Sex, Lügen und Hegel: Hat das intime Leben von Philosophinnen ihre Ideen geprägt?

Wie hat das Intim­leben der großen Philosoph*innen ihre Ideen geprägt? Haben ihre eng­sten Beziehun­gen zu Fam­i­lien, Ehepartner*innen, Lebensgefährt*innen und heim­lichen Liebhaber*innen ihre Philoso­phien beeinflusst?

TEXT Hugh Breakey ÜBERSETZUNG Lara Helena KORREKTORAT Clemens Hübner FOTO Wikicommons 
Simone de Beau­voir and Jean-Paul Sartre in Bei­jing, 1955. Wiki­me­dia commons 

Wie hat das Intim­leben der großen Philosoph*innen ihre Ideen geprägt? Haben ihre eng­sten Beziehun­gen zu Fam­i­lien, Ehepartner*innen, Lebensgefährt*innen und heim­lichen Liebhaber*innen ihre Philoso­phien beeinflusst?

Diesen Fra­gen geht War­ren Ward in seinem neuen Buch Lovers of Phi­los­o­phy: How the Inti­mate Lives of Sev­en Philoso­phers Shaped Mod­ern Thought auf den Grund.

Als Psy­chi­ater und Psy­chother­a­peut bringt Ward sowohl Fach­wis­sen als auch ein lei­den­schaftlich­es Inter­esse mit. Sein The­ma ist die kon­ti­nen­tale Philoso­phie von der Aufk­lärung bis zum späten 20. Jahrhun­dert. Er taucht ein in das Leben der bekan­ntesten Philosophen dieser Zeit: Kant, Hegel, Niet­zsche, Hei­deg­ger, Sartre, Fou­cault und Derrida.

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Neben der Erforschung des Zusam­men­hangs zwis­chen Intim­ität und Philoso­phie hat dieses Buch noch ein weit­eres Ziel. Ward erin­nert sich, dass er von der über­wälti­gen­den Autorität der philosophis­chen Größen eingeschüchtert war. Seine Sichtweise änderte sich, als er Simone de Beau­voirs auto­bi­ografis­chen Roman She Came to Stay (1943) las. Die ungeschönte Darstel­lung ihres Geliebten Jean-Paul Sartre ließ den imposan­ten Philosoph zugänglich­er erscheinen.
Lovers of Phi­los­o­phy dient als Ein­stieg für all jene, die daran erin­nert wer­den müssen, dass die großen Philosoph*innen eben­so fehler­hafte und kom­plexe men­schliche Wesen sind wie wir alle.

Eine greifbare und spannende Geschichte

Ward wird seinen Ambi­tio­nen gerecht. Voller Erken­nt­nisse und weit mehr als nur ein paar Aufre­gun­gen und Intri­gen ist Lovers of Phi­los­o­phy angenehm leicht zu lesen.

Mit drama­tis­chem Gespür erzählt Ward von der Aufre­gung der ersten Begeg­nun­gen zwis­chen den Philosoph*innen und ihren zukün­fti­gen Liebhaber*innen. Er beschreibt die Ver­tiefung und das Fortschre­it­en ihrer Beziehun­gen sowie ihre Erfahrun­gen mit dem ver­heeren­den Scheit­ern und der bren­nen­den Ablehnung. Obwohl es unmöglich ist, ein solch­es Werk von allen Skan­dalen und Anzüglichkeit­en zu befreien, behan­delt Ward seine Sub­jek­te mit Achtung und Sorgfalt.

Auch philosophis­che Ereignisse wer­den zum Leben erweckt. Ward baut eine spür­bare Span­nung auf, wenn er uns in die geschäftige Menge ein­führt, die auf Sartres berühmte öffentliche Vor­lesung “Exis­ten­tial­is­mus ist ein Human­is­mus” wartet. Wir wer­den diskret in einen stillen Saal geführt, um Zeuge von Fou­caults bril­lanter Vertei­di­gung sein­er Dis­ser­ta­tion im Kreuzver­hör zu werden.

Wards psy­chol­o­gis­che Erken­nt­nisse sind über­legt und nachvol­lziehbar. Wenn über­haupt, wäre ein wenig mehr psy­chol­o­gis­ches The­o­retisieren willkom­men gewe­sen. Schließlich haben viele der von ihm behan­del­ten Philosoph*innen — ins­beson­dere Niet­zsche und Fou­cault — die Psy­chi­a­trie nach­haltig geprägt. Es ist reizvoll, über die mögliche Rück­führung ihrer eige­nen Erken­nt­nisse auf sie selb­st zu reflektieren.

Die Inten­sität von Wards Psy­cho­analyse nimmt deut­lich zu, je weit­er wir in der Zeit fortschre­it­en. Die his­torischen Aufze­ich­nun­gen über das Leben von Sartre, de Beau­voir, Fou­cault und Der­ri­da sind detail­liert­er als die früher­er Denker, so dass Ward mit größer­er Zuver­sicht und Nuancierung sprechen kann.

Der Schw­er­punkt des Buch­es liegt, wie der philosophis­che Kanon selb­st, auf Män­nern. Den­noch durch­dringt die intellek­tuelle Kraft philosophis­ch­er Frauen das Buch. Am deut­lich­sten wird dies an den Beispie­len von Han­nah Arendt und Simone de Beau­voir. Das Leben und die Liebe dieser bei­den Philosophin­nen wird aus­führlich erforscht, und zwar nicht nur im Hin­blick auf ihre Beziehun­gen zu Hei­deg­ger bzw. Sartre.

Dieses intellek­tuelle Gewicht zeigt sich auch in Wards Erörterung des Ein­flusses weniger bekan­nter Per­sön­lichkeit­en, die als Ver­traute und Gesprächspart­ner fungierten, wie etwa die Essay­istin und Kün­st­lerin Gräfin Car­o­line von Key­ser­lingk (für Kant) und die in Rus­s­land geborene Psy­chother­a­peutin Lou Salome (für Nietzsche).

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Wards Buch ist nicht zu sehr auf Philoso­phie aus­gerichtet. Es konzen­tri­ert sich stark auf Fam­i­lien, Liebhaber*innen und Lebenspartner*innen. Es erfasst auch die Tur­bu­len­zen von Krankheit­en, Rev­o­lu­tio­nen und Kriegen, die Europa in dieser Zeit heim­sucht­en. Zwis­chen den von Ward unter­sucht­en Per­sön­lichkeit­en liegt in der Regel etwa eine Gen­er­a­tion, sodass jedes Kapi­tel biografisch und philosophisch dort anknüpfen kann, wo das let­zte aufge­hört hat.

Ward bietet jedoch zugängliche Über­sicht­en über die wichtig­sten the­o­retis­chen Ideen sein­er Philosoph*innen, wobei er oft deren eigene Worte ver­wen­det, um ihre Per­spek­tiv­en zu erläutern. Dies bietet genü­gend philosophis­ches Mate­r­i­al, um die Art und Weise zu erörtern, wie die Kon­flik­te und Lei­den­schaften der Philosoph*innen ihre Ideen bee­in­flusst haben kön­nten, obwohl es einige Momente gibt, in denen Wards Diskus­sion ein wenig aus dem Rah­men fällt.

So wäre es zum Beispiel für Kant —  und mehr noch für seine Vorgänger Thomas Hobbes und David Hume — eine Über­raschung gewe­sen, zu erfahren, dass er die erste rein säku­lare Moral­philoso­phie seit der hel­lenis­tis­chen Zeit entwer­fen wollte.

Han­nah Arendt 1933 / Wikicommons

Die Humanisierung des Kanons

Aus Wards auf­schlussre­ich­er Reise durch die Geschichte der Philoso­phie lässt sich viel ler­nen. Seine Unter­suchung erin­nert uns auf hil­fre­iche Weise daran, dass diese erhabenen Per­sön­lichkeit­en zwar zu Autoritäten wur­den, deren Namen in respek­tvollem Ton­fall zitiert wer­den, ihre Autorität aber hart erkämpft wurde.

Alle von ihm unter­sucht­en Philosophen hat­ten rev­o­lu­tionäre Ideen. Sie ver­sucht­en, sich von Annah­men und Per­spek­tiv­en zu lösen, die seit Jahrhun­derten oder sog­ar Jahrtausenden gal­ten. Um eine “große” Philosophin oder ein “großer” Philosoph zu sein, muss man zwangsläu­fig etwas wirk­lich Orig­inelles ein­führen oder Ideen in Frage stellen, die bish­er nicht in Frage gestellt wurden.

Der Weg philosophis­ch­er Revolutionär*innen ist hart und schwierig, aber Wards Biografien bieten eine unter­halt­same Rei­he von Geschicht­en, die “vom Teller­wäsch­er zum Mil­lionär” führen. Sie zeich­nen den Weg jed­er Philosoph*innen von der Ket­zerei oder Irrel­e­vanz bis zur philosophis­chen und oft auch gesellschaftlichen Beach­tung nach (mit der nen­nenswerten Aus­nahme von Niet­zsche, der zu Lebzeit­en wenig Anerken­nung erhielt).

Das Bewusst­sein für die oft schwieri­gen Leben­sum­stände der Philosoph*innen, für die Mühe und Aufopfer­ung, die sie in ihre Philoso­phie gesteckt haben, und für die per­sön­lichen Kämpfe, die ihr Denken geprägt haben, kann dazu beitra­gen, dass die Leser*innen mehr Ver­ständ­nis für ihre Ideen aufbringen.

Viele von Wards Philosoph*innen haben schwere Zeit­en durch­lebt. In Kants und Hegels Fam­i­lien erre­ichte fast die Hälfte der Kinder nicht die Volljährigkeit. Der frühe Tod geliebter Eltern ist ein ständi­ger Refrain.

Wenn man diese Her­aus­forderun­gen und Ver­luste ver­ste­ht, kann man bess­er nachvol­lziehen, wie kon­train­tu­itive und sog­ar radikale Ideen für die Autoren in Anbe­tra­cht ihrer Lebenssi­t­u­a­tion und der per­sön­lichen Geschichte, die sie dor­thin geführt hat, Sinn gemacht haben können.

Die dunkle Seite der Träumer

Es ist nicht zu überse­hen, dass diese geschätzten Philosoph*innen auch ihre Schat­ten­seit­en hat­ten. Wards Erkun­dung ihrer inti­men Beziehun­gen deckt frag­würdi­ge Aspek­te ihrer Per­sön­lichkeit­en auf, mitunter bis zu dem Grad, an dem dies in Zweifel zieht, wie wir über ihre Werke denken sollten.

Viele ihrer per­sön­lichen Entschei­dun­gen waren schon zu Lebzeit­en skan­dalös und wirken aus heutiger Sicht noch schock­ieren­der. Neben den zahlre­ichen Untreue­fällen find­en sich auch zahlre­iche Lieb­schaften zwis­chen Lehrer*innen und Schüler*innen (Hei­deg­ger und Arendt, de Beau­voir und Olga Kosakiewicz, Fou­cault und Daniel Defert).

Selb­st zwis­chen Therapeut*in und Patient*in kam es zu unangemesse­nen Ver­hält­nis­sen. In späteren Jahren begann Sartre, eine neue Art von Psy­chother­a­pie durchzuführen, die auf sein­er exis­ten­zial­is­tis­chen Philoso­phie basierte. Schon bald nahm er eine sein­er neuen Patient*innen, die 19-jährige Arlette Elka­im, zu sein­er Geliebten. Bald darauf adop­tiert er sie — in ein­er selt­samen Wen­dung — rechtlich als Tochter.

Der Leser wird mit Hegels erschüt­tern­der Weigerung kon­fron­tiert, sein Ver­sprechen, die Mut­ter seines une­he­lichen Sohnes zu heirat­en, einzuhal­ten, wodurch er sie allein und mit­tel­los zurück­ließ und seinen Sohn dem Elend eines Waisen­haus­es über­ließ. Bei­de star­ben schließlich unter tragis­chen Umständen.

Ein weit­eres Beispiel ist Hei­deg­gers erschreck­ender Anti­semitismus, ganz zu schweigen von sein­er Mit­glied­schaft in der Nazi­partei. Der­ri­da und Sartre kon­nten in ihrer Ver­fol­gung sex­ueller Gelüste ger­adezu boshaft sein. In all dem gibt es wenig Anze­ichen dafür, dass moral­isierende Philosoph*innen ethisch bess­er sind als irgend­je­mand anderes.

Niet­zsche und Kant heben sich von dieser Anklage etwas ab, wenn auch auf unter­schiedliche Weise. Kants Intim­leben entspricht in etwa dem, was man von einem Autor des Kat­e­gorischen Imper­a­tivs erwarten würde. Abge­se­hen von ein­er merk­würdi­gen Phase der Lust­losigkeit in der Mitte seines Lebens, in der er Bil­lard­hallen und Spiel­höhlen auf­suchte, ver­hielt sich Kant in seinen inti­men Beziehun­gen mit Würde und Gewis­senhaftigkeit. In der Tat scheinen seine Vor­sicht und seine Zurück­hal­tung in Herzen­san­gele­gen­heit­en fast stereo­typ zu sein.

Niet­zsche ist wieder anders. Angesichts der expliziten Frauen­feindlichkeit in seinen veröf­fentlicht­en Werken ist an seinem pri­vat­en Umgang mit Frauen erstaunlicher­weise wenig auszuset­zen. Der selb­ster­nan­nte “Immoral­ist” hat es in seinem Pri­vatleben nicht geschafft, den hohen Ansprüchen sein­er ethis­chen Philoso­phie gerecht zu wer­den, son­dern lädt eher zum gegen­teili­gen Vor­wurf ein.
Er hat es ver­säumt, in sein­er Philoso­phie den Respekt zum Aus­druck zu brin­gen, den er in seinem Leben den bei­den außergewöhn­lichen, freigeisti­gen und äußerst intel­li­gen­ten Frauen ent­ge­gen brachte, die zu ver­schiede­nen Zeit­en sein Herz eroberten: Cosi­ma von Bülow (Richard Wag­n­ers Geliebte und spätere Ehe­frau) und die bahn­brechende Psy­cholo­gin Lou Salome.

Der Einfluss des Privatlebens auf philosophische Ideen

Wards Pro­jekt, den Ein­fluss des Pri­vatlebens auf das philosophis­che Denken nachzuze­ich­nen, birgt sowohl eine wis­senschaftliche Gefahr als auch ein intellek­tuelles Ver­sprechen in sich.

Die Gefahr ist ver­gle­ich­bar mit den Her­aus­forderun­gen, die sich ergeben, wenn man den Ein­fluss eines philosophis­chen Werks auf ein späteres Werk nachze­ich­net. Wie der Philosoph Quentin Skin­ner her­vorge­hoben hat, ist es nur allzu leicht, Berührungspunk­te zwis­chen einem philosophis­chen Sys­tem und einem anderen zu finden.

Philosophis­che Sys­teme, die oft über ein ganzes Leben hin­weg entwick­elt und durch Veröf­fentlichun­gen, Reden und Diskus­sio­nen ver­mit­telt wer­den, sind reich­haltige, dynamis­che, nuancierte und oft leicht wider­sprüch­liche intellek­tuelle Schöp­fun­gen. Das bedeutet, dass es immer Über­schnei­dun­gen und Ähn­lichkeit­en zwis­chen den einzel­nen Sys­te­men geben wird. Wir müssen uns davor hüten, aus diesen Ähn­lichkeit­en zu viel zu machen.

Das­selbe gilt für die Erforschung der Über­schnei­dun­gen zwis­chen dem men­schlichen Leben und den philosophis­chen The­o­rien. Ein men­schlich­es Leben ist von Anfang bis Ende genau­so reich, dynamisch, nuanciert und wider­sprüch­lich wie jedes philosophis­che Sys­tem. Alle Men­schen haben ihre kom­plex­en Biogra­phien und Lebenswege, ihre Fam­i­lien und Beziehun­gen, ihre Geheimnisse und Intri­gen, ihre einzi­gar­ti­gen Psy­cholo­gien und Gedanken. Sie alle wer­den von den Ideen, der Sprache und den Prak­tiken der herrschen­den Kul­tur beeinflusst.

Wenn wir ein men­schlich­es Leben auf ein philosophis­ches Sys­tem über­tra­gen, wer­den wir unweiger­lich ver­lock­ende Par­al­le­len find­en. Es kann gut sein, dass die Kon­flik­te in Hegels per­sön­lichem Leben dazu beitrug, seinen dialek­tis­chen Ide­al­is­mus voranzutreiben.

Vielle­icht trieb Niet­zsche das ungute Gefühl, dass etwas Wichtiges in ihm starb, nach­dem er von Lou Salome zurück­gewiesen wor­den war, dazu, seine berühmte Erk­lärung “Gott ist tot” zu schreiben.

Vielle­icht haben die wech­sel­nden Vorstel­lun­gen von Iden­tität (franzö­sisch, algerisch, amerikanisch, jüdisch), die Der­ri­das früh­es Leben beherrscht­en, seine späteren Ein­sicht­en über die Bedeu­tung, aber auch die Plas­tiz­ität von Sprache und ihrer Kon­struk­tion bee­in­flusst. Diese Über­schnei­dun­gen kön­nten aber auch rein zufäl­lig sein. Die Gefahr der Vor­ein­genom­men­heit durch Bestä­ti­gung ist allgegenwärtig.

Der franzözis­che Philosoph und Sozialthe­o­retik­er Michel Fou­cault. / Quelle: Wiki­com­mons

Der “Streetlight-Effekt”

Den­noch soll­ten wir Unter­suchun­gen wie die von Ward nicht vorschnell bei­seite schieben, denn hier lauert eine weit­ere kog­ni­tive Täuschung, die manch­mal als “Street­light-Effekt” beze­ich­net wird.

Der Name leit­et sich von ein­er kuriosen Para­bel über einen betrunk­e­nen Mann ab, der unter ein­er Straßen­later­ne nach seinen Schlüs­seln sucht. Ein Polizeibeamter kommt vor­bei und hil­ft ihm, aber als sie die Schlüs­sel nicht find­en, fragt der Beamte den Mann, ob er sich­er sei, dass er sie hier ver­loren habe. Der Mann antwortet, er habe die Schlüs­sel im nahe gele­ge­nen Park ver­loren. Auf die Frage des Polizis­ten, warum er sie hier suche, antwortet der Mann: Weil hier das Licht ist.

Wenn wir nach den Ein­flüssen suchen, die zur Entste­hung bahn­brechen­der philosophis­ch­er Werke beige­tra­gen haben, kön­nen wir ver­suchen, Speku­la­tio­nen zu ver­mei­den, indem wir uns auf greif­bare und nach­prüf­bare Fak­ten konzen­tri­eren: dass ihre wis­senschaftlichen Mentor*innen so und so hießen oder dass sie dafür bekan­nt waren, dies und jenes gele­sen zu haben. Mit diesem Ansatz kön­nen wir uns auf harte Fak­ten berufen.

Die Befürch­tung ist, dass wir hier arbeit­en, weil hier das Licht ist. Weniger bekan­nt ist, was hin­ter ver­schlosse­nen Türen und im geheimen Geflüster geschieht. Die philosophis­chen Kon­se­quen­zen von Lei­den­schaften, Ver­rat und Lieb­schaften sind viel schwieriger zu erkennen.

Wards Unter­suchun­gen verdeut­lichen, dass es sehr wohl möglich ist, dass diese Erfahrun­gen die auf­schlussre­ich­sten psy­chol­o­gis­chen Abdrücke hin­ter­lassen. Häu­fig sind es unsere Fam­i­lien, unsere Lieben und unsere eng­sten Freund*innen, die den tief­sten Ein­fluss auf uns nehmen. Den­noch ist es ihm hoch anzurech­nen, dass Ward uns an entschei­den­den Stellen aus­drück­lich zum “Wun­dern” und “Spekulieren” ein­lädt und uns zur Vor­sicht mah­nt, auch während er das ergiebige Ter­rain zwis­chen Psy­cholo­gie und Philoso­phie erschließt.

Schwere Lebenskosten

Was ler­nen wir also aus dieser reichen und span­nen­den Geschichte der Philoso­phie und der gelebten Intimität?

Eine wieder­holte Lek­tion ist, dass neue philosophis­che Sys­teme ein­same Arbeit erfordern. Alle Philosophen von Ward teil­ten die Freuden der philosophis­chen Diskus­sion, aber ihr Schreiben erforderte auch enorme Zeitspan­nen, die sie allein verbrachten.

Während eines “stum­men Jahrzehnts” inten­siv­en Studi­ums von 1771 bis 1780, in dem er seine weltverän­dern­den philosophis­chen Ideen for­mulierte, brach Kant fast alle gesellschaftlichen Verbindun­gen ab. Hei­deg­ger zog sich in “die Hütte” zurück: eine Hütte im dun­klen deutschen Wald, fast abgeschnit­ten von der Außenwelt.

Alle Philosophen von Ward hat­ten auf ihre Weise Zeit­en, in denen sie, wie Niet­zsche es aus­drück­te, “geborene geschworene eifer­süchtige Fre­unde der Ein­samkeit” wur­den.

Manch­mal wurde diese Ein­samkeit auf gesunde Weise durch men­schliche Kon­tak­te aufge­lock­ert. Sartres und de Beau­voirs Diskus­sio­nen während der Mit­tagspause wur­den durch ihre ein­samen Schreibphasen am Mor­gen und am Nach­mit­tag ergänzt. Doch allzu oft war sie mit hohen Kosten ver­bun­den. Part­ner und Ehe­frauen wur­den allein gelassen und ver­nach­läs­sigt, während philosophis­che Vorhaben ver­fol­gt wurden.

Das philosophis­che Leben kon­nte in der Tat psy­chol­o­gis­che Kosten mit sich brin­gen. Ward spricht zu Recht davon, dass Philosophen von ihrer Arbeit ver­schlun­gen wer­den. Oft ist das auch gut so: Sie wer­den von ein­er tief­er­en Beru­fung angetrieben, die ihrem Leben einen Sinn gibt.

Aber die Anstren­gun­gen des philosophis­chen Schaf­fens ver­langten Ein­satz, Iso­la­tion, Opfer­bere­itschaft und sog­ar das Risiko der Armut. Hypochon­drie war alles andere als ungewöhn­lich. Die Erkrankun­gen und Ohn­macht­san­fälle von Lou Salome, die von ihrer zwang­haften Lern­be­gierde aus­gelöst wur­den, erin­nern an David Humes Lei­den an der “Krankheit der Gelehrten.”

Doch die Philoso­phie war auch bere­ich­ernd und erfül­lend, und manch­mal trieb sie ihre Denker dazu, in ihrer Lebenswelt men­schliche Nähe zu suchen. Fast alle fan­den eine Ver­trauensper­son, mit der sie reden kon­nten und die ihr Denken bere­icherte und her­aus­forderte. Selb­st während seines “stum­men Jahrzehnts” traf sich Kant regelmäßig mit seinen bei­den geschätzten Fre­un­den, Joseph Green und der Gräfin von Key­ser­lingk, zum philosophis­chen Gespräch.

Purer Sex-Appeal

Ein let­zter Punkt muss her­vorge­hoben wer­den, so selt­sam es für diejeni­gen klin­gen mag, die Philoso­phie trock­en und abstrakt find­en: die schiere Sex­u­al­ität der philosophis­chen Begegnung.

In vie­len von Wards Vignetten erweist sich das Ein­tauchen in eine tief­gründi­ge philosophis­che Diskus­sion mit ange­se­henen Gesprächspartner*innen als eben­so ero­tisch aufge­laden wie intellek­tuell aufre­gend, vor allem wenn es sich dabei um poten­zielle Liebespartner*innen handelt.

Hier sind viele poten­zielle Fak­toren am Werk, die zwei Köpfe in eine intime Ver­bun­den­heit führen. Es gibt das spielerische Kräftemessen, die Anerken­nung, für seine tief­sten Gedanken gese­hen und für seine Intel­li­genz und Gelehrsamkeit geehrt zu wer­den, den hyp­no­tis­chen Fluss des echt­en Zuhörens und das Bewusst­sein, wirk­lich gehört zu wer­den, das Zusam­menkom­men der Gedanken und die gemein­same intellek­tuelle Schöp­fung, die die philosophis­che Diskus­sion ist, den Rausch, das Unhin­ter­frag­bare in Frage zu stellen, und das Staunen, zu sehen, wie die eige­nen Ideen in der tief­sten Psy­che des anderen Wurzeln schlagen.

Lei­der ist der ero­tis­che Aspekt im Leben dieser Philosoph*innen nicht harm­los. Auch wenn sie manch­mal zwis­chen Gle­ichgestell­ten auf­trat — zwis­chen Niet­zsche und Salome, Sartre und de Beau­voir -, so geschah sie doch sehr oft zwis­chen ungle­ichen Partner*innen und auf eine Weise, die beste­hende intime Beziehun­gen zerrüttete.

Dies ist das Bild, mit dem uns Ward auf den let­zten Seit­en seines Buch­es zurück­lässt, wenn er seinen Besuch an der École nor­male supérieure in Paris been­det, wo sich die Wege von de Beau­voir und Sartre zum ersten Mal kreuzten. Dort beobachtet er zwei Student*innen, einen jun­gen Mann und eine junge Frau, die noch kein Liebe­spaar sind, aber inten­siv in ein­er Unter­hal­tung ver­sunken immer tiefer in den Tanz ihrer Ideen hineinge­zo­gen werden.

Dies ist wohl der wesentliche Beitrag von Wards Buch. Es befre­it uns von dem, was Der­ri­da als die vor­sichtig kon­stru­ierte Darstel­lung der Philosoph*innen als asex­uell und für immer abseits ste­hend beklagt hat.

In Lovers of Phi­los­o­phy kom­men die Philosoph*innen in ihrem vollen Reich­tum zu uns. Sie sind lebenslange Ehepartner*innen, her­zliche Freund*innen und heim­liche Liebhaber*innen, eben­so wie sie sorgfältige Gelehrt*innen, blendende Denker*innen und imposante Autoritäten sind.


Hugh Breakey, Deputy Direc­tor, Insti­tute for Ethics, Gov­er­nance & Law. Pres­i­dent, Aus­tralian Asso­ci­a­tion for Pro­fes­sion­al & Applied Ethics., Grif­fith Uni­ver­si­ty
This arti­cle is repub­lished from The Con­ver­sa­tion under a Cre­ative Com­mons license. Read the orig­i­nal arti­cle.

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