Eternal Sunshine of the Spotless Mind: Wie man ein gebrochenes Herz lieber nicht repariert

Text cora forbes
Lektorat DANIELA MERTENS
fOTO cottonbro

Es ist siebzehn Jahre her, seit Michel Gondrys Eternal Sunshine of the Spotless Mind (deutsch: Vergiss mein nicht!) im Jahr 2004 in die Kinos kam. Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahr ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, aber ich weiß, dass es schon ziemlich lange her ist. Ich weiß auch, dass eine alte, verstaubte DVD davon in meinem Regal steht und eine Zeile des Dialogs aus dem Film auf meinen Fußknöchel tätowiert ist. „Meet Me in Montauk“, flüstert Clementine (Kate Winslet) Joel (Jim Carrey) ins Ohr, kurz bevor seine Erinnerung in sich zusammenfällt. Sie soll ihn zurück nach Montauk führen, dem östlichsten Ort auf Long Island, wohin Joel an dem Tag ging, an dem er Clementine zum ersten Mal traf. Es ist ein Versprechen auf ein Wiedersehen, aber auch eine Erinnerung daran, dass die Gefühle, die uns einst ausmachten, in Erinnerung bleiben wollen. Auch wenn der Moment vorbei ist.

Eternal Sunshine of the Spotless Mind, geschrieben von Charlie Kaufman und inszeniert von Michel Gondry, handelt von zwei Menschen, die beschließen, sich nach einer Trennung gegenseitig aus ihrem Gedächtnis zu löschen. Das Sci-Fi-Drama, dessen Titel auf das Gedicht “Eloisa an Abelard” von Alexander Pope zurückgeht, erzählt die Geschichte von Joel und Clementine in einer nicht-linearen Weise, in der Bruchstücke ihrer Beziehung mit dem Auslöschen ihrer Erinnerungen daran verschmelzen. 

Joel hat Clementine während eines impulsiven Tagesausflugs nach Montauk kennengelernt, und sie hat ihn mit Spontaneität, Wagemut und rebellisch bunten Haaren verzaubert. Joel und Clementine sind ein schwieriges Paar gewesen, ihre Beziehung war durchzogen von Streitereien, bis sie einander nicht mehr ertragen konnten. Clementine beschloss nach der Trennung, sich einer von “Lacuna Inc.” angepriesenen medizinischen Prozedur zu unterziehen, die jede Erinnerung an Joel aus ihrem Gedächtnis löscht und ihr nur ein Tonband mit ihren vielen Gründen für diesen Schritt hinterlässt. 

Der Film folgt Joel, der beschließt, das Gleiche zu tun – eine Runde Tiefschlaf, ein paar irre Wissenschaftler*innen, die an seinem Gehirn herumwerkeln, und Clementine wäre Vergangenheit. Doch als Joel an die Maschine von Lacuna Inc. angeschlossen wird und deren Mitarbeiter sich durch sein Gedächtnis arbeiten, merkt er im Tiefschlaf, dass er Clementine nicht wirklich löschen will, nachdem er alle Erinnerungen mit seiner mentalen Projektion von ihr durchgespielt hat. Seine Panik führt zu einer Fehlfunktion des Eingriffs, als er versucht, Clementine in Erinnerungen zu verstecken, in denen sie nie vorkam. Es funktioniert jedoch nur für kurze Zeit und Lacuna Inc. löst schließlich ihr Versprechen ein. Nachdem Clementine aus seinem Gedächtnis verschwunden ist, bleibt nur noch eine vage Erinnerung an sie übrig – „Triff mich in Montauk“ hat sie ihm inmitten der letzten bröckelnden Erinnerung gesagt. Das treibt Joel zurück an die Strände von Montauk, nur um Clementine erneut zu treffen und sich wieder in sie zu verlieben. 

Der Film thematisiert moderne Liebe in ihrer Komplexität, aber beschönigt sie nicht, anders als die übliche Romanze es tun würde. Die Auseinandersetzungen zwischen Clementine und Joel sind hässlich, und ihre Erinnerungen aneinander sind meist bitter. „Der schmerzhafteste Moment für Joel war nicht nur der Anblick von Clementine, die aus seiner Tür geht, sondern der Moment, in dem sie so tut, als wäre sie ihm noch nie begegnet (weil sie ihn in ihrem derzeitigen Bewusstsein nicht kennt). Es ist eine Science-Fiction-Version der universellen Angst, dass man so lange in jemanden verliebt sein kann, um dann als Fremde zu enden. Das ist das Paradoxon, auf das es wirklich ankommt“, schreibt The Michigan Daily. Nichtsdestotrotz gibt es zwischen den beiden eine Anziehungskraft, die sie dazu motiviert, es noch einmal zu versuchen. Eternal Sunshine stellt nicht in Frage, ob sie beim zweiten Versuch mehr Glück haben werden. Aber wir werden angeregt, darüber nachzudenken, wie wir mit den Erinnerungen umgehen, die nicht so rosig waren. Ob wir sie behalten würden, wenn wir die Möglichkeit hätten, sie aus unserem Gedächtnis zu streichen.

Der Film greift philosophische Dialektik ebenso auf wie die Romantik selbst. Wohingegen viele andere Sci-Fi Werke sie entweder vergöttern oder vor ihr warnen, ist Eternal Sunshine weder Kritiker noch Befürworter des Einsatzes von Zukunftstechnologie. Sie ist lediglich als Option vorhanden, als schnelle Lösung für Menschen, die lieben und leiden. Wie oft haben wir uns bei einer Trennung nach der Möglichkeit gesehnt, alle Erinnerungen zu vergessen, um den Schmerz nicht zu spüren. Aber wenn wir genauer darüber nachdenken, sind es dann nicht die Erinnerungen, die formen, wer wir sind und wie wir lieben?

Zumindest war das meine Schlussfolgerung, nachdem ich den Film zum ungefähr zwölften Mal gesehen habe. Und die Gewissheit, die ich in meinem Herzen hatte, als ich meinen Tattoo-Termin buchte, um mir diese Zeile auf den Körper stechen zu lassen. Ich möchte mich an jeden einzelnen Menschen erinnern, den ich jemals geliebt habe, mit all der Schönheit und den Lektionen, die sie mir gebracht haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich daran festhalten würde, selbst wenn ich die Möglichkeit hätte, die Erinnerung zu löschen. Es gibt verschiedene gleichermaßen komplizierte philosophische Auffassungen darüber, was einen Menschen zum Menschen macht. Einige philosophische Theorien verteidigen die Ansicht, dass ein Mensch derselbe Mensch bleibt, auch wenn er keine Erinnerungen hat. Und das macht Sinn, wenn wir beispielsweise an Amnesiepatient*innen denken. Aber wenn wir die Wahl hätten, würden wir ohne Erinnerungen leben wollen?


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Eternal Sunshine of the Spotless Mind steht immer noch an der Spitze der einflussreichsten Sci-Fi-Filme des 21. Jahrhunderts. Einer der Gründe, warum der Film bei seinem Publikum so gut ankommt, ist, dass sein zentrales Science-Fiction-Element nicht aus einer fernen, zukünftigen Welt zu stammen scheint, sondern einen Eingriff vorstellt, den wir wahrscheinlich in den Neurowissenschaften alsbald beobachten können. „Science-Fiction ist immer dann am besten und fesselndsten, wenn der ‚fiktionale‘ Rand wegschmilzt und sich alles plötzlich blind und grell real anfühlt“, schreibt Screencrush.

Gondrys Meisterwerk wirft aber auch eine andere Frage auf: Würden wir es schaffen, eine bestimmte Erinnerung oder Person auszulöschen, selbst wenn wir über die entsprechende Wissenschaft verfügten? In Eternal Sunshine ist es nur scheinbar so; Clementines letzte Worte sind nicht das Einzige, an das sich Joel noch erinnert, wenn alles vorbei ist: „Obwohl sie einander vergessen haben, fühlen sie sich weiterhin zueinander hingezogen. Ihre Körper konnten nicht vergessen. Vielleicht liegt es daran, dass Mark Ruffalos (“Spotlight”) Figur die Wissenschaft vergeigt hat, oder es bedeutet, dass wir Menschen nie wirklich vergessen können, so sehr wir es auch wollen, egal wie sehr wir uns für eine experimentelle psychologische Studie einsetzen“, meint The Michigan Daily.

Vielleicht verstehen wir aber auch alles falsch, wenn wir von “Auslöschung” sprechen: „Während ‘Auslöschung’ ein Wort ist, das oft verwendet wird, wenn man über Eternal Sunshine spricht (und das sogar ausdrücklich im Drehbuch vorkommt), ist das richtige Wort ‘Degradierung’. Die Science-Fiction des Films, so erklärt […] Dr. Mierzwiak Joel, funktioniert, indem sie den emotionalen Kern der Erinnerungen wegzappt, was einen Abbauprozess in Gang setzt. Es geht nicht darum, die Erinnerungen zu löschen, sondern die Emotionen, die ihnen zugrunde liegen, sie befeuern. Du erinnerst dich an deine glücklichsten oder traurigsten Momente mit deiner Ex, weil du dich vor all den Jahren so gefühlt hast, und deshalb erinnerst du dich nicht mehr an dein stinknormales Frühstück von heute“, schreibt Inverse.

Es gibt einen Moment gegen Ende des Films, in dem wir vielleicht erfahren, was für Joel und Clementine beim zweiten Mal den Unterschied ausmachen könnte. Nachdem sie von ihren Eingriffen erfahren und sich ihre jeweiligen Kassetten angehört haben, die ihnen von einer der Wissenschaftler*innen zugespielt wurden, finden sie heraus, dass sie früher zusammen gewesen sind und auch, warum die Dinge auseinander gingen. Sie treffen sich in einem Flur und Joel fordert Clementine auf, zu warten:

„Ich kann nichts sehen, was ich an dir nicht mag“, gibt er zu. 

„Aber das wirst du“, drängt Clementine. „Das wirst du. Und ich werde mich mit dir langweilen und mich gefangen fühlen, weil das bei mir immer so ist.“ 

Darauf antwortet Joel mit einem Achselzucken und einem Lächeln: „Okay.“ 

Es ist eine Entscheidung, die aus dem Wissen heraus getroffen wird, wie die Dinge beim ersten Mal waren, und aus all den Unzulänglichkeiten und Unvereinbarkeiten, die die beiden umgeben. Aber es ist eine Entscheidung, und sie ist so bewusst, wie sie nur sein kann, nachdem man gerade sein Gedächtnis gelöscht hat. Und vielleicht ist es dieser Leichtsinn, der den Unterschied ausmachen wird. Oder wir machen uns etwas vor, und Joel und Clem werden wieder scheitern, aber in dem Wissen, dass sie es aus eigenem Antrieb heraus versucht haben. Eternal Sunshine scheint uns in seinen letzten Momenten eine weitere Frage zu stellen: Wenn du wüsstest, wie alles ausgeht, würdest du es dann immer noch leben wollen?

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Titelbild by Cottonbro on Pexels
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