vor­trag stot­tert ein verängstigter, in Reue gefan­gener Sec­re­tari­at: „Du fliegst jet­zt / Du siehst die Dinge viel klar­er / als vom Boden aus / Es ist alles in Ord­nung, oder zumin­d­est wäre es das / Wärst du jet­zt nicht schon halb unten / […] Ich gäbe alles dafür, wenn die Zehen / Wieder die Sicher­heit oben berührten / […] Die Stille übertönt alle Geräusche / […] Ich wün­schte, ich hätte von / Der Aus­sicht von halb unten gewusst“. Die Episode markiert für viele ihrer Zuschauer einen Wen­depunkt. Im Inter­net wird davon gesprochen, dass die Sendung „buch­stäblich Leben ret­tete“. BoJack Horse­man lässt uns die Abso­lutheit des Todes spüren. Und lädt uns zum Nach­denken ein. Um vielle­icht die Wahl des Lebens, die Wahl zu leben zu über­denken. Dass es oft keine Wahl ist, ste­ht außer Zweifel, aber als die Episode aus­ges­trahlt wurde, arbeit­ete BoJack bere­its auf einen guten Ort hin. Nüchtern zu wer­den, als Schaus­piellehrer zu arbeit­en. Halb von unten gese­hen schien der Auf­takt zu ein­er Episode zu sein, in der ein BoJack bere­it war, sich sein­er Ver­ant­wor­tung und den Kon­se­quen­zen sein­er Hand­lun­gen zu stellen. 

Im Finale führt BoJack eines sein­er let­zten Gespräche mit Diane. Wir hören Dianes Sichtweise auf die suizidale Sprach­nachricht, die BoJack auf ihrem Tele­fon hin­ter­lassen hat­te. Der Dia­log im Anschluss an diese Szene lässt mir bis heute Schauer über den Rück­en laufen; wegen sein­er Ehrlichkeit, sein­er Rohheit. Hat­te BoJack etwas Besseres ver­di­ent? Hat­te er ein anderes Ende ver­di­ent? War BoJack am Ende ein guter Mensch?

Ich glaube, er war von Anfang an nie schlecht. BoJack war immer nur ein Typ, mit großen Träu­men, mit Ver­let­zlichkeit und ein­er Menge Bag­gage. Aber so sehr ich ihm die Dau­men drücke, so sehr ich ihm das beste Leben wün­sche, denke ich auch, dass es höch­ste Zeit war, dass er aufhört, mit seinen Hand­lun­gen ein­fach so davonzukom­men. Und sich dazu zu beken­nen. Um vielle­icht durch diese Ver­ant­wor­tung und Klar­sicht das Gute in ihm zu man­i­festieren. Sein Leben wie Ton zu dem zu for­men, was er braucht.

Entwed­er das, oder aber BoJack und ich sind nur zwei ein­same Menschen—„und das ist alles, was wir je sein wer­den, alles, was wir je waren.“


Bildquelle und Zitate: BoJack Horse­man, Net­flix, 2020. 

Ferrars & Fields Magazine 

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