MALEREI

TEXT Mercy Ferrars, LEKTORAT Lara Helena, GEMÄLDE Vincent van Gogh // 

Vincent van Gogh: La Tristesse Durera Toujours

Künstler*in
Vincent van Gogh

Jahr
Kreative Phase ca. 1880 — 1890

Land
Niederlande, Frankreich

Format
Malerei

Ausstellung
Van Gogh — The Immersive Experience

Material
Ölfarbe

Dimensionen
variieren

“Kunst kommt nie vom Glück”, schreibt Chuck Palahniuk, Autor von Fight Club, in Choke. Der Drang, Kunst zu schaffen, scheint aus einem inneren Krieg geboren und durch eine implizite Verpflichtung zum visuellen Ausdruck befeuert zu werden. Auf Gedeih und Verderb wütete dieser brennende Schmerz in Vincent van Gogh (1853–1890), dem berühmten Sonnenblumenmaler. Der Autodidakt aus den Niederlanden schuf in nur 10 Jahren etwa 800 Gemälde. 

Posthume psychiatrische Diagnosen umgaben Vincent wie eine Wolke — oder vielleicht sogar wie ein Schutzmantel. Zu seiner Zeit wurden bei ihm Epilepsie, Schizophrenie und Drogenmissbrauch diagnostiziert, hinzu kam die Vermutung einer Borderline-Persönlichkeit und einer bipolaren Störung, die ihm erst nachgesagt wurden, als seine Zeit bereits längst vergangen war. Die Manie mag seinen Drang zu malen gefördert haben, aber Traurigkeit und Angst fanden ihre Erlösung in seinen warmen Farbstudien. “Anstatt mich der Verzweiflung hinzugeben, wählte ich die aktive Melancholie”, schrieb Vincent.1

Doch schließlich versuchte van Gogh 1890, sich in Auvers-sur-Oise, einige Kilometer nördlich von Paris, das Leben zu nehmen. Kurz darauf gestand er seinem jüngeren Bruder Theo, “la tristesse durera toujours” (“die Traurigkeit wird für immer anhalten”).2 Zwei Tage später ergab er sich dem Tod. 

Sein Leben war von unbeständigen Stimmungen geprägt, und er wurde zwischen Wellen paradoxer Gefühlszustände hin- und hergeworfen, ohne Halt finden zu können. Seine intensive Sehnsucht nach Liebe blieb meist unerfüllt, und er handelte oft aus dem Impuls heraus.3 Abgesehen von seinem Bruder, zu dem er eine tiefe Verbindung verspürte, irrte Vincent durch sein Leben, unfähig, stabile Beziehungen einzugehen, geplagt von Liebe und Hass, hin- und hergerissen von schwarzen und weißen Gefühlszuständen, und kämpfte darum, seinen Platz zu finden. Er gehörte nirgendwo wirklich hin, aber es kann niemand sagen, er hätte es nicht versucht. Als ich An der Schwelle zur Ewigkeit14 (2018) zum ersten Mal sah, fühlte ich mich mit ihm auf eine Weise verbunden, wie es nur eine Verrückte mit einem anderen sein kann. Aber weder er noch ich waren wirklich verrückt. Nur wusste auch keiner von uns, wie wir zu leben hatten. 

Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Borderline- und bipolare Persönlichkeitsstile überschneiden. Gefühle chronischer Leere, intensive Höhen und Tiefen und eine zutiefst störende Unfähigkeit, sich auf ein konstantes Selbstbild zu verlassen, sind beiden vertraut. Borderpolarität zeigt sich bei etwa 20 % sowohl der BPS- als auch der bipolaren Patienten.4 Viele erkennen in Vincent ihre Ängste wieder, die Angst vor Verlust und Verlassenwerden, vor Unliebe, vor einem zerbrechlichen Leben, das immer nur gerade noch so weitergeht. Vincents Arzt Paul Gachet schrieb: “Er hat nur wenig Glück gehabt, und er macht sich keine Illusionen mehr. Die Last wird manchmal zu schwer, er fühlt sich so allein.”5 Van Gogh war einer der faszinierendsten Künstler*innen, die je gelebt haben. Es lohnt sich, noch einen Moment länger in seinem Leben zu verweilen und von den tiefblauen Reichtümern und sonnengelben Hoffnungen seiner Welt zu erfahren. 

“Für mich kann das Leben durchaus in der Einsamkeit weitergehen. Ich habe die Menschen, denen ich am meisten zugetan bin, immer nur wie durch ein dunkles Glas wahrgenommen.”6

Unter seinen berühmtesten Gemälden, zwis­chen früh­ling­shaften Son­nen­blu­men in Vasen, Weizen­feldern, die vor einem verträumten blauen Him­mel glitzern, Nächt­en voller Sterne und Licht, dem Nacht­café oder der Kirche von Auvers, befind­et sich ein Gemälde mit dem Titel Selb­st­bild­nis mit ban­dagiertem Ohr. Es wurde 1889 gemalt und ist heute im Som­er­set House in Lon­don zu sehen. Das Gemälde zeigt van Gogh mit ein­er Pelzmütze und einem grü­nen Man­tel, sein recht­es Ohr ist ban­dagiert. Es ent­stand nach einem Vor­fall, der sich im Jahr zuvor ereignet hat­te und Vin­cent vom Opti­mis­mus, im son­ni­gen, verträumten Arles zu leben, in die Ago­nie ver­set­zte. Vin­cent hat­te davon geträumt, in Arles eine Gemein­schaft von Kreativ­en zu schaf­fen, aber die Real­ität entsprach nicht ganz seinen Vorstel­lun­gen. Sein Fre­und Paul Gau­guin, den er in Paris ken­nen­gel­ernt hat­te, fol­gte zwar sein­er Ein­ladung, bei ihm zu wohnen, aber ihre Fre­und­schaft war inten­siv, müh­sam und gewalt­tätig. Es kam häu­fig zu Stre­it­igkeit­en, aber umso inten­siv­er war auch Vin­cents Bindung an Paul. Um Wei­h­nacht­en 1888, als sich die Lage nicht besserte, kündigte Gau­guin an, dass er abreisen würde. Vin­cent war entset­zt, seine Angst vor dem Ver­lassen­wer­den schien auf dem Höhep­unkt ihres Schreck­ens zu sein. Der Griff um seinen Hals wurde fes­ter, als er merk­te, dass er von seinem Fre­und ver­lassen wer­den würde.

“Selb­st­bild­nis mit ban­dagiertem Ohr” (1889)

Wenn eine Bor­der­line-Per­sön­lichkeit mit der Gefahr des Ver­lassen­wer­dens kon­fron­tiert wird, entste­ht in ihr ein unvorstell­bar­er Druck. Bei eini­gen Patient*innen ent­facht dieser Druck eine rasende, unkon­trol­lier­bare Wut; andere fühlen sich dazu getrieben, sich selb­st zu ver­let­zen. Van Goghs Laune schlug direkt in Wut um. In einem Rausch fol­gte er Gau­guin auf die Straße und bedro­hte ihn mit einem Rasier­mess­er. Unmit­tel­bar danach stürzte ihn seine Wut in  Selb­stzer­störung und eine man­is­che Psy­chose. Er schnitt sich selb­st ein Ohr ab und über­gab es sein­er Lieblings-Pros­ti­tu­ierten, nur um am näch­sten Mor­gen in sein blut­getränk­tes Zim­mer zurück­zukehren. Er kon­nte sich nicht daran erin­nern, was geschehen war.7 Hätte er sich erin­nert, wäre er wahrschein­lich nicht in der Lage gewe­sen, die hoch emo­tionalen Aggres­sio­nen nachzuempfind­en, die ihn wehr­los hin und her zer­rten wie eine Plas­tik­tüte im Wind. Er wurde an diesem Tag ins Kranken­haus gebracht. Einige Monate später malte er das Selb­st­porträt mit ban­dagiertem Ohr.

Jed­er Men­sch, der unter divergieren­den affek­tiv­en Zustän­den lei­det, hat ein paar Schlüs­sel­mo­mente in seinem Leben, die jene Bruch­punk­te definieren, welche eine wahrhafte Verän­derung nach sich ziehen. Ich glaube, dass das Ende der Fre­und­schaft mit Gau­guin und das Durch­laufen ein­er bor­der­po­laren psy­cho­tis­chen Episode der endgültige Schlag für Vin­cent war. Die Einwohner*innen von Arles drängten ihn, sich in eine Klinik zu begeben, nicht unbe­d­ingt auf die netteste Art und Weise; sie beschimpften ihn, macht­en sich über ihn lustig und waren entset­zt über sein Ver­hal­ten. Die Entschei­dung, sich in die Ner­ven­heilanstalt von Saint Rémy einzuweisen, war jedoch seine eigene. Er wollte gesund wer­den. Und dort, geschützt vor sein­er Selb­stzer­störung, sein­er Sucht und seinen stören­den Gewohn­heit­en, fand er die Ruhe, um zu malen — nicht weniger als 150 Bilder, von denen einige zu seinen bekan­ntesten wer­den sollten. 

“Obwohl ich mich oft im tiefsten Elend befinde, gibt es in mir immer noch Ruhe, reine Harmonie und Musik. Ich sehe Gemälde oder Zeichnungen in den ärmsten Hütten, in den schmutzigsten Ecken. Und mein Geist wird mit einem unwiderstehlichen Schwung zu diesen Dingen getrieben.” 8

Ein Auf­schwung, der drin­gend nötig war. Van Gogh war anfangs nicht so begabt, wie er es gegen Ende sein sollte. Seine erste Anstel­lung war die eines Kun­sthändlers in der Galerie Goupil in Den Haag, um seine arme Fam­i­lie zu unter­stützen. 1873 wurde er in die Lon­don­er Fil­iale ver­set­zt, wo eine erfol­glose Romanze seine Tätigkeit als Kun­sthändler in den Beruf des Priesters ver­wan­delte. Er ver­brachte etwa sieben Jahre als Mann Gottes, entsch­ied sich aber schließlich, Kün­stler zu wer­den und 1880 nach Brüs­sel zu ziehen — nicht ganz frei­willig, da die Kirche seinen Ver­trag kündigte. In Brüs­sel, im Alter von etwa 27 Jahren, wurde Vin­cent zum Auto­di­dak­ten. Eines sein­er ersten berühmteren Gemälde, Die Kartof­fe­less­er, ent­stand in Brüs­sel. Vin­cent war jedoch davon besessen, seine Kun­st nach Frankre­ich zu brin­gen. Nach­dem er von Ort zu Ort durch Europa gereist war, zog er schließlich 1888 nach Arles in Süd­frankre­ich. Sein Gesund­heit­szu­s­tand ver­schlechterte sich auf­grund ein­er Diät, die haupt­säch­lich aus Kaf­fee und Absinth bestand. Vin­cents Leben war bis zu diesem Zeit­punkt nicht ein­fach gewe­sen, geprägt von unglück­lichen Liebe­saf­fären, ein­er ein­samen und hoff­nungslosen Wan­derung durch Europa in der Hoff­nung, seine Beru­fung zu find­en. Abge­se­hen von seinen Sücht­en ver­schlim­merte sich Vin­cents Nei­gung zur man­is­chen Depres­sion, Melan­cholie und Ein­samkeit, ins­beson­dere nach dem bere­its erwäh­n­ten Kon­flikt mit Paul Gau­guin in Arles. 

Schließlich lan­det er in der Anstalt Saint-Paul-de-Mau­sole in Saint-Rémy-de-Provence.  Er bleibt dort ein Jahr lang und schafft 150 Gemälde. In der Anstalt malt Vin­cent das, was er von seinem Zim­mer aus sehen kon­nte, wie efeube­wach­sene Bäume, Flieder und Schwertlilien im Garten. Wenn er auch draußen malen durfte, erweck­ten Weizen­felder, Oliven­haine und Zypressen der Provence in ihm die Muse. Die Ster­nen­nacht, sein wohl berühmtestes Gemälde, ent­stand in der Anstalt. Vin­cents geistige Gesund­heit schwank­te während seines Aufen­thalts in Saint-Rémy. Er hat­te nicht das Gefühl, dass es ihm wesentlich bess­er ging. Nach­dem der Arzt Paul Gachet vorschlug, ihn als Patien­ten aufzunehmen, reiste Vin­cent nach Auvers-sur-Oise in der Nähe von Paris ab, wo er schließlich einen Selb­st­mord­ver­such unter­nahm und einige Tage später starb. 

“Was den Sternenhimmel betrifft, so hoffe ich immer noch sehr, ihn zu malen, und vielleicht werde ich an einem dieser Abende auf demselben gepflügten Feld sein, wenn der Himmel hell funkelt.”9

“Die Ster­nen­nacht” (1889) von Vin­cent Van Gogh.

Es ist eines der berühmtesten Gemälde der Welt und befind­et sich seit den 1940er Jahren im MoMA (Muse­um of Mod­ern Art) in New York City. In der Ster­nen­nacht, einem Teil von van Goghs Nacht Serie, kom­men meines Eracht­ens Vin­cents Geist und Herz in über­wälti­gen­der Schön­heit zum Vorschein. Die Art und Weise, wie sein Schmerz, der aus ein­er tiefen Ent­frem­dung von der Welt, der Liebe und dem eige­nen Selb­st her­rührt, in Ster­nen­nacht in eine fast med­i­ta­tive Land­schaft geze­ich­net wird, ist einzi­gar­tig. Beim Betra­cht­en des Gemäldes empfinde ich Ruhe, Gelassen­heit, ja sog­ar ein Innehal­ten des Wirbel­sturms in meinem eige­nen Kopf. Ich frage mich, ob Vin­cent das­selbe emp­fun­den hat, als er es malte. Manche sehen darin den Kon­flikt eines nervösen Mannes mit seinen Äng­sten, der sich damit abfind­et, dass er von einem gren­zw­er­ti­gen Herzen zwis­chen Liebe und Hass, Angst und Hoff­nung hin und her gewor­fen wird. Im Glauben, dass es sich bei der Aus­sicht um das han­delt, was er 1889 durch das Fen­ster seines Zim­mers in der Anstalt von Saint-Rémy sehen kon­nte, muss Vin­cent einen tiefen philosophis­chen Trost in dem Nachthim­mel gefun­den haben, der über der Stadt ruhte, aus der er ver­trieben wor­den war. Der hell leuch­t­ende Mond und die Sterne, die ihn umgeben, haben etwas Inva­sives an sich, eine Unter­brechung der Decke der Dunkel­heit und der Ruhe, die ein wildes Herz besän­fti­gen und beruhi­gen kann. Die wirbel­nden Wolken, die durch den Ster­nen­him­mel ziehen, wirken dage­gen so san­ft und glück­selig wie ein leichter Som­mer­wind, der san­ft über die Haut stre­icht. Vor all dem liegt die Stadt, endlich ruhig, für einen lan­gen Moment kön­nen alle neg­a­tiv­en Gefüh­le ruhen.

Andere Inter­pre­ta­tio­nen lesen in Vin­cents Ster­nen­nacht ein Gefühl der Unruhe, einen nervösen und anges­pan­nten Geis­teszu­s­tand, der durch das Spiel von Licht und Dunkel­heit noch ver­stärkt wird. In diesen Lesarten ste­ht das Dorf unter ihm für die Ruhe, die er suchte, und die erleuchteten Fen­ster der Häuser ste­hen für die Hoff­nung auf die Zukunft.

“Ich möchte jet­zt unbe­d­ingt einen Ster­nen­him­mel malen. Ich habe oft den Ein­druck, dass die Nacht noch far­ben­prächtiger ist als der Tag, in den inten­sivsten Violett‑, Blau- und Grün­tö­nen. Wenn man genau hin­schaut, sieht man, dass einige Sterne zitro­nen­gelb, andere rosa, grün und ver­giss­mein­nicht­blau schim­mern. Und ohne zu übertreiben, ist es klar, dass es für einen Ster­nen­him­mel nicht aus­re­icht, weiße Fleck­en auf blauschwarzem Grund zu malen”,

beschreibt van Gogh in einem Brief aus dem Jahr 1888 seine Fasz­i­na­tion für den nächtlichen Him­mel.10 Es wäre zumal nicht ungewöhn­lich für Patient*innen, die unter psy­chis­chen Prob­le­men lei­den, Zuflucht in der Poe­sie des Nachthim­mels und seinen vie­len Ster­nen, die in reich­haltig­ste Dunkel­heit ein­genäht scheinen, zu suchen. 

Kom­pos­i­torisch lädt Ster­nen­nacht dazu ein, den Blick schweifen zu lassen und dem vielschichti­gen Arrange­ment aus dem dom­i­nan­ten Nachthim­mel, ein­er Zypresse, die der Form von Flam­men gle­icht, und dem Dorf, das das Bild auf der recht­en Seite ein­rahmt, zu fol­gen. Was der Wahrnehmung partout nicht ent­ge­ht, sind die wirbel­nden For­men, die dem Him­mel eine Dynamik ver­lei­hen, die ihn beim Betra­cht­en fast lebendig wer­den lässt. Dicke Pin­sel­striche ver­schmelzen zu Gelb‑, Weiß- und Blautö­nen. Van Goghs Pin­selführung, die Anord­nung von Licht und Farbe und die starke Stil­isierung dessen, was er am Nachthim­mel sah, haben eine fast hal­luzino­gene Wirkung. Wenn man genau hin­sieht, kön­nte das Gemälde fast in Bewe­gung ger­at­en. Man kön­nte sog­ar von ein­er abstrak­ten Herange­hensweise an das Malen der Szene sprechen, die vielle­icht durch seine frühere enge Fre­und­schaft mit Gau­guin ent­standen ist. Etwas, das an sich schon so bewe­gend ist wie der Nachthim­mel, wird durch Vin­cents Schmerz und Sehn­sucht zu ein­er psy­che­delis­chen, großar­ti­gen Erfahrung gefiltert, die den Wun­sch weckt, sich tiefer damit zu beschäftigen.

“Die Fischer wissen, dass das Meer gefährlich und der Sturm furchtbar ist, aber sie haben diese Gefahren nie als ausreichenden Grund empfunden, an Land zu bleiben” 11 — Das Ende von van Goghs Geschichte

An einem Som­mertag im Juli 1890 ver­ließ Vin­cent das Gasthaus in Auvers-sur-Oise, in dem er während sein­er merk­würdi­gen Fre­und­schaft mit seinem Arzt Gachet gewohnt hat­te. Als er später am Tag zurück­kam, ver­barg er seinen blutüber­strömten Bauch mit den Hän­den und drängte sich an den Gästen des Gasthaus­es vor­bei. Müh­sam humpelte er die Treppe zu seinem Zim­mer hin­auf, gefol­gt vom Besitzer des Gasthaus­es, Gus­tave Ravoux. Ihm ges­tand er, dass er sich selb­st ver­let­zt hat­te. Als Gus­tave seine Hände von der Wunde hob, sah er die Schuss­wunde, die van Gogh sich zuge­fügt hat­te. Sofort wurde sein Brud­er Theo benachrichtigt, in dessen Armen er schließlich zwei Tage später starb.12 

Der Tod van Goghs bleibt ein Kurio­sum. Ver­schwörungs­the­o­rien ranken sich um ihn wie die Diag­nosen um Vin­cents Herz. Es ist intu­itiv anzunehmen, dass Vin­cent sich erschossen hat, ein ein­sames Ende eines ein­samen Lebens, ein let­zter Tri­umph im Kampf mit den eige­nen Dämo­nen. Die sich selb­st erfül­lende Prophezeiung, die der Arche­typ des Kün­stlers immer mit sich zu tra­gen scheint. Dies scheint die Antwort zu sein, die er der Welt mit­teilen wollte, das Geständ­nis, das er der Polizei, Gus­tav und Theo gegenüber ablegte. Es wird jedoch darauf hingewiesen, dass eine Rei­he von Details van Goghs Todes nicht auf einen Selb­st­mord hin­deuten, wie zum Beispiel der Winkel, aus dem er erschossen wurde.12,13 

Vin­cent soll in Auvers-sur-Oise sta­bil­er gewe­sen sein als in den Jahren zuvor. “‘Ich füh­le mich abso­lut ruhig und in einem nor­malen Zus­tand’. Das schreibt er mir sechs Wochen vor seinem Tod. Wie kann ein Mann inner­halb von sechs Wochen von einem abso­lut ruhi­gen Zus­tand zu einem selb­st­mörderischen Zus­tand überge­hen?”, fragt sich die Fig­ur des irischen Komik­ers Chris O’Dowd, ein Post­bote, in Lov­ing Vin­cent von 2017.12 

Van Gogh war über­all in Aufruhr — in der Kirche, in der Künstler*innenszene in Paris, in der Gemeinde Arles und auch in Auvers-sur-Oise. In Auvers-sur-Oise war nicht alles schlecht. Er führte eine zarte Romanze mit der Tochter von Gachet, fühlte sich im Gasthaus von Gus­tave wohl und stand seinem Brud­er Theo sehr nahe. Auch wenn sein Ver­such, dazuzuge­hören, nicht immer erfol­gre­ich war, gab es für Vin­cent Momente des Glücks, Momente des Friedens. Ent­stand sein Selb­st­mord nicht aus einem Impuls her­aus, son­dern aus Ver­nun­ft? Hat er in aller Ruhe beschlossen, seinem Leben ein Ende zu set­zen? Oder gab es eine Per­son, mit der er im Kon­flikt stand, vielle­icht sog­ar mit seinem Arzt Gachet, der ihm seine Fähigkeit­en nei­dete und selb­st ein gescheit­ertes Kün­stler­leben führte? Für Men­schen mit affek­tiv­en Störun­gen braucht es oft keinen schar­fen Aus­lös­er, keinen laut­en Knall, um den let­zten Schritt zum Ende zu tun. Und selb­st in dem Fall, dass Vin­cent sich nicht selb­st erschossen hat, war es seine Entschei­dung, sich im Laufe der näch­sten zwei Tage dem Tod zu ergeben. “Die Trau­rigkeit wird für immer anhal­ten,” ges­tand er.2 

Sonnenschein durch zerbrochenes Glas

Ein wildes und verzweifeltes Herz wie das von Vin­cent hat seine eigene Schön­heit. Dank sein­er Sen­si­bil­ität, sein­er emo­tionalen Inten­sität und sein­er Depres­sion war er nicht nur in der Lage, die Son­nen­blu­men­felder und den tur­bu­len­ten Nachthim­mel zu schätzen, son­dern er erweck­te sie zum Leben. Er ging in ihnen auf, ver­wan­delte sie in raue Schön­heit und schuf Werke, die bis heute nicht nur jene Herzen bewe­gen, die der Affek­tiv­ität auf die gle­iche Weise erlegen sind. Er sah die Sonne durch zer­broch­enes Glas, aber jede*r, die die Welt schon ein­mal durch zer­broch­ene Pris­men betra­chtet hat, weiß um all ihre Facetten, die für alle anderen im Schat­ten ver­bor­gen bleiben.

“Was bin ich in den Augen der meisten Menschen — ein Nichts, ein Exzentriker oder ein unangenehmer Mensch — jemand, der keine Stellung in der Gesellschaft hat und nie haben wird, kurzum, der Niedrigste der Niedrigen. Also gut — selbst wenn das absolut wahr wäre, dann möchte ich eines Tages durch meine Arbeit zeigen, was ein solcher Exzentriker, ein solcher Niemand, in seinem Herzen hat.” 8


1 Vin­cent van Gogh. Let­ter to Theo van Gogh. Writ­ten July 1880 in Cuesmes. Trans­lat­ed by Mrs. Johan­na van Gogh-Bonger, edit­ed by Robert Har­ri­son, num­ber 133.
2 The sad­ness will last for­ev­er” Theo van Gogh. Let­ter to Elis­a­beth van Gogh. Writ­ten 5 August 1890 in Paris. Trans­lat­ed and edit­ed by Robert Har­ri­son.
3 Gun­der­son, J. G., & Links, P. S. (2008). Bor­der­line per­son­al­i­ty dis­or­der: A clin­i­cal guide. Amer­i­can Psy­chi­atric Pub­lish­ing. 
4 psychiatrictimes.com/view/borderpolar-patients-borderline-personality-disorder-and-bipolar-disorder
5 Mem­oir of Johan­na Bongers http://www.tfsimon.com/auvers-sur-oise.html
6 Let­ter from Vin­cent van Gogh to His Par­ents, Auvers-sur-Oise, c. 12 June 1890
7https://www.straitstimes.com/lifestyle/arts/did-van-gogh-cut-off-his-ear-because-his-brother-was-engaged
8 Let­ter from Vin­cent van Gogh to Theo van Gogh, The Hague, 21 July 1882
9 Let­ters to Theo van Gogh, Date: Arles, Tues­day, 25 Sep­tem­ber 1888, 687 (691, 541a): To Theo van Gogh. Arles, Tues­day, 25 Sep­tem­ber 1888. — Vin­cent van Gogh Let­ters
10 Let­ter to Willemien van Gogh, Date: Arles, Sun­day, 9 and about Fri­day, 14 Sep­tem­ber 1888, 678 (681, W7): To Willemien van Gogh. Arles, Sun­day, 9 and about Fri­day, 14 Sep­tem­ber 1888. — Vin­cent van Gogh Let­ters
11 Vin­cent Van Gogh, Let­ter to Theo van Gogh, 16 May 1882
12 Lov­ing Vin­cent. (2017). [Film]. Poland, UK.
13 Vin­cent van Gogh’s Death: Sui­cide or Mur­der? – The OLu MUSE
14 At Eternity’s Gate. (2018). USA, France.
15https://www.vangoghmuseum.nl/en/art-and-stories/vincents-life-1853–1890/hospitalization


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