Ist das noch gut oder kann das weg?

text Ben­jamin Bau­mann
lek­torat Daniela Mertens

Jed­er spricht von ihr. Jed­er beschwört sie. Sie scheint omnipräsentes Maß für Han­deln und Denken in der Gegen­wart. Schüler*innen protestieren, um ihre Qual­ität zu sich­ern, mögliche Regierun­gen reden von Koali­tio­nen, die sie in den Mit­telpunkt rück­en. Aber wer ist sie?

Schreck­ge­spenst, Dystopie, Ver­heißung. Zukun­ft hat so viele Gesichter, wie es Men­schen gibt. Die Vorstel­lun­gen von ihr zeu­gen von Erfahrun­gen aus der Ver­gan­gen­heit, kollek­tiv wie sub­jek­tiv. Die Zukun­ft Afghanistans ist eine andere als die Zukun­ft unser­er Kinder oder die Zukun­ft Armin Laschets.

Doch es lässt sich auch Verbindlich­es find­en im Archiv dessen, woran europäis­che Men­schen denken, wenn von Zukun­ft die Rede ist. Das prä­gende epochen­typ­is­che Merk­mal unser­er Assozi­a­tio­nen leit­et sich vom Indus­triezeital­ter seit Mitte des neun­zehn­ten Jahrhun­derts ab: dem Gold-Rausch, dem Öl-Rausch, der Pri­vatisierung der Elek­triz­ität und Mobil­ität. Zukun­ft wurde seit­dem bewor­ben als Pro­dukt, als Erle­ichterung des All­t­ags, als zunehmender Wohlstand.

Die sich aus­bre­i­t­ende Wer­bung in den neuen Massen­me­di­en Radio und Fernse­hen etablierte die Wette auf eine glänzende Zukun­ft als dop­pelte ethis­che Prämisse in Rich­tung ihrer Kunden:

1) Gut ist, was dir gehört. 2) Gut ist, was dafür sorgt, dass dir in möglichst kurz­er Zeit möglichst viel mehr gehört.

Das zugrun­deliegende Argu­ment ist so stich­haltig wie sim­pel: Was dir gehört, darauf kannst du jed­erzeit zugreifen. Das erle­ichtert dein Leben.

Man ken­nt den daraus entwick­el­ten Kollek­tiv-Glauben ans Gute nahen­der Zukun­ft unter dem Begriff Wach­s­tum. Die Wirtschaft­sethik stellt den religiösen Advent in ihren Schat­ten, indem sie eine ganzjährige Ankun­ft des besseren Lebens ver­spricht. Keine Neben­sache für eine Zivil­i­sa­tion, die ihren wesentlichen Kern ein­er Buchre­li­gion ver­dankt. Das Prob­lem: Wach­s­tum muss erar­beit­et wer­den. Der arbeit­s­the­o­retis­che Satz der Epoche lautet entsprechend: Zeit ist Geld.

Das Zeital­ter der Beschle­u­ni­gung ökonomis­chen Denkens und Han­delns ist noch nicht vor­bei. Wir leben in ihm und gaben ihm den großen Namen Kap­i­tal­is­mus. Aber es bedeutet den Beginn ein­er his­torischen Zäsur, dass seine Sys­tem­logiken mehr denn je in Frage gestellt werden.

Die Formel Zeit ist Geld ist Wach­s­tum wird vor allem durch ihre zunehmenden Neben­wirkun­gen frag­il. Die neu ent­deck­ten Maßein­heit­en für Wach­s­tum laut­en psy­chis­che Gesund­heit, Ressourcenscho­nung, Qual­i­ty-Time. Neue Gle­ichun­gen laut­en: Bedin­gungslos­es Grun­deinkom­men, 20-Stun­den-Woche und materieller Min­i­mal­is­mus. Scho­nung der Um- und Mitwelt wird zum Par­a­dig­ma, Post­wach­s­tum­sökonomie zum Studienfach.

Die neuen plu­ralen Fortschrittsideen konkur­ri­eren mit der einen alten. Ein Sieger kann vor­erst nicht gekürt wer­den. Wir erleben ein Rin­gen um Co2-Reduzierung, Energiewende und Verkehrsvi­sio­nen. Es gibt im Wesentlichen zwei Seit­en des jun­gen Kon­flik­tes: die tech­nol­o­gis­che und die lebensweltliche.

Wir kön­nen die Prob­leme, die unser Ver­ständ­nis von Wach­s­tum verur­sachte, mit unserem Ver­ständ­nis von Wach­s­tum lösen, wenn das bedeutet: neue Tech­nolo­gien, neue Absatzmärk­te, neue Gewinne durch grüne Energie, durch syn­thetis­che Schnitzel, durch E‑Mobilität.

Wir dür­fen bei den Utopi­en, die sich mit diesen tech­nol­o­gis­chen Ver­heißun­gen verbinden, aber die zweite Seite der Inno­va­tio­nen nicht vergessen. Lebensweltlich bedarf es eines Umdenkens im Innern eines jeden einzel­nen Kopfes, wenn ein Epochen­wech­sel gelin­gen soll.

Das wirft ein­er­seits intellek­tuelle Fra­gen etwa nach dem Ver­hält­nis von Arbeit und Sinn, The­o­rie und Prax­is, Kap­i­tal­is­mus und sozialer Gerechtigkeit auf. Ander­er­seits stellen sich täglich konkrete Anforderun­gen an die Leben­sprax­is des Einzel­nen, die auf­grund der Plöt­zlichkeit ihres Auftretens den lan­gen Weg durch die inneren Insti­tu­tio­nen ein­er per­sön­lichen Sozial­isierung nicht gegan­gen sein kön­nen. Entsprechend zer­brech­lich und begleit­et von Skep­sis wird die Trans­for­ma­tion neuer For­men alltäglichen Denkens, Sprechens und Han­delns in neue Gewohn­heit­en verlaufen.

Die Debat­te um den Kli­mawan­del bildet den Über­gang ein­er wis­senschaftlichen Infor­ma­tion in poli­tis­ches, gesellschaftlich­es und pri­vates Han­deln pro­to­typ­isch ab: Auf jede fundierte Forderung nach Rück­sicht auf diese Infor­ma­tion fol­gt zuerst der poli­tis­che Ein­wand, „hier­für müssen Mehrheit­en gewon­nen wer­den“. Gesellschaftliche Ein­wände beziehen sich vor allem auf das Szenario wach­sender sozialer Ungle­ich­heit infolge wach­sender Belas­tun­gen für den Einzel­nen. Pri­vate Ein­wände will ich nicht gen­er­al­isieren; aber wir alle ken­nen sie oder hören von ihnen: Wet­tbe­werb­snachteile, Bequem­lichkeit­en, Ver­druss am Genussverzicht.

Die Kli­mafrage stellt im Hin­blick auf das enge Zeit­fen­ster zwis­chen Wis­sen und Han­deln auf allen drei beschriebe­nen Feldern ein Novum dar. An unseren Antworten auf diese Frage, wird sich zeigen, inwiefern eine Beschle­u­ni­gung der Anver­wand­lung von Wis­sen in Gewis­sen men­schen­möglich wer­den kann oder nicht. Der Preis im Falle des Scheit­erns scheint hoch.

Den­noch plädiere ich dafür, im Angesicht der Bedro­hung wed­er Selb­stironie noch Lust auf dem Altar der schlecht­en Prog­nose zu opfern. Demokratie lässt sich schw­er als Garant für die beste Lösung in kurz­er Zeit vorstellen. Das ver­weist uns auf unsere begren­zten Möglichkeit­en, befre­it uns aber auch ger­ade dazu, zuerst selb­st Vor­bild zu werden.

Und nur wenn dieses Vor­bild auch über anziehende Eigen­schaften ver­fügt, wird es genü­gend Nachah­mer mit der notwendi­gen Lei­den­schaft ver­sor­gen, uns zu fol­gen. Wir dür­fen davon träu­men, ein­er Avant­garde anzuge­hören. Aber wir soll­ten sou­verän genug bleiben, nicht in Verzwei­flung zu stürzen, wenn wir keine Mehrheits­fähigkeit errin­gen. Je verkrampfter wir wirken, desto größer die Angst vor uns. Nicht zulet­zt die Partei der Grü­nen musste sich eingeste­hen, dass mit Angst – gle­ich ob wir ihre Aus­lös­er für plau­si­bel eracht­en oder nicht – keine Zukun­ft gewin­nen lässt. Ich will nicht so weit gehen wie einst Har­ald Schmidt, als er das stois­che Bon­mot vom gut gelaun­ten Unter­gang prägte, aber wir soll­ten auch im Katas­tro­phen­fall – der immer mehr zum Nor­mal­fall degener­iert – nicht in Angst und Schreck­en erstarren.

Es gehört zum Wesen des Wan­dels, dass er von weni­gen getra­gen wird, bis ihm im besten Fall sein­er durch sich selb­st offen­barten Plau­si­bil­ität schließlich alle fol­gen. Das kann uns allen als vor­läu­fige Ermu­ti­gung genü­gen. Sich­er, wir brauchen ein erweit­ertes Vok­ab­u­lar für das, was vor uns liegt. Aber kein exk­lu­sives. Wir brauchen eine neue Begeis­terung an der eige­nen Trans­for­ma­tion, eine Vor­freude auf den näch­sten eige­nen Zus­tand, wie Peter Slo­ter­dijk einst Bil­dung definierte. Wer wer­den wir sein, wenn wir Beschei­den­heit, Demut, Verzicht zu Tugen­den wer­den lassen? Zu welch­er Leben­squal­ität wird uns das befreien? 

Wir brauchen ein Umdenken, bevor es ein Umwirtschaften geben kann. Aber keines, das den Wan­del als Ver­lust noch immer aus dem Geist des Kap­i­tal­is­mus und seinem Cre­do vom Immer-Mehr denkt. Wir wer­den die Sphäre des Geldes eines Tages nicht mehr behan­deln, als wäre sie die unan­tast­bare Heilige unseres Lebens. Geld wird dann nicht mehr die Welt regieren, son­dern die Kon­sti­tu­tion exis­ten­tieller Fra­gen und unsere Antworten auf sie. 

Es zeich­net kap­i­tal­is­tis­ches Denken aus, dass es die Welt als Prob­lem mod­el­liert und Wet­tbe­werb als Prob­lem­lö­sung. Aber was, wenn das Leben gar kein Con­test, keine Per­for­mance ist? Fiele es dann nicht leichter, Prob­leme miteinan­der zu lösen und nicht gegeneinan­der? Denn das Mod­ell des Wet­tbe­werbs hat einen Nachteil: es gibt darin notwendig Ver­lier­er. Aber ich will mir eine Welt vorstellen dür­fen, in der es keine Ver­lier­er mehr gibt.

Ferrars & Fields Magazine 

We are a Berlin based bilin­gual mag­a­zine fea­tur­ing cul­ture, pol­i­tics and art.
Insta­gram: @ferrarsfieldsmag Twit­ter: @ferrarsfields

#YOUAREFFMAG
Cookie Consent mit Real Cookie Banner