3 dystopische (Sci-Fi-)Serien für die tägliche Realitätsflucht im Lockdown

von Mercy Ferrars

The Handmaid’s Tale

TW: Gewalt gegen Frauen, Sexuelle Gewalt

Feminismus, Politische Dystopie

Vor einigen Jahren stand The Handmaid’s Tale (Der Report der Magd) von Margaret Atwood auf meiner Semester-Literaturliste. Ich habe das Buch innerhalb von zwei Tagen verschlungen – und sogar beim Kochen meine Nase nicht aus Atwoods Dystopie bekommen. Seit 2017 wird The Handmaid’s Tale vom US-Streamingdienst Hulu verfilmt und stellt eine der stärksten sowie bedrückendsten Produktionen der letzten Jahre dar – sowohl in kinematografischer als auch in narrativer Hinsicht. Im US-Amerika der nicht allzu weit entfernten Zukunft erzählt The Handmaid’s Tale von einer christlich-fundamentalistischen Religionsdiktatur, in der neu gegründeten „Republik von Gilead”. Eine durch unter anderem Naturkatastrophen und Umweltzerstörung fortschreitende Unfruchtbarkeit der ehemaligen USA bietet Grundlage und Rechtfertigung des gilead’schen Fanatismus. Unter Gilead bilden sich neue sozialen Klassen, welche Frauen durch Polizeigewalt, Brainwashing, Verstümmelung und Folter brutal unterwerfen. Frauen jeglicher Klasse wird fortan das Recht auf Autonomie abgesprochen. Nach dem Sturz des US-Senats werden die Bankkonten von Frauen auf ihre Ehemänner überführt, sie werden aus der Lohnarbeit und der Bildung ausgeschlossen und durch sogenannte „Tanten” anschließend zu Dienstmägden versklavt. Die fruchtbaren Frauen sind fortan dafür verantwortlich, Kinder für ihre Kommandanten und deren „Wives” zu gebären, indem sie sich einmal monatlich einer rituellen Vergewaltigung unterziehen müssen. In Gilead sind die Mägde keine Menschen mehr, sondern das Eigentum der herrschenden Kommandanten. Ihre Namen, verloren an die Vergangenheit, sind fortan „of” („des”) ihres Besitzers. Natürlich ist Gileads Klassensystem komplizierter, so gibt es auch noch die Marthas, die sich um Haus und Küche kümmern, die Kolonien am Rande Gileads für Unzüchtige, und letztlich natürlich auch noch die Eliteklasse der Wives, deren Status sich nur unwesentlich von dem anderer Frauen abhebt. Erzählt wird über das Leben unter Gilead aus der Perspektive von June Osborne. Durch ihre Augen erleben wir auch Rückblenden ihres Lebens. 

The Handmaid’s Tale fühlt(e) sich für mich immer ein klein bisschen zu nah an der Realität an, als sei diese Wirklichkeit selbst in 2021 nur eine leise Ahnung von meiner eigenen Realität entfernt. Viele der leisen Kämpfe, die Frauen* noch immer führen, bekommen durch The Handmaid’s Tale mehr Sichtbarkeit und damit auch eine neue Dringlichkeit.

Raised by Wolves

Künstliche Intelligenz, postapokalyptische Religionskritik 

Raised by Wolves ist eine Science Fiction Dramaserie aus dem Jahr 2020, die unter anderem von Ridley Scott, bekannt durch Filme wie “Alien” und “Gladiator”,  produziert wurde. Im Mittelpunkt stehen zwei Androide, Mutter und Vater, deren Aufgabe es ist, den Planeten Kepler-22b mit Menschen zu besiedeln, nachdem die Erde durch einen Religionskrieg zerstört wurde. Mutter und Vater sind Technokraten und determiniert, ihre Kinder zu Atheisten zu erziehen und eine neue atheistische Zivilisation zu erschaffen. Als nach einigen Jahren jedoch alle Kinder bis auf eines verstorben sind, entführt Mutter nach einem Blutbad eine Reihe von Kindern, die Teil einer kleinen Spacekolonie der sogenannten Mithräer waren. Alsbald merkt die kleine „Familie”, dass sie auf Kepler-22b nicht alleine sind und einige überlebende Mithräer sich auf die Suche nach ihren Kindern machen. 

Scotts neustes Werk besitzt jede Menge Potenzial. Eine imposante Produktionsqualität, wunderschöne postapokalyptische Bilder, in typisch dystopischen Farben gehalten, sprechen Auge und Geist zweifelsohne an. Die Pilotfolge sowie die erste Hälfte der ersten Staffel wirft die typischen Fragen auf, mit der sich Science-Fiction-Erzählungen rund um künstliche Intelligenz schon lange beschäftigt und bietet dort zwar keine radikal neuen Konzepte, aber durchaus solide Fragen. Das Problem einer „(selbst-)bewussten” künstlichen Intelligenz teilt sich den Raum mit einer Religionskritik, aus welcher jedoch nicht ganz hervorgeht, mit welcher Seite sich die Autor*innen der Serie nun konkret solidarisieren. Aber vielleicht geht es nicht um irgendein dogmatisches atheistisches Plädoyer, sondern vielmehr darum, die Frage überhaupt in den Raum zu werfen. In der zweiten Hälfte der ersten Staffel verirrt sich Raised by Wolves ein wenig und verliert den roten Faden. Doch wo die narrative Qualität leidet, wiegen sich Bildgewaltigkeit und die überzeugende Arbeit der Cast wieder auf. Für Fans großer Bilder und von Science Fiction der künstlichen Intelligenz lohnt sich diese Serie auf alle Fälle. Antworten darf man hingegen – zumindest in der ersten Staffel – nicht erwarten. Raised by Wolves wurde für eine zweite Staffel verlängert.

Electric Dreams

Allgemeine Science Fiction 

Wenn Black Mirror dein Herz höher schlagen ließ, dann ist Electric Dreams genau die richtige Serie für dich. Auch Electric Dreams ist eine dystopische Sci-Fi Anthologieserie aus Großbritannien, die auf den Kurzerzählungen von Philip K. Dick aus den 1950er Jahren basiert. Jede Folge ist eine in sich abgeschlossene Geschichte und erzählt von technologischen Wundern und Flüchen sowie Zukunftsgesellschaften. Die Themen und die Atmosphäre in Electric Dreams unterscheiden sich von Folge zu Folge, was nicht zuletzt daran liegt, dass jede Folge von anderen Autor*innen geschrieben und von anderen Produzent*innen produziert wurde. Das Schöne daran ist, dass man beim Anspielen jeder neuen Folge nicht weiß, was einen erwartet. Und auch wenn viele der Themen im Laufe der Zeit schon unzählige Male in der Science Fiction behandelt wurden, schafft es Electric Dreams doch, dem Ganzen einen neuen Spin zu geben. Eines der wenigen Konzepte, welches sich vielleicht durch die meisten Folgen zu ziehen schafft, ist das Vermischen von Realität und Wirklichkeit. Allzu oft begleiten wir Figuren in ihrer Lebenswelt, ohne zu wissen, ob sie gerade träumen oder ob die Dinge wirklich geschehen, die ihnen widerfahren – und der “Moment mal!”-Augenblick kommt in Electric Dreams definitiv nicht zu kurz. Ich mochte die Folgen sehr und kann dir aus dieser Auswahl “feiner Pralinen” vor allem Kill All Others, Autofac, The Commuter und Real Life empfehlen. Während sich die ersten beiden Folgen eher mit Sozialdystopien beschäftigen und der Frage nachgehen, wie Menschen von Politik und Kapitalismus beeinflusst und gebrainwashed werden, behandeln die letzten beiden Folgen die Frage danach, was Realität eigentlich ist und widmen sich der uralten Frage, was denn nun besser ist – Wirklichkeit oder Simulation? 

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6 Kommentare
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Wortman
8 Monate zuvor

Raised by Wolves war schon cool. Freu mich auf eine zweite Staffel.
Black Mirror hatte einige wirklich gute Folgen. Electric Dreams liegt noch in meiner Watchlist.
Kennst du Love, Death & Robots? Die Antho – Serie war auch cool.

Im Bereich Grusel/Horror gibt es bei Prime/Netflix auch einige interessante Anthologie – Serien.

Wortman
7 Monate zuvor
Reply to  ferrarsfields

Electric Dreams klebt noch in der Watchlist.
Hatte erstmal drei Staffeln „Tin Star“ gesuchtet.

Wortman
7 Monate zuvor
Reply to  ferrarsfields

Da bin ich irgendwo in der 1. Staffel hängen geblieben.

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[…] vierte Staffel von The Handmaid’s Tale wurde am 28. April auf Hulu ausgestrahlt. Ich habe sie sofort verschlungen, als ob ich mir nicht […]