Rezension: „Ein wirklich erstaunliches Ding“ von Hank Green

von Sophie Lilian Knote

Viele von euch haben bestimmt schon mal von John Green gehört, dem Autor vieler Jugendromane. Unter anderem schrieb er den Roman Das Schicksal ist ein mieser Verräter, welcher erfolgreich verfilmt wurde.
Nicht ganz so viele wissen, dass auch sein Bruder Hank ein begnadeter Autor ist. 2018 veröffentlichte der seinen ersten Roman Ein wirklich erstaunliches Ding (original: An Absolutely Remarkable Thing), welcher auf Platz eins der New Yorker Bestsellerliste landete. Im Juli 2020 kam Teil zwei in der Originalsprache heraus: A Beautifully Foolish Endeavor. In diesem Artikel beschränke ich mich jedoch zunächst auf sein erstes Werk.

Das Buch sticht mit seinen knalligen Farben und der großen Schrift aus allen Büchern im Regal hervor und ist damit genauso direkt wie der Roman selbst.

Die Hauptperson, April May, spricht mit dir als Leser*in und erzählt dir, was ihr passiert und was sie tut. Sie erzählt von ihren Fehlern und ihren guten Taten, reflektiert charakterstark und eigenwillig und gibt dir das Gefühl, sie würde vor dir stehen und mit dir reden, als wärt ihr gute Freunde.

April hat Massen an Studentenschulden angehäuft, dabei diverse Kunststudiengänge besucht und schließlich in Design ihren Abschluss gemacht. Hier hat sie auch ihre Freundin Maya, bei der sie auch wohnt, und ihren besten Freund Andy kennengelernt. Nun hat sie angefangen bei einem Start-Up zu arbeiten, durch dessen Vertrag sie sich ausgenutzt fühlt. Aber als ersten Job akzeptiert man viel, einerseits für den Wert an Erfahrungen und andererseits, um sich finanziell über Wasser zu halten, oder?

Nachts, auf dem Heimweg von der Arbeit fällt ihr eine Statue auf: drei Meter hoch, komplett aus einem schwarzen Metall. Sie wirkt wie ein riesiger Transformer in einer Samurai-Rüstung. Fast wäre April einfach weitergelaufen, schließlich ist New York voll von exzeptionellen Kunstwerken, doch sie hält sich davon ab, betrachtet die Statue und beschließt, mit Andy ein Video darüber zu drehen. Sie ruft ihn kurzerhand an und wartet an der Statue auf ihn und sein Kamera-Equipment. In dem Video bewundert sie die Statue, die sie Carl nennt, und regt sich darüber auf, dass New Yorker scheinbar zu cool geworden seien, um solch wundersames Werk auch nur zweimal anzugucken – denn andere Passanten gehen einfach weiter.

Schon während der Aufnahme kommentiert Andy als Reaktion auf Aprils Aussage, sie wisse nicht, wie man vor der Kamera stehen solle:

„You have an Instagram.“
„That‘s different.“ I smirked.
„Not really. I can tell you care about what you post on there. You‘re not fooling anyone. You‘re a digital girl, April, in a digital world. We all know how to perform.“
God bless Andy for being blunt. He was right, of course. I tried not to care about social media, and I really did prefer hanging out in art galleries to hanging out on Twitter. But I wasn‘t as disconnected as I made myself out to be. Being annoyed by carefully crafted internet personas was part of my carefully crafted internet persona.

„Du hast einen Instagram Account.“
„Das ist was anderes.“ Ich schmunzle.
„Nicht wirklich. Ich merk doch, dass du dich drum kümmerst, was du da postest. Du täuschst niemanden. Du bist ein digitales Mädchen, April, in einer digitalen Welt. Wir alle wissen, wie man performt/sich darstellt.“
Gott segne Andy für seine direkte Art. Er hat natürlich recht. Ich versuchte mich nicht um Social Media zu kümmern, und ich bevorzugte es tatsächlich, in Kunstgalerien abzuhängen anstatt auf Twitter. Aber ich war nicht so losgelöst, wie ich es vorgab zu sein. Von sorgfältig arrangierten Internet Persönlichkeiten genervt zu sein, war Teil meiner sorgfältig arrangierten Internet-Persönlichkeit.

Ihr Video wird berühmt und es stellt sich heraus, dass Carl tatsächlich nicht nur ein Kunstobjekt ist, sondern gar nicht von der Erde stammt. In allen großen Städten der Welt war einer aufgetaucht. April May als die Moderatorin des Videos wird über Nacht zu einer Berühmtheit und sieht sich ungeahnten neuen Herausforderungen gegenübergestellt.

Im Verlaufe der Geschichte baut April ihre Internet-Identität immer mehr aus.

Diese Internet-Identität und die Darstellung von sozialen Medien in diesem Buch möchte ich hier ins Rampenlicht rücken, da ich die dazugehörigen Überlegungen in unserem heutigen Digital Age äußerst aufschlussreich und hilfreich finde.

Im Verlaufe der Geschichte wird April immer berühmter und sieht sich mit immer neuen Entscheidungen konfrontiert, bei denen sie sich dazu entschließt, ein Teil der Narrative über die Entwicklung mit den Carls zu werden, indem sie ihre Meinung auf ihren Plattformen YouTube, Twitter und bei Talkshows darbietet.

Am Anfang ist sie sich noch unsicher und hinterfragt, warum Menschen ausgerechnet sie nach einer Meinung fragen. Es gefällt ihr, dass sie gefragt wird, jedoch ist sie nicht überzeugt davon, dass sie wichtig sei. Sie gewöhnt sich aber schnell daran und freut sich über ihre eigene Performance, die gut ankommt. Sie erfreut sich auch an den steigenden Followerzahlen auf Twitter:

„I am not going to pretend that this weird new confidence combined with this weird new platform wasn‘t more than a little bit intoxicating and already getting addictive. They tell you that power corrupts … They never tell you how quickly!“

„Ich werde nicht so tun, als würde mich dieses neue Selbstbewusstsein kombiniert mit dieser komischen Plattform nicht berauschen, und mich sogar jetzt schon ein wenig süchtig machen. Man sagt, dass Macht korrupt macht, aber noch nie hat mir jemand gesagt, wie schnell das gehen kann!“.

Dies ist der Zeitpunkt, an welchem sie sich dazu entschließt, noch aktiver zu werden. Doch zunächst überlegen Andy und April sich ein Branding für sie – ein simplifiziertes Alter Ego, mit dem sie sich in die Öffentlichkeit begibt. Nach und nach merkt sie jedoch, wie sie immer mehr zu dieser Scheinperson wird und ihre sonstigen Facetten untergehen. Sie stürzt sich vollkommen in ihre neue Arbeit, in ihr Branding und ihre Internet-Präsenz und zieht sich immer mehr zurück von ihrer Partnerin Maya, von der sie sich schließlich komplett abschottet: aus Angst, dass diese ihr nicht zujubeln, sondern vielmehr eine Stimme der Vernunft sein würde, für welche April nicht empfänglich ist. Schließlich ist sie erleichtert, als sie sich trennen, und widmet sich innerhalb von Augenblicken sofort wieder ihren Followern auf Twitter. Sie weiß im Inneren, wie ungesund ihr Verhalten für sie selbst ist, aber sie schiebt ihre Bedenken genauso weg wie Maya. Auch andere warnen sie:

„You are talking about yourself like you‘re a tool, but you‘re a person too. And an evolving one. This will affect your life forever.“

Du sprichst von dir selbst, als wärst du ein Werkzeug, aber du bist auch eine Person. Eine sich entwickelnde. Dies wird dein Leben für immer beeinflussen.“

Jedoch ignoriert sie diese Warnung komplett.
April entscheidet sich aus dem folgenden Grund dazu, ihren Weg weiter zu gehen:


„We should be the one controlling the story.“ (…)
“April, are you sure this isn‘t a bad idea?”
“No, in fact, I‘m fairly sure that it is. But I have investigated the other possibility, which is leaving this alone and disengage completely, and that doesn‘t sound like fun at all.”

„Wir sollten diejenigen sein, die diese Geschichte kontrollieren.“ (…)
„April, bist du dir sicher, dass dies eine gute Idee ist?“
„Nein. Um genau zu sein, bin ich mir ziemlich sicher, dass es keine gute Idee ist. Aber ich habe mir die Alternative vorgestellt, welche wäre, das hier alles fallen zu lassen und mich komplett loszulösen, und die sieht ziemlich langweilig, und gar nicht nach Spaß aus.“

Gerade jetzt, wo das digitale Leben immer mehr unserer Zeit und somit auch unserer Identität in Anspruch nimmt, sei dies im Beruf, Studium oder in der Ausbildung, ist Ein wirklich erstaunliches Ding ein inspirierendes Werk. Neben der hier beleuchteten Online-Präsenz behandelt es auch Themen wie Freundschaft, Liebe, Wissenschaft und Entscheidungsprozesse mit einer Leichtigkeit, die es einem ermöglicht, diese ernsten Themen mit Humor zu nehmen. Gleichzeitig schafft dieses Werk ein kritisches Bewusstsein für all die resultierenden Probleme. Zusammen mit einer Prise Action und Science-Fiction wird daraus ein Bestseller, der seine Leser*innen nicht mehr loslässt.



Green, Hank: An Absolutely Remarkable Thing, Penguin Random House, 2018.

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