Judith Butlers Appell an manische Liebe in „The Force of Nonviolence”

von Mer­cy Ferrars

Die Gewalt ist ein umstrittenes Ding. Ein­er­seits ist sie uns bestens bekan­nt: Wir alle haben eine Vorstel­lung davon, was es bedeutet, gewalt­tätig zu sein oder ein­er anderen Per­son Gewalt anzu­tun. Und doch scheine ich, als ich mich jet­zt zum ersten Mal hin­set­ze und der Gewalt einen kri­tis­chen Gedanken widme, wenig über das tat­säch­liche Wesen der Gewalt zu wis­sen. Sicher­lich ist das, was ich über sie weiß, bere­its dadurch vorbes­timmt, was die Kul­tur aus ihr macht, vorge­filtert durch Inter­pre­ta­tion und einen Moralkodex. Um zu ein­er neu­tralen Sichtweise zu gelan­gen, ist es wohl notwendig, aus vorge­fassten Mustern her­auszutreten und offen zu sein für einen dialek­tis­chen Austausch.

Anfang dieses Jahres veröf­fentlichte die amerikanis­che Philosophin und Sozialthe­o­retik­erin Judith But­ler ihr neues Buch The Force of Non­vi­o­lence: An Ethico-Polit­i­cal Bind (Die Kraft der Gewalt­losigkeit: Eine Ethisch-Poli­tis­che Verpflich­tung). But­ler ist vor allem für ihre fem­i­nis­tis­chen Lehren bekan­nt. Ihr Werk Gen­der Trou­ble (Das Unbe­ha­gen der Geschlechter) von 1990 ist nach wie vor ein­er der pop­ulärsten Texte über Geschlecht und Queer-The­o­rie. In The Force of Non­vi­o­lence greift But­ler auf ihre frühere Arbeit über Psy­cho­analyse und ihre Vorträge über Trauer­fähigkeit zurück und entwick­elt ein starkes ide­al­is­tis­ches Argu­ment für eine gewalt­freie Weltstruktur.

Dabei entwirft sie zunächst ein ganzheitlich­es ontol­o­gis­ches Konzept von Gewalt. Sie stellt fest, dass sys­tem­a­tis­che Gewalt auf einem Deu­tungssys­tem zwis­chen dem Staat und seinen Bürger*innen auf­baut. Damit der Staat Gewalt recht­fer­ti­gen kann, muss er zunächst iden­ti­fizieren, wer und was als gewalt­tätig gilt. Häu­fig wer­den diese Inter­pre­ta­tio­nen von ras­sis­tis­chen, kon­ser­v­a­tiv­en und kap­i­tal­is­tis­chen Fak­toren bes­timmt. But­ler erken­nt bald, dass gewalt­same Übertre­tun­gen die pri­ma facie Rechte von Per­so­n­en verletzen.

Pri­ma Facie Rechte 

Im Gegen­satz zu absoluten Recht­en sind pri­ma facie Rechte diejeni­gen Rechte, die einem Men­schen vom Staat zugewiesen wer­den, wie das Recht auf freies Reisen, die Mei­n­ungs- und Ver­samm­lungs­frei­heit. Diese Rechte kön­nen jedoch jed­erzeit unter verän­derten Bedin­gun­gen eingeschränkt wer­den, beispiel­sweise während ein­er glob­alen Pan­demie. Absolute Rechte, wie das Recht auf Leben und Würde, gel­ten hinge­gen immer.

Diese Rechte wer­den von ein­er biopoli­tis­chen Macht definiert, die dem Staat zugewiesen ist. But­ler greift auf Michel Fou­cault und seine Darstel­lung der Biopow­er zurück, um zu ver­an­schaulichen, wie Regierun­gen nicht nur definieren, welche Leben mehr zählen als andere; welche Leben geschützt wer­den müssen oder ver­nach­läs­sigt wer­den kön­nen; son­dern auch, wem über­haupt ein “Anspruch auf Leben” zuste­ht. Sie tut dies, um ihr Argu­ment der Trauer­barkeit von Leben und der daraus resul­tieren­den Ungle­ich­heit sozialer Grup­pen zu entwick­eln. Schließlich wird But­ler die Phan­tas­men unter­suchen, die unsere Wahrnehmung fil­tern und Gewalt gegen andere legitimieren.

In dieser Unter­suchung begrün­det sie ihr zen­trales Plä­doy­er für Gewalt­losigkeit, das die Idee wider­legt, dass wir autarke Wesen sind, die unab­hängig voneinan­der existieren. Stattdessen betont sie, dass wir in hohem Maße voneinan­der abhängig sind, und dass Schaden, den wir anderen zufü­gen, Schaden ist, den wir uns selb­st zufü­gen. Ihr Inter­esse gilt nicht nur der Gesellschaft, son­dern auch dem Indi­vidu­um, und in einem umfassenden Kapi­tel über Sig­mund Freuds Psy­cho­analyse dekon­stru­iert sie die destruk­tiv­en Kriegskräfte, die in der men­schlichen Psy­che gegeneinan­der Gewalt ausüben. Für But­ler ist Gewalt­losigkeit kein absolutes oder voll­ständi­ges Konzept. Gewalt­losigkeit ist ein alter­na­tives Phan­tas­ma, dem wir uns verpflicht­en und nach dessen moralis­chen Codes wir han­deln, bis es sich in der Welt durch­set­zen kann. Ein­fach aus­ge­drückt: Gewalt­losigkeit gibt uns die Liebe, die wir brauchen, um die Welt, in der wir leben wollen, zu Wirk­lichkeit wer­den zu lassen. 

Was ist Gewalt?

Wenn Gewalt eine Ver­let­zung der pri­ma facie Rechte ein­er Per­son ist, dann ist die grundle­gende rechtliche Voraus­set­zung für die Klage gegen Gewalt die Anerken­nung der pri­ma facie Rechte des Opfers. Wenn jedoch die gesamte Macht in den Hän­den des Staates liegt, scheint es allzu ein­fach zu sein, einige Leben als Leben zweit­er Klasse zu behan­deln. Let­zten Endes wird dann das Leben weißer männlich­er Gewalt­täter mehr geschützt wer­den als das ihrer weib­lichen, queeren oder BiPoC Opfer. Dann entste­hen Momente, in denen sich Biopow­er so “natür­lich” mit juris­tis­ch­er Macht mis­cht, dass nicht ein­mal eine empörte Öffentlichkeit auf der ganzen Welt Ein­fluss auf die ungerechte Behand­lung nehmen kann. Als beispiel­sweise im Jan­u­ar 2015 der Stu­dent Brock Turn­er der Stan­ford-Uni­ver­sität eine Frau auf dem Cam­pus sex­uell miss­brauchte, wurde er wegen sein­er glänzen­den und vielver­sprechen­den zukün­fti­gen Kar­riere als Schwim­mer und seines “süßen Baby­gesichts” zu ein­er leicht­en sechsmonati­gen Haft­strafe verurteilt. Die Schilderun­gen seines trau­ma­tisierten Opfers, dessen Leben sich ohne eigenes Ver­schulden drastisch verän­dert hat­te, gewan­nen ein­deutig nicht genü­gend juris­tis­ches Gewicht, um die Priv­i­legierung des hochk­las­si­gen, weißen männlichen Täters aufzuwiegen. Gewalt ist also zugle­ich greif­bar und dif­fus. Sie besitzt einen Wahrheitssta­tus in dem Sinne, dass wir klar sagen kön­nen: Hand­lun­gen, die pri­ma facie die Rechte ein­er Per­son oder eines Wesens ver­let­zen, sind gewalt­tätig. Sie ist aber auch dif­fus, weil sie nicht immer sicht­bar ist oder falsch inter­pretiert wer­den kann, und sie ist zudem ras­sisch, sex­uell und religiös kodiert. 

Der Staat behauptet, eine friedliche Demon­stra­tion sei gewalt­sam. Infolgedessen ver­schiebt sich die öffentliche Wahrnehmung, die Medi­en repro­duzieren die Behaup­tung, und schon bald wird die friedliche Demon­stra­tion als “wüten­der Mob”, als “Aufruhr” über­set­zt, und von der Polizei wird erwartet, dass sie die Unruhen auflöst. Was als friedlich­er Protest begann, hat sich zu ein­er Rebel­lion entwick­elt, wenn sich die Art des Protests über­haupt nicht verän­dert hat. Die Bedeu­tung dessen, was gewalt­tätig ist und was nicht, ist ein Machtin­stru­ment und wirkt auf der Ebene der Sprach­wis­senschaft: “Die Macht, die die Sprache auf diese Weise miss­braucht, ver­sucht, ihr eigenes Gewalt­monopol zu sich­ern, indem sie die Oppo­si­tion ver­leumdet und den Ein­satz von Polizei, Armee oder Sicher­heit­skräften gegen diejeni­gen recht­fer­tigt, die die Frei­heit auf diese Weise ausüben und vertei­di­gen wollen. So wird ras­sis­tis­che Gewalt so ver­standen, dass sie der Selb­stvertei­di­gung des Staates dient”, erk­lärt Butler.

Trauerbarkeit und Individualismuskritik

In ihrem Kapi­tel “Gewalt­losigkeit, Trauer und die Kri­tik des Indi­vid­u­al­is­mus” kri­tisiert But­ler die Ver­weigerung der Anerken­nung zu betrauern­der Leben und zeigt, dass die moralis­che Argu­men­ta­tion zwis­chen Gewalt und Gewalt­losigkeit von zwei Fak­toren angetrieben wird: Phan­tasie und Indi­vid­u­al­is­mus. Der Akt des Trauerns ste­ht in direk­tem Zusam­men­hang mit dem Wert, den wir den Din­gen beimessen: Wir weinen nicht nach dem, was wir nicht schätzen. “Wenn man sich gegen die Gewalt wen­det […] so set­zt dies voraus, dass es daran liegt, dass diese Leben wertvoll sind. Unsere Oppo­si­tion bejaht diese Leben als wertvoll“, schreibt But­ler. Dies stellt zwar den Ide­al­fall dar, doch lei­der leben wir in ein­er Welt, in der noch nicht alle Leben ein­er solchen Trauer würdig sind. “Die Gründe dafür sind vielfältig, unter anderem Ras­sis­mus, Frem­den­feindlichkeit, Homo­pho­bie und Trans­pho­bie, Frauen­feindlichkeit und die sys­tem­a­tis­che Mis­sach­tung der Armen”, fährt But­ler fort. Was also macht ein Leben betrauern­swert? Wer bes­timmt, um wessen Leben man trauern soll? But­ler ist daran inter­essiert, eine egal­itäre Sub­struk­tur der Gewalt­frei­heit zu entwick­eln, die alles Leben gle­icher­maßen respek­tiert. Der Grad der (öffentlichen) Trauer, den wir dem Leben zuord­nen, ist Teil eines “his­torisch-ras­sis­chen Schemas”, schlägt But­ler vor. Der Begriff leit­et sich dem­nach von Frantz Fanons Black Skin, White Masks ab. Er drückt aus, dass unsere Wahrnehmung der Welt bere­its durch eine höhere Wahrnehmung, näm­lich die des “Weiß­seins”, gefiltert ist. Es ist zuweilen schwierig, sich diesen Schemas bewusst zu wer­den. Weiß zu sein und sich dann dem Ras­sis­mus zu stellen, erfordert, dass man sich mit sich selb­st auseinan­der­set­zt, dass man ver­sucht, so gut wie möglich aus diesem Schema her­auszutreten und die eige­nen Gedanken und Hand­lun­gen außer­halb dieser kul­turell pro­duzierten Iden­tität zu bew­erten. So oft haben wir Mühe, uns mit unserem eige­nen Ras­sis­mus auseinan­derzuset­zen. Es ist leicht, auf die anderen zu zeigen, ihre Worte, ihre Tat­en zu verurteilen. Durch dieses Schema gefes­selt, kön­nen wir nicht erken­nen, dass auch unsere Wahrnehmung gefiltert wird. Ger­ade weil wir als Pro­dukt der Kul­tur die Dinge nicht als das sehen kön­nen, was sie sind, nehmen wir die soziale Wirk­lichkeit als gegeben an. Ich spreche von der “sozialen Wirk­lichkeit”, weil ich mich nicht auf die Real­ität von Bäu­men oder Gegen­stän­den beziehe, son­dern auf vom Men­schen geschaf­fene Teile dieser Real­ität: auf Gesellschaften, auf Poli­tik, auf Kul­tur. Eine solche Real­ität, schlägt But­ler vor, wird gefiltert durch das, was sie als “Phan­tas­magorie” beze­ich­net. Mit anderen Worten: Ungle­ich­heit wird immer phan­tasiert und anhand fik­tiv­er Gründe vertei­digt. Unter­halb ein­er solchen Fik­tion haben wir alle den gle­ichen Wert. Durch mehrere Wahrnehmungs­fil­ter auf­steigend, erblick­en schließlich Ras­sis­mus, Sex­is­mus und alle anderen For­men der Ungle­ich­be­hand­lung das Licht der Welt. Uns selb­st, aber auch unsere Brüder und Schwest­ern als in einem Spin­nen­netz aus ras­sis­tis­ch­er “Phan­tasie” gefan­gen zu denken wirkt auf ein­er unbe­wussten Ebene und bedarf Inter­pre­ta­tion. Die Annahme, dass unsere Welt durch eine solche Phan­tasie struk­turi­ert ist, ist wichtig für But­lers Schlussplä­doy­er für Gewalt­frei­heit, da sie vorschlägt, dass wir die Manie nutzen kön­nen, um eine neue Phan­tasie, eine neue, gewalt­freie Real­ität zu etablieren. 

Eine Art, über das The­ma nachzu­denken, ist But­lers Kri­tik am Indi­vid­u­al­is­mus. Wer ist jenes isolierte Selb­st, das sich so unab­hängig von anderen sieht und davon überzeugt ist, dass es sich aus eigen­er Kraft behaupten kann? But­ler kri­tisiert den neolib­eralen Indi­vid­u­al­is­mus, der viele mod­erne Gesellschaften beherrscht, und zwar auf der Grund­lage von Hobbes’ Naturzu­s­tand, in dem das Indi­vidu­um im Kon­flikt bere­its ein selb­st­genügsamer “zeit­los­er, erwach­sen­er” Mann ist, der anscheinend nie auf den Rück­halt ein­er Fam­i­lie angewiesen war. Ein solch­er Indi­vid­u­al­is­mus, so argu­men­tiert sie, täuscht uns vor, dass wir völ­lig autark wären. “Wir wur­den alle, unab­hängig von unseren poli­tis­chen Stand­punk­ten in der Gegen­wart, in einen Zus­tand radikaler Abhängigkeit hineinge­boren”, bemerkt But­ler. Eine solche Abhängigkeit, fährt sie fort, wird nicht durch Erwach­sen­wer­den über­wun­den. Wir sind nach wie vor von ein­er sozialen Infra­struk­tur abhängig, die uns mit Nahrung, Gesund­heit, Ressourcen und Zuge­hörigkeit ver­sorgt. Inter­de­pen­denz, so argu­men­tiert sie, werde häu­fig über den Rah­men unser­er per­sön­lichen Beziehun­gen hin­aus überse­hen. Ein solch­es Beispiel ist die Kli­makrise, eine “glob­al destruk­tive Aktiv­ität”. Das Han­deln eines jeden wirkt sich auf das Woh­lerge­hen aller anderen Men­schen auf dem Plan­eten aus, und doch ver­hält sich die Men­schheit so, als wäre es nicht so; als ob wir zumin­d­est einzelne Natio­nen blieben, die alle Anspruch auf ihre eige­nen Rechte und ihre eigene Ethik haben. “[…] die Auf­gabe […] beste­ht nicht darin, die Abhängigkeit zu über­winden, um Selb­st­genügsamkeit zu erre­ichen, son­dern die Inter­de­pen­denz als Bedin­gung der Gle­ich­heit zu akzep­tieren”, schließt But­ler, auch wenn ihr bewusst ist, dass die Kolo­nialmächte von genau dieser Abhängigkeit prof­i­tieren. ‚Ich kann dir nicht wehtun, ohne mir selb­st wehzu­tun’ ist die Schlussfol­gerung, die But­ler erre­icht, und so ist die Gewalt, die einem anderen ange­tan wird, immer auch eine Zer­störung des eige­nen Selbst. 

Manie als Kraft der Liebe

Die Manie kön­nte einen Weg bieten, den Kreis­lauf der Gewalt zu durch­brechen, schlägt But­ler vor. In Freuds Schrift über Trauer und Melan­cholie stellt sie fest, dass die Melancholie—in der man unter der Verin­ner­lichung eines ver­lore­nen Gegen­standes und der Loslö­sung von der Real­ität leidet—in zwei Teile gegliedert ist. Der erste, so behauptet sie, ist die Selb­st­beurteilung durch das Über-Ich, das dem Ich die Schuld dafür gibt, eins zu wer­den mit dem, was es ver­loren hat, seinen Schmerz zu pathol­o­gisieren und in ihm zu leben. Das Über-Ich ver­sucht, diese Verin­ner­lichung des Ver­lustes rück­gängig zu machen, indem es das Ich zwingt, die Real­ität zu sehen—und treibt es schließlich in die eigene Ver­nich­tung. Die Manie dage­gen wider­set­zt sich mit hek­tis­ch­er Energie der gewalt­samen Zer­störungskraft des Über-Ichs und rast fieber­haft in Rich­tung Selb­ster­hal­tung. Die Manie ver­hin­dert, dass das Ego durch seinen Ver­lust einge­fordert wird. Dazu muss die man­is­che Kraft die Tyran­nei des Über-Ichs stürzen und sich durch Ent-Iden­ti­fika­tion von seinen Fes­seln lösen. Aber, so betont But­ler, sie tut dies, ohne auf Gegenge­walt zurück­zu­greifen. Die Manie ist keine Kraft der Zer­störung, son­dern eine Kraft des Lebens, der Energie, der pulsieren­den Libido, der Lebenslust und Vital­ität. Wo das Über-Ich die kri­tis­che Fakultät ist, die die auf das äußere Leben gerichtete destruk­tive Kraft des Ichs—die Zer­störung des anderen—kontrolliert, kon­trol­liert die Manie die auf das Selb­st gerichtete destruk­tive Kraft.

But­ler weist darauf hin, dass Sig­mund Freud mit diesen Prinzip­i­en auch die Kriegs- und Grup­penpsy­cholo­gie erforscht hat. Wo die Manie in der Psy­che die Bindung an das Über-Ich bricht und so das Ego vom Gehor­sam eines Tyran­nen befre­it, stellte Freud fest, dass selb­st eine Wider­stands­be­we­gung man­is­che Energie nutzen kann, um das Band zu brechen, das sie an eine tyran­nis­che Regierung bindet: “Sie bietet eine Chiffre für das Ver­ständ­nis jen­er ‘unre­al­is­tis­chen’ For­men der auf­ständis­chen Sol­i­dar­ität, die sich gegen autoritäre und tyran­nis­che Herrschaft wen­den. […] Diese For­men der Sol­i­dar­ität beruhen nicht auf ein­er Iden­ti­fika­tion mit dem Führer, son­dern auf ein­er Ent-Iden­ti­fika­tion […]: sie ste­ht für […] zukün­ftiges Leben.“ Die Manie lässt den Irre­al­is­mus zu, was wiederum dazu führt, dass man “den Bezug zur Real­ität ver­liert”. Das Ich oder die Bürg­erin über­schätzt ihre Macht, was es ihr ermöglicht, sich eine andere Wirk­lichkeit vorzustellen, indem sie dieselbe tobende, pulsierende, man­is­che Energie nutzt, die im Ich den Wun­sch zu leben freisetzt.

Die Frage, was bleibt

But­lers Aufruf zur Gewalt­losigkeit macht nicht nur Sinn, son­dern ist ein wichtiger Schritt zum Fortschritt unser­er Gesellschaften. Eine gle­ich­berechtigte Gesellschaft muss sicher­lich möglich sein. Aber der Weg zu dieser Gesellschaft ist hol­prig, voller Hin­dernisse und ver­langt manch­mal, die eigene Moral aufzugeben. Aber wenn man seine Moral ein­mal ver­loren hat, scheint es schwierig zu sein, sie wiederzuer­lan­gen. Manch­mal ist dieser Schritt unumkehrbar. Deshalb müssen wir von Beginn des Aufruhrs an über­legen, was uns von denen unter­schei­det, die wir zu stürzen oder zu protestieren suchen. Eine solche Unter­schei­dung kann aber nicht nur darin beste­hen, dass unsere Gründe human­is­tis­ch­er sind, oder? Vielle­icht müssen wir auch bess­er sein, darin, wie wir mit den­jeni­gen Mit­men­schen umge­hen, die nicht mit uns übere­in­stim­men. Let­zten Endes leben wir weit­er­hin mit denen um uns herum, und der Wert der Gewalt­losigkeit ist ein guter Aus­gangspunkt für den Auf­bau dieser neuen Gesellschaft, denn wo die Gewalt herrscht, herrscht auch keine Gle­ich­heit, warnt Butler.


But­ler, Judith. The Force of Non­vi­o­lence: An Ethico-Polit­i­cal Bind. Ver­so, 2020.

Ferrars & Fields Magazine 

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