Der Fall Oury Jalloh: Was geschah in Zelle 5?

Teil 1 – Leben und Tod des Oury Jallohs

von Annika Klares

Black Lives Matter! Kaum ein Begriff war in den letzten Monaten so präsent wie diese drei Worte. Seit dem 25. Mai diesen Jahres ist der Name der Bewegung, die sich für die Rechte und gegen Gewalt an PoC einsetzt, in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt und hat international starke Aufmerksamkeit sowohl in den Medien als auch auf Social Media Plattformen erhalten.

An diesem 25. Mai verlor der US-Amerikaner George Perry Floyd sein Leben durch die Gewalt, die ihm von einer Gruppe Polizeibeamter zugefügt wurde. Der Vorfall wurde gefilmt, das Video der Tat ging um die Welt und ein enormer Aufschrei war die Folge dessen. George Floyds Tod zog eine Welle von Protesten nach sich, die wiederum Aufmerksamkeit auf weitere Todesfälle in Zusammenhang mit Polizeigewalt und Rassismus innerhalb der Polizeistruktur lenkten. Die Namen der Menschen, die ihr Leben durch Polizeigewalt verloren, werden immer wieder genannt, um sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Es sind Namen wie Breonna Taylor, Timothy Russel, Malissa Williams, Mike Brown, Alton Sterling und noch viele weitere.

Wichtig ist es, die Namen dieser Menschen nicht zu vergessen, ihre Geschichten in Erinnerung zu behalten und darum zu kämpfen, dass ihnen durch die Verurteilung der Menschen, die ihnen ihr Leben nahmen, Gerechtigkeit widerfährt.

Genauso wichtig ist es bei diesem Thema nicht nur in die USA zu schauen. Auch in Deutschland gibt es ähnliche Fälle, deren Opfer Namen hatten, die nicht vergessen werden dürfen. Einer dieser Namen ist Oury Jalloh.

Oury Jalloh verbrannte am 07. Januar 2005 in der Zelle Nr. 5 im Keller des Polizeireviers Dessau-Roßlau. Sein Tod wurde als Suizid gewertet und gilt, trotz bestehender Zweifel der Bevölkerung und der Staatsanwaltschaft, bis heute offiziell als solcher. Die Menschen, die sich mit dem Fall des Sierra-Leoners befassen, stoßen bei der Aufarbeitung der Todesumstände schnell auf Widersprüche. Alles scheint so offensichtlich auf Fremdeinwirkungen hinzudeuten und doch gibt es bis heute, 15 Jahre nach Oury Jallohs Tod, weder eine lückenlose Aufklärung der Ereignisse noch das Gefühl von Gerechtigkeit für die Hinterbliebenen.

Doch was geschah an diesem Januartag in der Zeit zwischen 09:30 Uhr und 12:00 Uhr in Dessau? Wer war das Opfer, wer die Beteiligten und wieso gibt es noch heute, trotz neuer Beweise und Indizien auf Fremdeinwirkung, keine Verurteilung?

Wer war Oury Jalloh?

Oury Jalloh wurde am 02. Juni 1968 in Kabala, einer Stadt in Sierra Leone geboren, wo er mit seiner Mutter Mariama Djombo Diallo und seinen Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs.

Aufgrund des Bürgerkriegs, der von 1991 bis 2002 in Sierra Leone herrschte, floh die Familie Ende der Neunziger Jahre nach Conakry im Nachbarland Guinea. Dort konnten sie zwar weitestgehend sicher leben, hatten allerdings kaum Zugang zu Bildung und finanziellen Mitteln. Aus diesem Grund entschied sich Oury Anfang 2000 nach Deutschland zu gehen und dort Asyl zu beantragen, mit dem Ziel in Deutschland Bildung zu erhalten, eine Arbeit zu finden, seine Familie finanziell zu unterstützen und sich selbst den Traum eines sicheren, angenehmen Lebens zu erfüllen.

In Deutschland gab er bei den Behörden 1983 als sein Geburtsjahr an, in der Hoffnung, mit dem jüngeren Alter bessere Chancen auf einen dauerhaften Aufenthaltsstatus zu erhalten. Diese Hoffnung sollte sich allerdings nicht erfüllen, denn Oury Jalloh erhielt keinen Aufenthaltsstatus, sondern lediglich eine Duldung, also eine „vorrübergehende Aussetzung der Abschiebung“.

Dennoch versuchte Oury sich den Traum eines guten Lebens zu erfüllen. 2005 lebte er in einem Asylbewerberheim in Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt. In der dortigen afrikanischen Community, die aus einigen Hundert Menschen in Dessau und Umgebung bestand, fand er Anschluss. Die Freunde, die er dort fand, wurden zu seiner Familie, die Community zu seinem Safespace. Die Menschen in dieser Gemeinschaft hielten zusammen, da sie sich oft rassistischen Anfeindungen der Dessauer Bevölkerung ausgesetzt sahen. Seit dem fremdenfeindlich motivierten Mord an dem Mosambikaner Alberto Adriano im Stadtpark kam es immer wieder zu Spannungen.

Doch nicht alle Einwohner Dessaus waren der afrikanischen Community gegenüber ablehnend. Oury lernte eine deutsche Frau kennen, mit der er eine Beziehung einging und ein Kind bekam. Allerdings trennte sich das Paar nach einiger Zeit und das gemeinsame Kind wurde von der Mutter zur Adoption freigegeben.

Auch die Suche nach Arbeit gestaltete sich schwierig, weshalb Oury möglicherweise in die Kriminalität abrutschte.

Wenige Wochen vor seinem Tod wurde er wegen gewerbsmäßigen Drogenhandels zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt. Da das Urteil Anfang Januar 2005 noch nicht rechtskräftig war, war Oury noch in Freiheit.

© pexels.com

Was geschah am 07. Januar 2005?

Es war recht mild für Januar an diesem Freitagmorgen in Dessau. Vor einer Gaststätte an der Kreuzung Törtener Straße Ecke Turmstraße gingen einige Frauen von der Stadtreinigung gegen 08:00 ihrer Arbeit nach, als ein junger Mann auf sie zukam und sie nach einem Handy fragte, um zu telefonieren. Das Guthaben auf seiner eigenen Prepaid-Karte war aufgebraucht. Da der Mann stark alkoholisiert war, wollte keine der Frauen ihm ihr Telefon anvertrauen. Als er nach mehrfacher Ablehnung seiner Bitte nicht lockerlassen wollte, fühlten sich die Frauen belästigt und verständigten die Polizei, welche kurz darauf eintraf.

Sie kontrollierten den Mann und wollten seine Ausweispapiere sehen. Nach Aussage der Beamten hatte er diese zwar dabei, wollte sie ihnen jedoch nicht zeigen und wurde aggressiv. Daraufhin legten sie ihm Hand- und Fußfesseln an, fuhren ihn ins Polizeirevier Dessau-Roßlau und nahmen ihn in Unterbindungsgewahrsam. Auf dem Revier wurde der Mann durchsucht. In seinem Besitz befanden sich nur Taschentücher, ein Handy, Münzen und ein Ausweisdokument, durch das die Beamten erfuhren, dass es sich um den geduldeten Asylbewerber Oury Jalloh handelte.

Ein Arzt wurde hinzugerufen, der eine Untersuchung seines körperlichen Zustandes und eine Blutabnahme durchführen sollte.

Bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass Oury 2,68 Promille im Blut sowie 3,42 Promille im Urin hatte, außerdem wurden Spuren von THC und Kokain gefunden. Obwohl eine Person mit derart hohen Promillewerten in einem Krankenhaus medizinisch versorgt werden sollte, erklärte der Arzt Oury für „gewahrsamtauglich“.

Regina Götz, Anwältin der Familie Jalloh, äußerte sich 2010 in der Dokumentation „Oury Jalloh : Tod in der Zelle“ fassungslos zu diesem Umstand und bezeichnete dieses Vorgehen als menschenverachtend. Sie könne nicht nachvollziehen, wie man eine so stark alkoholisierte Person in Rückenlage fixieren könne, ohne sie visuell zu überwachen.

Unter starkem Alkoholeinfluss ist es sehr wahrscheinlich, dass es zum Erbrechen kommt. Liegt die alkoholisierte Person dann auf dem Rücken, kann dies durchaus zum Erstickungstod führen. Allein über eine akustische Überwachungsanlage kann so eine Situation nicht erkannt und verhindert werden.

Gegen 09:30 Uhr wurde Oury in den Keller des Polizeireviers befördert, in welchem sich die Zellen befinden.

Die Zelle Nr. 5, in der Oury seine letzten Stunden erleben sollte, war ein kleiner, bis zur Decke gefliester Raum. Auf dem Boden, direkt an der Wand befand sich eine Erhöhung, auf der eine mit feuerfestem Kunstleder bezogene Schaumstoffmatratze lag. Sowohl an der Wand als auch an der Seite und am Fußende der Erhöhung befanden sich Metallgriffe, an denen Hand und Fußfesseln befestigt werden konnten. Die Zelle selbst war zu diesem Zeitpunkt nicht mit einer Überwachungskamera, dafür aber mit einer Gegensprechanlage und einem Rauchmelder ausgestattet.

Oury wurde nun in Rückenlage auf der Matratze liegend an Händen und Füßen fixiert, konnte sich also nicht mehr bewegen.

Etwa zweieinhalb Stunden verbrachte er in dieser Lage, bis gegen 12:00 Uhr die Feuerwehr hinzugerufen wurde. Der Notruf lautete „Brand im Zellentrakt. Eine Person vermisst.“

Dass sich die Person nicht irgendwo im Gang des Zellentrakts aufhielt, sondern in der brennenden Zelle bewegungsunfähig an eine Matratze fixiert war, wurde mit keinem Wort erwähnt.

Dies führte dazu, dass die Einsatzkräfte der Feuerwehr wertvolle Minuten damit verbrachten, den gesamten Trakt, der durch die starke Rauchentwicklung enorm schlecht einsehbar war, nach jener vermissten Person zu durchsuchen.

Nachdem dies zu keinem Ergebnis geführt hatte, kehrten die Feuerwehrleute in die Zelle 5, dem Ursprung des Brandes, zurück und machten dort eine grausame Entdeckung.

Der Leichnam Oury Jallohs lag, noch immer mit Handschellen an den Metallgriffen an Wand und Boden fixiert, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt auf der Matratze.

Wie konnte es in einer derartigen Umgebung unter diesen Umständen zu einem Brand kommen? Was geschah mit Oury Jalloh in den letzten Stunden seines Lebens?

Wer trägt die Verantwortung für die Fehler, die gemacht wurden? Kann so etwas ohne Fremdeinwirkung möglich sein? War es Mord?

Nach den Ereignissen des 07. Januars drangen nur sehr wenige Informationen an die Öffentlichkeit und das auch erst nach einigen Wochen. In frühen Statements der Polizei wurde nur der Tod eines Mannes mit afrikanischer Herkunft bekanntgegeben, nicht aber der Name des Verstorbenen. Dies führte dazu, dass sich viele Leute der Schwarzen Community zusammenschlossen und gemeinsam alle Freunde und Bekannten anriefen, um zu erfahren, wer von ihnen ums Leben gekommen war. Als irgendwann klar war, dass es sich um ihren Freund Oury handelte und unter welchen Umständen er starb, breiteten sich Trauer und Verzweiflung, aber auch große Angst unter ihnen aus. Niemand konnte fassen, dass so etwas in Deutschland und noch dazu in einem Polizeirevier passiert war. Einem Ort, an dem man sich doch eigentlich geschützt fühlen sollte.

Schnell wurden Gerüchte über die Todesumstände verbreitet. Viele Leute fragten sich, ob Ourys Tod eventuell vorangegangene Polizeigewalt an ihm vertuschen sollte. Wurde Oury Jalloh vor dem Brand oder vielleicht sogar schon bei der Festnahme von Polizisten verletzt? Wenn ja, waren die Verletzungen vielleicht die eigentliche Todesursache und sollte der Brand nur Beweise vernichten?

Während der nachfolgenden Untersuchungen zum Fall wurden genau diese Fragen von den Ermittlern und der Bevölkerung gestellt. Bei den Befragungen der Beamten, die an Ourys Todestag im Dienst waren, und der Rekonstruktion der Ereignisse wurden schnell Ungereimtheiten festgestellt.

Welche Beweise dabei ans Licht kamen, wie die Ermittlungen und das Gerichsverfahren abliefen und welches Urteil am Ende erlassen wurde, wird in Teil 2 dieser Reihe thematisiert.


Bildquelle: © pexels.com


Verweise:

– „Die Story – Tod in der Zelle. Warum starb Oury Jalloh?“ WDR Dokumentation 2005 – Regie: Marcel Kolvenbach

– „Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau – Chronik eines deutschen Skandals“ WDR5 Podcast von Margot Overath

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-dok5-das-feature/audio-oury-jalloh-und-die-toten-des-polizeireviers-dessau—chronik-eines-deutschen-skandals-100.html

– Break the Silence – Initiative in Gedenken an Oury Jalloh, initiativeouryjalloh.wordpress.com

– „Oury Jalloh – Tragisches Bespiel für den strukturellen Rassismus in Deutschland“ ZAG-Berlin

https://www.zag-berlin.de/antirassismus/archiv/58ouryjalloh.html

2 Gedanken zu „Der Fall Oury Jalloh: Was geschah in Zelle 5?

  1. Die Hauptstadt von Sierra Leone ist Freetown und ,,farbige Community“ ist kein politisch korrekter Ausdruck sondern Schwarze Community.“Niemand konnte fassen das sowas passiert“ Menschen die von Rassismus betroffen sind können es sehe wohl fassen… Der Artikel scheint aus einer weißen Perspektive verfasst worden zu sein und sollte eher von Leuten aus der Community verfasst werden.

    1. Liebe Nohra,
      vielen Dank für deinen Kommentar zu unserem Artikel. Wir bedanken uns für den Hinweis hinsichtlich der Hauptstadt Sierra Leones, und haben die Angabe im Text korrigiert. Das Zitat des nichtfassenkönnens wurde von unserer Autorin direkt aus ihrer Quelle, der Dokumentation zu Ourys Todesfall, aus der Black Community übernommen und drückt das Empfinden jener Menschen aus, die verstärkt unter Polizeigewalt und systematischem Rassismus leiden. Trotz ihrer Hautfarbe war es unserer Autorin ein persönliches Anliegen den Fall zu behandeln, da es ihr sehr wichtig ist darüber aufzuklären und ihr der Fall sehr nah geht. Das Ziel unserer Autorin war es, mit ihrer Artikelreihe gegen das Vergessen anzuarbeiten. Es ist einfach, auf Amerika zu zeigen, weil es so eine leichte Zielscheibe ist. Dabei vergisst man gerne, dass es auch in Deutschland rassistisch motivierte Polizeimorde gab und gibt. Es ist wichtig, auch diese Namen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Gerne wünschen wir uns die Stimmen direkt aus der Community. Leider haben uns selbst nach mehreren Aufrufen noch keine Bewerbungen erreicht. Wir freuen uns aber nach wie vor, Stimmen direkt aus der Schwarzen und POC Community auf unserem Magazin zu veröffentlichen. Liebe Grüße, das Ferrars und Fields Team

Kommentar verfassen