Ausstellungsbericht: Eröffnung des Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung

von Martin Bäckert

Am 23.06.2021 wurde in Berlin das „Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ eröffnet. In der Nähe des Anhalter Bahnhofs gelegen (Stresemannstraße 90, 10963 Berlin), sollen hier Flucht und Migrationsgeschichten des 20. Jahrhunderts und ihr Bezug zur Gegenwart neu erzählt werden. FFMag war vor Ort und berichtet von den ersten Eindrücken der Ausstellung.    

Vorgeschichte und Eröffnung

Um das nahe des Anhalter Bahnhofs gelegene Dokumentationszentrum  gab es bereits vor Eröffnung einen kritischen Diskurs. Im Zentrum der Kritik stand dabei, dass innerhalb der Ausstellung auch der deutschen Fluchtgeschichte eine große Rolle zukommen sollte. Eine ausdifferenziertere europäische oder gar internationale Perspektive käme dabei zu kurz. Ein zentraler Kritiker ist unter anderem der Jurist Kamil Majchrzak, der sich in Berlin für eine Erinnerungskultur polnischer Flucht- und Vertreibungsgeschichten stark macht. Auf das Dokumentationszentrum angesprochen, meint Majchrzak:

„Man merkt, wie Vertreibung nach wie vor reserviert ist für eine Erzählung von Deutschen für Deutsche über Deutsche.” (zit. aus Deutschlandfunk)

Doch auch wenn eine Realisierung des Dokumentationszentrums lange Zeit in der Schwebe stand, kam es nach langer Diskussionsphase schließlich am 23.06. zur Eröffnung. Das Eröffnungspublikum, welches mit Persönlichkeiten wie Angela Merkel gespickt war, untermalt die hohe öffentliche Bedeutung, die dem Dokumentationszentrum zugetragen wird. 

Wendeltreppe in das zweite Obergeschoss.
© Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Foto: Markus Gröteke

Besuchserfahrung

Die Ausstellung ist  kostenfrei und kann zwischen Dienstag und Sonntag von 10:00 bis 19:00 auf zwei Etagen besucht werden. Auf den ersten Blick macht das Zentrum einen einladenden und modernen Eindruck. Auf der ersten Etage finden sich interaktive Schaukästen, Überblicksdarstellungen mit Videos und Karten sowie Videotafeln auf denen Menschen eindrücklich von ihren Fluchterfahrungen erzählen. Der inhaltliche Fokus der ersten Etage besteht dabei aus einer Mischung von allgemeinen Informationen zur Geschichte und Gegenwart von Flucht und Vertreibung sowie aus konkreten Fallbeispielen, welche vor allem aus dem osteuropäischen Kontext stammen. Dabei ist gerade mit der Betrachtung der allgemeinen Umstände, welche Flucht und Vertreibung begleiten und ausmachen, der Ausstellung ein guter Überblick und Einstieg in das Thema gelungen. So werden allgemeine Kategorien und Verhältnisse wie „Krieg und Medien” oder „Recht und Verantwortung” ausführlich und anschaulich behandelt. Gerade zur rechtlichen Perspektive von Flucht und Vertreibung finden sich in der ersten Etage einige spannende Ausstellungsstücke – wie beispielsweise eine historische Chronologie der Menschenrechte oder ein Überblick über das deutsche Asylverfahren. 

Mit der zuvor erwähnten Kritik am deutschen Fokus des Zentrums kommen wir jedoch mit der zweiten Etage zum etwas schwächeren Ausstellungsteil. Dabei wirken nicht nur die Ausstellungsobjekte an sich, sondern auch deren Inhalt etwas überholt. In der oberen Etage rückt, anders als in der ersten Etage, ausschließlich die deutsche Flucht und Vertreibungsgeschichte in den Mittelpunkt. Genau hier setzt die kritische Öffentlichkeit an, wenn sie von einem Mangel an internationalen, interkulturellen Perspektiven spricht. Auch wenn in dieser Etage ein paar deutsche Fluchtmythen, wie beispielsweise das Bild der „deutschen Flucht“ über die zugefrorene Ostsee, kritisch dekonstruiert werden, wurde hier Potenzial für eine umfassendere Auseinandersetzung verspielt. Eventuell kann hier durch eine Abänderung der Dauerausstellung und der Etablierung von Sonderausstellungen zukünftig mehr Raum für andere Perspektiven eingeräumt werden.

Zusammenfassend ist das Dokumentationszentrum dennoch einen Besuch wert, um sich einen ersten Überblick über Flucht- und Vertreibungsgeschichten des 20. Jahrhunderts zu verschaffen. Für eine umfassendere, interkulturelle Perspektive sollte die Ausstellung jedoch kritisch hinterfragt werden. Gerade der Fokus auf vor allem europäische Fluchtgeschichten steht in starker Diskrepanz zur globalen Tragweite von Flucht- und Vertreibungsgeschichten. Sowohl das Dokumentationszentrum als auch seine Besucher:innen sind daher angeraten, sich über den europäischen Kontext hinaus mit dem Thema zu beschäftigen. 

Weiterführende Links:

https://www.flucht-vertreibung-versoehnung.de/de/home

https://www.deutschlandfunk.de/dokumentationszentrum-flucht-vertreibung-versoehnung-aerger.691.de.html?dram:article_id=499403

https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/dokumentationszentrum-1934080

Bildquelle Titelbild: © Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Foto: Markus Gröteke

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