Utopie Mars

Text MERCY FERRARS
Lektorat DANIELA MERTENS
fOTOs ABIBOO Studio / SONet (Renders by Gonzalo Rojas, Sebastián Rodriguez & Verónica Florido)

Wir sind gescheitert. Unzählige Male haben wir es als Menschen verfehlt, Verantwortung zu übernehmen. Für die Art und Weise, wie wir unseren Planeten ruiniert haben; für die vielen Kriege, die so viel Elend über die Welt bringen; für die Ungerechtigkeit und das Ungleichgewicht zwischen den Menschen. Und wir haben “Wunder” hervorgebracht, viele davon, und die Natur mit Technologie überwunden. Dann gingen wir in den Weltraum — um zu entdecken und zu forschen. Letztendlich mit dem Ziel, ihn zu kolonisieren.

Die Kolo­nialgeschichte der Ver­gan­gen­heit ist noch nicht ein­mal annäh­ernd aufgear­beit­et, und schon blick­en wir lüstern auf den Rest des Uni­ver­sums, mit dem Bedürf­nis, uns auch jed­er anderen Welt da draußen aufzuzwän­gen. Kolonisierung ist immer mit Ver­lust und Aus­beu­tung ver­bun­den. Kolo­nialmächte bluten Geld, Sta­tus und Gewalt. Und während sie durch die Welt marschieren und in ihrer Spur nichts als Zer­störung hin­ter­lassen, sind sie erfüllt von ein­er arro­gan­ten Anspruchshal­tung. Dem Anspruch darauf, die Natur auszubeuten, Men­schen und Tiere. 

Aber während wir heute noch kri­tisch auf unsere eigene Kolo­nialgeschichte blick­en und sie gar reflek­tieren, zeigt sich in uns wiederum der Anspruch darauf, entrüstet sein zu dür­fen, wenn uns der Plan­et ein lebenser­hal­tendes Kli­ma, Wass­er oder Luft zu enthal­ten dro­ht. Dabei zer­stören wir ihn seit solch langer Zeit, dass es ein Wun­der ist, dass wir über­haupt noch leben. Dass wir uns in ein­er Kli­makrise befind­en, kann nicht mehr Gegen­stand von poli­tis­chen Diskus­sio­nen sein, son­dern ist ein har­ter Fakt. Den­noch gibt es Leute, die die Krise sowohl leug­nen als auch ignori­eren. Sie ziehen sich zurück ins Pri­vate, in die eige­nen paar Quadrat­meter, und wer­fen bei importiertem Kaf­fee aus der drit­ten Welt und Milch von gequäl­ten Kühen einen Blick auf ihren prächti­gen grü­nen Hin­ter­garten. “Gar nicht so schlecht”, find­en sie dann, und “von Kli­mawan­del seh ick hier nüscht.” 

Auch die Kli­makrise ist mit unser­er ungle­ichen Gesellschaft ver­bun­den. Oft­mals wird Kli­maschutz auf diejeni­gen abgewälzt, die es sich nicht leis­ten kön­nen, in teurere Autos oder Solardäch­er zu investieren. Andere wiederum lei­den so viel mehr unter den Auswirkun­gen des Kli­mawan­dels. Umdenken ist keine ein­fache Sache, Leben­sre­al­itäten ver­fes­ti­gen sich nicht inner­halb ein­er Gen­er­a­tion. Selb­st wenn wir die Kli­makrise erken­nen, ist unsere Hand­lungs­bere­itschaft immer dann beschränkt, wenn sie sub­jek­tiv ver­standen unseren Wohl­stand min­dern würde. Obwohl das Para­dox der Kli­makrise, das Para­dox des Kap­i­tal­is­mus, das Para­dox des Patri­ar­chats immer darin beste­ht, dass die Entschei­dun­gen, die wir als Ein­schränkun­gen wahrnehmen, uns eigentlich stärken. In der Kli­makrise bedeutet das, länger ein erträglich­es Kli­ma zu erfahren; im Kap­i­tal­is­mus die Sys­te­mer­hal­tung durch das Stärken der Care-Arbeiter*innen; im Patri­ar­chat die Trau­maa­u­far­beitung von Män­nern, die genau­so im Sys­tem ver­fan­gen sind wie alle anderen. Kli­maschutz bedeutet aber nicht nur das Umdenken der bre­it­en Masse, son­dern auch eine Klimapoli­tik, welche Men­schen gle­ich stellt und ihnen gle­iche Chan­cen ermöglicht. Eine Poli­tik, die Kli­maschutz für alle zugänglich macht, ohne (weit­er­hin) zu ver­ar­men. Kli­maschutz zeigt: Wir kön­nen uns nur selb­st ret­ten, wenn wir alle ret­ten. Das wäre das Ide­al — aber es fällt uns schw­er, unsere Priv­i­legien loszu­lassen, wenn wir schon unser ganzes Leben in ihnen ver­brin­gen. Der näch­ste logis­che Schritt, das näch­ste Priv­i­leg, ist für die Men­schheit also die Besied­lung des Mars, um nochmal “ganz neu anfan­gen zu kön­nen”. Der rote Plan­et, von dem man einst annahm, er beherberge Leben, scheint nun unsere einzige Hoff­nung zu sein. 

Das erweckt unser Anspruchs­denken wieder. Die Men­schheit hat das Recht, zu fliehen und ander­swo zu über­leben. Davon sind wir überzeugt. Vielle­icht gibt es auf dem Mars keine Zivil­i­sa­tion, die darauf wartet, von ein­er reichen, weißen Mehrheits­ge­sellschaft ver­nichtet und aus­ge­beutet zu wer­den, aber die Moti­va­tion, die uns dazu bringt, uns auf dem roten Plan­eten niederzu­lassen, hat den­noch die falschen Gründe. Vor wem müssen wir uns denn eigentlich ret­ten? Sind wir nicht genau der Fak­tor, der den Plan­eten aus­ge­beutet hat, ohne die Fol­gen zu bedenken? Wer­den wir das nicht auch auf den Mars mit­nehmen? Was passiert mit denen, die zurück­bleiben? Wer sind demographisch gese­hen die Men­schen, die sich auf dem roten Plan­eten niederlassen?

Manche Antworten liegen nahe. Ein Tick­et zum Mars kön­nte eines Tages weniger als 500.000 Dol­lar kosten, ein Ver­sprechen, mit dem Elon Musk auf Twit­ter selb­st­be­wusst um sich wirft. “Niedrig genug, dass die meis­ten Men­schen in fort­geschrit­te­nen Volk­swirtschaften ihr Haus auf der Erde verkaufen und auf den Mars ziehen kön­nten, wenn sie wollen.” Mit anderen Worten: Reiche Leute wer­den auf den Mars umziehen, wenn sie das wollen, und den armen Volk­swirtschaften wer­den sie einen Plan­eten hin­ter­lassen, der unbe­wohn­bar gemacht wurde. 

Der Mars ist zum Syn­onym für unsere ganz per­sön­liche men­schliche Utopie gewor­den. Ein Ort, an dem unsere Zukun­ft auf uns wartet — vielle­icht. Aber es wird nicht viel bedeuten, wenn wir unsere men­schlichen Fehler im Wel­traum fort­set­zen. Die Besied­lung des Wel­traums erfordert ein Umdenken in Bezug auf unsere ethis­che Ein­stel­lung zu einem nach­halti­gen Leben, unser Zusam­men­leben mit der Natur, und wirft sozi­ol­o­gis­che Fra­gen zur “neuen Gesellschaft” auf. Es ist offen­sichtlich, dass diese Gesellschaft nicht so fortbeste­hen kann wie die jet­zige, die von Kap­i­tal, Ungle­ich­heit und Indi­vid­u­al­is­mus geprägt ist. Wenn wir zum Mars “fliehen”, um neu anz­u­fan­gen, ist es für unseren Fortbe­stand von entschei­den­der Bedeu­tung, eine gerechte, postkap­i­tal­is­tis­che Gesellschaft zu schaf­fen, eine Gesellschaft, die wahrhaftig futur­is­tisch und an weit ent­fer­nte Ide­ale gebun­den ist. Auch wenn in unser­er Gesellschaft ein langsames Umdenken müh­sam im Gange ist, wird jenes Umdenken noch min­destens so lange dauern wie die erste Marssied­lung. Sind wir dazu über­haupt in der Lage?


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Nüwa, die Marsutopie

ABIBOO Stu­dio / SONet (Ren­ders by Gon­za­lo Rojas, Sebastián Rodriguez & Veróni­ca Florido)

Entwürfe für die ersten Städte auf dem Mars gibt es schon. Das ABIBOO Stu­dio hat gemein­sam mit dem SONet Net­work Entwürfe für eine autarke und nach­haltige Stadt auf dem Mars ent­wor­fen, in der eine Mil­lion Men­schen leben kön­nen. Das Pro­jekt ste­ht unter der Leitung des Astro­physik­ers Guillem Angla­da, der die Ent­deck­ung des Exo­plan­eten Proxima‑B geleit­et hat, und wurde für einen Wet­tbe­werb der Mars Soci­ety entwick­elt, eine amerikanis­che Non-Prof­it-Organ­i­sa­tion, die sich der Förderung der Erforschung und Besied­lung des Plan­eten Mars durch den Men­schen ver­schrieben hat. 

Der Entwurf umfasst fünf Städte, deren Haupt­stadt Nüwa ist. Jede Stadt beherbergt zwis­chen 200.000 und 250.000 Men­schen. Abge­se­hen von Nüwa fol­gen die übri­gen Städte der gle­ichen urba­nen Strate­gie. Aba­los City liegt am Nord­pol, um den Zugang zum Eis zu nutzen. Mariner­is City liegt in der größten Schlucht des Son­nen­sys­tems. Die Bauweise und Struk­turen der Städte schützen die Bewohner*innen vor Strahlung und Mete­oritenein­schlä­gen, gewähren ihnen Zugang zu Son­nen­licht, Nahrung, Luft und Wass­er und gle­ichen den atmo­sphärischen Druck zwis­chen Mars und Gebäudein­neren aus. 

Nüwa selb­st liegt am Hang ein­er der wasser­re­ichen Marsklip­pen bei Tempe Men­sa. Das steile Gelände bietet die Möglichkeit, eine ver­tikale Stadt in den Felsen zu bauen. Die Gebäude in Nüwa beherber­gen sowohl Kon­den­sa­tions­bere­iche, die soge­nan­nten “Schneekup­peln”, die zur Wärme­ableitung und Luftreini­gung beitra­gen, wie auch kün­stlich geschaf­fene Natur­räume, die als “Grüne Kup­peln” beze­ich­net wer­den. Die Gebäude auf der Klippe sind durch Hochgeschwindigkeit­saufzüge ver­bun­den, ähn­lich wie Wolkenkratzer auf der Erde. Diese Infra­struk­tur verbindet auch den Fuß der Klippe mit der Spitze. 

ABIBOO Stu­dio / SONet (Ren­ders by Gon­za­lo Rojas, Sebastián Rodriguez & Veróni­ca Florido)

Am Fuße der Klippe befind­en sich große Pavil­lons für das Sozialleben. Diese Pavil­lons sind mit ein­er licht­durch­läs­si­gen Haut verse­hen, um den Blick auf die Mars­land­schaft zu ermöglichen. Diese Kup­peln sind durch große, über­fliegende Vordäch­er vor extern­er Strahlung geschützt. Im Tal gibt es überdies auch spezielle Struk­turen für Kranken­häuser, Schulen und Uni­ver­sitäten, Sport- und Kul­turein­rich­tun­gen, Einkauf­szen­tren und Bahn­höfe, die mit dem Space Shut­tle kom­mu­nizieren. Zusät­zlich sorgt ein Sys­tem von Bussen und Stadt­bah­nen für den hor­i­zon­tal­en Trans­port inner­halb der Stadt. Alle Trans­porte wer­den in Druck­räu­men mit Elek­tro­fahrzeu­gen durchge­führt. Die Mobil­ität zwis­chen ver­schiede­nen Marsstädten wird durch Busse oder Züge gelöst, die auf asphaltierten Straßen fahren.

Nüwa ist völ­lig selb­stver­sor­gend und zieht ihre Ressourcen aus dem Mars oder baut sie selb­st an. Pflanzen wer­den in land­wirtschaftlichen Mod­ulen in ein­er CO2-angere­icherten Umge­bung ange­baut, was eine Automa­tisierung der betrieblichen Auf­gaben voraus­set­zt. Übri­gens: Die Mars­diät in ABI­BOOs Design wird größ­ten­teils veg­e­tarisch sein. Die Tat­sache ist auf den hohen Energiebe­darf der Viehzucht zurück­zuführen, die unter den Bedin­gun­gen des roten Plan­eten nicht lebens­fähig oder nach­haltig wäre.

Zweifel­sohne ist die Vorstel­lung, in Nüwa oder ein­er der anderen Marsstädte zu leben, aufre­gend und faszinierend. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich noch nie davon geträumt habe, den Mars zu erkun­den. Auch meine Brows­er His­to­ry ist Zeu­g­in mein­er Fasz­i­na­tion mit dem Uni­ver­sum. Aber es bleibt wichtig zu analysieren, ob es moralisch ist den Mars zu kolonisieren nach­dem wir die Erde für disponi­bel erk­lären. Und sollte es in der Zukun­ft unsere einzige Über­leben­schance for­mulieren, müssen wir Fra­gen an das neue Zusam­men­leben stellen. Daran, wie wir mit unser­er zweit­en Chance umge­hen, aber auch daran, wie wir einan­der stützen. Denn es ist und wird nicht vertret­bar sein, die Hälfte der Erd­bevölkerung auf einem ster­ben­den Plan­eten ver­rot­ten zu lassen. We failed you, Moth­er Earth. 


ABIBOO Stu­dio ist eine preis­gekrönte amerikanisch/europäische Fir­ma mit Erfahrung in kle­in­for­matiger und groß­for­matiger Architek­tur in den fol­gen­den Bere­ichen: Wohn­bau, Gewerbe, Gast­gewerbe, Einzel­han­del, Kul­tur, Bil­dung, inte­gri­erte Stadtvier­tel, Rau­mar­chitek­tur und Innenausstat­tung. https://abiboo.com/
Zur Nüwa-Pro­jek­t­seite: https://abiboo.com/projects/nuwa/

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