FEUILLETON, FILM

Eternal Sunshine of the Spotless Mind: Wie man ein gebrochenes Herz lieber nicht repariert

by MERCY FERRARS

09/10/2021

Es ist siebzehn Jahre her, seit Michel Gondrys Eter­nal Sun­shine of the Spot­less Mind (deutsch: Ver­giss mein nicht!) im Jahr 2004 in die Kinos kam. Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahr ich ihn zum ersten Mal gese­hen habe, aber ich weiß, dass es schon ziem­lich lange her ist. Ich weiß auch, dass eine alte, ver­staubte DVD davon in meinem Regal ste­ht und eine Zeile des Dialogs aus dem Film auf meinen Fußknöchel tätowiert ist. “Meet Me in Mon­tauk”, flüstert Clemen­tine (Kate Winslet) Joel (Jim Car­rey) ins Ohr, kurz bevor seine Erin­nerung in sich zusam­men­fällt. Sie soll ihn zurück nach Mon­tauk führen, dem östlich­sten Ort auf Long Island, wohin Joel an dem Tag ging, an dem er Clemen­tine zum ersten Mal traf. Es ist ein Ver­sprechen auf ein Wieder­se­hen, aber auch eine Erin­nerung daran, dass die Gefüh­le, die uns einst aus­macht­en, in Erin­nerung bleiben wollen. Auch wenn der Moment vor­bei ist.

Eter­nal Sun­shine of the Spot­less Mind, geschrieben von Char­lie Kauf­man und insze­niert von Michel Gondry, han­delt von zwei Men­schen, die beschließen, sich nach ein­er Tren­nung gegen­seit­ig aus ihrem Gedächt­nis zu löschen. Das Sci-Fi-Dra­ma, dessen Titel auf das Gedicht “Eloisa an Abelard” von Alexan­der Pope zurück­ge­ht, erzählt die Geschichte von Joel und Clemen­tine in ein­er nicht-lin­earen Weise, in der Bruch­stücke ihrer Beziehung mit dem Aus­löschen ihrer Erin­nerun­gen daran verschmelzen. 

Joel hat Clemen­tine während eines impul­siv­en Tage­saus­flugs nach Mon­tauk ken­nen­gel­ernt, und sie hat ihn mit Spon­taneität, Wage­mut und rebel­lisch bun­ten Haaren verza­ubert. Joel und Clemen­tine sind ein schwieriges Paar gewe­sen, ihre Beziehung war durch­zo­gen von Stre­it­ereien, bis sie einan­der nicht mehr ertra­gen kon­nten. Clemen­tine beschloss nach der Tren­nung, sich ein­er von “Lacu­na Inc.” ange­priese­nen medi­zinis­chen Proze­dur zu unterziehen, die jede Erin­nerung an Joel aus ihrem Gedächt­nis löscht und ihr nur ein Ton­band mit ihren vie­len Grün­den für diesen Schritt hinterlässt. 

Der Film fol­gt Joel, der beschließt, das Gle­iche zu tun — eine Runde Tief­schlaf, ein paar irre Wissenschaftler*innen, die an seinem Gehirn herumw­erkeln, und Clemen­tine wäre Ver­gan­gen­heit. Doch als Joel an die Mas­chine von Lacu­na Inc. angeschlossen wird und deren Mitar­beit­er sich durch sein Gedächt­nis arbeit­en, merkt er im Tief­schlaf, dass er Clemen­tine nicht wirk­lich löschen will, nach­dem er alle Erin­nerun­gen mit sein­er men­tal­en Pro­jek­tion von ihr durchge­spielt hat. Seine Panik führt zu ein­er Fehlfunk­tion des Ein­griffs, als er ver­sucht, Clemen­tine in Erin­nerun­gen zu ver­steck­en, in denen sie nie vorkam. Es funk­tion­iert jedoch nur für kurze Zeit und Lacu­na Inc. löst schließlich ihr Ver­sprechen ein. Nach­dem Clemen­tine aus seinem Gedächt­nis ver­schwun­den ist, bleibt nur noch eine vage Erin­nerung an sie übrig — “Triff mich in Mon­tauk” hat sie ihm inmit­ten der let­zten bröck­el­nden Erin­nerung gesagt. Das treibt Joel zurück an die Strände von Mon­tauk, nur um Clemen­tine erneut zu tre­f­fen und sich wieder in sie zu verlieben. 

Der Film the­ma­tisiert mod­erne Liebe in ihrer Kom­plex­ität, aber beschönigt sie nicht, anders als die übliche Romanze es tun würde. Die Auseinan­der­set­zun­gen zwis­chen Clemen­tine und Joel sind hässlich, und ihre Erin­nerun­gen aneinan­der sind meist bit­ter. “Der schmerzhafteste Moment für Joel war nicht nur der Anblick von Clemen­tine, die aus sein­er Tür geht, son­dern der Moment, in dem sie so tut, als wäre sie ihm noch nie begeg­net (weil sie ihn in ihrem derzeit­i­gen Bewusst­sein nicht ken­nt). Es ist eine Sci­ence-Fic­tion-Ver­sion der uni­versellen Angst, dass man so lange in jeman­den ver­liebt sein kann, um dann als Fremde zu enden. Das ist das Para­dox­on, auf das es wirk­lich ankommt”, schreibt The Michi­gan Dai­ly. Nichts­destotrotz gibt es zwis­chen den bei­den eine Anziehungskraft, die sie dazu motiviert, es noch ein­mal zu ver­suchen. Eter­nal Sun­shine stellt nicht in Frage, ob sie beim zweit­en Ver­such mehr Glück haben wer­den. Aber wir wer­den angeregt, darüber nachzu­denken, wie wir mit den Erin­nerun­gen umge­hen, die nicht so rosig waren. Ob wir sie behal­ten wür­den, wenn wir die Möglichkeit hät­ten, sie aus unserem Gedächt­nis zu streichen.

Der Film greift philosophis­che Dialek­tik eben­so auf wie die Roman­tik selb­st. Wohinge­gen viele andere Sci-Fi Werke sie entwed­er vergöt­tern oder vor ihr war­nen, ist Eter­nal Sun­shine wed­er Kri­tik­er noch Befür­worter des Ein­satzes von Zukun­ft­stech­nolo­gie. Sie ist lediglich als Option vorhan­den, als schnelle Lösung für Men­schen, die lieben und lei­den. Wie oft haben wir uns bei ein­er Tren­nung nach der Möglichkeit gesehnt, alle Erin­nerun­gen zu vergessen, um den Schmerz nicht zu spüren. Aber wenn wir genauer darüber nach­denken, sind es dann nicht die Erin­nerun­gen, die for­men, wer wir sind und wie wir lieben?

Zumin­d­est war das meine Schlussfol­gerung, nach­dem ich den Film zum unge­fähr zwölften Mal gese­hen habe. Und die Gewis­sheit, die ich in meinem Herzen hat­te, als ich meinen Tat­too-Ter­min buchte, um mir diese Zeile auf den Kör­p­er stechen zu lassen. Ich möchte mich an jeden einzel­nen Men­schen erin­nern, den ich jemals geliebt habe, mit all der Schön­heit und den Lek­tio­nen, die sie mir gebracht haben. Ich bin mir ziem­lich sich­er, dass ich daran fes­thal­ten würde, selb­st wenn ich die Möglichkeit hätte, die Erin­nerung zu löschen. Es gibt ver­schiedene gle­icher­maßen kom­plizierte philosophis­che Auf­fas­sun­gen darüber, was einen Men­schen zum Men­schen macht. Einige philosophis­che The­o­rien vertei­di­gen die Ansicht, dass ein Men­sch der­selbe Men­sch bleibt, auch wenn er keine Erin­nerun­gen hat. Und das macht Sinn, wenn wir beispiel­sweise an Amnesiepatient*innen denken. Aber wenn wir die Wahl hät­ten, wür­den wir ohne Erin­nerun­gen leben wollen?


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Eter­nal Sun­shine of the Spot­less Mind ste­ht immer noch an der Spitze der ein­flussre­ich­sten Sci-Fi-Filme des 21. Jahrhun­derts. Ein­er der Gründe, warum der Film bei seinem Pub­likum so gut ankommt, ist, dass sein zen­trales Sci­ence-Fic­tion-Ele­ment nicht aus ein­er fer­nen, zukün­fti­gen Welt zu stam­men scheint, son­dern einen Ein­griff vorstellt, den wir wahrschein­lich in den Neu­rowis­senschaften als­bald beobacht­en kön­nen. “Sci­ence-Fic­tion ist immer dann am besten und fes­sel­nd­sten, wenn der ‘fik­tionale’ Rand wegschmilzt und sich alles plöt­zlich blind und grell real anfühlt”, schreibt Screen­crush.

Gondrys Meis­ter­w­erk wirft aber auch eine andere Frage auf: Wür­den wir es schaf­fen, eine bes­timmte Erin­nerung oder Per­son auszulöschen, selb­st wenn wir über die entsprechende Wis­senschaft ver­fügten? In Eter­nal Sun­shine ist es nur schein­bar so; Clemen­tines let­zte Worte sind nicht das Einzige, an das sich Joel noch erin­nert, wenn alles vor­bei ist: “Obwohl sie einan­der vergessen haben, fühlen sie sich weit­er­hin zueinan­der hinge­zo­gen. Ihre Kör­p­er kon­nten nicht vergessen. Vielle­icht liegt es daran, dass Mark Ruf­fa­los (“Spot­light”) Fig­ur die Wis­senschaft vergeigt hat, oder es bedeutet, dass wir Men­schen nie wirk­lich vergessen kön­nen, so sehr wir es auch wollen, egal wie sehr wir uns für eine exper­i­mentelle psy­chol­o­gis­che Studie ein­set­zen”, meint The Michi­gan Dai­ly.

Vielle­icht ver­ste­hen wir aber auch alles falsch, wenn wir von “Aus­löschung” sprechen: “Während ‘Aus­löschung’ ein Wort ist, das oft ver­wen­det wird, wenn man über Eter­nal Sun­shine spricht (und das sog­ar aus­drück­lich im Drehbuch vorkommt), ist das richtige Wort ‘Degradierung’. Die Sci­ence-Fic­tion des Films, so erk­lärt […] Dr. Mierzwiak Joel, funk­tion­iert, indem sie den emo­tionalen Kern der Erin­nerun­gen wegzappt, was einen Abbauprozess in Gang set­zt. Es geht nicht darum, die Erin­nerun­gen zu löschen, son­dern die Emo­tio­nen, die ihnen zugrunde liegen, sie befeuern. Du erin­nerst dich an deine glück­lich­sten oder trau­rig­sten Momente mit dein­er Ex, weil du dich vor all den Jahren so gefühlt hast, und deshalb erin­nerst du dich nicht mehr an dein stin­knor­males Früh­stück von heute”, schreibt Inverse.

Es gibt einen Moment gegen Ende des Films, in dem wir vielle­icht erfahren, was für Joel und Clemen­tine beim zweit­en Mal den Unter­schied aus­machen kön­nte. Nach­dem sie von ihren Ein­grif­f­en erfahren und sich ihre jew­eili­gen Kas­set­ten ange­hört haben, die ihnen von ein­er der Wissenschaftler*innen zuge­spielt wur­den, find­en sie her­aus, dass sie früher zusam­men gewe­sen sind und auch, warum die Dinge auseinan­der gin­gen. Sie tre­f­fen sich in einem Flur und Joel fordert Clemen­tine auf, zu warten:

“Ich kann nichts sehen, was ich an dir nicht mag”, gibt er zu. 

“Aber das wirst du”, drängt Clemen­tine. “Das wirst du. Und ich werde mich mit dir lang­weilen und mich gefan­gen fühlen, weil das bei mir immer so ist.” 

Darauf antwortet Joel mit einem Achselzuck­en und einem Lächeln: “Okay.” 

Es ist eine Entschei­dung, die aus dem Wis­sen her­aus getrof­fen wird, wie die Dinge beim ersten Mal waren, und aus all den Unzulänglichkeit­en und Unvere­in­barkeit­en, die die bei­den umgeben. Aber es ist eine Entschei­dung, und sie ist so bewusst, wie sie nur sein kann, nach­dem man ger­ade sein Gedächt­nis gelöscht hat. Und vielle­icht ist es dieser Leichtsinn, der den Unter­schied aus­machen wird. Oder wir machen uns etwas vor, und Joel und Clem wer­den wieder scheit­ern, aber in dem Wis­sen, dass sie es aus eigen­em Antrieb her­aus ver­sucht haben. Eter­nal Sun­shine scheint uns in seinen let­zten Momenten eine weit­ere Frage zu stellen: Wenn du wüsstest, wie alles aus­ge­ht, würdest du es dann immer noch leben wollen?

EDITED BY LARA HELENA. PHOTO BY COTTONBRO.

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