6 Siedlungen der Berliner Moderne (Teil 2): Carl Legien — Weiße Stadt — Siemensstadt

Text martin bäckert
Lektorat ANJA DEGNER
fOTOs Florianmk (Website: Clio Berlin Blog), Clio-berlin-carl-legien-siedlung‑1–5, CC BY-SA 4.0/ Kvikk, Berlin Reinickendorf Aroser Allee Laubenganghaus (1), CC BY-SA 3.0 / Doris Antony, Berlin, Berlin Maeckeritzstr, CC BY-SA 3.0

Im zweiten Teil der Artikelreihe zu Siedlungen der Berliner Moderne liegt der Fokus auf den Umsetzungsrealitäten des „Neuen Bauens”. Im ersten Teil ging es um die Entstehungsgeschichte jener Architekturutopien, die gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden. Mit wissenschaftlichen Methoden wollten Architekten*innen um die Jahrhundertwende moderne Städte für moderne Menschen errichten. Doch was wurde aus den Ideen? Konnten sie größtenteils umgesetzt werden oder blieben sie Utopie? Und in welchem Bezug stehen die Siedlungen der Berliner Moderne dazu? 

Die Realität neuer Städte 

Mit der Garten­stadtidee vom Briten Ebenez­er Howard wurde um 1900 eine der ein­flussre­ich­sten Architek­turideen sein­er Zeit ins Leben gerufen. Im transat­lantis­chen Aus­tausch grün­dete sich schnell ein Net­zw­erk aus führen­den Architekt*innen, die Garten­städte pla­nen und bauen woll­ten. Doch zu tat­säch­lichen Umset­zun­gen kam es kaum. Als eine der weni­gen Beispiele kön­nen Letch­worth nahe Lon­don sowie Heller­au bei Dres­den genan­nt wer­den. Doch was geschah mit der ein­flussre­ichen Idee? Sie wurde trans­formiert und prag­ma­tisch inter­pretiert. Statt bei autonomen Stadt­grün­dun­gen auf dem Land — wie sie Howard forderte — wur­den die Prinzip­i­en der Garten­stadt vor allem beim Sied­lungs­bau am Stad­trand einge­set­zt. Statt auf dem Land fernab der beste­hen­den Großstädte wur­den nun Garten­städte am Stad­trand ent­wor­fen. Howards Autonomieforderung ging dabei ver­loren — die gegrün­de­ten Garten­städte waren in der Regel in beste­hende Städte eingegliedert. Ob nun als Garten­stadt oder Sied­lung beze­ich­net, Howards Ideen von grü­nen und hygien­is­chen Leben­sräu­men nah­men großen Ein­fluss auf die Architek­tur des frühen 20. Jahrhun­derts. Auch die sechs Sied­lun­gen der Berlin­er Mod­erne ste­hen in dieser Tra­di­tion. Am Berlin­er Stad­trand soll­ten Wohn­sied­lun­gen mit hohem Lebens­stan­dard für Arbeiter*innen errichtet wer­den. Ger­ade im Hin­blick auf die Leben­squal­ität in den Sied­lun­gen kon­nten hier dur­chaus große Erfolge erzielt wer­den. Im Ver­gle­ich zu den Wohn­ver­hält­nis­sen in den Miet­skaser­nen der Innen­stadt waren die Sied­lun­gen der Berlin­er Mod­erne ein deut­lich­er Fortschritt. Darüber hin­aus war schlicht die Menge an Wohn­raum, die alle sechs Sied­lun­gen zusam­men­stell­ten, für den Berlin­er Woh­nungs­markt eine nach dem Ersten Weltkrieg und der Hyper­in­fla­tion drin­gend benötigte Entspan­nung. Von 1925 bis 1930 ent­standen so allein durch die Sied­lun­gen der Berlin­er Mod­erne rund 6.500 Woh­nun­gen und 750 Einfamilienhäuser. 

Den­noch kon­nten die Sied­lun­gen ihrem sozialen Anspruch nicht gerecht wer­den. In den selb­st als Arbeit­er­sied­lun­gen proklamierten Baut­en waren Arbeiter:innen meist in der Unterzahl. In der Hufeisen­sied­lung lag ihr Anteil beispiel­sweise bei ger­ade mal 30% — Beamte und höhere Facharbeiter:innen waren in der Mehrheit. Ger­ade in Funk­tionärskreisen von SPD und KPD waren die mod­er­nen Sied­lungswoh­nun­gen sehr beliebt.  Gründe hier­für waren die ver­hält­nis­mäßig hohen Mieten der Woh­nun­gen, die aus hohen Baukosten resul­tieren. Denn trotz der Hoff­nun­gen, die man in eine genossen­schaftliche Bauweise mit mod­er­nen Meth­o­d­en pro­jizierte, kon­nte durch diese keine umfassende Baukostenre­duzierung erre­icht wer­den. Für die Mehrheit der zeit­genös­sis­chen Arbeiter:innen der 1920er blieben die Sied­lun­gen der Berlin­er Mod­erne daher unerr­e­ich­bar­er Luxus. 

Zusam­men­fassend kon­nte durch die Berlin­er Wohn­sied­lun­gen zwar eine erste Entspan­nung des Wohn­mark­tes erre­icht wer­den. Den­noch wich die Real­ität Berlins deut­lich von den Utopi­en der ursprünglichen Garten­stadtidee ab. Mit den sechs Sied­lun­gen der Berlin­er Mod­erne wur­den mod­erne Sied­lun­gen für die obere Mit­telschicht geschaf­fen. Aus der autonomen Garten­stadt wur­den Sied­lun­gen als Teil des Großs­tadt­ge­füges — aus den geplanten Arbeiter:innenwohnungen ver­gle­ich­sweise teure Wohnan­la­gen. Eine radikale Erneuerung des Berlin­er Städte­baus stellte dies nicht dar — eher eine prag­ma­tis­che Inter­pre­ta­tion der Gartenstadtutopie. 

Im zweit­en Teil (hier gehts zum ersten) wird ein genauer­er Blick auf die Sied­lun­gen Carl Legien, Weiße Stadt sowie Siemensstadt geworfen. 

Carl Legien (1928 – 1930), Erich-Weinert-Straße 102, 10409 Berlin

Gesamt­fläche: 8,4 ha | Anzahl Woh­nun­gen:  1149 | Entwurf: Bruno Taut | Architek­ten: Bruno Taut, Franz Hilinger

Die Wohn­stadt Carl Legien liegt an der Erich-Wein­ert-Straße im Berlin­er Stadt­teil Pren­zlauer Berg. Ihren Namen erhielt sie vom ersten Vor­sitzen­den des All­ge­meinen Deutschen Gew­erkschafts­bun­des, der 1919 gegrün­det wurde. Gebaut wurde die Wohn­stadt während der End­phase des Neuen Bauens zwis­chen 1928 und 1930. Die Gelder der Hauszinss­teuer, die 1924 einge­führt wurde, kamen gegen Ende der 20er Jahre langsam zum Erliegen. Die größeren Baupro­jek­te, wozu auch die Weiße Stadt sowie Siemensstadt gehörten, wur­den daher mehrheitlich über einen Son­dere­tat des Berlin­er Mag­is­trats finanziert. Die Wohn­stadt Carl Legien liegt im Ver­hält­nis zu den anderen Sied­lun­gen am näch­sten zum Stadtzen­trum und kann gegen­wär­tig nahe des S‑Bahnhofes Pren­zlauer Allee besucht wer­den (S‑Bahn-Lin­ien S41, S42, S8 und S9). 

Weiße Stadt (1929 – 1931), Aroser Allee 152

Gesamt­fläche: 14,3 ha | Anzahl Woh­nun­gen:  1.268

Die Sied­lung Weiße Stadt liegt in Berlin Reinick­endorf und zählt neben der Siemensstadt zu den let­zten großen Baupro­jek­ten der 20er Jahre. Sie fällt nicht mehr in die Ver­ant­wor­tung Bruno Tauts, der sich 1930 ein­er Hon­o­rarpro­fes­sur an der TU Berlin zuwandte. Deut­lich wird Tauts Abwe­sen­heit vor allem an der Far­bge­bung der Weißen Stadt. Anders als bei den Taut’schen Sied­lun­gen, die außen weiß und innen bunt waren, zeich­net sich die Sied­lung Weiße Stadt durch far­bige Fas­sadenele­mente aus. So ste­hen far­bige Fen­ster­rah­men und Ein­gangstüren im Kon­trast zur weißen Fas­sade der Weißen Stadt. Beson­ders ist auch die Vielzahl der Ein­rich­tun­gen der Sied­lun­gen, die im Laufe der Zeit unter anderem aus bis zu 25 Läden, einem Café und ein­er Arzt­prax­is bestand. Zu find­en ist die Weiße Stadt heutzu­tage nahe der U‑Bahnstation Res­i­den­zs­traße (U8). 

Siemensstadt (1929 – 1934), Goebelstraße 84, 13627 Berlin

Gesamt­fläche: 19,3 ha | Anzahl Woh­nun­gen: 1.370 | Gesamtleitung: Mar­tin Wagner

Die let­zte der sechs Sied­lun­gen der Berlin­er Mod­erne ist die Großsied­lung Siemensstadt, die von 1929 bis 1934 gebaut wurde. Sie ori­en­tierte sich am mod­er­nen Mod­ell ein­er durch­grün­ten Stadt, die aus­ge­hend von Howards Garten­stadt-Idee im Laufe der 1920er weit­er­en­twick­elt wurde. Statt autonomen Städten plante man nun Großsied­lun­gen wie die Siemensstadt als unselb­st­ständi­ge Kle­in­städte mit umfassenden Grü­nan­la­gen. Der Spitz­name „Ringsied­lung” rührt daher, dass alle beteiligten Architek­ten in der Architek­tenge­mein­schaft „Der Ring” beteiligt waren. Die Großsied­lung Siemensstadt liegt im heuti­gen Stadt­teil Char­lot­ten­burg Nord und ist per U‑Bahnstation Siemens­damm (U7) erreichbar.

Die Realität „neuer Menschen”

Städte­baulich stell­ten die Sied­lun­gen also dur­chaus einen Erfolg dar. Den­noch hin­gen am Bau der Sied­lun­gen auch soziale und human­itäre Hoff­nun­gen. Durch neue, mod­erne Baut­en soll­ten neue, mod­erne Men­schen entste­hen. Die Sied­lun­gen soll­ten als Erziehungsräume für neue, in Gemein­schaft lebende Men­schen fungieren. Doch wie kon­nten diesen Utopi­en und Ide­olo­gien rück­blick­end in der Real­ität umge­set­zt wer­den? Hier zeigt sich ein eher gegen­läu­figes Bild zu den Vorstel­lun­gen der Sied­lungsar­chitek­ten. Die sozialpäd­a­gogis­chen Ideen der Architek­ten kon­nten sich im All­t­ag der Bewohner*innen kaum durch­set­zen. Die Utopi­en hat­ten gegen den Prag­ma­tismus des Wohnens keine Chance. So wurde beispiel­sweise die ursprüngliche Far­bgestal­tung der Innen­räume über­malt, die Räum­lichkeit­en anders genutzt und auch beim Gemein­schaft­saspekt der Sied­lun­gen zeigten sich schnell erste Risse. Zwar kon­nte in den ersten Jahren in den meis­ten Sied­lun­gen durch gemein­same Fes­tlichkeit­en ein gewiss­er Gemein­schaftssinn erzeugt wer­den. Spätestens mit der zunehmenden Polar­isierung gegen Ende der 20er-Jahre zwis­chen SPD und KPD Mit­gliedern — die oft­mals bei­de in den Sied­lun­gen vertreten waren — endete jedoch der soziale Frieden in den Wohnan­la­gen. Darüber hin­aus gren­zte man sich inner­halb der Sied­lun­gen zunehmend gegenüber der restlichen Stadt­ge­sellschaft ab — eine gewisse Wagen­burg­men­tal­ität set­zte ein. 

Abschließend zeigt sich also ein ambiva­lentes Bild der Sied­lun­gen der Berlin­er Mod­erne. Auf der einen Seite sind die Sied­lun­gen heute ein Sym­bol für einen Wan­del in der deutschen Wohn­baupoli­tik. Weg von der pas­siv­en Baupoli­tik der Miet­skaser­nen hin zu ein­er aktiv­en Woh­nungs­bau- und Stadt­pla­nungspoli­tik, aus der die Großsied­lun­gen schließlich resul­tierten. Durch das soge­nan­nte Neue Bauen kon­nten so von 1925 bis 1930 große wohn­poli­tis­che Erfolge erre­icht wer­den. Die gebaut­en Großsied­lun­gen — in Berlin aber auch deutsch­landweit — stell­ten dabei in vie­len Punk­ten deut­liche Verbesserun­gen der Leben­squal­ität dar. Sie waren heller, grün­er, hygien­is­ch­er — schlicht mod­ern­er als die Woh­nun­gen der Miet­skaser­nen. Den­noch zeigen sich ger­ade in diesem Ruf nach Moder­nität und Fortschritt, den die Architekt*innen der Sied­lun­gen selb­st in höch­stem Maße propagierten, auch deut­liche Diskrepanzen zur Real­ität. So kann beim his­torischen Blick auf die sozioökonomis­che Zusam­menset­zung der Sied­lun­gen deren propagiertes Bild der Arbeit­er­sied­lung nicht aufrecht gehal­ten wer­den. Die mod­er­nen Wohnan­la­gen waren keine real­is­tis­che Alter­na­tive für die finanziell abge­hängten Arbeiter*innen des Indus­triepro­le­tari­ats. Vielmehr boten sie den finanziell gut gestell­ten Facharbeiter*innen und Beamten eine mod­erne Wohn- und Lebenssi­t­u­a­tion. Darüber hin­aus kamen auch die erzieherischen Utopi­en der Architekt*innen — neue Men­schen in natür­lichen Gemein­schaften — kaum zum Tra­gen. Die neuen, sozialpäd­a­gogis­chen Konzepte der Architekt*innen kon­nten sich gegen den Prag­ma­tismus des Wohnall­t­ages kaum durch­set­zen. Zusam­men­fassend lässt sich also sagen, dass auf stadt­planer­isch­er Ebene die Sied­lung­spro­jek­te des Neuen Bauens dur­chaus geglückt sind. Durch sie erhielt vor allem die Mit­telschicht Zugang zu mod­er­nen Wohn­räu­men mit deut­lich besser­er Leben­squal­ität. Die Erziehung mod­ern­er Men­schen mit einem kom­plett neuen Wohnall­t­ag ging damit jedoch nicht einher. 


Weiterführende Links:

https://www.unesco.de/kultur-und-natur/welterbe/welterbe-deutschland/siedlungen-der-berliner-moderne
https://www.berlin.de/landesdenkmalamt/welterbe/welterbestaetten/siedlungen-der-berliner-moderne/
https://welterbe-siedlungen-berlin.de/

Berlin-Pankow: Hundekuscheln und intersektionaler Feminismus in Deutschlands erstem Hundecafé (#6)

In einem Wohlfühlcafé in Berlin-Pankow trifft inter­sek­tionaler Fem­i­nis­mus auf Lei­den­schaft für Hunde. Die Berliner­in­nen Clau­dia Beck­ert und Nadine Seyf­fert haben Deutsch­lands erstes Hun­de­café eröffnet. Dabei set­zen sie nicht nur auf eine Begeg­nungsstätte für Hundebesitzer*innen und Hun­de­fans, son­dern auch auf die Ver­net­zung mit anderen FLINTA*-Gründer*innen. So schaf­fen sie einen inter­sek­tionalen Raum im his­torischen Nieder­schön­hausen, an dem man gar nicht anders kann, als sich angekom­men zu fühlen.

Ausstellungsbericht: Eröffnung des Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Am 23.06.2021 wurde in Berlin das „Doku­men­ta­tion­szen­trum Flucht, Vertrei­bung, Ver­söh­nung“ eröffnet. In der Nähe des Anhal­ter Bahn­hofs gele­gen (Stre­se­mannstraße 90, 10963 Berlin) sollen hier Flucht und Migra­tions­geschicht­en des 20. Jahrhun­derts und ihr Bezug zur Gegen­wart neu erzählt wer­den. FFMag war vor Ort und berichtet von den ersten Ein­drück­en der Ausstellung. 

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