Please Don’t Leave: Verlustangst

Text Cora­line Forbes
Lek­torat Lara Hele­na

Achtung:
Der fol­gende Text behan­delt die Ver­lassens- oder Ver­lus­tangst, welche häu­fig durch emo­tion­al-insta­bile Per­sön­lichkeit­en beson­ders inten­siv erlebt wird und trau­ma­tisierend wirken kann. Falls dieser Text neg­a­tive Erin­nerun­gen in dir aus­löst, set­ze dich bitte umge­hend mit ein­er Per­son oder Insti­tu­tion in Verbindung, die dir unmit­tel­bare Hil­fe leis­ten kann (z. B. Fre­unde, Ver­wandte, Ther­a­peut, Klinik). Mehr Infor­ma­tio­nen über die emo­tion­al-insta­bile Per­sön­lichkeit find­est du hier.

Eine uni­verselle Beschrei­bung der Ver­lus­tangst find­en wir bei Frantz Fanon¹: „Ein­mal, vor langer Zeit, ver­suchte ich eine Beziehung zu einem Objekt herzustellen und ich wurde ver­lassen. (…) Der Ver­las­sungsneu­rotik­er ver­langt nach Beweisen. Er ist nicht mehr länger mit isolierten Aus­sagen zufrieden. Bevor er eine objek­tive Beziehung einge­ht, ver­langt er wieder­holt Beweise von seinem Part­ner. Seine zugrun­deliegende Ein­stel­lung ist ‚nicht zu lieben, um nicht ver­lassen zu wer­den‘. (…) Er will geliebt wer­den, vol­lkom­men, abso­lut und für immer. (…) ‚Man kann diesen inten­siv­en Schmerz, welch­er solche Zustände des Ver­lassen­wer­dens begleit­et, nicht zu stark beto­nen, ein Lei­den, welch­es den ursprünglichen Erfahrun­gen des Aus­geschlossen­wer­dens in der Kind­heit entspringt und welch­es das Indi­vidu­um sie uner­messlich inten­siv wieder­erleben lässt‘.“ Die unmit­tel­bare Not, diesen Schmerz zu ver­mei­den ist es also, woraus sich die Angst vor dem Ver­lassen­wer­den bedingt.


Zöger­lich öffne ich mein­er Angst die Tür. Schnurstracks läuft sie auf meine Küche zu und macht sich einen Tee. Ich beschwere mich nicht mehr. Meine Angst und ich, wir ver­brin­gen ver­dammt viel Zeit miteinan­der. Sie bre­it­et sich gerne aus und nimmt Raum ein, hin­ter­lässt Tee­tassen­fleck­en und kleine Aschehäufchen in den Ecken.

Mein­er Angst ist es egal, dass meine Ner­ven bere­its blankliegen. Sie set­zt sich und schlägt die Beine übere­inan­der und meint: „So. Was hat uns denn dieses Mal wehge­tan?“ Wie ein kleines trau­riges Häu­flein Elend sinke ich in den Stuhl ihr gegenüber, ziehe meine Knie zu mein­er Brust und ver­grabe gestresst mein Gesicht.

„Wenn du mir nicht antwortest, kann ich auch ein­fach was kaputt machen“, fängt sie an zu sticheln und bohrt ihren Zeigefin­ger in meinen Arm.

„Wäre nicht das erste Mal“, grumm­le ich in meine Knie.

Sie lacht und nickt. Einen Moment lang beobachtet sie mich noch, dann legt sie ihren Kopf schief. „Grund­los bin ich nicht hier. Du weißt, dass ich genau­so wenig Lust habe wie du, hier alles dem Erd­bo­den gle­ichzu­machen, nur um mir dann wieder anzuhören, wie du dich beschw­erst, weil du alles wieder­auf­bauen musst. Also was tut dir weh?”

„Alles“, stöhne ich. „Alles tut ver­dammt weh.“

„Sich­er“, sagt sie und zün­det sich eine ihrer dün­nen, lan­gen Zigaret­ten an. „Was ist es heute? Schlaflose Nacht gehabt, weil der Nach­bar es wagte, zu hus­ten? Hat­test du Alp­träume, weil du dich gestern krankmelden musstest? Hat der Zah­narzt zu pro­vokant mit seinen Gerätschaften gefuchtelt? Oder hast du dir mal wieder erfol­gre­ich ein­gere­det, dass dich kein­er mag und du völ­lig alleine bist?“

Ich schaue hoch und kneife meine Augen zusam­men. Sie zuckt nur mit den Schul­tern. „Es ist so viel. Und es wech­selt so schnell hin und her, dass ich die meiste Zeit gar nicht mehr weiß, wieso ich dich besuche.“

Einen Moment lang dis­sozi­iere ich von der Sit­u­a­tion, mein Blick wan­dert weit, weit weg. Ins Nichts, dahin, wo mir kein­er wehtut, wo mir kein­er Fra­gen stellt. Es ist anstren­gend, mit mein­er Angst umge­hen zu müssen. Es kostet mich den let­zten Rest an Energie, den ich so mühevoll zusam­mengeklaubt habe. Über­all um mich herum ver­wirk­lichen Men­schen ihre Träume, erre­ichen ihre Ziele; der­weil bin ich nahezu unabläs­sig damit beschäftigt, meine Angst davon abzuhal­ten, Bomben zu zün­den und meine Welt in einem Flam­men­meer zu erstick­en. Tag um Tag ver­suche ich ein­fach nur, zu überleben.

Ich will auf­ste­hen, ich will gehen. Ein­fach weg von diesem bek­lem­menden Gefühl. Meine Angst ist mir zu inten­siv, sie lässt mir keinen Raum. Als ich auf­se­he, ist sie schon wieder ein paar Zen­time­ter näher gerückt und star­rt mir pro­voka­tiv ins Gesicht. Wie gern würde ich ein­fach auf­sprin­gen und die Woh­nung ver­lassen, meine Angst ver­schwinden sehen, mit jed­er Umdrehung ein biss­chen mehr, und dann ein­fach weit­er­laufen, bis ich frei bin. Und leicht. Vielle­icht kann ich dann auch wagen, zu träu­men. Vielle­icht kann ich dann lieben.

Aber sie streckt ihre lan­gen, kalten Fin­ger nach meinen Hän­den aus, und mit tox­isch-süßem Gift ver­spricht sie, mich nicht gehen zu lassen.

„Was immer es ist, auf mich kannst du dich ver­lassen“, beteuert sie.

Meine Angst ist eine Kämpferin. Jeden­falls sieht sie sich selb­st so. Ihren Tee und ihre Zigarette kon­sum­iert sie wie die let­zte Ration vor der Schlacht. Am linken Bein baumelt ein Mess­er, über der recht­en Schul­ter schwebt der Lauf ein­er Waffe. Ich kön­nte sog­ar schwören, dass sie sich heute furchte­in­flößen­des Make-Up ins Gesicht geschmiert hat.

Genau sagen kann ich das nicht, weil ihr Gesicht für mich nie klar ist, weil ich es nicht greifen kann, sie nicht deut­lich sehen. Ich weiß nicht, wer da vor mir sitzt, weiß nicht wie ihre Augen ausse­hen. Ich weiß bloß, dass sie mich zu beschützen sucht. Und dass sie mich dabei erstickt, und ertränkt, und ver­bren­nt. Meine Angst ist eine Kämpferin, aber eigentlich bekriegt sie immer bloß mich.

„Also?“, fragt sie unge­hal­ten und fängt an, aus Spaß schon mal ein Stre­ich­holz zu entzün­den. Es riecht nach Schwe­fel, und ich huste pointiert, halte einen Moment inne, und seufze dann. Die Flamme des Stre­ich­holzes flack­ert in meinem Atem und ein Funke hüpft munter über meinen Holztisch.

„Ich stecke in diesem Gefühl fest“, sage ich. Und als ich mir das eingeste­he, ver­schwimmt der Anblick mein­er Angst so sehr, dass sie gle­ichzeit­ig alles und nichts zu wer­den scheint. „Ich stecke in diesem Gefühl fest, mit dieser Person…“ 

„Lass mich rat­en: mit Augen, bei deren Anblick dir vor lauter Schmetter­lin­gen schlecht wird, weil sie so schön sind?“

„Ja“, grumm­le ich.

„Aha“, bemerkt sie trock­en, „wie auch bei der let­zten Per­son, die so schön war, dass dir schlecht wurde. Nur, dass dann verse­hentlich unser Garten niederge­bran­nt ist.“

„Richtig“, murre ich.

Sie legt ihren Kopf schief und rückt noch ein Stück näher, dies­mal jedoch, um mich zu trösten. „Magst du mir von dem Gefühl erzählen?“ 

„Weißt du, genau deshalb ist es so schwierig, dich von mein­er Küche fernzuhal­ten“, sage ich.

„Hm?“, fragt sie überrascht.

„Naja“, meine ich, „du hörst mir zu, und nimmst mich wahr. Erst wenn du hier sitzt, kann ich wieder atmen.“

„Oh“, sagt sie und ich kön­nte schwören, dass sie dabei errötet, irgend­wo im Schleier meines zu schnell schla­gen­den Herzen.

„Ja“, sage ich, „aber dann ziehst du halt los, und machst ein­fach Dinge kaputt, und denkst du hil­f­st mir damit.“

„Fühlt es sich nicht gut an, Dinge kaputt zu machen?“

„Ja“, sage ich, „dabei fällt so viel mein­er Panik von mir ab, dass ich erst wieder ruhig werde, wenn ich alleine in den Ruinen sitze, wenn auch du weg bist. Aber wenn du dann weg bist, und ich wieder klar denken kann, dann wün­sche ich mir manch­mal, wir hät­ten die Dinge nicht kaputt gemacht.“

Sie schweigt. Ascht ihre Zigarette auf den Teppich.

„Wie auch immer“, fahre ich fort. „Mein Gefühl. Da ist diese Per­son. Und er ist so schön. Das macht es immer so viel schw­er­er; und ich meine damit nicht seine Augen, son­dern wen ich darin erkenne. Und wenn er bei mir ist und mich berührt, dann liege ich da mit großen Augen und kann mein Glück nicht fassen. Weil, naja, ich glaube nicht, dass ich das ver­di­ene oder dass gute Dinge auf mich warten. Und ich habe so viel Angst vor so vielem, aber in seinen Armen komme ich zur Ruhe, und die schreiende, reißende Welt bleibt draußen. Und mein Gehirn flutet mein Herz mit Sero­tonin, und meine Depres­sion verblasst wie ein Atemhauch auf Aut­ofen­stern im Win­ter. Und meine schreck­liche Angst, nicht schwach sein zu dür­fen, aus Furcht zu fall­en und nie wieder aufzuste­hen, schwindet. Ich füh­le mich endlich sich­er.
„Aber mein Gefühl, mein Gefühl, wenn er geht. Manch­mal kann ich es in Worte fassen, dann kann ich es ratio­nal­isieren, dann kann ich sagen: er kommt wieder. Aber an manchen Tagen, da gräbt sich eine schreck­liche Furcht mit kalten Fin­gern in meine Haut und reißt an meinen Haaren und flüstert mir immer wieder zu, dass es das nun endgültig war. Dass er fort ist, und fort bleibt. Und es ist so schreck­lich, und ich begreife nicht wieso, weil ich doch weiß, dass ich über­lebe, auch wenn er geht. Ich kenne meine Stärke und ich baue mir ein Leben, aber wenn sich diese Furcht in mir bre­it­macht, dann zählt nichts davon. Dann ist es alles eine Lüge.“

„Ich bin also dieses Gefühl“, sagt meine Angst tonlos.

Ich nicke und meine Augen füllen sich mit Tränen.

„Deshalb bin ich so oft hier, und wun­dere mich, weil doch alles so gut für dich zu laufen scheint?“

Ich nicke wieder.

„Oh, Liebes“, sagt sie traurig.

Sie ver­ste­ht. Sie ver­ste­ht, weil sie ich ist und ich bin sie. „Wie kann ich dich beruhi­gen?“, fragt sie. „Was brauchst du, wenn du in diesem Gefühl festsitzt?“ 

„Ich brauche Vergewis­serung“, sage ich, während meine Angst nach­den­klich das näch­ste Stre­ich­holz anzün­det und es auf den Tep­pich gleit­en lässt. Mein Blick fol­gt ihren Hän­den, aber ich bin unfähig, sie aufzuhal­ten. Vielle­icht ist es ja bess­er, dieses Gefühl in mir ein­fach auszubren­nen. Langsam ergreift die lodernde Flamme Fas­er für Fas­er. Eigentlich ziem­lich schön.

„Und gibt er dir diese Vergewisserung?“

Ich schüt­tle mit dem Kopf.

„Und traust du dich danach zu fragen?“

Ich schüt­tle wieder den Kopf.

„Wieso nicht?“

Mit beben­den Lip­pen stoße ich her­vor: „Weil ich doch nicht darf. Weil ich Angst habe, dass ihn das belastet und er mich dann erst recht ver­lässt. Dass ich zu viel bin, zu viel brauche. Ich habe diese Erfahrung so oft gemacht, und gefragt und gehofft. Jemand sagte mal zu mir: ‚Weißt du, du machst es einem nicht ein­fach, dich zu lieben. Eigentlich machst du es einem ganz schön schw­er.’ Ich will nicht, dass es schw­er ist. Ich glaube, ich ver­di­ene keine Liebe. Also mag ich so pflegele­icht wie möglich sein. Aber ohne diese Vergewis­serung, ohne ver­standen zu wer­den, werde ich mich immer verzweifelt in deine Arme stürzen.“ 

„Magst du dich jet­zt in meine Arme stürzen?“, fragt meine Angst.

Ich nicke.

Ihre Umar­mung fühlt sich warm an, ver­traut. Ich kenne das Gefühl ihrer Fin­ger­spitzen auf meinem Rück­en, an meinem Hin­terkopf auswendig, wie sie mir über den Kopf stre­icht. Ich werde sofort ruhig. Meine Angst trägt mich, und ich weiß, ich kann mich immer auf sie verlassen.

Wir sitzen so, minuten‑, stunden‑, tage­lang. Meine Angst trägt mich durch die Tage, durch die Nächte, durch die Stun­den ohne Nachricht­en, wenn mein Tele­fon schweigt, mein Herz schre­it, mein Schädel vor Druck zu platzen dro­ht, wenn mir die Furcht den Atem nimmt; meine Angst hält mich so fest, dass ich glaube, sie hält mich zusam­men. Draußen wird es Tag, es wird Nacht, es wird wieder Tag; das Stre­ich­holz ist mit­tler­weile erloschen.
Plöt­zlich ist da eine Nachricht. Plöt­zlich ist da eine Frage, ein Drän­gen. Natür­lich geh ich nicht. Natür­lich mag ich dich. Entschuldige… ich bin nur vielbeschäftigt.
Aber ich bin schon so tief in mir selb­st ver­sunken, ich bin schon so eins gewor­den mit meinem Felsen in der Bran­dung, im wogen­den Meer ver­sunken, im Vaku­um erstickt. Ich bin schon so weit weg, dass ich nicht mehr zurück­kom­men kann. Nicht zu ihm, nicht zu schö­nen Din­gen. Und sie flüstert mir so süße Dinge ins Ohr, so vielver­sprechend, so sich­er.
„Bist du bere­it?“, fragt sie mich, wenn alles dunkel ist und ich, tief in mir drin, nicht mehr zur Ober­fläche vorstoßen kann. Und ich nicke. Denn sie hat Recht. Ich war von Anfang an bere­it. Er kommt immer, ob früher oder später, der Moment, in dem mir nichts anderes übrig­bleibt als mein­er Angst blind zu folgen.

Sie ist so groß und schön in ihrer Rüs­tung, wie sie ihre Mess­er wet­zt, und ich bin so klein und schut­z­los neben ihr. Mehr und mehr kann ich jet­zt ihr Gesicht erken­nen, weil mein Herz­schlag sich beruhigt, weil wir uns bere­it machen für das große Feuer­w­erk, oder vielle­icht das Zün­den der Bombe—bereit fürs Ende.
Ihre Augen sind ruhig und konzen­tri­ert, tief und ewig wie das Som­mer­meer an seinem tief­sten Punkt. Ihr Gesicht ist durch­zo­gen von Nar­ben, alten und neuen. Sie bemerkt meine Blicke, schaut auf und lächelt. Sie streckt ihre Hand aus und ich ste­he auf und ergreife sie. Sie nimmt ihr Mess­er, und ritzt unseren Ver­lust in meine Wände, gräbt unsere Gefüh­le in die Mauer aus Stein. Hochkonzen­tri­ert bege­ht sie anschließend meine Woh­nung, kippt Ben­zin in all die Eck­en, über die Pflanzen, die ich voller Liebe aufge­zo­gen hat­te, über die Büch­er, in die ich meinen Schmerz ges­per­rt habe, durch die Klei­der, die ich mit ihm getra­gen hatte.

„Okay?”, fragt sie.

„Okay”, sage ich.

Meine Angst zün­det eine Fack­el. Die Woh­nung fasst das Feuer schnell, wie eine Flut ver­schlingt es meine 45 Quadrat­meter, bis alles lodert, alles bren­nt. Sie nimmt meine Hand, und sie lacht, und plöt­zlich wird alles so leicht in mir, als ich alles loslasse, alles was ich füh­le, alles was mich an die Liebe bindet. Das gleißende Licht der Flam­men reflek­tiert in meinen Pupillen. Und als ich mich umdrehe, ist meine Angst endlich verschwunden.

Müde vom tage­lan­gen Schlaf, vom pausen­losen in-den-Schlaf-weinen. Von intru­siv­en Stim­men und Gedankenkarus­sellen, vom Auf und Ab, sitze ich erschöpft in meinem Bett, mit mein­er Decke über den Kopf gezo­gen und meinen Erd­beer­sock­en an den Füßen. Ich nehme mein Handy, und
Ich will dich nicht mehr (Please don’t leave)
ich brenne meine Liebe nieder.


mehr Prosa von Mer­cy gibt es auf www.mercyferrars.de

¹Fanon, Frantz. Black Skin, White Masks. Pen­guin Clas­sics, 2020.

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