The Handmaid’s Tale (4): Slaughter the Beast

von Mer­cy Ferrars

[Achtung: Spoil­er für Staffel 4]

Die vierte Staffel von The Handmaid’s Tale wurde am 28. April auf Hulu aus­ges­trahlt. Ich habe sie sofort ver­schlun­gen, als ob ich mir nicht erst vor ein paar Monat­en die ersten drei Staffeln wie im Rausch ein­ver­leibt hätte. Dieser Hunger stammt wahrschein­lich aus den frühen 2010er Jahren, als mir ein Pro­fes­sor das Buch in die Hand drück­te und ich es inner­halb von zwei Tagen las, manch­mal sog­ar beim Kochen. Staffel 4 hat es nicht ver­säumt, alles zu bieten, was ich für den Fort­gang von Junes Geschichte brauchte. 

Nach­dem man die Pro­tag­o­nistin June (Elis­a­beth Moss) drei Staffeln lang durch repro­duk­tive Sklaverei und sex­uelle Gewalt, einen vom Regime in Gilead geführten Krieg gegen Frauen und eine ermü­dende Rebel­lion gegen diese aufgezwun­gene hyper-patri­ar­chale Nation begleit­et hat, scheinen ihre uner­bit­tlichen Bemühun­gen Früchte zu tra­gen, als es ihr gelingt, zusam­men mit ihrer Fre­undin Janine (Made­line Brew­er) nach Chica­go zu fliehen. Janine wird bedauer­licher­weise bei einem Bombe­nan­schlag nach einem vor­getäuscht­en Waf­fen­still­stand wieder gefan­gen genom­men. June hinge­gen wird von kein­er Gerin­geren als ihrer Fre­undin Moira (Sami­ra Wiley) gerettet, die in den Anfän­gen kurzzeit­ig auch eine Hand­maid war. Endlich atmen wir auf, als wir June in Sicher­heit wiegen. Allerd­ings pla­gen sie Schuldge­füh­le, denn ihre Tochter Han­nah bleibt in Gilead zurück und dro­ht mit jedem Tag mehr von den Prinzip­i­en Gileads indok­triniert zu werden. 

In jedem Fall kann nie­mand abschätzen, was — und wer — June in Kana­da erwartet. Ihr Leben ist nicht mehr so, wie es ein­mal war. Die June vor Gilead scheint für immer ver­schwun­den. In einem Moment der Zeit eingeschlossen ging ihre Unschuld in den ersten Umwälzun­gen inner­halb der dama­li­gen amerikanis­chen Gesellschaft ver­loren. Sie hat Äng­ste und Zweifel, ob ihr Ehe­mann Luke (O.T. Fag­ben­le) sie nach ihrem ver­meintlichen Ver­sagen, ihre Tochter Han­nah zu ret­ten, über­haupt noch willkom­men heißen würde. Jet­zt, wo June endlich frei von der Gewalt in Gilead zu sein scheint, führt ihre Wut dazu, dass sie für die recht­mäßige Strafver­fol­gung von Fred (Joseph Fiennes) und Ser­e­na Water­ford (Yvonne Stra­hows­ki) kämpft, die fast eine ganze Staffel zuvor von den kanadis­chen Behör­den fest­ge­hal­ten und ver­haftet wurden. 

Dank Junes Mär­tyr­ertum und den vie­len per­sön­lichen Opfern, die sie im Namen der Rebel­lion gegen Gilead gebracht hat, warten in Kana­da viele ehe­ma­lige ver­bün­dete Hand­maids auf sie, zusam­men mit Luke und Junes zweit­er Tochter Nicole, die sie aus Gilead zurück­holen konnte.

Ent­ge­gen Junes Befürch­tun­gen ist Luke erle­ichtert, dass June es in die Frei­heit geschafft hat, und macht es sich for­t­an mit ihr gemein­sam zur Leben­sauf­gabe, Han­nah zurück­zu­holen. Ich bin mir sich­er, dass ein Teil von Luke an den Tagen vor Gilead fest­ge­hal­ten hat, und es mag schw­er sein, zu akzep­tieren, dass die Per­son, die er einst kan­nte, nicht mehr existiert. Es fällt ihm auch schw­er, eine Beziehung zu der radikalisierten June aufzubauen, die natür­lich ihre Bewäl­ti­gungsstrate­gien und ihr Trau­ma nicht so leicht loslassen kann. Ihr gemein­sames Leben in einem kleinen Haus in Kana­da ist von Momenten pein­lichen Schweigens, fehlen­der Worte und Rat­losigkeit geprägt. Luke erken­nt aus erster Hand, wie sehr June durch Gilead verän­dert wurde, als June eines Nachts Luke aus­nutzt, um sex­uelle Macht über ihn auszuüben, wobei sie seine Hände fes­thält und seinen Mund bedeckt, als er sie anfle­ht, aufzuhören. 

Vor Gericht

June gibt ihren Bericht über ihre Zeit in Gilead vor Gericht ab, um den Fall gegen die Water­fords vorzubrin­gen, und gegen ihren Willen taucht Luke auf, um sich ihre Aus­sage anzuhören. Bis zu diesem Zeit­punkt hat­te er wahrschein­lich wenig Ahnung von Junes Real­ität während ihrer Hand­maid-Jahre, obwohl er mit ihrer besten Fre­undin Moira zusam­men­lebt, die auch ein­mal eine Hand­maid war. Er begin­nt zu begreifen, dass die Frau, in die er sich einst ver­liebt hat­te, nicht mehr existiert. Und es ist nicht nur fraglich, ob er jet­zt stark genug sein wird, sie zu lieben, son­dern auch, ob June in der Lage ist, weit­er­hin mit Luke zusam­men zu sein, da er Teil ein­er Welt ist, die sie nicht mehr ken­nt. Nicht zu vergessen Junes beson­dere Beziehung zu Nick (Max Minghel­la), die die Dinge weit­er verkompliziert. 

Junes Aus­sage vor Gericht ist beein­druck­end, und doch geschieht das Unvorstell­bare: Die Water­fords bauen eine kanadis­che Fange­meinde auf, aus Grün­den, die nie­man­dem ein­leucht­en, ja nicht ein­mal ihnen selb­st. Zu sehen, wie eine Fan­gruppe wächst, für Ver­brech­er gegen die Men­schen­würde, die so unein­sichtig sind wie die Water­fords, ist schmerzhaft für die Über­leben­den von Gilead und löst zu Recht Wut unter Junes Gruppe von Ex-Hand­maids aus. 

Junes Erbit­terung kocht hoch, als der ihr zugewiesene Beamte der US-Regierung im Exil, Mark Tuel­lo (Sam Jaeger), June darüber informiert, dass die Anklage gegen Fred Water­ford fall­en gelassen wurde, nach­dem er zuges­timmt hat­te, Infor­ma­tio­nen über die Macht- und Organ­i­sa­tion­sstruk­turen von Gilead und dessen große Namen zu veröf­fentlichen. June geht auf Mark los und dro­ht, ihn und Fred zu töten. Die schiere Gewalt dieser Entschei­dung bricht sie, nur um sie noch entschlossen­er zu machen, selb­st Gerechtigkeit zu üben.

Trau­ma und Wut

Bemerkenswert ist, dass die Men­schen um June herum an ihrer Stelle ver­suchen, ihre Wut in Schach zu hal­ten. June sieht jedoch keinen Grund, Ruhe zu bewahren. Schließlich lassen sich die Ver­brechen, die das Regime in Gilead an Frauen began­gen hat, mit kaum einem Mit­tel  kom­pen­sieren, zualler­let­zt mit einem Kom­pro­miss, der einem von Gileads zen­tralen Bösewichte die Frei­heit lässt. 

June ist nicht allein mit ihren Gefühlen. Oft wer­den Trau­ma-Über­lebende mit ein­er rasenden, bren­nen­den Wut kon­fron­tiert, die sich nicht immer leicht in etwas Kon­struk­tives umlenken lässt. Wenn man einem Trau­ma frontal gegenüber­ste­ht, entwick­elt sich Wut als eine strate­gis­che kör­per­liche Reak­tion des Über­lebens. Diese Wut kann nach ein­er trau­ma­tis­chen Sit­u­a­tion als kör­pereigen­er Stan­dard beste­hen bleiben, was bedeutet, dass manche Men­schen, die an PTSD lei­den, in ein­er ständig aktiv­en Stress­reak­tion leben. Symp­tome wie inten­sive Wut oder Reizbarkeit wer­den auch als “Hyper­arousal-Symp­tome” beze­ich­net. Wenn Kör­p­er und Geist in Flucht oder Kampf fest­steck­en, mag es unmöglich erscheinen, zur eige­nen Ruhe zurückzukehren. 

Allerd­ings kann die Wut nach einem trau­ma­tis­chen Erleb­nis zu Recht beste­hen bleiben — so man­i­festiert sie in Junes Falle die Ver­let­zun­gen, die sie gegen ihre Men­schlichkeit erlit­ten hat. In den Worten der Psy­cholo­gin Hei­di Han­son ist Wut “ein Zugang zu der eingeschlosse­nen Leben­skraft, der eige­nen Stimme und zu ver­lore­nen Aspek­ten des Selb­st. Sie kann der Weg zur Rück­gewin­nung der Seele sein, die Wieder­her­stel­lung der Erin­nerun­gen an die eigene wahre Natur oder die Wieder­her­stel­lung der natür­lichen, ange­bore­nen Sein­sweisen, von denen man abgeschnit­ten wurde.” 

June hat es ger­ade erst aus Gilead her­aus geschafft, ihre Tochter Han­nah steckt noch immer in jen­em Sys­tem fest, und sie wird von ihrer Wut angetrieben. Anders als viele ihrer Gefährtin­nen, die davon überzeugt sind, dass es nie zu früh ist, ihre Wut zu bewälti­gen und auf ihren eige­nen Frieden hinzuar­beit­en, ist June Feuer und Flamme. Und das zu Recht, möchte ich hinzufü­gen. Es ist erfrischend zu sehen, dass es dieser Fig­ur erlaubt ist, ihre Wut zu fühlen, zu leben und auszu­drück­en, auch wenn sie gele­gentlich ihre Umge­bung auf unglück­liche Weise beeinflusst. 

Für June gibt es nur eine Bedin­gung, um abschließen zu kön­nen, näm­lich Fred Water­ford tot und begraben zu sehen. June stat­tet Tuel­lo einen Besuch ab und arrang­iert ein per­sön­lich­es Tre­f­fen mit Com­man­der Lawrence (Bradley Whit­ford) in einem ver­lasse­nen Din­er gle­ich hin­ter der Gren­ze in Gilead. Lawrence bietet schließlich eine große Gruppe von gefan­genen Marthas, die für den Wider­stand gear­beit­et haben, im Aus­tausch gegen Fred Water­ford an.

“Ich bin ein Mann und ich habe Rechte!”

Als Fred Water­ford nach Genf auf­bricht, wird er von Tuel­lo und seinen Män­nern aufge­grif­f­en und in Hand­schellen auf den Rück­sitz eines Trans­porters gelegt. “Ich habe Rechte! Ich bin ein Mann und ich habe Rechte”, bet­telt Fred ungläu­big. Ein Schauer läuft mir über den Rück­en, und selb­st die Dra­maturgie der Episode braucht einen Moment, um diesen Worten Nach­druck zu ver­lei­hen. “Ich bin ein Mann und ich habe Rechte” fasst so ziem­lich das Welt­bild von Gilead zusammen.

An der Gren­ze wird Fred an Nick und damit an Gilead übergeben. Sein Zorn und seine Empörung bren­nen in ihm, als Marthas und Hand­maids, die zur Rebel­lion gehören, an ihm vor­bei zur kanadis­chen Gren­ze in die Frei­heit laufen. Fred erwartet, obwohl er ein­er der ranghöch­sten Kom­man­dan­ten von Gilead ist, eine grausame Gerichtsver­hand­lung wegen Ver­rats, und das weiß er genau. Was er jedoch nicht weiß, ist, dass es für ihn keinen Prozess geben wird. Stattdessen führt Nick ihn hin­aus ins “Nie­mand­s­land”, in den Wald, wo June auf ihn wartet. Er über­lässt Fred ihr, und sie stellt ihn vor die Wahl: Fliehen oder erschossen wer­den. Sie bläst eine Trillerpfeife, und ehe­ma­lige Hand­maids umrin­gen ihn von allen Seit­en. Fred ver­sucht, vor ihnen zu fliehen, aber die Hand­maids jagen ihn, und als June in seinen Hals beißt und ihm förm­lich das Leben aus­reißt, prügeln die Hand­maids ihn vol­lends zu Tode. 

“Das ist wirk­lich der sprin­gende Punkt bei diesem Angriff auf Fred”, erin­nert sich Schaus­piel­er Joseph Fiennes. “Es geht weniger darum, ihm den Sauer­stoff zu entziehen. Es geht mehr um die Angst, die er auf dem Weg zu seinen let­zten Momenten durch­lebt. [Es geht] darum, jeman­dem die Jahre des Schmerzes und des Hor­rors zuzu­muten, die sie durchgemacht haben. Selb­st wenn das bedeutet, dass er mit ein­er Hal­skrause und gefes­selt im Trans­porter trans­portiert wird und nicht weiß, wo er hinge­ht, und in den Wäldern und die Pis­tole und die Pfeife — all dieses makabre The­ater dient in viel­er­lei Hin­sicht dazu, dass er sich so fühlt, wie es war, als [June] das erste Mal in Gilead lan­dete. […] Da ist diese Szene, in der sie bei Jezebels sind und dieser fiese, lüsterne Charak­ter, der Fred ist, die Art, wie er sie stre­ichelt und berührt und in ihren Hals und ihr Ohr beißt und wie das ihre Haut zum Kribbeln bringt. Ich fand es ein­fach wun­der­bar, das im Vorder­grund zu haben, um an diesen Charak­ter erin­nert zu wer­den. So ver­lieren wir den Schreck­en dieses Raubtiers nicht aus den Augen. Ich liebe den Monolog, den sie hält: ‘Nicht beißen. Nicht beißen.’ Sie schnappt zurück und alles spielt auf diesen Moment zurück.”

Nach­dem sie Fred getötet und an ein­er Wand im Nie­mand­s­land aufge­hängt hat, kehrt June in ihr Haus zurück, um sich von ihrer Tochter Nicole zu ver­ab­schieden. Ein verängstigter Luke star­rt sie an, während sie dreck­ig und blutüber­strömt nach Nicole schaut, und in diesem Moment ist es offen­sichtlich, dass das Leben für Luke und June nicht so weit­erge­hen kann wie bisher. 

Nach so viel Hin und Her, ver­lore­nen Hoff­nun­gen und erschöpften Träu­men hat The Handmaid’s Tale in Staffel vier das Tem­po ange­zo­gen und endlich die Macht­dy­namik gekippt, zumin­d­est für einen kleinen Moment — aber einen, der laut und kraftvoll genug war, um June und einem jeden von uns den Abschluss zu geben, den wir brauchten. 

Quellen:

“The Handmaid’s Tale.” Sea­son 4, Hulu, 28 Apr. 2021.
https://www.verywellmind.com/hyperarousal-2797362
https://www.new-synapse.com/aps/wordpress/?page_id=2
https://www.yahoo.com/entertainment/handmaid-tale-joseph-fiennes-fred-180000508.html

Bild­nach­weis: Pexels.com

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