PHILOSOPHIE, FLINTA, SOZIOLOGIE

Geschlechtsspezifische Ungleichheit in postindustriellen Wohlfahrtsstaaten

by MERCY FERRARS

Pho­to: Cottonbro

01/09/2022

UNGLEICHHEIT BETRIFFT mar¬≠gin¬≠al¬≠isierte Grup¬≠pen in den meis¬≠ten demokratis¬≠chen Wohlfahrtsstaat¬≠en. Sie ist nicht nur geschlechtsspez¬≠i¬≠fisch, son¬≠dern bet¬≠rifft auch jene, die nicht wei√ü, able-bod¬≠ied, oder het¬≠ero¬≠sex¬≠uell sind. Die pres¬≠tigetr√§chtige gesellschaftliche Stel¬≠lung wei√üer M√§n¬≠ner ste¬≠ht f√ľr einen lan¬≠gen Kampf zwis¬≠chen dem Nor¬≠ma¬≠tiv¬≠en und dem Abwe¬≠ichen¬≠den, der sich min¬≠destens bis ins fr√ľhe Mit¬≠te¬≠lal¬≠ter zur√ľck¬≠ver¬≠fol¬≠gen l√§sst. In ein¬≠er Zeit, die von einem r√ľck¬≠w√§rts¬≠ge¬≠wandten Glauben an D√§monolo¬≠gie und Mythol¬≠o¬≠gisierung gepr√§gt war, wur¬≠den Frauen und queere Men¬≠schen unter dem Vor¬≠wurf der Hex¬≠erei ver¬≠fol¬≠gt. Dieser Vor¬≠wurf ver¬≠dr√§ngte ihre fr√ľhere Emanzi¬≠pa¬≠tion. Die Hex¬≠en¬≠ver¬≠fol¬≠gung schaffte Naturheiler*innen und Hebam¬≠men ab, krim¬≠i¬≠nal¬≠isierte sex¬≠uelle Befreiung, zer¬≠st√∂rte die weib¬≠liche Gemein¬≠schaft und schuf eine fr√ľhe Form des Patri¬≠ar¬≠chats. Der d√§mo¬≠nolo¬≠gis¬≠che Glaube recht¬≠fer¬≠tigte einen Krieg gegen Frauen und queere Men¬≠schen, der in erster Lin¬≠ie vom Klerus im Ein¬≠klang mit der herrschen¬≠den Klasse ide¬≠ol¬≠o¬≠gisiert wurde. Unter dem Deck¬≠man¬≠tel des christlichen Glaubens war die Hex¬≠en¬≠ver¬≠fol¬≠gung in hohem Ma√üe poli¬≠tisch motiviert.

Als sich die Era der europ√§is¬≠chen Hex¬≠en¬≠ver¬≠fol¬≠gun¬≠gen dem Ende zuneigt, scheint die ‚Äúwilde Frau‚ÄĚ besiegt und ver¬≠schmilzt mit dem vik¬≠to¬≠ri¬≠an¬≠is¬≠chen Ide¬≠al des ‚ÄúHausen¬≠gels.‚ÄĚ Im neu ent¬≠stande¬≠nen Mod¬≠ell der Kle¬≠in¬≠fam¬≠i¬≠lie war die Frau auf den h√§us¬≠lichen Bere¬≠ich beschr√§nkt und f√ľr die gesellschaftliche Repro¬≠duk¬≠tion¬≠sar¬≠beit zust√§ndig, f√ľr die sie nicht ent¬≠lohnt und nicht entsch√§digt wurde. Damit erfuhr sie ein¬≠mal mehr eine Mar¬≠gin¬≠al¬≠isierung, die nun mit wirtschaftlichen Mit¬≠teln, n√§m¬≠lich der Sta¬≠bil¬≠isierung des Fr√ľhkap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus, begr√ľn¬≠det wurde. In dieser Zeit wur¬≠den die Geschlechter¬≠nor¬≠men, die wir heute aufzubrechen suchen, entwick¬≠elt und kul¬≠turell repro¬≠duziert. Nun f√§llt Carear¬≠beit, Kindessozial¬≠isierung und Haushalt¬≠sar¬≠beit der  Mut¬≠ter¬≠fig¬≠ur zu und die Bere¬≠it¬≠stel¬≠lung von Geld durch Lohnar¬≠beit der Vater¬≠fig¬≠ur. In Europa wurde dies durch die fr√ľhkap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠tis¬≠chen Entwick¬≠lun¬≠gen und die indus¬≠tri¬≠al¬≠isierte Massen¬≠pro¬≠duk¬≠tion um die Jahrhun¬≠der¬≠twende weit¬≠er beschleunigt.

Heute wer¬≠den Frauen mit Ungle¬≠ich¬≠heit kon¬≠fron¬≠tiert, die sich als Emanzi¬≠pa¬≠tion tarnt. Sie nehmen am Arbeits¬≠markt teil und ver¬≠f√ľ¬≠gen √ľber demokratis¬≠che B√ľrg¬≠er¬≠rechte. B√ľrg¬≠er¬≠rechte richt¬≠en sich jedoch weit¬≠er¬≠hin nach M√§n¬≠nern und m√§nnlichen Bed√ľrfnis¬≠sen, und erken¬≠nen weib¬≠liche K√∂r¬≠p¬≠er noch immer nicht als autark an. Die COVID-19-Pan¬≠demie machte Ungle¬≠ich¬≠heit¬≠en sicht¬≠bar. Sie r√ľck¬≠te weib¬≠liche Arbeit¬≠nehmerin¬≠nen in den Mit¬≠telpunkt. Jene macht¬≠en bere¬≠its 2019 zwis¬≠chen 70 und 90 Prozent der sys¬≠tem¬≠rel¬≠e¬≠van¬≠ten Arbeitnehmer*innen in Deutsch¬≠land aus, und mehr als 66 Prozent der erwerb¬≠st√§ti¬≠gen M√ľt¬≠ter arbeit¬≠eten in Teilzeit, w√§hrend dies nur bei 6 Prozent der V√§ter der Fall war, wie Stu¬≠di¬≠en der Bun¬≠de¬≠sagen¬≠tur f√ľr Arbeit und des Sta¬≠tis¬≠tis¬≠chen Bun¬≠de¬≠samtes zeigen. Die Pan¬≠demie dr√§ngt daher mehr denn je, Wohlfahrtsmod¬≠elle zu √ľber¬≠denken und so anzu¬≠passen, dass die Ungle¬≠ich¬≠heit zwis¬≠chen den Geschlechtern sowie die Ungle¬≠ich¬≠heit ander¬≠er sozialer Grup¬≠pen aus¬≠geglichen wird.

Cri¬≠sis of Care

Nan¬≠cy Fras¬≠er, fem¬≠i¬≠nis¬≠tis¬≠che Philosophin und Her¬≠aus¬≠ge¬≠berin des Fach¬≠magazins Con¬≠stel¬≠la¬≠tions, bietet eine poli¬≠tis¬≠che und √∂konomis¬≠che Darstel¬≠lung der Auswirkun¬≠gen der kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠tis¬≠chen Gesellschaft auf die Ungle¬≠ich¬≠heit der Geschlechter in ihrem 2017 erschiene¬≠nen Essay ‚ÄúCri¬≠sis of Care? On the Social-Repro¬≠duc¬≠tive Con¬≠tra¬≠dic¬≠tions of Con¬≠tem¬≠po¬≠rary Cap¬≠i¬≠tal¬≠ism.‚ÄĚ Fras¬≠er sieht gesellschaftlich repro¬≠duk¬≠tive Arbeit im Kern jed¬≠er funk¬≠tion¬≠ieren¬≠den Gesellschaft, w√§hrend sie die Krise¬≠nan¬≠f√§l¬≠ligkeit kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠tis¬≠ch¬≠er Sys¬≠teme dadurch bed¬≠ingt sieht, dass sie nicht gen√ľ¬≠gend Ressourcen f√ľr diese Arbeit bere¬≠it¬≠stellen. Daher definiert sie eine ‚ÄúKrise der Pflege‚ÄĚ als direk¬≠te Auswirkung des kon¬≠tradik¬≠tiv¬≠en ‚Äúfinanzial¬≠isierten neolib¬≠eralen Kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus unser¬≠er Zeit.‚ÄĚ1 Repro¬≠duk¬≠tion¬≠sar¬≠beit und Carear¬≠beit for¬≠men ‚Äúdie men¬≠schlichen Sub¬≠jek¬≠te des Kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus.‚ÄĚ2 Doch obwohl diese Arbeit f√ľr die Aufrechter¬≠hal¬≠tung des kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠tis¬≠chen Sys¬≠tems an sich uner¬≠l√§sslich ist, wird sie mar¬≠gin¬≠al¬≠isiert, abgew¬≠ertet und vor allem nicht bezahlt. W√§hrend die Lohnar¬≠beit als Arbeitsver¬≠h√§lt¬≠nis gilt und in der Regel inner¬≠halb Para¬≠me¬≠ter wie Arbeit¬≠szeit¬≠en, Pausen, fes¬≠ten Geh√§l¬≠tern und Urlaub¬≠sanspr√ľchen ver¬≠richtet wird, geht die sozial-repro¬≠duk¬≠tive Arbeit in das Pri¬≠vatleben der¬≠jeni¬≠gen √ľber, die sie ver¬≠richt¬≠en, bis zu dem Punkt, an dem sie ver¬≠schmelzen. Carear¬≠beit gilt als eine Tugend der Liebe. Mit dem im 19. Jahrhun¬≠dert aufk¬≠om¬≠menden vik¬≠to¬≠ri¬≠an¬≠is¬≠chen Bild des Weib¬≠lichen, das von Werten wie H√§us¬≠lichkeit, Heimeligkeit und F√ľr¬≠sorge durch¬≠drun¬≠gen war, und der gle¬≠ichzeit¬≠i¬≠gen Abw¬≠er¬≠tung solch¬≠er Eigen¬≠schaften in der Gesellschaft wur¬≠den Frauen schon fr√ľh von den M√§rk¬≠ten aus¬≠ge¬≠gren¬≠zt. W√§hrend sie bere¬≠its im 14. Jahrhun¬≠dert als √Ąrztin¬≠nen, Met¬≠zgerin¬≠nen oder Lehrerin¬≠nen t√§tig waren, treten sie nun in den Hin¬≠ter¬≠grund und √ľber¬≠lassen die B√ľhne dem m√§nnlichen Lohnar¬≠beit¬≠er. Diese Mar¬≠gin¬≠al¬≠isierung vom Markt markierte fol¬≠glich einen entschei¬≠den¬≠den Schritt in der Unterord¬≠nung der Frauen, nicht nur in der wirtschaftlichen, son¬≠dern auch in der poli¬≠tis¬≠chen und sozialen Sph√§re.

Hierin liegt der Wider¬≠spruch der j√ľng¬≠sten Phase des Kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus, ein¬≠er Krise, die an den Gren¬≠zen der Bere¬≠iche von Pro¬≠duk¬≠tion und Repro¬≠duk¬≠tion ange¬≠siedelt ist. Eine Krise die oft stumm und unsicht¬≠bar ist wird sp√ľr¬≠bar, wenn sich das Sys¬≠tem von den sozialen Kr√§ften l√∂st, von denen es abh√§ngt: ‚ÄúIndem sie ihre eige¬≠nen Bedin¬≠gun¬≠gen der M√∂glichkeit zer¬≠st√∂rt, frisst die Akku¬≠mu¬≠la¬≠tions¬≠dy¬≠namik des Kap¬≠i¬≠tals effek¬≠tiv ihren eige¬≠nen Schwanz,‚ÄĚ schreibt Fras¬≠er.3 W√§hrend dieser Wider¬≠spruch f√ľr den Kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus als solchen von zen¬≠traler Bedeu¬≠tung ist, ist jedes Sta¬≠di¬≠um des Kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus an seine eige¬≠nen ‚ÄúGren¬≠zk√§mpfe‚ÄĚ gebun¬≠den und muss daher genauer unter¬≠sucht werden.

Die späte vorindus­trielle Gesellschaft: Lib­eraler Wettbewerbskapitalismus

In der fr√ľh¬≠esten Phase des lib¬≠eralen Wet¬≠tbe¬≠werb¬≠skap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus des 19. Jahrhun¬≠derts iden¬≠ti¬≠fiziert Fras¬≠er ein baldiges Beispiel f√ľr die dem Kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus innewohnende Ten¬≠denz zur Insta¬≠bil¬≠it√§t am Beispiel armer Arbei¬≠t¬≠erin¬≠nen, die in Fab¬≠riken f√ľr bil¬≠lige Arbeit unter harten Arbeits¬≠be¬≠din¬≠gun¬≠gen herange¬≠zo¬≠gen wer¬≠den. Eine der¬≠art aus¬≠ge¬≠beutete Arbei¬≠t¬≠erin wird sich h√∂chst¬≠wahrschein¬≠lichdie unl√§ngst von einem misog¬≠y¬≠nen Genozid trau¬≠ma¬≠tisiert wurde nach Ende ihrer T√§tigkeit nicht um Carear¬≠beit k√ľm¬≠mern, und eben¬≠so wenig wird die Arbei¬≠t¬≠erin, die unl√§ngst von einem misog¬≠y¬≠nen Genozid trau¬≠ma¬≠tisiert wurde, in der Lage sein, vik¬≠to¬≠ri¬≠an¬≠is¬≠che Ide¬≠ale der H√§us¬≠lichkeit zu erf√ľllen. Fras¬≠er zeigt eine sich abze¬≠ich¬≠nende zwei¬≠gleisige Krise: ein¬≠er¬≠seits der ‚Äúsozialen Repro¬≠duk¬≠tion in den armen und arbei¬≠t¬≠en¬≠den Klassen,‚ÄĚ ander¬≠er¬≠seits die ‚Äú moralis¬≠che Panik in den Mit¬≠telschicht¬≠en, die sich √ľber das, was sie als ‚ÄėZer¬≠st√∂rung der Fam¬≠i¬≠lie‚Äô und die ‚ÄėEnt¬≠geschlechtlichung‚Äô der pro¬≠le¬≠tarischen Frauen ver¬≠standen, emp√∂rten.‚ÄĚ4 Als Reak¬≠tion auf eine solche Krise, die viele‚ÄĒdarunter Marx und Engels‚ÄĒf√ľr das Ende des Kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus hiel¬≠ten, wurde ‚Äúder Kampf um die Integrit√§t der sozialen Repro¬≠duk¬≠tion mit der Vertei¬≠di¬≠gung der m√§nnlichen Vorherrschaft ver¬≠woben,‚ÄĚ5 indem die (Kern-)Familie neu definiert und die Unter¬≠schiedlichkeit der Geschlechter her¬≠vorge¬≠hoben wurde. Mit dieser Umstruk¬≠turierung der fr√ľhin¬≠dus¬≠triellen Gesellschaft hoffte man, den dro¬≠hen¬≠den Zusam¬≠men¬≠bruch des Sys¬≠tems abwen¬≠den zu k√∂n¬≠nen, indem man Frauen und M√§n¬≠ner in ihren jew¬≠eili¬≠gen Dom√§¬≠nen fes¬≠thielt und die soziale Sta¬≠bil¬≠it√§t sich¬≠er¬≠stellte. Inter¬≠es¬≠sant an Frasers Analyse dieser fr√ľh¬≠esten Form des Kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus ist die Erw√§h¬≠nung der lib¬≠eralen fem¬≠i¬≠nis¬≠tis¬≠chen Bewe¬≠gun¬≠gen, die sich um eine Angle¬≠ichung der Sit¬≠u¬≠a¬≠tion der Frauen an die der M√§n¬≠ner bem√ľht¬≠en. W√§hrend die Wiedere¬≠ingliederung der Frauen in den Arbeits¬≠markt zur ober¬≠sten Pri¬≠or¬≠it√§t wurde, wurde die Gle¬≠ich¬≠berech¬≠ti¬≠gung in der Repro¬≠duk¬≠tion jedoch vernachl√§ssigt. 

Die Indus¬≠triege¬≠sellschaft: Der staatlich gelenk¬≠te Kapitalismus 

W√§hrend der fr√ľhe lib¬≠erale Kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus unter ein¬≠er Insta¬≠bil¬≠it√§t¬≠skrise im Bere¬≠ich der Repro¬≠duk¬≠tion litt und das vik¬≠to¬≠ri¬≠an¬≠is¬≠che Fam¬≠i¬≠lien¬≠mod¬≠ell des Lohnar¬≠beit¬≠ers und des Engels im Haushalt her¬≠vor¬≠brachte, basierte der nach dem Zweit¬≠en Weltkrieg ent¬≠standene staatlich ver¬≠wal¬≠tete Kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus ‚Äúim Kern auf indus¬≠trieller Gro√üpro¬≠duk¬≠tion und h√§us¬≠lichem Kon¬≠sum‚ÄĚ3 und ver¬≠suchte, die Sta¬≠bil¬≠it√§t des Sys¬≠tems durch einen noch st√§rk¬≠eren Fokus auf die Unter¬≠st√ľtzung der sozialen Repro¬≠duk¬≠tion durch staatliche Sozialleis¬≠tun¬≠gen zu ret¬≠ten. Dies war nicht auss¬≠chlie√ülich eine schlechte Entwick¬≠lung. Zum einen erkan¬≠nte die kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠tis¬≠che Elite die Bedeu¬≠tung der gesellschaftlich repro¬≠duk¬≠tiv¬≠en Arbeit als Mit¬≠tel zur Aufrechter¬≠hal¬≠tung der Kap¬≠i¬≠ta¬≠lakku¬≠mu¬≠la¬≠tion √ľber einen l√§n¬≠geren Zeitraum hin¬≠weg und ver¬≠lagerte ihre Bestre¬≠bun¬≠gen auf die Sta¬≠bil¬≠isierung der her¬≠aufziehen¬≠den Krise. Diese neue Zielset¬≠zung war jedoch nur dann real¬≠isier¬≠bar, wenn das Poten¬≠zial f√ľr end¬≠los¬≠es Wach¬≠s¬≠tum gegeben war, was wiederum durch die Sicherung ein¬≠er aus¬≠re¬≠ichen¬≠den Kon¬≠sum¬≠nach¬≠frage gew√§hrleis¬≠tet wer¬≠den musste. Dem Haushalt wurde in diesem Sta¬≠bil¬≠isierung¬≠sprozess also eine dop¬≠pelte Rolle zugewiesen: Er beherbergte nicht nur die Kapaz¬≠it√§ten f√ľr die soziale Repro¬≠duk¬≠tion, son¬≠dern wurde auch zum Haup¬≠tkon¬≠sumenten, der Massen¬≠waren anh√§ufte, welche das Fam¬≠i¬≠lien¬≠leben bere¬≠ich¬≠ern soll¬≠ten.6 Vor allem aber ver¬≠schoben sich die Werte der Arbeit¬≠erk¬≠lasse hin zu ein¬≠er gr√∂√üeren Bedeu¬≠tung des Fam¬≠i¬≠lien¬≠lebens √ľber wirtschaftliche Effizienz und Massen¬≠pro¬≠duk¬≠tion. Da die Fam¬≠i¬≠lie zur Grund¬≠lage der sozialen Organ¬≠i¬≠sa¬≠tion und dadurch zu ein¬≠er entschei¬≠den¬≠den sozialen Insti¬≠tu¬≠tion wurde, forderte die Arbeit¬≠erk¬≠lasse volle Staats¬≠b√ľrg¬≠er¬≠schaft und poli¬≠tis¬≠che Teil¬≠habe. ‚ÄúIm Gegen¬≠satz zu den Schutzge¬≠set¬≠zen des lib¬≠eralen Regimes war die staatskap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠tis¬≠che Regelung das Ergeb¬≠nis eines Klassenkom¬≠pro¬≠miss¬≠es und stellte einen demokratis¬≠chen Fortschritt dar‚ÄĚ, bemerkt Fras¬≠er6, da der Staat eine wesentliche Rolle bei der Bere¬≠it¬≠stel¬≠lung von Sozialleis¬≠tun¬≠gen √ľber¬≠nahm. In erster Lin¬≠ie stellt die Sozialf√ľr¬≠sorge in ihren fr√ľhen For¬≠men jedoch ein √∂kopoli¬≠tis¬≠ches Instru¬≠ment dar, um die Pro¬≠duk¬≠tion langfristig zu max¬≠imieren und die Krisen¬≠ten¬≠denz zu sta¬≠bil¬≠isieren. Die Idee eines ‚ÄúFam¬≠i¬≠lien¬≠lohns‚ÄĚ wurde stark gef√∂rdert, und ‚Äúdurch die Insti¬≠tu¬≠tion¬≠al¬≠isierung androzen¬≠trisch¬≠er Auf¬≠fas¬≠sun¬≠gen von Fam¬≠i¬≠lie und Arbeit wur¬≠den Het¬≠ero¬≠nor¬≠ma¬≠tiv¬≠it√§t und Geschlechter¬≠hier¬≠ar¬≠chie nat¬≠u¬≠ral¬≠isiert und weit¬≠ge¬≠hend der poli¬≠tis¬≠chen Auseinan¬≠der¬≠set¬≠zung ent¬≠zo¬≠gen‚ÄĚ.7 Dieser Schritt war ein zen¬≠traler Aus¬≠l√∂s¬≠er f√ľr die Entste¬≠hung der mod¬≠er¬≠nen Geschlechterun¬≠gle¬≠ich¬≠heit, und die Durch¬≠set¬≠zungskraft des Mod¬≠ells beweist ein Inter¬≠esse an sozialer Wohlfahrt als Sicherung von Macht und Kap¬≠i¬≠tal √ľber sozialer Gleichheit. 

Die postin¬≠dus¬≠trielle Gesellschaft: Der finanzial¬≠isierte Kapitalismus 

Das j√ľng¬≠ste kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠tis¬≠che Regime ent¬≠stand in den 1980er Jahren als Reak¬≠tion auf die postin¬≠dus¬≠trielle Gesellschaft der demokratis¬≠chen west¬≠lichen Staat¬≠en. In ein¬≠er Gesellschaft, die auf dem Han¬≠del mit Dien¬≠stleis¬≠tun¬≠gen statt auf der Massen¬≠pro¬≠duk¬≠tion von G√ľtern basiert, wird die Pro¬≠duk¬≠tion in L√§n¬≠der mit niedri¬≠gen L√∂h¬≠nen ver¬≠lagert, w√§hrend Kapitalist*innen fordern, dass Frauen auf den Lohnar¬≠beits¬≠markt zur√ľck¬≠kehren.3 Fol¬≠glich entzieht sich der Staat mehr und mehr aus Sozialf√ľr¬≠sorge, was zu ein¬≠er √úber¬≠beanspruchung der Carear¬≠beit und ein¬≠er Kon¬≠fig¬≠u¬≠ra¬≠tion hin zu ein¬≠er Zen¬≠tral¬≠it√§t von Schulden f√ľhrt.

‚ÄúDas Kap¬≠i¬≠tal kan¬≠ni¬≠bal¬≠isiert zunehmend die Arbeit, diszi¬≠plin¬≠iert die Staat¬≠en, trans¬≠feriert den Reich¬≠tum von der Periph¬≠erie zum Kern und entzieht den Haushal¬≠ten, Fam¬≠i¬≠lien, Gemein¬≠schaften und der Natur den Wert.‚ÄĚ (Fras¬≠er 2017: 32)

Eine drastis¬≠che Ver√§n¬≠derung der Fam¬≠i¬≠lien¬≠formel erset¬≠zt langsam das Ide¬≠al der Kern¬≠fam¬≠i¬≠lie: Eine Zunahme von Schei¬≠dun¬≠gen, Allein¬≠erziehen¬≠den und queeren Fam¬≠i¬≠lien machen es unm√∂glich, dass der Fam¬≠i¬≠lien¬≠lohn den Test der Zeit √ľber¬≠ste¬≠ht. Das mod¬≠erne Ide¬≠al ist somit die Zwei-Ver¬≠di¬≠ener-Fam¬≠i¬≠lie gewor¬≠den. Doch sowohl f√ľr Zwei-Ver¬≠di¬≠ener-Fam¬≠i¬≠lien als auch f√ľr allein¬≠erziehende M√ľt¬≠ter, die auf dem Arbeits¬≠markt besch√§ftigt sind, bedeutet dies eine Abnahme der Kapaz¬≠it√§t f√ľr Carear¬≠beit, die nach wie vor die S√§ule des Kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus schlechthin ist. Die bekan¬≠nte Insta¬≠bil¬≠it√§t¬≠s¬≠ten¬≠denz des kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠tis¬≠chen Sys¬≠tems wird jedoch entwed¬≠er durch ‚Äúglob¬≠ale Betreu¬≠ungs¬≠ket¬≠ten‚ÄĚ8 aus¬≠geglichen, in denen reichere Fam¬≠i¬≠lien vor allem √§rmere, nichtwei√üe Frauen besch√§fti¬≠gen, oder durch eine Zunahme der Armut unter allein¬≠erziehen¬≠den M√ľt¬≠tern, die sich die Kinder¬≠be¬≠treu¬≠ung nicht leis¬≠ten k√∂n¬≠nen und daher auf Teilzeitjobs beschr√§nkt sind, die kaum das Exis¬≠tenzmin¬≠i¬≠mum deck¬≠en. Wir sehen im mod¬≠er¬≠nen kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠tis¬≠chen Regime eine klaf¬≠fende Ungle¬≠ich¬≠heit zwis¬≠chen den Geschlechtern als √úberbleib¬≠sel fr√ľher¬≠er kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠tis¬≠ch¬≠er Regime und eine gle¬≠ichzeit¬≠ige Zunahme und Aus¬≠rich¬≠tung auf Emanzi¬≠pa¬≠tion. Indem die Frauen in den Markt zur√ľck¬≠ge¬≠holt wer¬≠den, erhal¬≠ten sie Zugang zu finanzieller Unab¬≠h√§ngigkeit und, je nach Art ihres Berufs, schlie√ülich eine Stimme in der Entschei¬≠dungs¬≠find¬≠ung und im √∂ffentlichen Raum. Frauen wer¬≠den in ihren poli¬≠tis¬≠chen und B√ľger¬≠recht¬≠en den M√§n¬≠nern (wenn auch unzure¬≠ichend) gle¬≠ichgestellt. Den¬≠noch liegt die Haupt¬≠last der Carear¬≠beit auf den Schul¬≠tern der Frauen. Infolgedessen hat sich die Sit¬≠u¬≠a¬≠tion der Frauen unter diesem neuen Regime asym¬≠metrisch ver√§n¬≠dert, mit ein¬≠er Zunahme der Mark¬≠t¬≠beteili¬≠gung und ein¬≠er Abnahme der staatlich investierten Unter¬≠st√ľtzung f√ľr die Carear¬≠beit sind sie nun ein¬≠er dop¬≠pel¬≠ten Arbeits¬≠be¬≠las¬≠tung aus¬≠ge¬≠set¬≠zt, die mit zunehmender Armut ein¬≠herge¬≠ht. Das Ergeb¬≠nis ist ‚Äúein ‚Äėpro¬≠gres¬≠siv¬≠er‚Äô Neolib¬≠er¬≠al¬≠is¬≠mus, der ‚ÄėVielfalt,‚Äô ‚ÄėLeis¬≠tungs¬≠ge¬≠sellschaft‚Äô und ‚ÄėEmanzi¬≠pa¬≠tion‚Äô feiert, w√§hrend er gle¬≠ichzeit¬≠ig soziale Schutzmech¬≠a¬≠nis¬≠men abbaut und die soziale Repro¬≠duk¬≠tion re-exter¬≠nal¬≠isiert.‚ÄĚ9 

Vergeschlechtlichte Wohlfahrt

Die amerikanis¬≠che Sozi¬≠olo¬≠gin Ann Orloff erg√§nzt die Rekon¬≠struk¬≠tion der gegen¬≠w√§r¬≠tig vorherrschen¬≠den Geschlechterun¬≠gle¬≠ich¬≠heit durch eine ver¬≠gle¬≠ichende Analyse. In Gen¬≠der in the Wel¬≠fare State (1996) fasst sie die polar¬≠isieren¬≠den Posi¬≠tio¬≠nen zur Wech¬≠sel¬≠wirkung zwis¬≠chen Wohlfahrtsstaat und Geschlechter¬≠ver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠sen zusam¬≠men. Sie stellt zwei Denkschulen vor, die darauf abzie¬≠len, diese Wech¬≠sel¬≠wirkung zu erforschen, auch wenn bei¬≠de f√ľr sich genom¬≠men in Orloffs Augen unzure¬≠ichend sind. Der ‚Äúsoziale Repro¬≠duk¬≠tion¬≠sansatz‚ÄĚ unter¬≠sucht, wie ‚Äústaatliche Sozialpoli¬≠tiken die Geschlechter¬≠beziehun¬≠gen regeln und zur sozialen Repro¬≠duk¬≠tion der Ungle¬≠ich¬≠heit zwis¬≠chen den Geschlechtern beitra¬≠gen.‚ÄĚ10 Er st√ľtzt sich auf Schl√ľs¬≠selmech¬≠a¬≠nis¬≠men wie die bere¬≠its erw√§h¬≠nte geschlechtsspez¬≠i¬≠fis¬≠che Arbeit¬≠steilung, das von Fras¬≠er erw√§h¬≠nte Lohn¬≠sys¬≠tem der Fam¬≠i¬≠lie und die tra¬≠di¬≠tionelle Ehe mit ihrem ‚Äúdop¬≠pel¬≠ten Stan¬≠dard der Sex¬≠ual¬≠moral.‚ÄĚ10 In diesem Patri¬≠ar¬≠chat ist die Staats¬≠b√ľrg¬≠er¬≠schaft geschlechtsspez¬≠i¬≠fisch gewor¬≠den, da M√§n¬≠ner als Arbeit¬≠nehmer Anspr√ľche auf den Wohlfahrtsstaat erheben, w√§hrend Frauen als Fam¬≠i¬≠lien¬≠mit¬≠glieder und Ver¬≠sorg¬≠erin¬≠nen Anspr√ľche erheben. In den USA beschreibt Orloff diesen Umstand als ein ‚ÄúZwei-Klassen-Sys¬≠tem.‚ÄĚ11 Sie merkt jedoch an, dass dieser Analyse-Ansatz zum Scheit¬≠ern verurteilt ist, da er Ein¬≠heitlichkeit unter¬≠stellt und sich haupt¬≠s√§ch¬≠lich auf ein Land konzentriert. 

Die ‚ÄúVerbesserungs‚ÄĚ-Position hinge¬≠gen ‚Äúbasiert auf der all¬≠ge¬≠meinen Vorstel¬≠lung, dass Wohlfahrtsstaat¬≠en soziale Ungle¬≠ich¬≠heit¬≠en abbauen.‚ÄĚ11 Die Idee beste¬≠ht daraus, mehrere Wohlfahrtsstaat¬≠en zu ver¬≠gle¬≠ichen und eine l√§n¬≠der√ľber¬≠greifende Analyse der Auswirkun¬≠gen der Wohlfahrtssys¬≠teme auf die Ungle¬≠ich¬≠heit zwis¬≠chen den Geschlechtern zu erstellen. Wiederum ist das Prob¬≠lem, dass dieser Ansatz nur einen einzi¬≠gen Aspekt der Ungle¬≠ich¬≠heit ber√ľck¬≠sichtigt: den wirtschaftlich-finanziellen. Durch den Fokus auf eine ver¬≠gle¬≠ichende Studie √ľber die Armut von Frauen wer¬≠den nicht nur andere kom¬≠plexe Ele¬≠mente der Ungle¬≠ich¬≠heit ver¬≠nach¬≠l√§s¬≠sigt, son¬≠dern es wird auch au√üer Acht gelassen, dass Armut durch eine Vielzahl sozialer Fak¬≠toren verdeckt wer¬≠den kann. Frauen, die mit wohlhaben¬≠den M√§n¬≠nern ver¬≠heiratet sind, wer¬≠den beispiel¬≠sweise in den Sta¬≠tis¬≠tiken nicht als arm aus¬≠gewiesen, k√∂n¬≠nen aber im Falle eines Kon¬≠flik¬≠ts wie ein¬≠er Schei¬≠dung sehr wohl zur Gruppe der Armen geh√∂ren. 

Mater­nal­is­mus

Orloff f√ľhrt zwei ver¬≠schiedene Anreize ein, um √ľber das Prob¬≠lem nachzu¬≠denken. Zun√§chst befasst sie sich mit dem M√ľt¬≠ter¬≠lichkeits¬≠gedanken, von dem sie zeigt, dass er f√ľr die Reformerin¬≠nen, die in die Wohlfahrts¬≠de¬≠bat¬≠te ein¬≠trat¬≠en, eine zen¬≠trale argu¬≠men¬≠ta¬≠tive Rolle spielte. ‚ÄúKoven & Michel (1993, S. 4) deÔ¨Ānieren Mater¬≠nal¬≠is¬≠mus als ‚ÄėIde¬≠olo¬≠gien und Diskurse, die die F√§higkeit der Frauen zur Mut¬≠ter¬≠schaft ver¬≠her¬≠rlicht¬≠en und die Werte, die sie mit dieser Rolle ver¬≠ban¬≠den, auf die Gesellschaft als Ganzes √ľbertru¬≠gen: F√ľr¬≠sorge, Pflege und Moral.‚Äô‚ÄĚ12 Mit der Absicht, die unter¬≠sch√§tzte Bedeu¬≠tung der F√ľr¬≠sorgear¬≠beit her¬≠vorzuheben, wurde eine Strate¬≠gie entwick¬≠elt, die bere¬≠its beste¬≠hende Geschlechter¬≠stereo¬≠typen weit¬≠er ver¬≠tiefte und die ‚ÄúWeib¬≠lichkeit‚ÄĚ ein¬≠mal mehr auf Mut¬≠ter¬≠schaft beschr√§nk¬≠te. Au√üer¬≠dem zog sie beispiel¬≠sweise Pronatalist*innen an, die sich um sink¬≠ende Geburten¬≠rat¬≠en sorgten, und sie wider¬≠sprach ein¬≠deutig den fem¬≠i¬≠nis¬≠tis¬≠chen Ide¬≠alen. Da sowohl mater¬≠nal¬≠is¬≠tis¬≠che als auch pater¬≠nal¬≠is¬≠tis¬≠che Wohlfahrtsstaat¬≠en die Geschlech¬≠ter¬≠dif¬≠feren¬≠zierung und den Fam¬≠i¬≠lien¬≠lohn unter¬≠st√ľtzten, lag der Haup¬≠tun¬≠ter¬≠schied in der Verteilung der staatlichen Leis¬≠tun¬≠gen und darin, ob M√§n¬≠ner als Haushaltsvorst√§nde oder Frauen als M√ľt¬≠ter und Hauptver¬≠sorg¬≠erin¬≠nen unter¬≠st√ľtzt wur¬≠den. Orloff weist au√üer¬≠dem auf einen schein¬≠baren Wider¬≠spruch zwis¬≠chen schwachen und starken Staat¬≠en in Bezug auf die Ungle¬≠ich¬≠heit zwis¬≠chen den Geschlechtern hin. W√§hrend in schwachen Staat¬≠en wie dem Vere¬≠inigten K√∂n¬≠i¬≠gre¬≠ich oder den USA die Frauen¬≠be¬≠we¬≠gun¬≠gen im All¬≠ge¬≠meinen st√§rk¬≠er und sicht¬≠bar¬≠er waren, haben starke Staat¬≠en wie Deutsch¬≠land oder Frankre¬≠ich im All¬≠ge¬≠meinen bessere Bedin¬≠gun¬≠gen f√ľr Frauen und Kinder geschaf¬≠fen. Die weni¬≠gen vorhan¬≠de¬≠nen Stu¬≠di¬≠en √ľber die Wohlfahrtssys¬≠teme der Vorkriegszeit zeigen, dass die wichtig¬≠sten Vari¬≠ablen bei der Bes¬≠tim¬≠mung von Quan¬≠tit√§t und Qual¬≠it√§t der staatlichen Zuwen¬≠dun¬≠gen ‚Äú(i) das Macht¬≠gle¬≠ichgewicht zwis¬≠chen Arbeitnehmer*innen, Arbeitgeber*innen und dem Staat; (ii) Diskurse und Ide¬≠olo¬≠gien √ľber Mut¬≠ter¬≠schaft, ins¬≠beson¬≠dere die Frage, ob Mut¬≠ter¬≠schaft als mit bezahlter Arbeit vere¬≠in¬≠bar ange¬≠se¬≠hen wurde oder nicht; und (iii) Bedenken hin¬≠sichtlich der Qual¬≠it√§t und Quan¬≠tit√§t der Bev√∂lkerung‚ÄĚ waren.12 

Orloffs Essay enth√§lt einen Bericht √ľber eine l√§n¬≠der√ľber¬≠greifende ver¬≠gle¬≠ichende Studie zu Geschlecht in zeit¬≠gen√∂s¬≠sis¬≠chen Wohlfahrtsstaat¬≠en, die sie haupt¬≠s√§ch¬≠lich im Rah¬≠men des Esp¬≠ing-Ander¬≠sen-Regimeprinzips organ¬≠isiert, welch¬≠es lib¬≠erale, kon¬≠ser¬≠v¬≠a¬≠tive und sozialdemokratis¬≠che Wohlfahrtsstaat¬≠en als Typen iden¬≠ti¬≠fiziert. Lib¬≠erale Regime wie die Vere¬≠inigten Staat¬≠en, Kana¬≠da, Aus¬≠tralien und Gro√übri¬≠tan¬≠nien stellen den Markt und die Bere¬≠it¬≠stel¬≠lung von Arbeit¬≠spl√§tzen in den Vorder¬≠grund und ‚Äúbieten den B√ľrger*innen kaum Alter¬≠na¬≠tiv¬≠en zur Teil¬≠nahme am Markt f√ľr Dien¬≠stleis¬≠tun¬≠gen und Einkom¬≠men.‚ÄĚ13 In diesem Zusam¬≠men¬≠hang stellt Orloff fest, dass ‚Äúdie steigende Erwerb¬≠st√§tigkeit von Frauen in den USA und der Auf¬≠stieg von Frauen in die oberen R√§nge der Erwerb¬≠s¬≠bev√∂lkerung weit¬≠ge¬≠hend mark¬≠t¬≠ges¬≠teuert sind.‚ÄĚ13 Kon¬≠ser¬≠v¬≠a¬≠tive Regime wie √Ėster¬≠re¬≠ich, Frankre¬≠ich, Deutsch¬≠land, Ital¬≠ien und die Nieder¬≠lande f√∂rdern Sta¬≠tus- und Klasse¬≠nun¬≠ter¬≠schiede. Kon¬≠ser¬≠v¬≠a¬≠tive Regime sind Sys¬≠teme, die auf der Pr√§misse der Sub¬≠sidiar¬≠it√§t aufge¬≠baut sind‚ÄĒsie trauen ihren B√ľrger*innen ein hohes Ma√ü an Eigen¬≠ver¬≠ant¬≠wor¬≠tung zu und greifen nur dann reg¬≠ulierend ein, wenn es abso¬≠lut notwendig ist. Dadurch wird die Abh√§ngigkeit der Frauen von der Fam¬≠i¬≠lie (Lohn) ver¬≠st√§rkt. In Deutsch¬≠land wer¬≠den sie ‚Äúdurch ein Besch√§f¬≠ti¬≠gungssys¬≠tem, das sich an den Bed√ľrfnis¬≠sen der √ľber¬≠wiegend m√§nnlichen Indus¬≠triear¬≠beit¬≠er ori¬≠en¬≠tiert, einen rel¬≠a¬≠tiv unter¬≠en¬≠twick¬≠el¬≠ten Dien¬≠stleis¬≠tungssek¬≠tor und eine staatliche Poli¬≠tik, die die Sub¬≠sidiar¬≠it√§t √ľber die √∂ffentliche Bere¬≠it¬≠stel¬≠lung von Dien¬≠stleis¬≠tun¬≠gen stellt, weit¬≠ge¬≠hend mar¬≠gin¬≠al¬≠isiert.‚ÄĚ13 In den Nieder¬≠lan¬≠den zie¬≠len die staatlichen Bes¬≠tim¬≠mungen sowohl darauf ab, Carear¬≠beit zu unter¬≠st√ľtzen, als auch eine Tages¬≠be¬≠treu¬≠ung f√ľr beispiel¬≠sweise M√ľt¬≠ter zu f√∂rdern, damit diese erwerb¬≠st√§tig wer¬≠den k√∂n¬≠nen. In sozialdemokratis¬≠chen Reg¬≠i¬≠men, wie sie in den nordis¬≠chen L√§n¬≠dern vorherrschen, sind Uni¬≠ver¬≠sal¬≠is¬≠mus und Egal¬≠i¬≠taris¬≠mus zen¬≠trale Werte. Sie f√∂rdern ‚Äúein indi¬≠vidu¬≠elles Anspruchsmod¬≠ell und bieten Dien¬≠stleis¬≠tun¬≠gen an, die es den¬≠jeni¬≠gen, die f√ľr Carear¬≠beit ver¬≠ant¬≠wortlich gemacht werden‚ÄĒzumeist ver¬≠heiratete M√ľtter‚ÄĒerm√∂glichen, in die bezahlte Erwerb¬≠s¬≠bev√∂lkerung einzutreten‚ÄĚ13 ohne durch eine dop¬≠pelte  Belas¬≠tung benachteiligt zu sein. 

Der Wohlfahrtsstaat ste¬≠ht und f√§llt mit der Gle¬≠ich¬≠stel¬≠lung der Geschlechter‚ÄĒheute mehr denn je. Es ist davon auszuge¬≠hen, dass das kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠tis¬≠che Wirtschaftssys¬≠tem in abse¬≠hbar¬≠er Zeit nicht erset¬≠zt wer¬≠den wird, doch hat sich im Laufe der Geschichte gezeigt, dass es in der Lage ist, sich anzu¬≠passen, wenn es n√∂tig ist. Sil¬≠via Fed¬≠eri¬≠ci, Ann Orloff und Nan¬≠cy Fras¬≠er haben aufgezeigt, wie die ver¬≠schiede¬≠nen Sta¬≠di¬≠en des Kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus jew¬≠eils mit ihren eige¬≠nen K√§mpfen besch√§ftigt waren. Da der Kap¬≠i¬≠tal¬≠is¬≠mus dazu neigt, die gesellschaftlich repro¬≠duk¬≠tive Arbeit an den Rand zu dr√§n¬≠gen und infolgedessen durch seine Imp¬≠lika¬≠tio¬≠nen desta¬≠bil¬≠isiert wird, konzen¬≠tri¬≠erten sich seine L√∂sun¬≠gen zumeist auf die Unter¬≠dr√ľck¬≠ung der Frau, sei es durch die Beschr√§nkung ihres Zugangs zum Arbeits¬≠markt, durch Mech¬≠a¬≠nis¬≠men, die sie in die h√§us¬≠liche Sph√§re dr√§n¬≠gen, oder durch die Beschnei¬≠dung ihrer Macht‚ÄĒsowohl in √∂kol¬≠o¬≠gis¬≠ch¬≠er als auch in sozialer Hin¬≠sicht. In der Indus¬≠triege¬≠sellschaft, die von den vik¬≠to¬≠ri¬≠an¬≠is¬≠chen Ide¬≠alen der H√§us¬≠lichkeit und Zur√ľck¬≠hal¬≠tung gepr√§gt war, war die Frau der Engel im Haushalt, zust√§ndig f√ľr Kinder¬≠erziehung und Hausar¬≠beit. Ihr Ehe¬≠mann, das Ober¬≠haupt des Haushalts, ver¬≠di¬≠ente ein Fam¬≠i¬≠lieneinkom¬≠men, von dem sie und ihre Kinder abh√§ngig waren. Als die Indus¬≠triege¬≠sellschaft der postin¬≠dus¬≠triellen Gesellschaft wich, die Pro¬≠duk¬≠tion¬≠sar¬≠beit in bil¬≠ligere L√§n¬≠der ver¬≠lagert wurde und die reichen west¬≠lichen L√§n¬≠der von ein¬≠er Dien¬≠stleis¬≠tungs- und Schulden¬≠wirtschaft gepr√§gt waren, ver¬≠schwan¬≠den die vik¬≠to¬≠ri¬≠an¬≠is¬≠chen Ide¬≠ale allm√§h¬≠lich und macht¬≠en den Weg frei f√ľr Ver√§n¬≠derun¬≠gen. Im aufk¬≠om¬≠menden Zweiver¬≠di¬≠ener¬≠mod¬≠ell wur¬≠den die Frauen ermutigt, sich am Arbeits¬≠markt zu beteili¬≠gen. Ein Schritt in Rich¬≠tung Emanzi¬≠pa¬≠tion? Nicht ganz, denn die asym¬≠metrische Dynamik der bin√§ren Geschlechter wurde dadurch nur ger¬≠ingf√ľgig ver√§n¬≠dert. Sich¬≠er, Frauen kon¬≠nten nun arbeit¬≠en und f√ľr ihren Leben¬≠sun¬≠ter¬≠halt sor¬≠gen, aber sie wur¬≠den nur sel¬≠ten aus¬≠re¬≠ichend unter¬≠st√ľtzt, um dabei nicht in Armut zu versinken. Die Entschei¬≠dung, finanziell unab¬≠h√§ngig von einem m√§nnlichen Ern√§hrer zu sein, funk¬≠tion¬≠ierte nur f√ľr Frauen, die keine Betreu¬≠ungsauf¬≠gaben zu erf√ľllen hat¬≠ten. F√ľr allein¬≠erziehende M√ľt¬≠ter oder solche, die kranke √§ltere Men¬≠schen pflegten, erwies es sich als Nachteil, da sie nun eine dop¬≠pelte Ver¬≠ant¬≠wor¬≠tung tru¬≠gen. Um die Gle¬≠ich¬≠stel¬≠lung der Geschlechter zu erre¬≠ichen, reicht es nicht aus, die Beteili¬≠gung von Frauen am Arbeits¬≠markt zu f√∂rdern, noch die Betreu¬≠ungsar¬≠beit zu unter¬≠st√ľtzen und Frauen deshalb vom Markt fernzuhal¬≠ten. Stattdessen brauchen wir eine Vision der demokratisch-fem¬≠i¬≠nis¬≠tis¬≠chen Gle¬≠ich¬≠stel¬≠lung aller Geschlechter. 

LEKTORIERT VON LARA HELENA.

Fußnoten

1Fras¬≠er 2017:22 223 325 426 527 630 731 834 933 

10Orloff 1996:53 1154‚Äď55 1257‚Äď58 1365‚Äď66

Bib­li­ografie

Fras¬≠er, Nan¬≠cy. ‚ÄúAfter the Fam¬≠i¬≠ly Wage: Gen¬≠der Equi¬≠ty and the Wel¬≠fare State.‚ÄĚ Polit¬≠i¬≠cal The¬≠o¬≠ry, Nov. 1994, pp. 591‚Äď618

Fras¬≠er, Nan¬≠cy, and Tithi Bhat¬≠tacharya. ‚ÄúCri¬≠sis of Care? On the Social-Repro¬≠duc¬≠tive Con¬≠tra¬≠dic¬≠tions of Con¬≠tem¬≠po¬≠rary Cap¬≠i¬≠tal¬≠ism.‚ÄĚ Social Repro¬≠duc¬≠tion The¬≠o¬≠ry: Remap¬≠ping Class, Recen¬≠ter¬≠ing Oppres¬≠sion, Plu¬≠to Press, 2017

Orloff, Ann. ‚ÄúGen¬≠der in the Wel¬≠fare State.‚ÄĚ Annu¬≠al Reviews Soci¬≠ol¬≠o¬≠gy, 1996, pp. 51‚Äď78. 

Fed¬≠eri¬≠ci, Sil¬≠via. Cal¬≠iban and the Witch: Women, the Body and Prim¬≠i¬≠tive Accu¬≠mu¬≠la¬≠tion. Autono¬≠me¬≠dia, 2014


Mer­cy Fer­rars is a MA grad­u­ate in phi­los­o­phy and writes fic­tion, poet­ry and non-fic­tion essays. She is mad­ly in love with Scot­land, dogs and Bojack Horseman.

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