Feine Violinen und dysfunktionale Superhelden: Gerard Ways „The Umbrella Academy“ zeichnet ein neues Bild des modernen Superheldenepos und überholt leichtfüßig DCs Titans

von Mercy Ferrars

Epische Verfilmungen der Superheldencomics der DC und Marvel Universen fluten seit geraumer Zeit unsere Kinoleinwände und Computerbildschirme. Das Konzept des ganz gewöhnlichen Menschen, der entweder durch einen Schicksalsschlag an übernatürliche Kräfte gelangt oder im Retten der Welt seine Berufung entdeckt; bedient das menschliche Bedürfnis danach, inneres Potential zu wecken und über sich selbst hinaus zu wachsen. Umso stärker ist dieses Bedürfnis in der Leistungsgesellschaft, die uns umgibt; innerhalb welcher sowohl der Kapitalismus als auch der Staat davon profitieren, dass wir uns selbst auf das Gewöhnliche reduzieren. Auch wir sehnen uns nach einer klassischen ‚from zero to hero‘ Laufbahn. Die Pointe unserer Lieblingshelden ist oft die Ermutigung, sich der eigenen, inneren Macht zu bedienen und Kraft darin zu finden, zu sein, wer man wirklich ist; sich von äußeren Zwängen und Gedanken, die uns zurückhalten, zu befreien. Die moderne Superheldengeschichte gibt uns also eine ermutigende Konstante; einer der Gründe, weshalb wir so unglaublich hungrig und willig zu ihrer Erzählstruktur zurückkehren und Superhelden-Filme die höchsten Kinoeinnahmen zu erzielen scheinen. Die Feinarbeit in der Erzählung von; beziehungsweise die Konzeption des Helden selbst variiert von Geschichte zu Geschichte. Eigentlich scheint es uns auch gar nicht so wichtig, ob ein Superheld nun fliegen kann oder ein bogenschießender Vigilant ist. Es geht uns bloß darum, dass wir uns in ihm wiederfinden. Serviert wird das Erfolgsrezept natürlich mit einer ordentlichen Prise leichtfüßigem Humor und bildgewaltiger sowie actionhaltiger Beilage. Alles in allem ein Konzept, welches sämtliche Rezeptoren in uns anspricht und all unsere Bedürfnisse an Kino-Unterhaltung bedient.

Eine dysfunktionale Patchworkfamilie an Antihelden

 

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Robert Sheehan als Klaus/ Nummer 4

Am 15. Februar 2019 prämierte auf Netflix eine Superheldenserie, die aus mehreren Gründen aus der Reihe fällt. So fantastisch, imposant und episch wie die massenkompatiblen Superheldengeschichten der großen Comicgiganten auch sind, so leise und unbemerkt entwickelt sich The Umbrella Academy, basierend auf den Dark Horse Comics des ehemaligen My Chemical Romance Sängers Gerard Way, in eine epische Geschichte, welche eher mit leisen und feineren Tönen über eine zerrüttete Super- beziehungsweise Antiheldenfamilie erzählt.

An einem Oktobertag im Jahr 1989 werden urplötzlich 43 Frauen auf der ganzen Welt schwanger – am Morgen jenes Tages waren sie es noch nicht. Innerhalb kürzester Zeit werden 43 Kinder geboren, die alle übernatürliche Fähigkeiten zu besitzen scheinen. Milliardär Sir Reginald Hargreeves ersucht die verstörten und irritierten Mütter, und nutzt ihre Überforderung aus, um ihnen ein zweifelhaftes Angebot zu machen: Er schlägt ihnen vor, gegen eine gute Summe ihre Kinder abzukaufen. Ganze sieben Mal hat er Erfolg. Ganze sieben besondere Kinder bringt er nach Hause – und trainiert sie und ihre speziellen Fähigkeiten im Rahmen der von ihm ins Leben gerufene Umbrella Academy. Diese sieben Kinder machen sich folglich einen Namen in der Presse, indem sie alle möglichen Verbrechen auflösen. Genauer gesagt sind es die ersten sechs – Nummer sieben, gespielt von Ellen Page, hat offenbar keine besonderen Fähigkeiten, erklärt Hargreeves der Welt. Da die Kinder keine Chance hatten, sich für dieses Leben zu entscheiden, scheiden sich die Wege alsbald, als sie erwachsen werden. Der eine fliegt zum Mond, wo er 4 Jahre verbringen wird; der andere wird zum Junkie. Einer stirbt. Einer verschwindet in der Zeit und wird nie wieder gefunden. Eine wird Virtuosin. Eine Patchworkfamilie, welche schon von jeher durch intensive, eigenartige Dynamiken brillierte – eigenartig darf hier als „auf eine ganz eigene Art und Weise“ verstanden werden. Der mystische Tod ihres Vaters führt die Familie zurück – zueinander, als auch zu ihren unverarbeiteten Problemen. Zeitgleich taucht der vor langer Zeit verloren gegangene „Nummer 5“ zurück – aus einer apokalyptischen Zukunft, in welcher nicht nur alle Familienmitglieder, sondern auch die Stadt, die Welt; in Trümmern liegt. Verzweifelt versucht die Umbrella Academy anschließend also, herauszufinden, was die Apokalypse auslösen wird und deren Ursache zu verhindern. Dabei macht sie natürlich eine aufwühlende Entdeckung und es stellt sich heraus, dass das Ende der Welt zu verhindern ganz vielleicht mit unvorstellbaren Verlusten verbunden sein mag.

Mehr als nur ein moderner Heldenepos: Wie The Umbrella Academy sich von den großen Comicgiganten abhebt

„The Umbrella Academy“ vereint also einige thematische Bereiche: Auf der einen Seite sind wir auch hier mit einer populären Heldengeschichte konfrontiert; einem durch Menschenhand entstandenen Übel, welches die Welt zerstören wird, und aus ihren persönlichen Abgründen auferstehenden ehemaligen Helden, die sich aufmachen, die Welt zu retten. Gleichzeitig stellt die Umbrella Academy die Frage danach, was eigentlich das Konzept von ‚Familie‘ definiert. Die Geschwister sind einander nicht blutsverwandt und fühlen sich durch ihre gemeinsame Aufbringung doch einander zugehörig. Auch romantische Impulse finden sich unter den Geschwistern – elegant manifestiert innerhalb einer Parallelversion des Geschehens, welche sich nie als Möglichkeit manifestieren vermag.
Nichtzuletzt beschäftigt sich die Serie mit den Problemen eines jeden Einzelnen: Jedes Mitglied der Umbrella Academy erhält Screenzeit, um ihre Dämonen aufzuzeigen und sich selbst zu erklären und zu positionieren. The Umbrella Academy enthält wenige, aber machtvolle Actionszenen und ist, im Gegenzug zu Produktionen der großen Comicgiganten, nicht vollgeladen von möglichst lauter, bunter und chaotischer Action. Der Zuschauer erlebt hier also eher eine Superheldengeschichte in einem feineren, leiseren Ton; was der Geschichte nicht nur nichts nimmt, sondern sie, im Gegenzug, um einiges eindrücklicher scheinen verlässt.

Relativ zeitgleich auf Netflix erschien „Titans“, eine DC-Produktion aus dem Oktober 2018. Auch in Titans folgen wir einer Gruppe Jugendlicher, unter anderem Batmans Robin, wie sie versuchen ihre eigenen Dämonen zum Erliegen zu bringen und sich gleichzeitig bündeln, um das Böse zu bekämpfen. Im Vergleich zu The Umbrella Academy scheint Titans als Serie jedoch seltsam leer von Tiefe und Substanz, welche zugleich unter starker Bemühung versucht wird zu erzeugen. Während ich DC-Serienproduktionen an sich sehr mag und beispielsweise großer Fan vom Arrowverse bin, hat Titans, im Versuch an das populäre Superheldenkonzept anzuschließen und sich dennoch in einer inszenierten Dunkelheit zu präsentieren, im Gegenzug zur Umbrella Academy leider nicht geglänzt.

The Umbrella Academy ist eine klare Serienempfehlung für alle, die rezeptiv für Superheldengeschichten sind, und diejenigen, die sich neben all der Action, den bunten knalligen Farben und dem abgegriffenen Humor nach leiseren, sensibleren Bildern, sanften Violinen und Helden, die sich ungern als solche verstehen, sehnen.


The Umbrella Academy läuft seit 15. Februar 2019 auf Netflix.

Bildquelle: netflix.com

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